Die Menschheit rotte Tier- und Pflanzenarten heute schneller aus als jemals zuvor in ihrer Geschichte, warnten Wissenschaftler um Gerardo Ceballos von der Universidad Nacional Autónoma de México jüngst in "Scientific Advances" – und das selbst bei einer noch sehr zurückhaltenden Schätzung, so die Forscher. Seit Beginn der Neuzeit verschwanden demnach mindestens 340, wahrscheinlich aber eher mehr als 600 Wirbeltierarten, mehr als zwei Drittel davon seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Verglichen mit der großen Katastrophe am Ende der Kreidezeit, als ein Meteoriteneinschlag die Dinosaurier und viele andere Lebewesen hinwegraffte, verlief das Artensterben während der letzten Jahrhunderte bis zu 85-mal schneller ab und beschleunigt sich noch: Seit 1980 fällt die Rate um bis zu 300-mal höher aus als während des Dino-Massensterbens, wie der Biologe Malcolm McCallum von der University of Illinois in Springfield in einer zweiten Veröffentlichung berechnet. Es werde Millionen Jahre dauern, bis sich die Erde von diesen Verlusten evolutionär wieder erholen werde, sollte die Menschheit nicht rasch gegensteuern und das Sterben aufhalten, mahnt Ceballos.

Daniel Lingenhöhl
© Richard Zinken
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Passend dazu veröffentlichte die Weltnaturschutzorganisation IUCN die aktuellste Rote Liste der bedrohten Arten, auf der den wenigen Lichtblicken viele negative Entwicklungen gegenüberstehen: Während es dem Pardel- oder Iberischem Luchs und den Guadeloupe-Seebären besser geht, hat sich die Situation für Löwen, Goldkatzen oder Neuseeländische Seelöwen teils drastisch verschlechtert, von den 84 bekannten asiatischen Frauenschuhorchideen gelten 83 als bedroht. Von den nun insgesamt erfassten 77 000 Tier- und Pflanzenarten wandeln knapp ein Drittel am Rande des Abgrunds – Tendenz steigend, denn weitaus mehr Spezies leiden unter Bestandseinbußen, als dass sie sich zahlenmäßig erholen.

Die erste große Welle

Und selbst diese Daten sind wohl nur die halbe Wahrheit. Denn die Ausbreitungsgeschichte der Menschheit ist auch eine des Aussterbens – immer wenn Homo sapiens einen neuen Erdteil besiedelte, schwanden kurz darauf die Arten: Nach dem Ende der letzten Eiszeit breiteten sich Menschen über Nord- und kurze Zeit später auch über Südamerika aus, gleichzeitig verschwanden auf beiden Kontinenten mindestens 70 Gattungen der so genannten Megafauna – darunter mehrere Mammutarten, das Mastodon, riesige Faultiere, autogroße Gürteltiere, Riesenbiber, der amerikanische Löwe, Säbelzahnkatzen, verschiedene Antilopen, Büffel, Pferde, Kamele und Tapire. Nur wenige große Arten wie die Bisons, wie Rothirsche, Lamas, der Jaguar oder der Flachlandtapir überlebten. Da sich dieser Verlust zeitgleich mit dem Aufkommen der Clovis-Kultur ereignete, vermuten viele Forscher diese Menschen als eine der Hauptursachen des Artensterbens. Allerdings traten gleichzeitig starke Klimaveränderungen auf, die ebenfalls ursächlich sein könnten – ebenso wie eine Kombination aus beiden Faktoren.

Eindeutiger scheint dagegen das Beispiel Australien: Hier tauchten die ersten Menschen früher als in Nordamerika auf, vor rund 45 000 Jahren. Kurz danach ging der größte Teil der heimischen Megafauna verloren, manche Arten wurden direkt bejagt, manche fanden keine Beute mehr, oder sie kamen mit dem veränderten Feuerregime der Aborigines nicht mehr zurecht. Heute ist das Rote Riesenkänguru mit 85 Kilogramm das größte überlebende Beuteltier, zuvor existierten dagegen auch zwei Tonnen schwere Wombats, drei Meter hohe Kängurus und leopardenartige Beutellöwen. Einzig Afrika und Südasien blieben weitest gehend von diesem ersten großen Aussterben der Eiszeiten verschont, wohl weil sich die Arten hier mit dem Menschen entwickelten oder sehr früh mit ihm Kontakt kamen und ihn als geschickten Jäger fürchten lernten. So lautet zumindest die gängige Theorie.

Die zweite Welle

Nach den Kontinenten begannen unsere Vorfahren die meisten ozeanischen Lebensräume zu erobern, was die zweite Welle des Artensterbens einläutete: Vor 7000 Jahren besiedelten sie die Karibischen Inseln und besiegelten das Ende der dortigen Riesenfaultiere, verschiedener Affen und Schildkröten. Etwa vor 5000 Jahren wiederholte sich diese Geschichte auf den Eilanden des Mittelmeers, die bis dahin verschiedene Arten an Zwergelefanten und -flusspferden beheimateten. Um 350 v. Chr. entdeckten seefahrende Asiaten oder Ostafrikaner Madagaskar und läuteten unter anderem das Ende für Riesenlemuren, Elefantenvögel, Madagaskar-Flusspferde und Riesenschildkröten ein. Seit der Eroberung der Südsee durch Polynesier starben dort mindestens 1000 Vogelarten aus, darunter die Moas in Neuseeland – was einem Zehntel der heute bekannten Vogelarten entspricht.

Dodo
© Roelant Savery: Edward's Dodo, späte 1620er; Natural History Museum London / public domain
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Als europäische Seefahrer diese Inseln entdeckten, war die Fauna bereits stark verarmt – und musste gleich die nächsten Schläge hinnehmen: Jagd und eingeschleppte Arten wie Ratten, Katzen, Ziegen oder Schweine dezimierten weltweit die ozeanische Biodiversität. Der Dodo ist davon vielleicht das bekannteste Beispiel: Er wurde innerhalb weniger Jahrzehnte nach seiner Entdeckung auf Mauritius von Siedlern und Seeleuten als Nahrung genutzt, auch Hunde, Schweine und Affen fraßen den Riesenvogel. Nicht umsonst bezeichnet das englische Sprichwort "As dead as a Dodo" etwas unwiederbringlich Verlorenes.

Die dritte Welle

In diese Zeit der Kolonialisierung bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts fallen mehrere hundert bekannte Aussterbeereignisse, die nur die Spitze des Eisbergs sein dürften. Heute schwappt diese Welle wieder auf das Festland zurück (Inselarten sind weiterhin überdurchschnittlich oft bedroht, doch sind sie sehr oft Ziel spezieller Schutzprogramme), wo die Biodiversität gleich von mehreren Seiten in die Zange genommen wird: Die Zerstörung von Naturräumen lässt geeignete Rückzugsräume immer stärker verinseln, einzelne Arten werden auf kleine Räume zurückgedrängt, ohne dass sie sich mit benachbarten Populationen austauschen können. Es folgt genetische Verarmung, und die Wahrscheinlichkeit, dass ein katastrophales Ereigniss die Spezies endgültig vernichtet, steigt. Große und begehrte Arten leiden vielfach unter starkem Jagddruck, weil sie Felle, Elfenbein, Nashorn oder Buschfleisch liefern – allen internationalen Verpflichtungen und Abkommen zum Trotz bildet Übernutzung heute immer noch einen der Hauptgründe, wenn Arten gefährdet sind. Hinzu kommen mittlerweile und in zunehmendem Ausmaß weltweit eingeschleppte Krankheitserreger – Pilze, Viren, Bakterien –, gegen die Spezies keine Abwehrmechanismen besitzen, da sie zuvor damit nicht in Kontakt geraten waren.

Panama-Stummelfußfrosch
© Dave Pape / public domain
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Wie verheerend sich diese Gefahren gerade in ihrer Kombination auswirken, belegte in jüngster Zeit die Saigaantilope, die vor wenigen Jahrzehnten noch millionenfach durch weite Teile Zentralasiens zog: In wenigen Wochen Anfang Mai starb mehr als die Hälfte des noch vorhandenen Weltbestands in Kasachstan. Ihr Horn ist in der Traditionellen Chinesischen Medizin begehrt, weshalb Wilderer Millionen Antilopen abschlachteten. Umwandlung der Steppe in Ackerland drängte die Herden auf kleinere Areale zurück. Und nun grassierte ein bislang nicht identifizierter Erreger in den verbliebenen Beständen und tötete insgesamt mehr als 130 000 Tiere. Epidemische Ausmaße hat das Verschwinden von Amphibien angenommen: Eine Infektion mit dem Pilz Batrachochytrium dendrobatidis sorgte in den letzten Jahren wahrscheinlich dafür, dass weltweit mehr als 100 Frosch- und Krötenarten ausgerottet wurden. Sehr wahrscheinlich stammt der Verursacher aus Südafrika und wurde mit dort lebenden Krallenfröschen rund um den Globus exportiert: Die Tiere dienten früher zum Nachweis von Schwangerschaften und gelangten deshalb in den Welthandel.

Ohnehin scheinen Seuchen das Artensterben in traurige neue Dimensionen zu bringen: Vogelmalaria bedroht die restlichen Kleidervogelarten Hawaiis, ein aus Europa eingeschleppter Pilz löscht Fledermäuse in Nordamerika aus, Europas Eschen sterben wegen eines parasitären Pilzes aus Japan, das West-Nil-Virus aus Afrika bedroht nordamerikanische Vögel, der eingeschleppte einzellige Parasit Trypanosoma lewisi raffte die australische Weihnachtsinselratte hinweg – eine Liste, die sich noch lang fortsetzen ließe.

Ist alles hoffnungslos?

Das von Ceballos und McCallum bestätigte sechste Massenaussterben der Erdgeschichte ist also schon länger in vollem Gang und scheint sich noch zu verschärfen. Zumindest deutet momentan nichts darauf hin, dass wir bald mit der Natur pfleglicher umgehen werden. Die wachsende Weltbevölkerung und vor allem ihr wachsender Hunger auf Fleisch benötigen weitere Nutzflächen, die Globalisierung wird voranschreiten und Kontinente immer enger und schneller vernetzen. Und doch ist nicht alles hoffnungslos – das lehren drei Beispiele aus aller Welt.

Europa gehört zu den von Menschen am stärksten überprägten Regionen der Erde und hat auch heute noch mit Artenschwund zu kämpfen. Auf der anderen Seite gelang aber einigen sehr markanten Arten in den letzten Jahren eine eindrucksvolle Rückkehr selbst in der dicht besiedelten Bundesrepublik: Wer hätte sich 1980 träumen lassen, dass vor den Toren Berlins oder Hamburgs Wölfe heulen und Seeadler kreisen? In Costa Rica stehen mehr als 25 Prozent der Landesfläche unter Naturschutz, dazu haben staatliche Initiativen dafür gesorgt, dass die Waldfläche von einem Tief in den 1980er Jahren wieder auf knapp die Hälfte des Staatsterritoriums angewachsen ist – ohne dass sich dies negativ auf die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung des Landes auswirkte. Im Gegenteil: Im gleichen Zeitraum verbesserte sich sein Human Development Index, ein Wohlstandsindikator, um 24 Prozent. Und selbst das bettelarme und jüngst von einer schweren Naturkatastrophe getroffene Nepal zeigt, dass Naturschutz möglich ist: Während in Afrika die Nashornwilderei ausufert, starben im Himalajastaat im letzten Jahrzehnt nur sehr wenige der Dickhäuter für den illegalen Nashornhandel – stattdessen nahm ihre Zahl zu. Die nepalesischen Nationalparks gelten weiterhin als wichtige Touristenziele und können damit ihren Beitrag zum Wiederaufbau des Landes leisten.

Panzernashorn in Südasien
© fotolia / davidevison
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Verglichen mit ihren afrikanischen Verwandten sind die südasiatischen Panzernashörner zum Glück nicht von Wilderei bedroht.

Viele tropische Arten sind zudem erstaunlich widerständig und anpassungsfähig und können selbst in dicht besiedelten Regionen überleben, wenn sie nicht überjagt werden und man ihnen Rückzugsräume und Wanderkorridore erhält – das zeigt die erstaunliche Vielfalt an Großtieren in Indien wie Elefanten, Tigern, Nashörnern und Antilopen, die in Indien neben einer Milliarde Menschen überleben (wenn auch in reduzierter Zahl).

Um eine möglichst großer Artenvielfalt zu erhalten, müssten wir daher kurzfristig vor allem drei Maßnahmen ergreifen: Der ausufernde Handel mit wilden Tieren, Pflanzen und ihren Produkten muss endlich unterbunden oder zumindest in streng reglementierte Bahnen gebracht werden. Das gelang uns bereits bei Fellen oder Reptilienhäuten und ebenfalls bei Elfenbein, bevor dieser Raubbau in den letzten Jahren wieder auflebte. Vorhandene Nationalparks und Wildnisgebiete dürfen nicht mehr angetastet und zweckentfremdet werden – sie wurden schließlich für die Natur eingerichtet und nicht, um dort Rohstoffe auszubeuten. Und schließlich gilt es, weltweit die so genannte Biosecurity strikter zu überwachen und durchzusetzen, damit nicht aus Versehen weitere invasive Tiere, Pflanzen oder Krankheitserreger rund um den Globus verschleppt werden. Das beeinträchtigt und verzögert zwar womöglich den freien Welthandel, verhindert aber auf der anderen Seite auch schwere volkswirtschaftliche Schäden durch Ernteverluste, Baumsterben oder gesundheitliche Probleme. Und da eine intakte Artenvielfalt für uns Menschen auch gesünder ist, sollten wir schon aus Eigennutz bald handeln.