Unsere Heimatgalaxie besteht aus zwei Komponenten: der flachen, sich nach außen erstreckenden Scheibe und einer kugelförmigen Verdickung um das Zentrum herum, dem so genannten Bulge. Während recht gut bekannt ist, wie aus dem gravitativen Kollaps der ursprünglichen Gaswolke die flache Scheibe entstand, ist der Ursprung des Bulges noch umstritten. Besteht der Wulst aus Gas und Staub, die kontinuierlich in den innersten Bereich der Galaxie hineinfallen und neue Sterne entstehen lassen, wofür ältere Beobachtungen sprechen, oder besteht er aus den Überresten einst kollidierter primordialer Kugelsternhaufen? Nun lassen Beobachtungen aus dem VVV Survey des VISTA-Teleskops am ESO in Chile die zweite Möglichkeit wieder als wahrscheinlicher erscheinen.

Wie nun eine Arbeitsgruppe um Dante Minniti von der Universidad Andres Bello in Santiago berichtet, fand das Team im Bulge unserer Galaxis so genannte RR Lyrae-Sterne, eine spezielle Form von veränderlichen Riesensternen. RR Lyrae-Veränderliche sind extrem arm an Metallen und damit sehr alt – und vor allem entstehen sie in Kugelsternhaufen. Deswegen vermuten Minniti und sein Team, dass sie Überreste jener Kugelsternhaufen sind, die im Zentrum der Galaxis zerrissen und vermischt wurden und nun den Bulge bilden.

Im Gegensatz zum Rest der Galaxie sind die Bedingungen in der zentralen Verdickung extrem – sowohl was die Sternendichte angeht als auch die Umlaufbahnen. Dort im Zentrum der Milchstraße findet man ein Schwarzes Loch mit 4,3 Millionen Sonnenmassen, das Sterne in seiner Nähe auf über zwei Prozent der Lichtgeschwindigkeit beschleunigt. Die Bedingungen im Bulge sind im Vergleich zur Scheibe so anders, dass man davon ausgeht, dass beide Teile eine sehr unterschiedliche Geschichte haben. Die zwölf von Minniti beschriebenen RR Lyrae-Sterne deuten nun darauf hin, dass ein beträchtlicher Teil der Sterne des Bulges nicht dort, sondern tatsächlich im Außenbereich der Galaxis entstanden: in uralten Kugelsternhaufen, wie sie auch jetzt noch durch den galaktischen Halo wandern.