Es war einmal vor 231 Millionen Jahren: Die Welt bestand aus einem einzigen Kontinent, der T. rex war noch lange nicht geboren, und sogar die ersten Dinosaurier tauchten gerade erst auf. Da mischte ein jetzt neu entdeckter Räuber ganz oben im Nahrungsnetz mit: Carnufex carolinensis – drei Meter groß, langer, spitzer Schädel, aufrecht laufend auf zwei kräftigen Hinterbeinen. Der "Schlächter aus Carolina", so die Übersetzung des Namens, gehört zur Gruppe der Crocodylomorpha und ist damit ein urzeitlicher Vorfahr unserer heutigen Krokodile. Ein Team um die Paläontologin Lindsay Zanno von der North Carolina State University hat Carnufex aus seinen fossilen Überresten als 3-D-Modell wiedererweckt.

So könnte Carnufex carolinensis ausgesehen haben
© Jorge Gonzales
(Ausschnitt)
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Die Rekonstruktion des Urzeit-Krokodils ergibt: Es ist eines der größten Vertreter der Crocodylomorpha.

Das war nicht einfach: Von Carnufex' Skelett, das in North Carolina entdeckt wurde, sind nur noch Bruchstücke vorhanden – vom Schädel, der Wirbelsäule und einer Vordergliedmaße. Die Forscher haben die Überreste eingescannt und fehlende Teile rekonstruiert, indem sie die fossilen Funde anderer Crocodylomorpha studierten. Denn aus dieser Gruppe gab es damals viele Tiere; nur waren die zu Carnufex' Zeiten alle bedeutend kleiner. Das Urzeit-Krokodil war damit in seiner Epoche der größte Vertreter dieser Gruppe – und gleichzeitig einer der ältesten. Erst 25 Millionen Jahre später wurde er von einem seiner Verwandten übertroffen: Redondavenator quayensis war bis zu fünf Meter groß.

Knochen-Puzzle
© Lindsay Zanno, North Carolina State University
(Ausschnitt)
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Die Forscher haben aus gefundenen Überresten von Carnufex (weiß) und modellierten Knochen (grau) ein 3-D-Modell des Schädels erstellt. Mindestens 50 Zentimeter misst der Schädel; blau dargestellt sind Teile der Wirbelsäule und einer Vordergliedmaße.

Die Trias-Zeit, in der Carnufex lebte, ist für die Forscher deswegen so spannend, weil hier die Evolution besonders gefordert war: So erlebte die Welt – bis heute – kein verheerenderes Massenaussterben als zu Beginn der Trias. Rund 80 Prozent aller Arten starben aus; ein Meteoriteneinschlag oder Klimawandel gilt als Ursache. Doch das Leben kam wieder – und besonders die Fleischfresser entwickelten sich so vielfältig, dass Zanno und ihre Kollegen von einem "Überschuss" sprechen, der an Räubern geherrscht habe. Neben Carnufex stehen vor allem Vertreter der Rauisuchidae und Poposauroidea an der Spitze, die das Urkrokodil noch mal um ein bis zwei Meter überragen konnten. Zu ihnen gesellten sich dann auch die ersten Fleisch fressenden Dinosaurier, die Theropoda. Aber es kam wieder zu einem weltweiten Aussterben – und am Ende der Trias-Zeit verwandelte sich die Artenvielfalt in eine Dominanz der Dinosaurier. Für die nächsten 135 Millionen Jahre übernahmen sie die Führung an der Nahrungskette. Die Gruppe der Crocodylomorpha überlebte; allerdings nur die kleineren Geschwister von Carnufex. Sie besetzten im Lauf der Evolution einen anderen Platz – wo das Krokodil noch heute ganz oben im Nahrungsnetz steht.