Wer sich für die Kelten Mitteleuropas interessiert, muss meist tief graben: Was uns das Volk aus den Jahrhunderten um Christi Geburt hinterließ, liegt heute im Acker oder wurde – wie im Fall der imposanten Ringwallanlagen – von Wäldern überwuchert. Und immer wieder entziehen sich Bodenfunde einer eindeutigen Zuordnung: Was war keltisch, was germanisch? Und wo hat sich bereits der prägende Einfluss der Römer niedergeschlagen? Hinzu kommt, dass uns die Kelten kaum schriftliche Zeugnisse hinterlassen haben.

Eine vertrackte Spurensuche also nach gut versteckten Hinterlassenschaften. In einem Fall jedoch sind die Kelten heute noch sichtbar und lebendig: Von "Andernach" bis "Zülpich" haben sie uns zahllose Ortsnamen beschert, deren Ursprünge Rückschlüsse auf das Stammesgebiet, die Götterwelt, aber auch auf das Verhältnis der Kelten zu den Invasoren aus dem fernen Rom zulassen. So dürfte beim Namen der Stadt Jülich beispielsweise ein Namensvetter von Julius Cäsar Pate gestanden haben. Trotzdem bediente sich, wer der Stadt den Namen gab, klar bei den Wortbildungsmustern der Einheimischen.

Mogontiacum – Mainz
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Zahlreiche Städtenamen im Süden und Westen Deutschlands haben keltische Wurzeln – so wie hier "Mogontiacum", das heutige Mainz, bei dem der Name des keltischen Gottes Mogons Pate stand.
Wie aber findet man heraus, ob ein Ortsname keltische Wurzeln hat? Aus Mangel an zeitgenössischen Schriftstücken ist unsere Kenntnis ihrer Sprache leider nur sehr bruchstückhaft. Anhand des Vergleichs mit den heute noch existierenden nahen Verwandten in Irland, Schottland, Wales und der Bretagne sowie mit anderen zwar ebenfalls ausgestorbenen, aber besser bekannten indoeuropäischen Sprachen wie Latein und Griechisch, konnten Linguisten dennoch eine recht genaue Vorstellung von den Eigenheiten der Sprache der Kelten entwickeln.

Lautgesetze helfen bei der Suche

Ob nun ein Name keltisch ist, lässt sich anhand einer Reihe von Merkmalen klar definieren: Wo zum Beispiel die romanischen Sprachen (beziehungsweise das ihnen zu Grunde liegende Latein) am Wortanfang ein p haben, findet man bei den germanischen ein f und bei den keltischen – nichts. Denn dort ist ein p im Anlaut und zwischen Vokalen schon in sehr früher Zeit verschwunden, wie der Vergleich zwischen lateinisch pater, italienisch padre, irisch athair sowie englisch father "Vater" illustriert.

Daneben finden sich weitere systematische Unterschiede zu den anderen indoeuropäischen Sprachen. Keltisch ist ein Name also dann, wenn er diese für das Keltische charakteristischen Merkmale aufweist.

Leider haben fast zwei Jahrtausende des täglichen Gebrauchs die lautliche Form der Ortsnamen so stark abgeschliffen, dass ihre keltische Wurzel nicht mehr ohne Weiteres erkennbar ist. Forscher müssen daher zwangsläufig nach dessen ältester Form suchen, und diese stammt, da im deutschsprachigen Raum einheimische Schriftquellen aus vorrömischer Zeit fehlen, in der Regel aus der römischen Kaiserzeit – also aus den ersten vier Jahrhunderten nach der Zeitenwende.

Sammelsurium von Schreibweisen

Besonders ergiebig sind natürlich historische und geografische Werke, die teils in lateinischer, teils in griechischer Sprache abgefasst sind und mitunter ältere Quellen aus dem letzten halben Jahrtausend v. Chr. verarbeiten. Bei ihrer Deutung geraten Forscher allerdings sogleich in eine doppelte Schwierigkeit: Zum einen geben die Urheber die fremden Namen oft nur ungenau und mit Anpassungen an ihre eigenen, am Lateinischen geschulten Sprachgewohnheiten wieder. Zum anderen wurden die meisten dieser Handschriften mehrfach nach Diktat kopiert. Gerade bei den ungewohnten fremden Namen sorgte dies für eine verwirrende Vielfalt von Schreibweisen. Liegen für eine Ortschaft gar keine alten Schriftquellen vor, ist der Fall dennoch nicht hoffnungslos: Manchmal lässt sich die Ursprungsform durch Vergleiche mit besser belegten Namen rekonstruieren. Dann allerdings bleibt das Resultat stets mit mehr oder weniger Fragezeichen behaftet.

Was selbst die zuverlässigsten Quellen nicht liefern, ist eine sichere Übersetzung der Namen. Trotzdem ist es Experten der keltischen Toponomastik, also der Ortsnamenforschung, in vielen Fällen gelungen, die Bedeutung zu entschlüsseln. Erneut stützen sie sich dazu auf Erkenntnisse der Vergleichenden Sprachwissenschaft, etwa auf die Einsicht, dass die meisten Wörter nach erkennbaren grammatischen Bildungsregeln aus Grundformen abgeleitet werden.

Beispielsweise wies das Altkeltische – im Unterschied zu den modernen keltischen Sprachen, aber ganz ähnlich wie das Lateinische oder Altgriechische – sehr viele Namen auf, die aus zwei Elementen zusammengesetzt sind. In der Regel dient dabei das Vorderglied dazu, das Hinterglied näher zu bestimmen (wie in deutsch "Sonnenuhr" oder "Tischdecke"). Da viele Siedlungen einander ähnelnde topographische Merkmale (an Flussübergängen, auf Bergen, in einer Ebene etc.) aufweisen, findet man daher auch bei den Ortsnamen immer wiederkehrende typische Elemente.

Furten, Felder, Festungen

Zu den häufigsten Hintergliedern zusammengesetzter keltischer Ortsnamen zählen -bona "Siedlung", -dunum, -durum und -briga "Festung", -magus "Feld", -briva "Brücke" und -ritum "Furt". Charakteristische Beispiele, von denen einige noch heute gebräuchlich sind, bieten etwa Vindobona (Wien) und Augustobona (Troyes), Augustodunum (Autun) und Cambodunum (Kempten) und Autessiodurum (Auxerre), Cetobriga und Litanobriga, Caesaromagus (Beauvais), Durnomagus (Dormagen), Noviomagus (Neumagen, Nijmegen) und Rigomagus (Rema-gen) sowie Samarobriva (Amiens) und Augustoritum (Limoges).

Offenkundig stammen keineswegs alle diese Bezeichnungen aus der vorrömischen Zeit, wie die mit Caesar und Augustus zusammengesetzten Beispiele zeigen. Viele wurden erst nach der römischen Eroberung unter Rückgriff auf die Sprache der Eroberer und nach dem Vorbild älterer einheimischer Bezeichnungen neu gebildet.

In anderen Fällen lässt sich nicht mit letzter Sicherheit ermitteln, was die Vorderglieder der oben angeführten Namen bedeuten. Klar ist das bei einem Namen wie Samarobriva (heute Amiens), da man Samara als dem alten keltischen Namen der Somme auch sonst begegnet. Einigermaßen eindeutig sind auch Cetobriga und Vindobona, wo altkeltisch Ceto- und Vindo- mit Hilfe der gleichbedeutenden walisischen Wörter coed und gwyn als "Wald" bzw. "weiß" bestimmt werden können. Schwieriger ist das jedoch schon bei Marcodurum, dem Namen eines römischen Dorfs, das man nahe Düren vermutet: Hier könnte man an ein keltisches Wort für Pferd (walisisch march) denken, aber auch an den lateinischen Vornamen Marcus.

Alte Irrtümer neu überliefert

Wo genau Experten alte Deutungen revidierten oder in Frage stellen, bleibt der kelteninteressierten Öffentlichkeit allerdings meist verborgen. So etwa wird der Name des holländischen Ortes Heerlen, Coriovallum, mitunter noch immer als Zusammensetzung aus keltisch corio- "Heer" und lateinisch vallum "Wall" erklärt. Tatsächlich zeigt jedoch ein Vergleich mit ähnlich gebildeten Namen wie zum Beispiel Luguvalium (dem heutigen Namen der nordenglischen Stadt Carlisle), dass Coriovallum nur eine latinisierte Schreibung von Coriovalium ist, das wiederum von einem keltischen Personennamen Coriovalos abgeleitet ist.

Eine solche Ableitung von Ortsnamen aus Personennamen war übrigens gerade in den römisch besetzten keltischen Sprachraum überaus häufig. Dabei bediente man sich häufig einer Ableitungssilbe -acum oder -iacum, wie etwa im Fall des schon erwähnten heutigen Jülich: Aus Iulius wurde Iuliacum, aus Aurelius das heutige Orly, Aureliacum. Aber auch einheimische Namen wie Antunnos (Antunniacum, Andernach) oder Tolbios (Tolbiacum, Zülpich) wurden zur Bildung herangezogen. Ebenso tauchen des Öfteren Götternamen auf, wie etwa Mogons, der dem heutigen Mainz seinen Namen gab: Mogontiacum.

Auf welcher Ebene?

Viele Ortsnamen bereiten aber auch Fachleuten mancherlei Kopfzerbrechen. So etwa erklärt sich der Name Mediolanum (Mailand) vordergründig einfach aus keltisch Medio- "Mittel-" und -lanum "Ebene" (entsprechend lateinisch planus "eben" mit dem bekannten Schwund des anlautenden p im Keltischen). Tatsächlich liegen aber keineswegs alle oder auch nur die meisten der unter diesem Namen bekannten keltischen Siedlungen in einer Ebene. Und wenn -lanum tatsächlich "Ebene" bedeutet hat, warum erscheint dieses Element in Ortsnamen dann nicht sehr viel häufiger und auch mit anderen Vordergliedern?

Welche wichtige Rolle das Keltische für die Bildung gerade von Siedlungsnamen spielte, zeigen vielleicht am eindrucksvollsten die Namen vieler französischer Großstädte. Trugen sie noch in der Kaiserzeit teils keltische, teils lateinische Bezeichnungen, kamen diese Benennungen gegen Ende der Antike in zunehmendem Maß außer Gebrauch. An ihre Stelle traten aber keine romanischen Namen, sondern vielfach die der in ihrem Umland ansässigen keltischen Stämme. Aus Lutetia Parisiorum, der Lutetia des Stammes der Parisier, wurde ganz einfach Parisiis "Bei den Parisiern" (Paris) und aus Durocortorum Remorum, dem Durocortorum des Stamms der Remer, ganz einfach Remis "Bei den Remern" (Reims). So zeugen noch heute zahlreiche weitere Namen französischer Städte wie etwa Amiens, Angers, Bayeux, Beauvais, Le Mans, Poitiers, Soissons und Tours von der keltischen Sprache jener Völker, die diese Regionen Mitteleuropas einst bewohnten.