Unermüdlich sammeln Freiwillige hierzulande im Frühjahr Frösche und Kröten entlang von Straßen ein, um sie sicher im Eimer verstaut auf die andere Seite zu bringen. Niemand lacht mehr über Krötenzäune und -tunnel. Amphibien sind schützenswert, darin ist man sich einig.

Dabei ist wenigen Helfern bewusst, in welcher Gefahr diese Tiergruppe tatsächlich schwebt: Von den knapp 6200 bislang bekannten Arten stuft die Weltnaturschutzorganisation IUCN ein knappes Drittel als bedroht ein, nimmt man auch die als "beinahe gefährdet" klassifizierten Spezies dazu, erreicht die Quote 41 Prozent. Zudem fallen sehr viele der gelisteten Arten in die höheren Gefährdungskategorien – Amphibien rangieren damit auf den vorderen Plätzen jener Lebewesen mit dem höchsten Aussterberisiko.

Der Tod hat viele Gesichter

Die Ursachen sind schnell erzählt: Zerstörung und Zerschneidung ihres Lebensraumes, Umweltverschmutzung und Klimawandel vernichten den Tieren die letzten Rückzugsmöglichkeiten. Dazu kommt eine Pilzinfektion, die insbesondere in Lateinamerika und Australien unter den Populationen auch in sonst unberührten Regionen wütet. Batrachochytrium dendrobatidis, so der Name des Pathogens, stammt womöglich ursprünglich aus Afrika und könnte zusammen mit dem Krallenfrosch (Xenopus laevis) um die Welt gereist sein. Denn dieser wurde früher zur Herstellung von Schwangerschaftstest global gehandelt und ist noch heute als Laborfrosch beliebt – und er ist gegen seinen Untermieter resistent, ein weiterer Hinweis auf seine lange Bekanntschaft mit dem Pilz.

Boophis-Baumfrosch
© Miguel Vences und Frank Glaw
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B. dendrobatidis befällt bestimmte Hautpartien seiner Wirte und tötet die Tiere innerhalb weniger Wochen, obwohl bislang noch unklar ist, wie. Forscher vermuten, dass die Infektion die Hautatmung der Frösche beeinträchtigt oder der Pilz Gifte absondert. Und erst einmal vor Ort, wird der Neuankömmling rasch verteilt – er überlebt in Wasser und Schlamm und wird nicht nur von infizierten Amphibien, sondern beispielsweise auch durch weidende Rinder oder andere Huftiere verschleppt, ebenso wie von Vögeln. Selbst der Mensch wird zum Überträger: durch Erdreste, die in Reifen und Stiefeln hängen und den Pilz an neue Wirkstätten transportieren. Noch härter im Nehmen sind seine Sporen, die über Wochen selbst in deionisiertem Wasser überleben. Nur eines vertragen sie nicht: Trockenheit.

<i>Mantella aurantiaca</i>
© Miguel Vences und Frank Glaw
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Einzig der asiatische Raum blieb bislang von B. dendrobatidis verschont – und Madagaskar. Die Insel vor dem afrikanischen Kontinent verzeichnet bis dato keine dramatischen Einbrüche in ihrer einzigartigen Froschfauna. Gerade deshalb sollte sie in den Fokus der weltweiten Schutzvorhaben für Amphibien rücken, fordern Wissenschaftler um Franco Andreone vom Museo Regionale di Scienze Naturali die Torino, darunter auch Frank Glaw von der Zoologischen Staatssammlung München, Jörn Köhler vom Hessischen Landesmuseum Darmstadt und Miguel Vences von der Technischen Universität Braunschweig [1].

Aktion statt Reaktion

<i>Scaphiophryne madagascariensis</i>
© Miguel Vences und Frank Glaw
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Denn auch ohne Pilz droht den Amphibien dort Ungemach. Bereits jetzt sind 90 Prozent der ursprünglichen Vegetation zerstört, und die globale Erwärmung gefährdet insbesondere die Spezies der Bergregionen, deren Verbreitungsgebiete sich bereits jetzt um etliche Meter pro Jahr in die Höhe verschieben. Außerdem sind zahlreiche Arten bei Terrarianern beliebt, was einen entsprechend großen Druck durch Tiersammler und Händler nach sich zieht. Käme nun auch noch B. dendrobatidis an Land, "könnten die Folgen fatal sein", fürchten die Forscher.

Brandrodung in Madagaskar
© Miguel Vences und Frank Glaw
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"In Madagaskar haben wir die Chance zu handeln, bevor es zu spät ist", mahnen die Autoren. "Wir können vorbeugend agieren, statt auf Ereignisse zu reagieren oder sogar erst post mortem aktiv zu werden." Und die Bedingungen sind nicht schlecht:
"In Madagaskar haben wir die Chance zu handeln, bevor es zu spät ist"
(Franco Andreone et al.)
Im Jahr 2003 hatte die madagassische Regierung verkündet, die Schutzgebiete auf der Insel zu verdreifachen. Hier gelte es nun, gezielt auch solche Regionen einzubeziehen, in denen kritisch bedrohte Arten zuhause sind.

<i>Scaphiophryne gottlebei</i>
© Miguel Vences und Frank Glaw
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Auch werde man in Labors an madagassischen Fröschen die Anfälligkeit gegen den Pilz testen, um eventuelle Möglichkeiten zur Behandlung zu finden. Neben den üblichen Geldquellen prüfen die Wissenschaftler dabei auch ungewöhnlichere Konzepte: Spenden im Zusammenhang mit der Benennung neu entdeckter Spezies, wie sie der Verein "Biopat" seit Jahren erfolgreich praktiziert, fließen beispielsweise in ein Schuztprojekt für den Tomatenfrosch (Dyscophus antongilii).

Wichtige Kindheit und Jugend

<i>Bokermannohyla izecksohni</i>
© Célio F. B. Haddad
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Wie sich Schutzanstrengungen überhaupt besser auf die Zielarten abstimmen lassen, demonstrieren Rafael Dias Loyola von der Universidade Estadual de Campinas in Sao Paulo und seine Kollegen. Die Wissenschaftler nahmen sich eine vom WWF entwickelte Übersicht der Amphibienarten Lateinamerikas, gegliedert nach Ökoregionen, vor und ermittelten, mit welchen Schutzgebieten sich der größte Effekt für die gebeutelte Froschfauna erreichen ließe [2].

<i>Scinax alcatraz</i>
© Célio F. B. Haddad
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Dabei machten sie eine wichtige Unterscheidung: Sie differenzierten, ob die Kaulquappen der Spezies im Wasser leben oder nicht. Aus Sicht geplanter Schutzgebiete steckt darin eine entscheidende Information, denn bei aquatischer Lebensweise der Froschlarven bedroht jegliche Zerschneidung des Lebensraumes den Fortbestand, da sich unüberwindliche Barrieren zwischen das Jugend- und den Erwachsenenhabitat schieben können. Bei an Land lebenden Jungstadien hingegen macht sich vor allem der Verlust und auch die Aufsplitterung an Lebensraum insgesamt bemerkbar. Um hier entsprechend entgegenzuwirken, sind also unterschiedliche Konzepte nötig.

<i>Phyllomedusa ayeaye</i>
© Célio F. B. Haddad
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Letztendlich kristallisierten sich 66 Ökoregionen heraus, in denen Schutzgebiete nötig wären, um allen bedrohten Arten gerecht zu werden. Knapp die Hälfte davon käme beiden Gruppen zugute, 26 erlangten hohe Priorität für Arten mit aquatisch lebenden Kaulquappen, die restlichen zehn förderten vor allem die Vertreter mit terrestrischer Jugend. Insgesamt umfassten sie ein Drittel der Fläche des Kontinents – mit Schwerpunkten in den tropischen Anden und Mittelamerika, aber auch den brasilianischen Küstenwäldern, der patagonischen Steppe und dem Espinal, einem niedrigen Trockenwald in Zentralargentinien.

Berücksichtigten die Wissenschaftler jedoch die Entwicklungsvarianten nicht, hatten gerade jene Arten das Nachsehen, deren Kaulquappen auf Wasser angewiesen sind. Sie sind es jedoch, die besonders unter der Infektion mit B. dendrobatidis leiden und daher weit stärker unter Druck stehen.

"Wenn möglich, sollten bei der Planung von Schutzvorhaben entscheidende Entwicklungsmerkmale der Tiere berücksichtigt werden", schließen die Forscher.
"Wenn möglich, sollten bei der Planung von Schutzvorhaben entscheidende Entwicklungsmerkmale der Tiere berücksichtigt werden"
(Rafael Dias Loyola et al.)
So ließen sich die Netzwerke entsprechender Naturreservate und die Effizienz der Maßnahmen verbessern. Angesichts stets knapper Kassen für solche Vorhaben sicher ein sinnvoller Vorschlag, um die notwendigen Entscheidungen auf eine fundierte Basis zu stellen. Damit auch Aktionen nach Beginn der Katastrophe noch mehr erreichen als nur eine post-mortem-Bestandsaufnahme.