"My Dear Sir,-- The accompanying papers, which we have the honour of communicating to the Linnean Society, and which all relate to the same subject, …"

Mit diesen Worten beginnt die Empfehlung, drei anhängende Artikel in einer außerordentlichen Versammlung der Linnean Society vorzutragen. Doch kaum jemand der Anwesenden, die sich schließlich am 1. Juli 1858 im Versammlungssaal der Gesellschaft in London eingefunden hatten, dürfte wohl bereits an diesem Abend erfasst haben, welch bahnbrechende Ideen in der folgenden Lesung zu Gehör gelangten. Einer der Autoren, Charles Darwin, war der ehrenwerten Gesellschaft wohl bekannt, gehörte er doch zu den eigenen Kreisen. Der andere, Alfred Russel Wallace, verdiente sich in jener Zeit gerade seine ersten Meriten als Forscher auf den indonesischen Gewürzinseln.

Und da er sich nicht anmaßen wollte, seine damals krude anmutenden Vorstellungen direkt dem großen Charles Lyell zu schicken, dem Stargeologen des 19. Jahrhunderts, klopfte er zunächst bei Darwin an, mit dem er bereits Briefwechsel geführt hatte: Ob jener nicht vielleicht seine Schrift an Lyell weiterleiten könnte. Für Darwin entstand dadurch eine merkwürdige Situation: Das Manuskript hätte genauso gut von ihm selbst stammen können, so sehr glichen sich seine Überlegungen mit denen des Mannes auf den Molukken. Nur dass Darwin seine ersten Ideen bereits 1839 niedergeschrieben hatte – jedoch waren sie bis dahin nie offiziell publiziert worden. Sollte ihm nun jemand zuvor kommen?

Eine delikate Lösung

Lyell und der Direktor der Royal Botanical Gardens in Kew, Joseph Dalton Hooker, der Darwins unveröffentlichte Werke ebenfalls kannte, ersannen das "delikate Arrangement": Bei der außerordentlichen Versammlung zu Julibeginn sollten Auszüge aus Darwins Arbeiten und das Manuskript von Wallace gleichberechtigt präsentiert werden – wobei man Darwin den Vortritt ließ.

Charles Robert Darwin
© Julia Margaret Cameron, 1868 / public domain
(Ausschnitt)
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Zunächst also erfuhr die Zuhörerschaft etwas über Darwins Gedanken aus dem Jahr 1839, die er 1844 in unveränderter Form Hooker gegeben hatte: Der Naturforscher setzt sich darin mit der Frage auseinander, warum die Welt nicht völlig übervölkert ist, obwohl doch die meisten Tiere und Pflanzen mehr Nachkommen zeugen, als allein durch den Tod der Eltern ersetzt werden müssten. Doch bestimme ständiger Kampf das Leben der Organismen – Kampf um Futter, Kampf gegen äußere Bedingungen wie beispielsweise Kälte an der nördlichen Verbreitungsgrenze, Kampf gegen Feinde und Konkurrenten. Wenn sich nun die bisherigen Bedingungen änderten, und sei es auch nur geringfügig, so wären die bislang am besten Angepassten womöglich plötzlich anderen gegenüber im Nachteil, die erfolgreicher mit den neuen Verhältnissen umzugehen verstünden. Diese Überlegenheit, so Darwin weiter, ginge dann auch auf die Nachkommen über, und wenn diese Selektion zum einen und der Tod zum anderen nun über mehrere tausend Generationen anhielte, wer würde dann noch behaupten wollen, das habe keinen Effekt?

Man denke nur an einen Fuchs oder einen Hund, der sich auf die Jagd von Hasen und Kaninchen spezialisiert habe. Nehme nun die Zahl der Kaninchen langsam auf Kosten der Hasen ab, seien diejenigen im Vorteil, die mit längeren Beinen und besseren Augen erfolgreicher Beute jagen könnten. Warum sollte nicht über die Zeit hier eine ähnliche Anpassung stattfinden wie bei der gezielten Züchtung von Windhunden, argumentiert Darwin. Um gleich im Folgenden neben der Selektion auch noch den Kampf der Geschlechter einzuführen: Auch das Streiten um den Paarungspartner, wenn auch weniger prägend wie der Kampf ums Überleben, hinterlasse seine Spuren – wenn auch eher beschränkt auf sekundäre Geschlechtsmerkmale und weniger auf allgemeine Überlebensfähigkeiten.

Bei dem zweiten Stück aus Darwins Feder handelte es sich um einen Auszug aus einem Brief an den amerikanischen Botaniker Asa Gray in Boston von 1857, das Lyell und Hooker ausgewählt hatten, um zu verdeutlichen, dass Darwin seine Ideen seit ihrer ersten Niederschrift 1839 nicht maßgeblich verändert hatte. Enthalten sind hier noch einmal seine Gedanken zur Selektion, die bei einer Veränderung der äußeren Umstände bestimmte Individuen bevorzuge und so Veränderungen von Dauer ermögliche. Darwin erwähnt hier auch ein geplantes Buchprojekt mit dem Titel "Natürliche Selektion". Weiterhin entwirft er in diesem Brief ein "Prinzip der Divergenz", wonach die Lebewelt stets danach strebe, sich möglichst viele Lebensräume zu erschließen und dabei die schlechter angepassten Vorfahren zu verdrängen. Interessant dabei ist, dass das daran erinnernde Konzept der ökologischen Nische als "Beruf" einer Art erst im 20. Jahrhundert entstand.

Gleich und doch nicht gleich

Alfred Russel Wallace
© E. O. Hoppe, 1912 / public domain
(Ausschnitt)
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Der Text von Wallace, der im Anschluss verlesen wurde, klingt in weiten Bereichen fast, als habe der Naturforscher von Darwin abgeschrieben. Auch er macht sich zunächst Gedanken, warum die Zahl der Individuen ingesamt konstant bleibe, obwohl sie doch eigentlich explodieren müsste angesichts der üblichen Nachwuchsproduktion. Das Nahrungsangebot bildet sein zentrales Argument, das er am Beispiel der amerikanischen Wandertaube verdeutlicht: Obwohl diese Tiere nur ein Küken aufzogen und sie sowohl Fressfeinden als auch Jägern ausgeliefert seien, wären die Tiere in solchen Massen vertreten, weil sie immer und überall genug zu fressen finden. Wallace erweist sich hier allerdings als schlechter Prophet: Jene damals noch so häufige Art starb nach exzessiver Jagd mit der 29-jährigen Martha aus, die als letzte Vertreterin im Zoo von Cincinnati ihr Dasein beschloss.

Wallace erklärt, dass im Kampf ums Überleben – auch er benutzt diesen Ausdruck – die Schwächsten der Gemeinschaft – die Jungen, Kranken, Alten – dem Tod am ehesten zum Opfer fallen. Wer also am besten an die bestehenden Bedingungen angepasst sei und sich am erfolgreichsten gegen seine Feinde wehren könne, der werde auch am längsten leben, folgert er daraus. Und dementsprechend profitierten auch ihre Nachkommen von den vorteilhaften Eigenschaften ihrer Eltern, an denen sie noch weiter feilen würden.

Versammlungssaal
© Linnean Society of London/David Pescod
(Ausschnitt)
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An sich ist das Thema von Wallace' Manuskript jedoch nicht die Selektion in freier Wildbahn, sondern die Zucht und das beobachtete Wiederauftreten von ursprünglichen Merkmalen bei Zuchttieren. Letzteres galt lange als Argument gegen eine freie Wandelbarkeit von Arten, sondern als Beleg für ein stationäres Konzept, das nur in begrenztem Rahmen Abweichungen erlebe. Das aber sei unlogisch, so Wallace: Die in der Zucht herauskristallisierten Eigenschaften seien keine, die den Tieren einen Vorteil im natürlichen Umfeld erlaubten. "Schnell dick werdende Ferkel, kurzbeinige Schafe, Kropftauben oder Pudel hätten sich in freier Natur nie entwickelt", schreibt Wallace, da sie dort nicht über- sondern unterlegen seien. Das Aussterben sei unausweichlich beziehungsweise die Rückkehr zur ursprünglichen Variante das einzige Mittel zu überleben.

Natur habe die Tendenz, ständig neue Variationen auszuprobieren, ohne dass darin irgendwelche Grenzen gesetzt seien. Die einzige Kontrolle erfolge durch die Bedingungen des Lebensumfeldes, inwieweit eine Veränderung also einen Überlebensvorteil bringe, schließt Wallace. Damit ließen sich alle Phänomene erklären, die unsere Lebewelt präsentiere, ihr Aussterben und ihre Abfolge in vergangenen Zeiten und all jene außergewöhnlichen Entwicklungen von Gestalt, Instinkt und Eigenschaften, die sie zeigten.

Verewigt

Was wäre wohl passiert, hätten die Zuhörer damals nur Wallace' Ausführungen zu hören bekommen? Sicher nicht viel mehr als das, was damals passierte: nichts. Denn erst 1859, als Darwin schließlich sein wohl wichtigstes Werk "On the Origin of Species" publizierte, gelangte die Evolutionstheorie auf breiterer Basis in die wissenschaftliche und öffentliche Diskussion und Darwin zu seinen Ehren als ihr Begründer.

Wallace haderte offenbar nie damit, dass er von diesem Ruhm weit gehend ausgeschlossen blieb – im Gegenteil: Er prägte sogar den Begriff "Darwinismus" und blieb stets ein überzeugter, aber auch kritischer Anhänger Darwins. Trotzdem wurde auch ihm ein Denkmal gesetzt: Die Übergangszone in der malayischen Inselwelt zwischen asiatischer und australischer Fauna wird nach seinem Namen Wallacea genannt. Das Gebiet umfasst die kleinen Sundainseln ohne Bali, die Molukken und einige weitere Inseln, die auch während der eiszeitlichen Absenkung der Meeresspiegel isoliert blieben, während in die benachbarten Eilande Arten über die Kontinentalschelfe einwandern konnten. So erhielt sich dort eine eigenständige, unterschiedlich durchmischte ursprüngliche Lebewelt aus australischen und asiatischen Elementen, die sich keinem der beiden großen tiergeografischen Regionen zuordnen lässt. Sicher eine passende Auszeichnung für einen Mann, der seinen eigenen Kopf bewiesen hatte.