Mit dampfendem Atem stapft das Rotwild im Bergwald durch hohen Schnee zu einer Futterstelle, die vor schmackhaften Leckerbissen überquillt. Dieser Anblick mag auf viel Menschen romantisch wirken, natürlich ist er jedoch nicht. Kein Förster müsste die Hirsche durch den Winter füttern, wenn die Tiere wie noch vor Jahrhunderten ins Tal wandern könnten. Dort fänden sie auch heute noch unter einer normalerweise viel dünneren oder wegen der Erderwärmung sogar ganz fehlenden Schneedecke einiges dürres Gras. Das ist zwar eine karge Nahrung, aber mehr als genug, um über den Winter zu kommen. Nur versperrt inzwischen der Mensch dem Hirschen fast jeden Weg zu seinem natürlichen Futterplatz.

Rothirsch
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Röhrende Rothirsche sieht man heute nur noch in wenigen Gebieten Deutschlands, in denen die imposanten Säuger leben dürfen.

Wo die Tiere einst im Winter äsen konnten, liegt längst ein Acker oder eine Weide, manchmal stehen dort auch Häuser. Rothirsche aber wollen ihre Ruhe vor Menschen haben, sie versuchen sich möglichst gut vor den Zweibeinern zurückzuziehen. Die vielen Straßen durch die Täler mögen sie überhaupt nicht. Förster beobachten eine ähnliche Reaktion, wenn sie Waldwege gut befestigen, auf denen sie Besucher zu besonderen Attraktionen locken. Diese Waldspaziergängerautobahnen meiden die Hirsche und halten sich lieber in der Nähe von unbefestigten Wegen auf. Dort kommen schließlich nicht nur viel weniger Menschen vorbei, obendrein wachsen auf diesen Pfaden auch noch schmackhafte Kräuter.

Auf diese legen Rothirsche großen Wert. "Eigentlich sind die Tiere ja keine Waldbewohner, sondern leben in einer Parklandschaft mit viel Gras, Kräutern und einigen Bäumen", erklärt der Wildbiologe Marco Heurich, der im Nationalpark Bayerischer Wald für die Wildtierforschung zuständig ist. Seine Nahrung findet der Rothirsch zwar dennoch auch auf den Wiesen und Weiden der Kulturlandschaft. Andererseits stehen die Tiere bereits seit Urzeiten ganz oben auf der Liste der beliebtesten Jagdbeute, wie zum Beispiel steinzeitliche Höhlenmalereien beweisen. Vor allem die Jagd drängte den Rothirsch in die Wälder zurück.

Gehegtes Wild

Für diese anpassungsfähige Art stellt das kein Problem dar. Im Nationalpark Bayerischer Wald finden die Tiere zum Beispiel in den Hochlagen des Mittelgebirges reichlich Futter. Im rauen Klima dort oben wachsen die Fichten spärlich und lassen große Lücken zwischen den Bäumen, in denen das Gras sprießt – allerdings nur im Sommer. Im Winter dagegen kommen die Tiere oft nicht an das Gras, weil es unter einer bis zu drei Meter dicken Schneedecke liegt. Also wandern sie ins Tal und geraten damit genau in das Visier des deutschen Jagdrechts. Das legt nämlich in weiten Teilen Deutschlands fest, dass die Hirsche sich nur in bestimmten Gebieten aufhalten dürfen, den so genannten Rotwildbezirken. Dazu gehören zum Beispiel die Hochlagen des Bayerischen Waldes, nicht aber die Täler. Von den Flächenstaaten haben nur das Saarland, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Brandenburg keine amtlichen Grenzen für die Rotwildverbreitung festgelegt, in allen anderen Ländern gilt: Verlässt das Rotwild seine jagdrechtlich verbrieften Gebiete, muss es geschossen werden. Die Jäger nehmen diese Pflicht mit guten Gründen wahr: Für eventuelle Schäden durch Hirsche müssen sie haften. Da ist ein gezielter Schuss allemal die bessere Alternative, zumal Wildfleisch begehrt ist.

Hirschverbeitung
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Für das Rotwild ist das tödlich, für den Förster im Bergwald zumindest ärgerlich. Beeinflusst doch ein anderer das Ergebnis seiner Bemühungen, einen gesunden Bestand aufzubauen. Zugleich setzten die Rotwildzonen einen gefährlichen Kreislauf in Gang, um den König des Waldes dort zu halten, wo er eigentlich nicht dauerhaft hingehört. Deshalb begannen Förster und Jäger ab den 1950er und 1960er Jahren mit der Fütterung der Tiere, damit sie auch den Winter beispielsweise im Bergwald verbringen.

So mancher Jäger bot deshalb Kraftfutter in Form von Zuckerrüben, Mais, Getreide und altem Brot an. Die Überlegung "gutes Futter stärkt die Tiere und fördert so die Bildung eines großen Geweihs" erwies sich allerdings rasch als Milchmädchenrechnung. Das Verdauungssystem der Hirsche ist in dieser Jahreszeit auf trockenes Gras mit vielen Ballaststoffen ausgerichtet. Kauen die Tiere in dieser Situation Kraftfutter, stellen sich die Mikroorganismen in ihrem Pansen nicht oder zumindest nicht schnell genug auf diese Nahrung ein, der Pansen kann übersäuern und einige Tiere sterben an dieser Pansenazidose.

Gatter für Hirsche

Eine solche einseitige Ernährung versuchen die Hirsche folglich mit einer Zusatzdiät auszugleichen, die sie in kargen Zeiten schon immer geschätzt haben: Sie schälen die Rinde von den Bäumen und knabbern junge Triebe. Mit 2000 Hektar hatte das Wild schon 1970 auf mehr als einem Siebtel der Fläche des Nationalparks Bayerischer Wald die Bäume geschält, weshalb sich das Wildmanagement verändern und erheblich verbessern musste. So werden die Tiere nur noch mit Heu gefüttert, das dem harten Gras ähnelt, welches Hirsche in den Tallagen unter einer dünnen Schneedecke finden würden. Und die Tiere werden im Winter eingesperrt. Auch dies gelingt mit Hilfe von Futter, das den Hirschen im November in vier Gattern angeboten wird, die jeweils 30 bis 40 Hektar groß sind. Sind die Tiere innerhalb des Zauns, sperren die Ranger ab und füttern bis Ende April weiter. Das Ganze schlägt jedoch nicht nur mit satten 300 000 Euro Kosten im Jahr zu Buche, sondern passt überhaupt nicht in das Konzept, das einem Nationalpark normalerweise zu Grunde liegt: "Natur Natur sein lassen".

Warum also das Rotwild nicht einfach wieder wandern lassen? Dazu müssten die Tiere natürlich den Nationalpark verlassen, da dieser praktisch nur ihre Sommergebiete umfasst – was bei den Nachbarn auf massiven Widerstand stößt. Die Eigentümer der Grundstücke an den Grenzen des Parks befürchten starke Schäden durch die Hirsche, die Verkehrsbehörde warnt vor Unfällen, die nicht nur für das Rotwild, sondern auch für Autofahrer gefährlich sind. Die Jäger schließlich malen eine "Reise ohne Wiederkehr" für das Rotwild an die Wand. Laut Jagdrecht müssten sie die Hirsche schießen, im Sommer kämen daher wohl kaum noch Tiere in den Nationalpark zurück. Selbst in der Nationalparkregion scheitert also der Versuch, die Wanderungen des Rotwilds zu erlauben. Und damit auch die Überlegung, einen Teil des natürlichen Kreislaufs wieder zu beleben, der lange unterbunden war.

Ökosystem Tierwanderung

Wenn das Rotwild von Bergwald in die Tallagen wandert, verbessert es zudem nicht nur seine Überlebenschancen, sondern beeinflusst ebenso seine weitere Umwelt. Im Schweizer Nationalpark im Kanton Graubünden beobachten die Wissenschaftler zum Beispiel, wie die scheuen Hirsche zwar auf den Wiesen fressen, ihre Exkremente jedoch im Wald loswerden. Im Kot finden sich wertvolle Bestandteile wie Stickstoff- und Phosphorverbindungen, die für viele Pflanzen lebensnotwendig, häufig allerdings Mangelware sind. Die Hirsche düngen so praktisch die Bergwälder. Im 21. Jahrhundert fällt das vielerorts kaum mehr ins Gewicht und lässt sich nur schwer messen, weil Straßenverkehr, Industrie und Landwirtschaft jede Menge Stickstoff in Umlauf bringen, der über die Luft dann die Wälder erreichen. Zu einem natürlichen Ökosystem gehört der Dünger wandernder Tierarten jedenfalls dazu.

Rothirsche auf der Äsungsfläche
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Weil die Tiere nicht mehr ihrem natürlichen Wandertrieb folgen sollen, lockt man sie mit Fütterungen weg von ihren winterlichen Äsungsflächen. Und das hat ökologische Konsequenzen.

Dazu kommt die Weiterverbreitung anderer Organismen. So schleppen die Tiere Zecken und andere Parasiten mit sich herum und tragen diese von den Tälern bis in die Hochlagen. Mit den Kräutern verschlingen sie oft deren Samen, die Tage später das Verdauungssystem in Kilometern Entfernung wieder verlassen. Wandernde Hirsche verbreiten Kräuter so über größere Distanzen; aus eigener Kraft würden die Pflanzen das kaum schaffen. Und da mancher Samen nicht nur durch den Darm wandert, sondern vielleicht ebenso am Fell hängen bleibt, könnten die Tiere sich als wichtige Verteiler für viele Pflanzenarten entpuppen. Besonders günstig ist dabei der Weg durch den Darm der Hirsche, den die Samen verblüffend gut überstehen. Wenn sie am Ende ihren Träger verlassen, hat dieser sie oft nicht nur eine gute Strecke weitergebracht, sondern versorgt sie auch noch mit einem kräftigen Schub Startdünger in Form von Hirschkot.

Drohnen spähen das Wild aus

Bis heute konnten Wildbiologen aber immer noch nicht vollständig aufklären, wie weit und wohin die Tiere überhaupt wandern. Um diese Frage zu beantworten, heftet sich Marco Heurich den Hirschen mit den Mitteln der modernen Technik an die Fersen. So tragen einige Tiere Halsbandsender, die über das Satellitenortungssystem GPS den Standort der Tiere verraten. Darüber hinaus möchten die Forscher gerne mehr als nur den Aufenthaltsort der Tiere erfahren: Wie groß ist die Gruppe, der sich der besenderte Hirsch angeschlossen hat? Was fressen die Tiere?

Marco Heurich testet daher mittlerweile sogar unbemannte Kleinflugzeuge. Diese "Drohnen" sind bisher allerdings noch nicht praxistauglich, weil ihre Akkus höchstens für eine Viertelstunde Flug reichen. Also fällt die Wahl vorerst noch auf ein teures Flugzeug mit einem Piloten aus Fleisch und Blut. GPS-Sender führen ihn in die Nähe der Tiere, die sich zwar vor Menschen, nicht aber vor Fluggeräten fürchten. Eine Wärmebildkamera zeigt dann, wie viele Flecken von der Größe und mit der Körpertemperatur eines Hirschs sich in der Nähe des Senders im Wald verbergen.

Im sichtbaren Licht bildet eine Kamera zusätzlich noch die Tiere ab, die von oben zu erkennen sind – und oft auch die Vegetation, an der sie gerade knabbern. Eines zeigt sich der Spähangriff schon jetzt: Selbst bei den eingeschränkten Möglichkeiten im Nationalpark Bayerischer Wald wandern die Tiere allein im Sommer oft 20 Kilometer weit. Im Schweizer Nationalpark nutzen die Hirsche ihre Freiheit sogar dazu, im benachbarten Südtirol nach gutem Futter Ausschau zu halten. Die Hirsche überqueren auch heute noch Grenzen – ihren seit Urzeiten vorhandenen Wandertrieb haben wir also noch nicht völlig unterdrückt.