Im idyllischen Herrsching am Ammersee liegen zwei Welten nur wenige Meter weit auseinander. Oben auf der Terrasse klappern Kaffeetassen beim sonntäglichen Familienfrühstück – ein Stockwerk darunter schmatzen vier Fuchswelpen leise an den Zitzen ihrer Mutter. "Füchse sind unsere heimlichen Untermieter", sagt Christof Janko, Wildbiologe an der Technischen Universität München. Seit über zehn Jahren erforscht er das Verhalten von Füchsen in Siedlungsnähe; ein zentrales Ergebnis hat er gerade veröffentlicht: je mehr Stadt, desto mehr Fuchs. In Wald, Feld und Flur finden sich ein bis drei erwachsene Tiere pro Quadratkilometer, in Dörfern und Städten unter 10 000 Einwohnern drei bis fünf, und in größeren Städten zehn bis fünfzehn [1, 2]. "Wer sich mit der Biologie der Füchse beschäftigt, den kann das nicht überraschen", sagt Janko. "Sie brauchen vor allem ausreichend Nahrung, geeignete Wurfbauten und sichere Schlafplätze. In der Stadt finden sie das alles auf viel engerem Raum als im Wald."

Seit den 1970er Jahren hat sich die Zahl der Füchse in Deutschland verdreifacht. Ähnlich verhält es sich in der Schweiz und in Österreich. Ob Berlin, München, Zürich oder Wien: In Großstädten leben tausende Exemplare vom Stadtrand bis ins Zentrum. Erfolgreich sind die Tiere vor allem, weil sie sich schnell neue Lebensräume erschließen – und in der Stadt ein Schlaraffenland der Ressourcen vorfinden. Neben Mäusen, Käfern, Regenwürmern und Fallobst bieten sich dem Stadtfuchs reich gedeckte Tafeln auf Komposthaufen, in Mülltonnen oder nach dem Grillfest im Park. In Fuchsmägen, so Janko, "haben wir auch schon die klassische bayerische Schweinshaxe gefunden".

Zudem macht dem Fuchs kein Imageproblem zu schaffen. "Die meisten Leute freuen sich, wenn sie einen Fuchs sehen", berichtet Janko. Höchstens würden die rotpelzigen Nachbarn unangenehm auffallen, wenn sie den Müll nach Fressbarem durchstöbern, Futternäpfe von Haustieren leeren oder Schuhe als Spielzeug für ihre Welpen stibitzen. Auch der alte schlechte Ruf als Hühnerdieb schreckt kaum einen modernen Städter. Und in der Tat: Reineke Fuchs nutzt den Menschen sogar, wenn er Ratten und Mäuse jagt oder als Opportunist und Aasfresser kranke und tote Tiere beseitigt.

Die Urbanisierung des Fuchsbandwurms

Allerdings kann der Gesundheitspolizist auch Krankheitsüberträger sein. "Dann bringt dem Fuchs sein gutes Image nichts mehr, und es werden schnelle Lösungen gefordert", weiß Janko aus Erfahrung. Zwar wurde das Tollwutvirus in Mitteleuropa durch erfolgreiche Impfkampagnen praktisch ausgerottet, der Fuchs trägt aber typischerweise auch Räude und Staupe weiter, die durch Milben beziehungsweise Viren verursacht werden und ebenso Hunde befallen können. Dem Menschen werden sie allerdings nicht ernsthaft gefährlich. Anders sieht das aber mit dem Kleinen Fuchsbandwurm aus – dem gefährlichsten Bandwurm der Welt. Dieser gefürchtete Parasit zieht die menschliche Leber durch das tumorartige Wachstum seiner Larven in Mitleidenschaft und verursacht lebensgefährliche Organschädigungen, die unbehandelt zu einem frühzeitigen Tod führen.

Aber wie groß ist die Gefahr wirklich? Europaweit werden zurzeit jährlich rund 200 Neuerkrankungen registriert. Die Infektionsgefahr ist in den letzten Jahrzehnten gestiegen. Das bestätigt Peter Deplazes, Parasitologe an der Universität Zürich. Anhand der Forschungen in seiner Arbeitsgruppe konnte das erste Mal ein Zusammenhang zwischen einem Mehr an Füchsen und einer gestiegenen Zahl von Fuchsbandwurmpatienten nachgewiesen werden [3]. "In der Schweiz ist die Infektionsrate beim Menschen seit Ende der 1990er Jahre um das Zweieinhalbfache angestiegen", sagt Deplazes. "Wenn wir die aktuellen Daten seit 2005 analysieren, zeigt sich, dass sich der Infektionsdruck im Siedlungsraum auf hohem Niveau eingependelt hat." Die weitere Entwicklung ist unklar. Klar ist, dass das höhere Risiko mit der Eroberung der Städte durch den Fuchs zu tun hat [4, 5]. Die Forscher sprechen von einer "Urbanisierung des Fuchsbandwurms" [6].

In Deutschland wurden seit Beginn der Meldepflicht im Jahr 2001 beim Robert Koch-Institut in Berlin über 300 Krankheitsfälle registriert. Pro Jahr kommen demnach zwischen 20 und 40 neue Patienten dazu, hauptsächlich aus Bayern und Baden-Württemberg. Deplazes hält die offiziellen Zahlen aber für zu niedrig: Realistisch seien eher 60 neue Fälle jährlich für Deutschland, da das Meldesystem nicht alles erfasst [7]. Neben Süddeutschland sind in Europa der Osten Frankreichs, die nördliche Schweiz, der Westen Österreichs, das Baltikum und Polen stark betroffen. In diesen Gebieten tragen oft weit über die Hälfte der Füchse den Parasiten in sich.

Der Fuchs als Trojanisches Pferd

Der Fuchs selbst nimmt durch den Bandwurm keinen Schaden – er dient als Endwirt des Bandwurms vor allem als Verbreitungsvehikel. Im Dünndarm parasitierter Füchse leben die nur wenige Millimeter kleinen geschlechtsreifen Würmer – manchmal hunderte oder tausende. Jedes Exemplar produziert hunderte Eier, die über den Fuchskot in die Umwelt gelangen. In feuchtem Milieu überdauern die Eier monatelang und warten auf eine Maus. Feld- und Wühlmäuse sind die bevorzugten Zwischenwirte des Fuchsbandwurms. In ihrer Leber setzen sich seine Larven fest, vermehren sich vegetativ und wachsen wie ein Krebsgeschwür. Frisst ein Fuchs die infizierte Maus, entwickeln sich in seinem Darm innerhalb eines Monats neue Bandwürmer und der Kreis schließt sich.

Lebenszyklus des Fuchsbandwurms
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Verschluckt ein Mensch Eier von Echinococcus multilocularis, wie Wissenschaftler den Kleinen Fuchsbandwurm nennen, ergeht es ihm wie der Wühlmaus. Mediziner sprechen dann von alveolärer Echinokokkose nach dem Verursacher Echinococcus und der bläschenartigen Struktur der Larven in der Leber der Patienten. Weil der Fuchsbandwurm mit dem Menschen aber nicht seinen Wunschzwischenwirt gefunden hat, dauert es nach einer Infektion mindestens fünf bis fünfzehn Jahre, bis sich erste Symptome wie ein Drücken in der Bauchgegend oder eine Gelbsucht zeigen. Dann ist die Leber aber meist schon stark geschädigt, mitunter sind auch das Lymphsystem und weitere Organe befallen.

Oft landen Patienten schließlich in der Infektiologie des Universitätsklinikums Ulm. Dort hat der Mediziner Peter Kern in den 1990er Jahren die Echinokokkose-Spezialambulanz etabliert, wovon heute etwa 300 Patienten profitieren. Kern, inzwischen emeritiert, erläutert die Fortschritte in der Therapie: "Der Fuchsbandwurm ist eine Krankheit, mit der eine gute Lebensqualität erreicht werden kann." In acht von zehn Fällen kann eine Operation nicht durchgeführt werden, und die Patienten müssen lebenslang Tabletten mit dem Wirkstoff Albendazol schlucken – was zwar die Infektion unter Kontrolle bringt und die Wucherung stoppt, den Parasiten aber nicht vollständig abtötet.

Rätselhafter Wurm

Der Fuchsbandwurm gibt den Forschern nach wie vor viele Rätsel auf. So ist bis heute für keinen einzigen Patienten mit Sicherheit geklärt, wie und wo er sich angesteckt hat. Dazu sagt Kern: "Landwirte und Hundehalter haben zwar ein erhöhtes Risiko durch den intensiveren Umgang mit Pflanzen, Tieren und Erde, aber wir haben Krankheitsfälle in allen Berufsgruppen, auch Staatsanwälte, Richter und Journalisten sind dabei. Die meisten sind schon über 50, wenn die Krankheit ausbricht." Seine Hypothese: Möglicherweise infizieren sich viele Patienten bereits als Kind, die Symptome werden aber erst auffällig, wenn das Immunsystem im Alter langsam schwächer wird [8, 9].

Immerhin: Eine Ansteckung von Mensch zu Mensch oder von Maus zu Mensch ist unmöglich, und das Risiko, sich an Katzen anzustecken, ist nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft vernachlässigbar gering. Auch eine Gefahr durch Heidelbeeren ist Legende: "Dass Waldbeeren ein Risiko sind, ist eine Mär. Relevant ist der Hund, der entweder selbst Würmer hat, weil er eine infizierte Maus gefressen hat, oder Wurmeier passiv ins Haus einträgt und dann in engen Kontakt mit Menschen kommt", erklärt Kern. Nicht zu vergessen der Fuchs, als neuer Nachbar des Menschen und natürlicher Endwirt des Wurms.

Wurmmittel aus der Luft

Was also ist zu tun? Sollte man Jäger in die Siedlungen schicken, um die Füchse auszurotten oder zu vertreiben? Wildbiologe Janko stammt aus einer Försterfamilie und ist selbst Jäger. Er winkt ab: "Nein, das funktioniert nicht. Im Siedlungsraum darf aus rechtlichen Gründen nicht gejagt werden, und man würde eine effektive Regulation auf Grund der hohen Fuchsdichten ohnehin nicht schaffen. Außerdem wird das Töten von Tieren in Städten von der Bevölkerung abgelehnt. Wir müssen den Fuchs als Nachbarn akzeptieren und lernen, mit ihm zu leben."

Sinnvolle Verhaltensregeln gegen den Fuchsbandwurm, die das Risiko minimieren und in keinem Fall schaden:
  • Hunde regelmäßig entwurmen, insbesondere Hunde, die im Freiland Mäuse fangen (unabhängige Informationen dazu bietet der Europäische Wissenschaftsrat für Haustierparasiten.
  • Nach Arbeiten im Freiland gründlich die Hände waschen – vor allem nach Kontakt mit Erde, Gras oder Tieren.
  • Salat, Früchte und Gemüse aus dem Freiland vor dem Rohverzehr gründlich waschen. Gekochtes Gemüse, gebratene Pilze, eingemachtes Obst und Marmelade sind unbedenklich, da die Bandwurmeier bei 60 Grad Celsius absterben. Einfrieren kann ihnen nichts anhaben.
  • Fuchskot im Garten mit einem umgestülptem Plastiksack einsammeln und mit dem Hausmüll entsorgen (nicht auf den Kompost werfen oder vergraben).
  • Füchse nicht füttern oder durch attraktive Nahrungsquellen (offener Kompost, Haustierfütterung im Garten, etc.) anlocken. Halbzahme Füchse müssen häufig geschossen werden, da sie immer wieder Probleme bereiten.

Zudem haben die Experten eine offenbar wirksame Alternative gegen den gefährlichen Bandwurm gefunden: Die Beköderung der Füchse in besonders exponierten Gebieten. Im Landkreis Starnberg etwa, südwestlich von München, gelang Janko und Kollegen, die Infektionsrate der Füchse von fast 40 auf rund ein Prozent zu senken, indem sie mit dem Entwurmungsmedikament Praziquantel präparierte Köder auslegten [10]. Die Bekämpfung des Fuchsbandwurms bleibt allerdings viel aufwändiger als die des Tollwutvirus. Während die Füchse durch den Tollwutimpfstoff ein Leben lang immunisiert sind, kann sich ein Fuchs, dessen Bandwürmer abgetötet wurden, gleich am nächsten Tag wieder über eine infizierte Maus anstecken. Und bereits einen Monat später sind die Bandwürmer in seinem Darm wieder so weit, Eier abzusondern. Auf Grund dieses Monatszyklus müssen in den ersten ein bis zwei Jahren der Entwurmung die Köder monatlich verteilt werden – im Siedlungsbereich von Hand, im ländlichen Bereich auch per Flugzeug oder Helikopter. Danach erst kann die Frequenz auf drei bis sechs Monate reduziert werden.

Lohnt sich der hohe Aufwand bei einer Krankheit, die selbst in "Hochrisikozonen" Europas nur einen von mehreren hunderttausend Menschen betrifft? Die Chance, sich mit dem Fuchsbandwurm zu infizieren, entspricht statistisch etwa der Wahrscheinlichkeit, vom Blitz getroffen zu werden. Janko hält aus einem persönlichen Blickwinkel dagegen: "Durch meine Arbeit habe ich immer wieder Menschen getroffen, die mit dem Fuchsbandwurm infiziert waren." Natürlich müssten aber der finanzielle Aufwand und die Ansteckungsgefahr in jeder Region gegeneinander abgewogen werden. Und auch durch Aufklärung und Prävention ließe sich bereits viel erreichen. Im Fokus stünden, so das Fazit des Forschers, dann weniger Wald und Flur: "Der höchste Infektionsdruck herrscht da, wo viele Füchse im Siedlungsbereich leben und Wühlmäuse jagen. Das ist vor allem in Dörfern und Kleinstädten der Fall – durchaus aber auch in gefährdeten Bereichen der Großstadt. Wir sollten uns bei Entwurmungsmaßnahmen in Zukunft auf den Siedlungsraum konzentrieren".