Es ist das Jahr 2036. Die Europäische Union kollabiert endgültig unter dem Druck der Völkerwanderungen von Süden nach Norden. Deutschland, Frankreich, Belgien, Skandinavien und Polen haben ihre Grenzen geschlossen, um Einwanderer abzuhalten, die vor den Hungersnöten in den mediterranen Ländern fliehen. Süditalien wurde von nordafrikanischen Flüchtlingen überrannt und ist kein Teil eines anerkannten Staates mehr. Spanien, die Türkei und Norditalien wiederum haben sich Atomwaffen zugelegt, um die besser versorgten Länder im Norden zu zwingen, ihre Nahrungsmittel mit ihnen zu teilen.

Dieses Szenario beschreibt der amerikanische Journalist und Historiker Gwynne Dyer in seinem Buch "Schlachtfeld Erde: Klimakriege im 21. Jahrhundert" aus dem Jahr 2010. Er selbst sagt, dass wohl kaum ein Klimaforscher eine solche Zukunftsvision produzieren würde. Das stimmt, doch liegt dies entgegen seiner Aussage nicht daran, dass Wissenschaftler es bewusst vermeiden würden, sich zu den politischen, strategischen und demokratischen Auswirkungen des Klimawandels zu äußern. Weltweit forschen Vertreter der Klima-, Politik- und Sozialwissenschaften gemeinsam, um die gesellschaftlichen Folgen besser abschätzen zu können.

Soldat mit Patronengurt
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Zwischenstaatliche Konflikte haben in den letzten Jahrzehnten abgenommen – an ihre Stelle traten vermehrt bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen Ethnien, religiösen oder politischen Gruppen innerhalb eines Landes

Denn dass sich die Erde erwärmt, bezweifelt heute kein ernst zu nehmender Forscher mehr. Abhängig vom zu Grunde liegenden CO2-Ausstoß prognostizieren die Klimatologen bis zum Ende dieses Jahrhunderts einen weltweiten Temperaturanstieg von einem bis sechs Grad Celsius voraus. Dadurch werden sich die Lebensräume auf der Erde verändern – beispielsweise durch Dürren oder steigende Meeresspiegel. Hungersnöte, Epidemien und Flüchtlingsströme könnten die Folgen sein und den sozialen Frieden sowohl innerhalb eines Landes als auch international gefährden. Besonders groß scheint das Risiko zudem für Länder, die bislang am wenigsten zu den weltweiten Kohlendioxidemissionen beigetragen haben. In vielen Regionen Afrikas bildet Trockenheit heute schon ein großes Problem, in Teilen Asiens kann Wasser zur Gefahr werden – etwa wenn der steigende Meeresspiegel Bangladesch bedroht.

Aufstrebende Schwellenländer wie Indien hören es jedoch nicht gerne, wenn sie zum Energiesparen aufgerufen werden. "Manche dieser Länder wittern eine Verschwörung der Industriestaaten, um ihren wirtschaftlichen Aufstieg zu bremsen", sagt Michael Brzoska vom Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik. In den meisten Regierungen sei der Gedanke, dass auch jenseits der reinen Umweltproblematik Sicherheitsrisiken für das eigene Land bestehen könnten, jedoch inzwischen angekommen.

"Das Problem ist, dass wir nicht in die Zukunft sehen können"
(Jürgen Scheffran)

Das war nicht immer so: Bis etwa 2006 galten die sozialen Folgen des Klimawandels in den Augen der Weltpolitik nur als kleines Problem. Doch dann zeichnete der US-Politiker Al Gore ein düsteres Bild von versinkenden Landmassen, Wetterkapriolen und Flüchtlingsströmen und erhielt für seine – teilweise arg übertriebenen – Visionen 2007 sogar den Friedensnobelpreis. Dies sorgte für ein Umdenken, selbst in den sonst oft so klimaskeptischen USA. "Es gibt kaum eine wissenschaftliche Kontroverse darüber, dass wir es mit mehr Dürren, mehr Hungersnöten und mehr Verdrängungen zu tun haben werden, wenn wir nichts unternehmen – all das wird jahrzehntelang mehr Konflikte befeuern", sagte US-Präsident Barack Obama, als wiederum er zwei Jahre später den Friedensnobelpreis entgegennahm. Doch genaue Prognosen über das Ausmaß sind schwierig.

Wo sind die Klimaflüchtlinge?

Auch Vertreter der Universität der Vereinten Nationen mussten dies erkennen. Im Jahr 2005 hatten sie vorausgesagt, dass bis 2010 schon bis zu 50 Millionen Menschen als Klimaflüchtlinge ihre Heimat verlassen könnten. Die entsprechenden Menschenströme blieben jedoch aus. Stattdessen stiegen die Bevölkerungszahlen in einigen der Regionen sogar, die die Forscher als besonders gefährdet identifiziert hatten. Einerseits könnte dies daran liegen, dass die Szenarien die Reaktion der potenziellen Flüchtlinge falsch eingeschätzt haben. Stephen Castles vom International Migration Institute der University of Oxford führt das schwere Erdbeben und die Tsunamis als Beispiel an, die 2011 Japan heimsuchten. Sie zeigten, dass Menschen auch nach extremen Naturkatastrophen nicht zwangsläufig abwandern. Stattdessen versuchen sie, ihre zerstörte Heimat wieder aufzubauen. Andererseits waren die vorhergesagten Katastrophen schlicht nicht eingetreten.

"Das Problem ist, dass wir nicht in die Zukunft sehen können", sagt Jürgen Scheffran, Leiter der Forschungsgruppe "Klimawandel und Sicherheit" am Klimacampus in Hamburg [1]. Das gilt für die genauen meteorologischen Vorhersagen, viel mehr jedoch noch für die sozialen und politischen Auswirkungen. Schon über die Definition, was als gewalttätiger Konflikt gilt, gibt es Uneinigkeit. Der meistgenutzte Datensatz (Armed Conflict Dataset, UCDP-PRIO) verlangt mindestens 25 kampfbedingte Todesfälle pro Jahr und die Beteiligung mindestens einer staatlichen Regierung, um einen Konflikt zu identifizieren. Dadurch rutschen aber andere, niedrigschwelligere Akte der Gewalt durchs Raster. Proteste, Aufstände oder gewalttätige Viehdiebstähle finden so keine Beachtung, obwohl sie am ehesten in den letzten Jahrzehnten mit Klimaveränderungen in Verbindung gebracht werden konnten.

Um Prognosen zu erstellen, müssen die Wissenschaftler stets auf die Datenlage aus der Vergangenheit zurückgreifen und so versuchen, sie mit Hilfe von Modellen auf die Zukunft zu projizieren. Das ist kompliziert, weil Klima immer gewissen Schwankungen und Unsicherheiten unterliegt. Die zukünftigen Entwicklungen haben Scheffran zufolge eine weitere Schwierigkeit: "Ein solcher Temperaturanstieg, wie er in den nächsten Jahrzehnten erwartet wird, ist in der Menschheitsgeschichte beispiellos."

Auch Kälte schürt Konflikte – oder eben nicht

Selbst die Schlüsse, die die Forscher aus der Vergangenheit ziehen, ergeben kein eindeutiges Bild über den Zusammenhang zwischen Klima und Gewalt. Wenn Extremwetter Naturkatastrophen verursacht, kann das einigen Wissenschaftlern zufolge das Risiko von internationalen Konflikten steigern. Eine andere Studie kommt wiederum zu dem Ergebnis, dass in solchen Krisen Kooperation überwiegt. Ein ähnliches Bild ergibt sich, wenn Flüsse, die durch mehrere Länder fließen, zu einem Streitgrund werden, weil das Wasser knapp ist. Manche Studien deuten zwar an, dass ein gewisses Gewaltpotenzial besteht, auch wenn ausgewachsene "Wasserkriege" unwahrscheinlich sind. Andere Forscher berichten dementsprechend, dass Staaten im Zweifelsfall dazu tendieren, zu kooperieren und Verträge zu schließen, statt zu kämpfen. Blutige Scharmützel entstehen dann eher eine Ebene darunter, wenn Nomaden und sesshafte Bauern um letzte Wasserreserven konkurrieren müssen – so wie im letzten August, als sich aufgestauter Zorn tödlich im kenianischen Tana-Delta entladen hat: Dieser Fluss im Nordosten Kenias ist in Dürrezeiten oft die letzte Wasserreserve der Region und zieht Hirten mit ihren Viehherden an, was den Unmut lokaler Siedler erregte.

Viehzüchter
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Während der saisonalen Trockenzeit bietet das Tana River Delta auch ein Refugium für Nomaden mit ihrem Vieh – erst recht gilt dies für epochale Dürren. Doch das kann gewaltsame Konflikte schüren, wenn sie mit ortsansässigen Bauern plötzlich um Wasser konkurrieren müssen.

Doch auch der umgekehrte Fall ist wahrscheinlich: Obwohl in Afrika des Öfteren Dürren zu Ernteausfällen und Hunger führen, konnten verschiedene Forschergruppen zeigen, dass es in manchen Regionen besonders in feuchten Jahren zu mehr Konflikten mit Todesopfern kommt [2]. Diese scheinbaren Widersprüche ergeben sich daraus, dass sich die Klimaeffekte in verschiedenen Teilen der Erde ganz unterschiedlich auswirken. Deswegen betrachten die meisten Studien nur bestimmte Länder und Regionen. "Eine globale Verallgemeinerung ist wegen der spezifischen Effekte auch kaum sinnvoll", sagt Jürgen Scheffran. Außerdem sei die Klimaveränderung nicht der einzige Indikator dafür, dass das Risiko für gewaltsame Ausschreitungen steige.

Aus den Daten über die letzten 1000 Jahre in Europa geht laut Richard Tol vom Economic and Social Research Institute in Dublin und Sebastian Wagner von der Freien Universität Amsterdam hervor, dass vor allem in kälteren Phasen Konflikte zunehmen. Allerdings scheint sich dieser Effekt im industriellen Zeitalter abzuschwächen, vermutlich weil der technische Fortschritt Hunger durch Ernteverluste besser ausgleichen kann. Verfügbare Ressourcen und Technologien, politische und soziale Stabilität und die Sicherheit des Einzelnen spielen neben den Klimaeffekten eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, wie anfällig ein Land oder eine Region für gewalttätige Konflikte ist. Wenn in einem armen Land Gesundheit und Leben der Bewohner bereits gefährdet sind, können die klimatischen Veränderungen bereits existierende Konflikte und humanitäre Katastrophen noch verstärken, ohne sie direkt zu verursachen.

Komplexe Zusammenhänge bestimmen das Risiko

"Die Frage ist, welches Ausmaß des Klimawandels für eine Region verkraftbar ist und ob sie die Mittel hat, sich daran anzupassen", sagt Jürgen Scheffran. Er und seine Hamburger Kollegen haben einen Modellrahmen entworfen, der verdeutlichen soll, wie die vier Hauptfaktoren aufeinander wirken: der Zustand der natürlichen Ressourcen, die Verfügbarkeit dieser Ressourcen für die Menschen, die soziale Stabilität und schließlich das Klimasystem selbst. "Wir wissen, dass bestimmte Umstände das Konfliktrisiko senken. Dazu gehören Institutionen wie staatliche Behörden, Gerichte oder traditionelle Ältestenräte, die die Ursachen bearbeiten", erklärt Friedensforscher Brzoska. Die wachsende humanitäre Hilfe in Krisenregionen kann dazu beitragen, dass Armut als potenzielle Motivation zum Aufruhr ausfällt. Auch die Globalisierung könne sich positiv auswirken, durch internationale Friedensbemühungen, Hilfsorganisationen sowie die Beobachtung durch die Medien.

"Es wäre schon für zwei Individuen schwierig, sich zu einigen, welches Klima sie gerne hätten, umso mehr gilt das für zwei Nationen"
(Jürgen Scheffran)

"Die lokalen Gestaltungsmöglichkeiten sind sehr groß", sagt Brzoska. Er sieht gerade die Industrienationen in der Verantwortung, die einen Großteil des bisherigen Kohlendioxidausstoßes verursacht haben. "Sie sollten den schwächeren Ländern dabei helfen, ihre Anpassungsfähigkeit zu erhöhen", so der Wissenschaftler. Ihre wichtigste Aufgabe sei jedoch, den Klimawandel so weit wie möglich zu bremsen, indem sie schlicht weniger Treibhausgase produzierten. Andere gut gemeinte Reaktionen könnten das Konfliktrisiko sogar noch erhöhen. Dazu gehört unter anderem der verstärkte Wechsel zu Agrarbrennstoffen, deren Anbauflächen Ackerland in Anspruch nehmen, das nicht mehr für die Nahrungsmittelproduktion zur Verfügung steht.

Geoengineering könnte es den Menschen ermöglichen, die Erwärmung zu kontrollieren, obwohl weiter Kohlendioxid freigesetzt wird. Auf den ersten Blick scheint es für die Menschheit durchaus komfortabel, selbst das Klima bestimmen zu können. Dem möglichen Einsatz von Geoengineering stehen Friedensforscher Brzoska ebenso wie Jürgen Scheffran aber skeptisch gegenüber. "Es wäre schon für zwei Individuen schwierig, sich zu einigen, welches Klima sie gerne hätten, umso mehr gilt das für zwei Nationen", sagt Scheffran. Konflikte wären schon in der Planung der Projekte vorprogrammiert. Die Folgen von Geoengineering sind ebenso schwer vorhersagbar wie die des Klimawandels. "Geoengineering sollte immer nur ein Notfallplan bleiben, für den Fall, dass alle anderen Bemühungen scheitern", sagt Brzoska.

Militärische Interventionen wie die Verstärkung von Grenzen oder Interventionen in instabilen Staaten könnten die Zukunftsszenarien in sich selbst erfüllende Prophezeiungen verwandeln. Bislang gibt es noch kaum Beweise, dass der Klimawandel überhaupt Gewalttaten begünstigt: Panikmache ist also momentan überhaupt nicht angebracht. An vorausschauende Strategien zur Vermeidung zukünftiger Konflikte darf die Weltgemeinschaft dennoch gerne arbeiten.