"Es ist nur ein kleiner Schritt für mich, aber ein großer Sprung für die Menschheit." Als dieser Satz am 21. Juli 1969 – stark verrauscht und schwer verständlich – über den Äther ging, erfüllte sich der Lebenstraum eines der vielleicht umstrittensten Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts. Möglich gemacht hatte diesen "kleinen Schritt" des US-amerikanischen Astronauten Neil Armstrong auf dem Mond ein Raketentechniker, der sich seine Sporen in der dunklen Zeit des Nationalsozialismus verdient hatte: Wernher von Braun.

Amerikanisches Banner auf dem Mond
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Für die einen bleibt er das wissenschaftliche Genie, das durch seine vorbildliche Hartnäckigkeit die Menschheit in sprichwörtlich unerreichte Höhen katapultierte. Die anderen sehen in ihm einen kaltblütigen Erfüllungsgehilfen des Dritten Reichs, der den Tod tausender Menschen für seine Ziele wissentlich in Kauf nahm. Mit Wernher von Braun, der vor 30 Jahren am 16. Juni 1977 gestorben ist, bleiben zwei Raketen verbunden: das Mondraumschiff "Saturn 5" und die Massenvernichtungswaffe "V2".

Zu fantastisch

Vielleicht begann alles mit einer abgelehnten Doktorarbeit: "Die Rakete zu den Planetenträumen" – unter diesem Titel hatte der aus Österreich-Ungarn stammende Physiker Hermann Oberth (1894-1989) seine Ideen zu einer mit flüssigen Treibstoffen betriebenen Fernrakete zu Papier gebracht. Die Universität Heidelberg hatte seinen Dissertationsentwurf als zu fantastisch abgelehnt; Oberth konnte erst 1923 nach langer Suche einen Münchner Verlag dazu bewegen, das Werk zu veröffentlichen – wobei der Autor die Druckkosten selbst übernehmen musste.

Dieses Buch sollte das Denken eines 13-jährigen Knaben maßgeblich beeinflussen. Der am 23. März 1912 in Wirsitz in der preußischen Provinz Posen geborene Wernher Magnus Maximilian Freiherr von Braun war 1925 auf das Hermann-Lietz-Internat Ettersburg bei Weimar geschickt worden – wegen schlechter Leistungen in Mathematik und Physik. Der junge Wernher, der die utopischen Romane von Jules Verne verschlungen hatte, verstand aus Oberths schwer verdaulichem Fachbuch zunächst nichts. Er ahnte nur, dass seine Träume von fernen Welten im All hier eine reale Grundlage fanden. Fortan bemühte er sich, in Mathematik zu glänzen und bestand schließlich 1930 das Abitur.

Frau im Mond

In der Zwischenzeit hatte Oberth zwar noch keine Technik-, dafür aber schon Filmgeschichte geschrieben: 1928 diente er Fritz Lang als wissenschaftlicher Berater für den Spielfilm "Frau im Mond". Am 23. Juli 1930 bewies er endlich die Machbarkeit seiner Ideen – das von ihm ersonnene Flüssigkeitstriebwerk funktionierte einwandfrei. An den Tüfteleien des Raketenbauers mitgewirkt hatte der junge Student Wernher von Braun von der Technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg, der auch im "Verein für Raumschiffahrt" Gleichgesinnte für seine fernen Ziele fand.

Kapitulation
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Die Aktivitäten des Raketentüftlers blieben nicht unbemerkt: Am 1. Oktober 1932 trat der zwanzigjährige, frischgebackene Ingenieur in die Dienste des Heereswaffenamts ein. Als Zivilangestellter assistierte er Hauptmann Walter Dornberger (1895-1980) an der Versuchsstelle für Flüssigkeitsraketen in Kummersdorf, dreißig Kilometer südlich von Berlin. Dornberger hatte dem "Verein für Raumschiffahrt" finanzielle Förderung angeboten – unter der Bedingung von Geheimhaltung und militärischer Ausrichtung der Raketenentwicklung. Der Verein lehnte ab, von Braun akzeptierte.

1934 reichte von Braun seine Doktorarbeit in Physik ein. Die Dissertation mit dem Titel "Konstruktive, theoretische und experimentelle Beiträge zu dem Problem der Flüssigkeitsrakete" wurde sofort als "geheime Kommandosache" klassifiziert und durfte nicht veröffentlicht werden. Die Zeiten hatten sich inzwischen geändert: Seit 1933 bestimmten Adolf Hitlers Nationalsozialisten das Geschehen.

Max und Moritz

Von den politischen Ereignissen in Deutschland unberührt, bastelte von Braun weiter an seinen Raketenträumen. Die technischen Probleme blieben gewaltig: Der erste Entwurf – "Aggregat 1" oder kurz A1 genannt – scheiterte kläglich. "Es kostete uns genau ein halbes Jahr, sie zu bauen", erinnerte sich von Braun später, "und genau eine halbe Sekunde, sie in die Luft zu jagen." Doch Ende 1934 war der Durchbruch geschafft: Zwei A2-Raketen, die von Braun liebevoll "Max" und "Moritz" nannte, erreichten eine Höhe von 2200 Metern.

Inzwischen hatte sich das Gelände von Kummersdorf als zu klein herausgestellt. Im Mai 1937 zog die Truppe auf die Ostseeinsel Usedom – und sollte damit ein winziges Fischerdorf weltberühmt machen: In Peenemünde entstand unter strengster Geheimhaltung eine Großforschungseinrichtung der Luftwaffe. Am 15. Mai wurde Wernher von Braun – der kurz darauf einen Antrag auf Mitgliedschaft in der NSDAP stellte – zum Technischen Direktor des Werkes Ost der Versuchsanstalt ernannt.

Der Beginn des 2. Weltkriegs am 1. September 1939 sollte die Arbeit am Ostseestrand forcieren.
Dieser 3. Oktober 1942 ist der erste Tag eines Zeitalters neuer Verkehrstechnik"
(Walter Dornberger)
Und so kratzte 1942 von hier aus zum ersten Mal eine Rakete an den Grenzen des Alls: "Aggregat 4" erreichte eine Gipfelhöhe von 85 Kilometern. "Wir haben bewiesen, dass der Raketenantrieb für die Raumfahrt brauchbar ist", verkündete Walter Dornberger stolz. "Dieser 3. Oktober 1942 ist der erste Tag eines Zeitalters neuer Verkehrstechnik, dem der Raumfahrt."

Von A4 zu V2

Auch Rüstungsminister Albert Speer zeigte sich begeistert – und konnte jetzt den lange skeptisch gebliebenen Hitler von der "Nützlichkeit" des Projekts überzeugen. A4 verwandelte sich in V2, der "Vergeltungswaffe 2", deren Massenproduktion sofort in Angriff genommen wurde.

Doch ein Luftangriff der Royal Air Force im August 1943 begrub zunächst die Pläne von der neuen "Wunderwaffe" – die Produktionsstätte sollte nun in sichere Gefilden verlagert werden. Die Wahl fiel auf ein Stollensystem bei der thüringischen Ortschaft Nordhausen. Arbeitskräfte waren für die NS-Leitung kein Thema, lag doch das KZ Buchenwald in unmittelbarer Nähe. So gründete die SS – zu diesem Kreise gehörte seit 1940 auch von Braun – das "Arbeitslager Dora", das im Oktober 1944 zum selbstständigen KZ Mittelbau aufgewertet wurde.

Bis zum 18. März 1945 wurden in die Mittelbau-Lager schätzungsweise 60 000 Häftlinge verschleppt, die unter mörderischen Bedingungen insgesamt 5784 V2-Raketen montierten. Die wenigsten überlebten die Prozedur: Allein in den SS-Akten sind 12 000 Tote "offiziell" vermerkt. Vermutlich mussten mehr als 20 000 Menschen den Raketenbau mit ihrem Leben bezahlen.

Nicht sehr beglückt

Militärisch konnte die V2-Rakete den Krieg nicht mehr entscheiden; der erste Angriff auf Paris am 8. September 1944 verursachte nur Sachschaden. Härter traf es die Antwerpener, die fast 1000 Mal beschossen wurden, sowie die Londoner, die über 400 Mal unter dem V2-Terror leiden mussten. Insgesamt starben durch den Beschuss schätzungsweise 8000 Menschen – die Produktion der Waffe forderte damit weit mehr Opfer als ihr Einsatz.

Wernher von Braun soll über den militärischen Einsatz seiner Rakete "nicht sehr beglückt" gewesen sein – betrachtete ihn schlicht aber als notwendiges Übel. "Wir wollen nicht vergessen, dass diese Schüsse nur den Anfang einer neuen Epoche markieren – das Zeitalter des Fluges mit Raketentechnik", tröstete er seine Mitarbeiter. "Wir müssen uns damit abfinden: Es handelt sich um die Demonstration der traurigen Tatsache, dass so viele neue Entwicklungen zu nichts führen, wenn sie vorher nicht als Waffe verwendet werden."

Diese Skepsis ist übrigens auch den Machthabern nicht entgangen: Am 13. März 1944 verhaftete ihn die SS, da er sich mehr mit Raumfahrt als mit Waffenentwicklung beschäftigt haben soll. Doch auf Geheiß von Speer und Dornberger wurde von Braun wieder entlassen.

Inwieweit Wernher von Braun über die Arbeitsbedingungen im KZ Mittelbau informiert war, bleibt unklar. Er selbst hat immer jegliche Kenntnis abgestritten, doch es erscheint schwer vorstellbar, dass ihm bei zahlreichen Inspektionen der unterirdischen Fabrik das Elend der Häftlinge verborgen geblieben ist.

Unternehmen Büroklammer

Doch dieses Problem sollte ihn nicht weiter belasten. Mit dem Untergang des Dritten Reichs setzten sich von Braun und seine Getreuen nach Süddeutschland ab. Am 2. Mai 1945 stellte er sich in dem bayrischen Dorf Oberjoch den US-Truppen – mit klaren Absichten, wie er später bekannte: "Mein Land hat zwei Weltkriege verloren. Diesmal möchte ich auf der Seite der Sieger stehen."

Traute Familie
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Die Amerikaner wussten den Wert ihrer "Beutedeutschen" durchaus zu schätzen. Im Juli 1945 begann das Unternehmen "Overcast" (Verdunkelung), das die "Ausnutzung einer beschränkten Anzahl deutscher Wissenschaftler durch die USA" vorsah. Die Karteikarten aller geeigneten Kandidaten wurden mit einer Büroklammer (engl. paperclip) markiert, weswegen die Aktion später auch offiziell den Titel "Paperclip" trug.

Am 18. September 1945 landete Wernher von Braun zusammen mit zunächst sechs weiteren Deutschen in den USA. Nach und nach folgte der Rest der Peenemünder Kernmannschaft, die auf dem Versuchsgelände White Sands nördlich von El Paso ihre Arbeit wieder aufnehmen konnten. Schon 1950 verließen sie das zu klein gewordene texanische Areal und schufen in der Nähe von Cape Canaveral in Florida ein neues Langstrecken-Versuchsgelände.

Die Ingenieure mussten sich nicht groß umstellen, ihre Tätigkeit blieb weiterhin militärisch.
"Diesmal möchte ich auf der Seite der Sieger stehen"
(Wernher von Braun)
Der sich inzwischen verschärfende Kalte Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion tat sein Übriges: Die am 1. November 1952 gezündete erste amerikanische Wasserstoffbombe rückte Raketen als geeignetes Trägersystem in das Interesse der Militärs. Schließlich spielte deren Zielungenauigkeit angesichts der ungeheuren Zerstörungskraft der Bombe keine Rolle mehr.

Wurm der Zersetzung

Wernher von Braun, der sich schnell als US-Amerikaner fühlte – und schließlich 1955 auch eingebürgert wurde –, sah sich auf der richtigen Seite. "Die sowjetische Herausforderung erstreckt sich ohne den Schatten eines Zweifels auch auf militärische Technologie", begründete er die forcierte amerikanische Aufrüstung. "Man hat es nicht mehr nur mit einer 'roten Bedrohung' zu tun, die in der ausschließlichen Verantwortung von Generälen und Staatsmännern liegt. Dieser Wurm der Zersetzung beginnt in jeden Aspekt unserer Kultur und unserer Wirtschaft hineinzukriechen."

Von Braun und Kennedy
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Das Wirken des Deutschen zeigte Früchte: Am 20. August 1953 schoss eine Redstone-Rakete von Cape Canaveral in den Himmel – die erste vollständig in den USA entwickelte, aber noch auf der V2-Technologie basierende Großrakete mit Flüssigtreibstoff und die erste einsatzfähige nuklear-bestückte Mittelstreckenrakete.

Das Wettrüsten ließ für eine zivile Nutzung der Raketentechnik kaum noch Platz. Auch das Internationale Geophysikalische Jahr 1957/58 ging fast unter – bis am 4. Oktober 1957 ein leises "Piep-piep" aus dem All die westliche Welt erschüttern sollte. "Sputnik 1", der erste von Menschenhand geschaffene Körper in einer Erdumlaufbahn, ließ die Sowjetunion triumphieren.

Wettlauf zum Mond

Von nun an war klar, dass auch die UdSSR technologisch mindestens auf Augenhöhe stand – wobei von Brauns sowjetischer Gegenspieler Sergej Koroljow im Geheimen wirkte. Die USA hatten Mühe mitzuhalten; der erste Versuch, einen Satelliten ins All zu schießen, scheiterte kläglich. Erst am 31. Januar 1958 platzierte von Brauns Jupiter-C-Rakete den US-Satelliten "Explorer 1" in die Umlaufbahn.

Auch bei der Herausforderung einen Menschen ins All zu befördern, hatte die Sowjetunion die Nase vorn: Am 12. April 1961 umrundete Juri Gagarin als erster Mensch die Erde, sein amerikanischer Kollege Alan Shepard folgte am 5. Mai – allerdings "nur" auf einer suborbitalen Bahn.
"Diese Nation sollte sich zum Ziel setzen, noch vor Ende dieses Jahrzehnts einen Menschen auf den Mond zu bringen"
(John F. Kennedy)
Kurz darauf verkündete US-Präsident John F. Kennedy den Wettlauf zum Mond: "Ich glaube, dass sich diese Nation zum Ziel setzen sollte, noch vor Ende dieses Jahrzehnts einen Menschen auf den Mond zu bringen und ihn wieder sicher auf die Erde zurückzuholen."

Die hierfür bereits 1958 geschaffene zivile Luft- und Raumfahrtbehörde, die Nasa (National Aeronautics and Space Administration), berief 1960 von Braun zum Direktor des Marshall Space Flight Center in Huntsville, um ein geeignetes Trägersystem für den Mondflug zu entwickeln. In seinem Tross folgten 4670 Angestellte, die zuvor militärische Raketen konstruiert hatten.

Saturn 5
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Lange blieb umstritten, wie ein Mensch den Erdtrabanten erreichen sollte. Denn mit einer einzigen Rakete, die zum Mond fliegt, hier landet und dann wieder zur Erde zurückdüst, war das Ziel technisch kaum zu erreichen. Von Braun favorisierte, die Einzelteile des Mondraumschiffs in der Erdumlaufbahn zusammenzubauen. Durchgesetzt hatte sich schließlich – gegen den ausdrücklichen Rat des deutschen Ingenieurs – die technisch einfachere, aber für die Besatzung deutlich riskantere Variante mit einer Mondlandefähre, die von einer kompletten Einheit zur Umlaufbahn des Mondes katapultiert wird und erst hier – weit weg von der rettenden Erde – vom Trägersystem ab- und nach der Stippvisite auf dem Trabanten wieder ankoppelt.

… das Wetter

Erst nach schweren Rückschlägen, wie der Feuerkatastrophe vom 27. Januar 1967, als die Astronauten Edward White, Virgil Grissom und Roger Chaffee in ihrer Kapsel auf der Startrampe verbrannten, konnte am 16. Juli 1969 eine Saturn-5-Rakete Richtung Mond starten. In ihrem Gepäck: die Apollo-11-Besatzung Neil Armstrong, Edwin Aldrin und Michael Collins.

Wernher von Braun
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Nach diesem Gipfel sank der Stern des Raketenbauers. Die amerikanische Regierung verlor nach ihrem Triumph zunehmend das Interesse an der Mondfahrt. Das Apollo-Programm endete 1972, und viele Mitarbeiter im Nasa-Hauptquartier in Washington, wohin von Braun 1970 versetzt wurde, sperrten sich gegen den "Ex-Nazi". Frustriert verließ er am 10. Juni 1972 die Raumfahrtbehörde und arbeitete als Vizepräsident bei der Raumfahrtfirma Fairchild in Germantown. Ende des Jahres 1976 ging er in den Ruhestand, ein halbes Jahr später starb Wernher von Braun in Alexandria bei Washington an Magenkrebs.

Drei Jahrzehnte nach dem Tod des Konstrukteurs träumen US-amerikanische Präsidenten wieder vom Mond – als Zwischenetappe für den großen Sprung zum Mars. Von Braun, der immer nach den Sternen greifen wollte, wäre vermutlich begeistert. Doch vielleicht wirken sich die Leistungen des Ingenieurs heute viel erdverbundener aus: Wernher von Brauns Technik realisierte nicht nur Massenvernichtungswaffen in Form nuklearer Mittelstrecken- und Interkontinentalraketen – sie ermöglichte auch die heute selbstverständliche Satellitenbeobachtung der Erde, die uns beispielsweise jeden Tag beim Wetterbericht präsentiert werden.