Ein verblüffender Trend scheint sich in Forschungsdaten zu medizinischen Studien der letzten Jahre zu bestätigen: Offenbar wirken bei klinischen Studien zumindest in den USA Placebos – also inhaltslose Scheinmedikamente – immer besser gegen Schmerzen. Das könnte womöglich bedeuten, dass die Wirksamkeit der neuen Schmerzmittel, die in diesen Versuchen zum Vergleich ebenfalls getestet wurden, immer schlechter einzuschätzen ist. Diese Interpretation ist bisher zwar nicht belegt und schwer zu überprüfen, macht aber vor allem Pharmaforschern Sorgen, die intensiv nach neuen, wirksameren Medikamenten suchen.

Wie Medizinstatistiker bereits vor einigen Jahren aus Daten herausgelesen haben, schlugen in klinischen Studien zur Wirksamkeit von Antidepressiva und Antipsychotika schon die eingesetzten Placebos so gut an, dass dies die Einschätzung der Wirkung von Testmedikamenten deutlich erschwerte. Eine ähnliche Auswertung haben nun Jeffrey Mogil von der McGill University in Montreal und seine Kollegen durchgeführt, um die Wirksamkeit von Placebos und neuen Schmerzmitteln zu vergleichen. Dafür analysierten sie 84 klinische Studien über Medikamente gegen chronische Neuropathien nochmals, die zwischen 1990 und 2013 durchgeführt worden waren. Ihre Schlussfolgerung: Auch bei Schmerzmitteltests wirken Placebos eher zu gut.

Was für Patienten verheißungsvoll klingt, sorgt in der Schmerzmittelentwicklung allerdings für Probleme. Das Ergebnis "hat uns ziemlich aus den Socken gehauen", meint Mogil. Tatsächlich wirken die Scheinmedikamente häufig ähnlich gut wie die neuen experimentellen Schmerzmittel, gegen die sie in den Versuchen antraten. Vielleicht verstärkt sich dieser Trend gerade bei länger andauernden Studien, vermutet Mogil: Im Lauf der Zeit würden die Probanden unter dem Einfluss des Placebos spüren, dass dieses wirke, was den Effekt dann verstärke.

Das könnte auch erklären, warum die Wirksamkeit von Placebos in vielen Studien in den letzten Jahrzehnten zuzunehmen scheint: In den USA, wo alle neu analysierten Studien durchgeführt wurden, nahm über die Jahre die Dauer der einzelnen Studien immer mehr zu. Passend dazu zeigt sich seit 1996 eine zunehmende Wirksamkeit von Placebos, nicht aber von neuen Medikamenten: Wenn man die Selbstauskunft der an Studien teilnehmenden Patienten auswertet, werden die Wirkungen allmählich ähnlicher. Auch dies könnte am Ende ein Grund dafür sein, dass in den letzten Jahren immer weniger neue Schmerzmittel entwickelt werden, obwohl Pharmafirmen wie Patienten daran großes Interesse haben.

Mogil und Kollegen möchten den Zusammenhang nun weiter untersuchen. Zu viel sei bei Placeboeffekten noch ungeklärt – etwa, wie sich die Placebowirkung und die Wirkung eines neu entwickelten Medikaments gegenseitig beeinflussen. Spannend sei auch, dass die Beobachtung der immer besseren Wirkung von Placebos bisher nur in US-Studien zu erkennen ist. Hier hat man aber in den letzten Jahren vor allem Placebos eingesetzt, die optisch zunehmend auffällig gestaltet waren. Schon das erklärt vielleicht, warum sie immer besser wirkten. Auch dies näher zu untersuchen, könnte Schmerzpatienten in Zukunft helfen.