Wer europäische Gene hat, verträgt häufig auch Milch: Eine Mutation sorgt dafür, dass sein Stoffwechsel nicht nur im Kleinkind-, sondern auch im Erwachsenenalter Milchzucker zerlegen kann, ohne dass dies eine ernsthafte Unverträglichkeitsreaktion nach sich zieht. Ähnliche Gene für "Laktase-Persistenz" finden sich außerhalb Europas allerdings viel seltener, und Forscher fragen sich, warum. Waren die Vorfahren der Europäer vielleicht stärker als andere auf Milch als Nahrungsergänzung angewiesen? Lag es womöglich daran, dass die Menschen im vergleichsweise sonnenarmen Norden mehr Kalzium benötigten und die Milchviehwirtschaft daher überlebenswichtig wurde? Ganz so einfach war es nicht, meinen nun Oddny Sverrisdottir von der Universität Uppsala und ihre Kolleginnen.

Tatsächlich liefert Milch Kalzium und auch geringe Mengen an Vitamin D, das vor allem in der dunklen Jahreszeit vom Körper nicht in ausreichender Menge produziert wird. Besonders für die in den dunkleren Norden ziehenden Menschen der Jungsteinzeit, so Sverrisdottir, "hätte Milch ja ein neuer Superdrink gewesen sein können", der nach der Erfindung der Viehzucht im Rahmen der neolithischen Umwälzung große Vorteile bescherte. Die Forscher testeten diese Hypothese nun aber mit Genanalysen an alter DNA und stellten fest, dass es andere Gründe für die rasante Verbreitung der Laktase-Persistenz gegeben haben muss.

Laktase-Enzym
© Curry, A.: The milk revolution. In: Nature 500, S. 20-22, 2013; Karte: Leonardi, M. et al.: The evolution of lactase persistence in Europe. In: International Dairy Journal 22, S. 88-97, 2012
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernLaktasepersistenz im Vergleich
Nur ein Drittel der Menschheit kann auch im Erwachsenenalter Milchzucker mit dem Enzym Laktase verdauen. In Europa liegt die Zahl weitaus höher (dunkelblau) als andernorts.

Dies zeigt sich vor allem daran, dass die häufigste zur Laktosetoleranz führende Mutation in Europa, LCT-13910*T, im Neolithikum auch auf der damals wie heute sonnigen Iberischen Halbinsel verbreitet war: In acht von acht untersuchten menschlichen Skeletten von dort einst lebenden Jungsteinzeitmenschen fand sich die Laktase-Persistenz-Mutation. Nachträgliche Analysen von schon früher erhobenen Genanalysen zeigen überdies, dass auch im Gebiet des heutigen Frankreichs zumindest einige Erwachsene schon in der Steinzeit Milchzucker vertrugen. Modelliert man die Verbreitung der Mutation, so zeigt sich, dass diese sich wohl schnell im Süden wie Norden verbreitet haben muss.

Auch in von der Sonne verwöhnten Regionen muss die Mutation also einen so entscheidenden Vorteil gehabt haben, dass sie sich im Genpool der Europäer in einem natürlichen Selektionsprozess nach und nach durchgesetzt hat. Dabei steht übrigens fest, dass auch laktoseintolerante Erwachsene von der Milchwirtschaft profitiert haben – sie konnten und können fermentierte Milchprodukte wie Käse oder Jogurt problemlos zu sich nehmen. Auch unfermentierte Milch trinken zu können, war allerdings womöglich gerade in Zeiten des Hungers für die frühen Bauerngemeinschaften überlebensnotwendig: Ihr neuer Lebenserwerb war weniger gut planbar als die althergebrachte Lebensweise nomadischer Jäger und Sammler. Unter diesem Selektionsdruck verschwand die – in weniger fordernden Weltgegenden unverändert vererbte – Laktoseintoleranz der Erwachsenen nun womöglich schnell, spekulieren die Forscher.