Nachrichten | 02.02.2012 | Drucken | Teilen

Interview

"Der Reichskanzler erhält seine Stimme zurück"

Der Reichskanzler erhält seine Stimme zurück

Fast 50 Jahre lang lagen zwölf Phonographenwalzen vergessen in einem US-Archiv. Dass auch die einzige Stimmaufnahme des Reichskanzlers Otto von Bismarck aus dem Jahr 1889 darunter ist, fanden jüngst der US-amerikanische Medienhistoriker Patrick Feaster von der Indiana University in Bloomington und der deutsche Laboringenieur Stephan Puille von der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft heraus. Gemeinsam haben sie die Tonwalzen digitalisiert, die Aufzeichnungen transkribiert und schließlich die Sprecher identifiziert.

epoc sprach mit dem Historiker Ulrich Lappenküper, Geschäftsführer der Otto-von-Bismarck Stiftung in Friedrichsruh, über den sensationellen Fund.


epoc: Die Stimmen Bismarcks und Moltkes haben sich auf über 120 Jahre alten Tonwalzen erhalten. Wo befanden sich diese Aufnahmen?

Ulrich Lappenküper: Die Tonbandaufnahmen wurden schon im Jahr 1957 im Archiv des Edison National Historic Park in New Jersey entdeckt, blieben aber über Jahrzehnte hinweg unbeachtet. Im letzten Jahr gelangten sie in die Hände eines Tontechnikers, der mit Hilfe der neuesten technologischen Möglichkeiten die Walzen wieder "zum Sprechen brachte". Dass sich dahinter aber ein regelrechter Schatz versteckt, konnte keiner ahnen und stellt für unsere Stiftung eine Sensation dar – die Stimmen des Reichskanzlers Fürst Otto von Bismarck und des Generalfeldmarschalls Graf Helmuth von Moltke aus dem Jahr 1889. Bismarck, einer der bedeutendsten Staatsmänner von europäischem Rang, erhält 114 Jahre nach seinem Tod seine Stimme zurück! Zudem enthalten diese Walzen die bislang einzigen bekannten Tonbandaufnahmen des Reichskanzlers und seines Generalfeldmarschalls.


Die Aufnahmen befanden sich im Nachlass des US-amerikanischen Erfinders Thomas Edison. Wie kam es dazu, dass Edison gerade Aufnahmen von deutschen Politikern und Militärs anfertigen ließ?

Vorneweg, stellt es für uns keine Überraschung dar, dass diese Tonwalzen in diesem Archiv in den USA gefunden wurden. Thomas Edison beauftragte seinen Mitarbeiter Adelbert Wangemann nach Europa zu fahren, um für das neue Gerät Werbung zu machen. In der damaligen Zeit stellte der Phonograph eine technische Sensation dar und sollte zunächst auf der Weltausstellung in Paris vorgeführt werden. Auf Einladung Kaiser Wilhelms II. stellte er diesem auch das hochmoderne Gerät vor, der schnell davon begeistert war. Nachdem Wangemann die Technologie auch dem Reichskanzler und später dem Generalfeldmarschall präsentierte, brachte er den Phonographen wieder zurück zu Edison in die USA. Die Walzen wurden archiviert und vergessen – eigentlich kein ungewöhnlicher Vorgang.


Wieso überraschte es Sie nicht, dass sich die Walzen in diesem Archiv befanden?

Aus Presseberichten und anderen zeitgenössischen Berichterstattungen waren uns diese Tonaufnahmen schon bekannt und wir vermuteten sie auch dort. Darum haben wir als Stiftung bereits Kontakt mit dem Edison National Historic Park aufgenommen. Bislang aber immer wieder eine Absage erhalten, dass nichts in der Richtung vorläge. Dabei wussten die Mitarbeiter schlicht nicht, dass sich in einer Holzkiste, die ungenügend beschriftet war, jene Walzen befanden – mit einigen der ältesten Tonbandaufnahmen weltweit! Die bislang frühesten bekannten Aufnahmen stammen aus dem Jahr 1888 und es sind nicht allzu viele aus dieser Zeit bekannt.


Wie interpretieren Sie den Inhalt der Aufnahmen von Bismarck?

Es ist davon auszugehen, dass die Aufzeichnung spontan passierte. Das könnte auch das Aufsagen von fünf kurzen Gedichten und Liedern erklären. Dennoch bleibt es auf den ersten Blick verwunderlich, dass keine politischen Verlautbarungen dabei sind. Bismarck stand ja im letzten Jahr seiner politischen Laufbahn. Doch beweist er an dieser Stelle Humor. Die lediglich einminütige Aufnahme beginnt mit einem populären amerikanischen Volkslied, es folgen ein paar Zeilen von Ludwig Uhland, daraufhin ein lateinisches Studentenlied. Dass Bismarck die Marseillaise zitiert, ist für jeden Wissenschaftler merkwürdig. Die Beziehung des Reichskanzlers zu den französischen Nachbarn stand ja auf eher wackeligen Beinen. Am Ende gibt er seinem Sohn den Ratschlag, dass er alles in Maßen genießen sollte, das Arbeiten, das Essen und Trinken, was – um es vorsichtig auszudrücken – aber nicht unbedingt den Gewohnheiten des Vaters entsprach.


Welche historische Relevanz hat diese Entdeckung?

Meiner Meinung nach ist die historische Relevanz auf mehreren Ebenen zu suchen. Zuerst hat der Reichskanzler seine Stimme wieder gefunden. Bislang kannten wir sie nur aus schriftlichen Beschreibungen. Zudem zeichnet der Fund der Tonwalzen ein neues Bild von Bismarck. Demnach war er neuen Techniken gegenüber offen, wissbegierig und auch neugierig. Auch wenn es vermutlich einiger Überzeugungsarbeit von Seiten Wangemanns benötigte, so ließ sich der Staatsmann schließlich doch auf einen kleinen literarischen Nachlass ein. Hinzu kommt, dass in den schriftlichen Quellen seine Stimme als eher hoch, fistelig und untypisch für solch einen strammen Körper beschrieben wurde. Nun haben wir die Chance uns ein eigenes Bild zu machen. Ich nehme seine Stimme als kräftig wahr. Nichtsdestotrotz sind die Aufnahmen eine Sensation! Sie werfen ein neues Licht auf die historische Person Bismarck, das seinem bisherigen Bild widersprechen könnte.


Das Gespräch führte Simone Brändlin.

© epoc
Die Tonbandaufnahme von Bismarck und die übrigen Aufzeichnungen können Sie sich hier anhören.
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