Ein ganz und gar eigentümliches Bestiarium herrschte in diesem Land lange vor unserer Zeit – im Miozän Patagoniens: Riesenfaultiere, größer und schwerer als Afrikanische Elefanten, zogen durch die Ebenen der La-Plata-Senke und grasten dort neben Glyptodon, dem Riesengürteltieren im VW-Bus-Format. Ihnen lauerte Thylacosmilus auf, ein dem heutigen Leoparden vergleichbares Beuteltier, dessen lange säbelformige Reißzähne nachwuchsen.

Die Herrscher der Pampa waren aber Federtiere mit dem bezeichnenden Namen Terrorvögel (Phorusrhacidae), frühe Verwandte der modernen Kraniche. Sie konnten nicht fliegen und erbeuteten ihre Nahrung zu Fuß, ähnlich wie es der afrikanische Sekretär (Sagittarius serpentarius) noch immer tut. Verglichen mit den Urzeitjägern ist dieser Greifvogel aber eher ein Hänfling, denn Brontornis burmeisteri beispielsweise ragte bis zu drei Meter Höhe auf und wog eine halbe Tonne. Und wo sich der schmächtige Neuzeitgreif mit Schlangen oder Mäusen zufrieden gibt, erlegte der Schrecken des Miozäns wohl selbst Tiere wie den immerhin tapirähnlichen Astrapotherium magnum per Fußtritt.

Wie die Terrorvögel ihrer Beute nachstellten, verliert sich allerdings im Rauschen der Zeitgeschichte: Waren sie ausdauernde Jäger, die ihrer Nahrung nach längeren Verfolgungsrennen erlegten? Oder bevorzugten sie die Attacke aus dem Hinterhalt mit Überraschungsmoment, die dem Opfer wenig Chancen zur Flucht ließ? Das hing wohl von der Art ab, so die bisherige profane Antwort. Die kleineren Spezies wie Patagornis marshi waren wendige Sprinter, die wie Geparden agil und in hoher Geschwindigkeit das ins Auge gefasste Nagetier auf der Flucht stellten. Brontornis burmeisteri oder Phorusrhacos longissimus hingegen zollten ihrer enormen Größe Tribut und auch der Körpermasse: Die damit eingeschränkte Beweglichkeit sollte sie zum allenfalls opportunistischen Beutegreifer degradieren.

Da gut erhaltenes Material großer Arten nur selten auftaucht, beruhten derartige Interpretationen der Paläontologen auf hochgerechneten Werten von gut erhaltenen Fossilien der kleineren Verwandtschaft. Ein Schädelanalyse von Luis Chiappe und Sara Bertelli vom Naturhistorischen Museum in Los Angeles könnte die gängige Ansicht zu den Terrorvögeln nun allerdings revidieren. Denn erstmals wurde jetzt ein nahezu vollständig erhaltener, versteinerter Kopf eines großen Phorusrhaciden ausgegraben – mit einem Durchmesser von 716 Millimetern von der Schnabelspitze bis zum Nackenansatz bietet BAR 3877-11, so der Arbeitsname des Fossils, den größten bislang bekannten Vogelschädel.

Auch BAR 3877-11 machte im mittleren Miozän Patagonien unsicher, und sein Schnabel war offensichtlich eine fürchterliche Waffe, denn er allein nimmt schon die Hälfte des Schädels ein. Bewegt wurde dieses Beißwerkzeug durch ausgedehnte kräftige Muskeln, die auf dem Knochen entsprechend starke narbenartige Spuren hinterlassen haben. Der Schnabel und der Rest des Schädels sind jedoch weniger wuchtig als ein zum Vergleich herangezogener, jedoch nur fragmentarisch vorhandener Kopf von Devincenzia pozzi – eine ähnlich große Terrorvogelart, deren Haupt immerhin auch 600 Millimeter Länge übertraf.

Gleichzeitig spürten die Forscher auch noch einige Zehenglieder sowie einen Mittelfußknochen des Tiers auf, mit deren Hilfe sie die Größe des Trägers von BAR 3877-11 errechneten. Um mindestens zehn Prozent übertraf er demnach noch Brontornis burmeisteri und Phorusrhacos longissimus, der ursprünglich immerhin Pate für den Namen "Terrorvogel" stand. Im Gegensatz zu diesen beiden schien das neue Familienmitglied jedoch deutlich schlanker gewesen zu sein, denn sein Mittelfußknochen ist nicht nur lang, sondern für diese Dimension auch noch sehr schmal, sodass er nach Ansicht von Chiappe und Bertelli kein zu hohes Gewicht tragen konnte.

Die wahrscheinlich neue Art hatte also nicht nur den imposantesten Schnabel aller jemals bekannten Vögel, sondern war dazu auch noch sehr agil und wendig – keine erfreulichen Aussichten für die potenzielle Beute, aber eines Herrschers der Pampa durchaus würdig.