Autofahrer behalten heutzutage viel länger den Durchblick als noch vor ein paar Jahrzehnten. Denn wer früher im Sommer über Land fuhr, konnte danach erst einmal zum Insektenschwamm greifen und die Windschutzscheibe säubern. Inzwischen aber ist die Zahl der Insekten, die auf diese Weise ihr Leben verlieren, deutlich zurückgegangen. Ist das ein Indiz für den Artenschwund in dieser Tiergruppe, den Naturschützer beklagen? "Nicht unbedingt", meint der Ökologe Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Halle. "Es hat auch mit dem Design moderner Autos zu tun." Heutige Modelle sind nämlich wesentlich windschlüpfriger als ihre Vorgänger. Daher hat das in der Luft schwirrende Kleingetier bessere Chancen, über das Fahrzeug hinweggetragen zu werden und mit dem Leben davonzukommen. Entwarnung in Sachen Insekten-Rückgang kann Josef Settele allerdings trotzdem nicht geben. "Es gibt da durchaus Besorgnis erregende Entwicklungen", bestätigt der Forscher. Nur erkennt man die eben nicht einfach beim Blick auf die Autoscheibe.

Die Demografie der Schmetterlinge

Sich ein realistisches Bild vom Zustand der Insektenwelt zu verschaffen, erfordert einigen Aufwand und jahrelange Forschungsarbeit. Es gilt, die Trends der Bestandsentwicklung über möglichst große Gebiete und lange Zeiträume zu verfolgen. Zu den wenigen Insektengruppen, bei denen das bisher gelungen ist, gehören die Tagfalter. Denn die attraktiven und auffälligen Tiere lassen sich relativ leicht beobachten, und mit etwas Übung können auch Laien die meisten der etwa 170 in Deutschland vorkommenden Arten auseinanderhalten.

Daher haben Josef Settele und seine Kollegen vom UFZ im Jahr 2005 ein Mitmachprojekt gestartet, bei dem sich jeder Interessierte als Schmetterlings-Volkszähler betätigen kann. Im Rahmen des "Tagfalter-Monitoring Deutschland" gehen bundesweit mittlerweile rund 500 Freiwillige regelmäßig auf Schmetterlingssuche. Jeder Falter-Fahnder wählt dazu mit fachkundiger Unterstützung eine geeignete Strecke in der Nähe seines Wohnortes aus, die je nach Landschaft idealerweise zwischen 200 Meter und einem Kilometer lang ist. Dieses sogenannte Transekt läuft er dann einmal pro Woche ab und zählt die unterwegs entdeckten Schmetterlinge. "So können wir viel mehr Informationen gewinnen, als wenn wir uns nur auf unsere eigenen Erhebungen stützen würden", sagt der Forscher.

Etliche Informationen aus diesem Projekt sind nun in eine europäische Bestandsaufnahme eingeflossen, die sich speziell auf die Tagfalter der Wiesen und Weiden konzentriert. Zu diesem "European Butterfly Grassland Indicator" haben Beobachter-Netzwerke aus insgesamt 19 europäischen Ländern ihre Daten der Jahre 1990 bis 2011 beigesteuert. Daraus ließ sich die Bestandsentwicklung von 17 ausgewählten Grünland-Arten berechnen. Die Ergebnisse hat die Europäische Umweltagentur EEA Ende Juli veröffentlicht.

Auf den Wiesen wird es leer

Der Bericht zeichnet einen klaren Negativ-Trend: Von den 17 untersuchten Arten sind seit 1990 acht zurückgegangen, im Durchschnitt sind die Bestände in den letzten 20 Jahren fast um die Hälfte geschrumpft. Nach besonders starken Einbrüchen in den Jahren 2008 und 2009 erholten sich die Falter immerhin wieder leicht. Möglicherweise haben ihnen dabei günstige Witterungsverhältnisse unter die Flügel gegriffen. Den Verlust der Jahre davor aber konnte diese Entwicklung nicht kompensieren. "Dieser dramatische Rückgang an Grünland-Tagfaltern sollte die Alarmglocken läuten lassen", meint Hans Bruyninckx, der Direktor der EEA.

Hauhechel-Bläuling
© Erk Dallmeyer
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernHauhechel-Bläuling
Deutlich zurückgegangen sind unter anderem die Bestände des Hauhechel-Bläulings (Polyommatus icarus).

Hinter dem Schmetterlings-Schwund stecken nach Ansicht der Forscher gleich mehrere Ursachen. Zum einen kommen die Tiere offenbar nicht gut mit einer intensiven Landwirtschaft zurecht. Sie reagieren nicht nur empfindlich auf Pestizide, sondern auch auf zu viel Dünger und großflächige Bewirtschaftung. Ameisenbläulinge zum Beispiel legen ihre Eier, je nach Art, an bestimmte Pflanzen wie etwa den Großen Wiesenknopf. "Der muss dann aber stehenbleiben, bis die Raupen drei bis vier Wochen alt sind", erklärt Josef Settele. Erst dann lassen sich die Tiere von Ameisen in deren Bau schleppen und dort bis zu ihrer Verpuppung versorgen.

Wenn die pflanzlichen Kinderstuben also großflächig zu früh gemäht werden, bedeutet das für den Bläulings-Nachwuchs das Ende. Zudem verträgt der Wiesenknopf nicht zu viel Stickstoff, und auch die Ameisen haben mitunter Probleme mit einer starken Düngung. In den dichter wachsenden Pflanzenbeständen kann ihnen das Mikroklima zu kühl und zu feucht werden. Das alles führt auf vielen europäischen Feuchtwiesen zum Rückgang des Hellen Wiesenknopf-Ameisenbläulings Maculinea teleius und des Dunklen Wiesenknopf-Ameisenbläulings Maculinea nausithous.

Verbuschung zerstört Lebensraum
© Chris van Swaay, Dutch Butterfly Conservation
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernVerbuschung zerstört Lebensraum

Und nicht nur eine zu intensive Bearbeitung der Flächen macht den Grünland-Schmetterlingen zu schaffen – es gibt auch den umgekehrten Effekt. Damit haben zwei weitere Arten von Ameisenbläulingen zu kämpfen, die auf warmen, trockenen Südhängen die Blüten von Thymian, Oregano und Kreuzenzian besuchen. "An solchen ziemlich unergiebigen Flächen hat heutzutage kaum noch ein Landwirt Interesse", sagt Josef Settele. Wenn aber niemand diese offenen Landschaften mäht oder beweidet, machen sich Büsche breit und die Schmetterlingsrestaurants verschwinden. "Wenn man solche wertvollen Flächen erhält, können sich lokal allerdings durchaus gute Insektenbestände entwickeln", betont der Forscher. Der allgemeinen Falterschwund muss als durchaus nicht jedes Gebiet in Deutschland erfassen: Regionen, die sich dem Trend entgegen stemmen, wollen die UFZ-Forscher in den nächsten Jahren erfassen.

Zu warm, zu trocken, zu wenig Blüten

Klar ist jedenfalls, dass sich die Schmetterlingskrise nicht nur auf Grünlandbewohner beschränkt. "Es gibt zwar durchaus Arten, die in den letzten Jahren zugenommen haben", sagt Josef Settele. Dazu gehört zum Beispiel der Maiszünsler Ostrinia nubilalis, der als Schädling gefürchtet ist und vom Boom des Maisanbaus auf deutschen Äckern profitiert hat. Für viele andere Falter aber wird die Lage zunehmend kritisch.

Besonders schlecht steht es zum Beispiel um viele Moor-Bewohner wie den Hochmoor-Gelbling Colias palaeno und den Hochmoor-Perlmutterfalter Boloria aquilonaris. Das liegt nicht nur daran, dass viele ihrer Lebensräume schon vor Jahrzehnten trockengelegt wurden. Auch mit dem Klimawandel haben sie ein Problem. Denn diese Arten sind Überbleibsel aus der letzten Eiszeit, die in den kühlen Mooren ein Refugium gefunden hatten. Inzwischen aber heizen sich auch diese Kälteinseln in der Landschaft zunehmend auf.

Auch viele Wälder sind aus Schmetterlingssicht kein guter Lebensraum mehr. So geht das Reich der Bäume heutzutage oft zu abrupt in die offene Landschaft über. Die blütenreichen Waldränder voller Hochstauden sind ebenso selten geworden wie die lichten Wälder, die durch spezielle Bewirtschaftungsformen früherer Jahrhunderte entstanden waren. Schmetterlingen wie dem Maivogel Euphydryas maturna ist dieser Wandel nicht gut bekommen. Die Art gilt in Deutschland als vom Aussterben bedroht.

Das aber ist auch für viele andere Tiere und Pflanzen eine schlechte Nachricht. Denn Schmetterlinge sind gute Indikatoren für den Zustand der Ökosysteme insgesamt. Da die meisten Falter jedes Jahr eine neue Generation hervorbringen, reagieren sie schneller auf Veränderungen in ihrem Lebensraum als etwa Pflanzen oder Wirbeltiere. Und sie stehen stellvertretend für die Ansprüche vieler anderer Arten. Der Rückgang der Schmetterlinge könnte daher auch auf eine prekäre Lage der Insektenfauna insgesamt hindeuten.

Käfer auf dem Rückzug

Dafür spricht eine der wenigen großflächigen Langzeitstudien, die es bisher über andere Insektengruppen gibt. Im Rahmen eines Programms namens "UK Environmental Change Network" nehmen Wissenschaftler schon seit den 1990er Jahren die Laufkäfer-Fauna in verschiedenen Lebensräumen Großbritanniens unter die Lupe. Ein Team um David Brooks vom Agrarforschungsinstitut Rothamsted Research im englischen Harpenden hat die Daten aus 15 Jahren ausgewertet – und kommt zu ganz ähnlichen Ergebnissen wie die Schmetterlings-Fahnder.

Honigbiene
© fotolia / claireliz
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernHonigbiene
Rund 80 Prozent aller Blütenpflanzen sind auf Insektenbestäubung angewiesen. Von diesen fliegt Apis mellifera ganze 80 Prozent an und ist somit der wichtigste Bestäuber in unseren Breiten. Die natürliche Vielfalt an Pflanzenstoffen ist dabei wichtig für die Gesundheit der pelzigen Biene.

Zwar hat auch in diesem Fall der Rückgang nicht alle Regionen und Lebensräume gleichermaßen erfasst. So scheinen die Laufkäferbestände in britischen Wäldern und Hecken weit gehend stabil zu sein. Insgesamt aber zeichnen die Forscher kein positives Bild: Drei Viertel der untersuchten Arten sind zurückgegangen, bei der Hälfte davon sind die Bestände im zehnjährigen Durchschnitt sogar um mehr als 30 Prozent geschrumpft. Die genauen Ursachen dafür müssen noch erforscht werden, doch auch hier scheinen Lebensraumveränderungen die Hauptrolle zu spielen. "Diese ziemlich alarmierende Entwicklung bei den Laufkäfern ist ein weiteres Indiz dafür, dass die Insekten mit ernsthaften Verlusten der Artenvielfalt zu kämpfen haben", sagt David Brooks.

Insekten gegen Insekten

Das aber kann massive ökologische Folgen haben. Denn Insekten ziehen in den Ökosystemen der Erde eine ganze Reihe von entscheidenden Strippen. Viele helfen zum Beispiel bei der Zersetzung toter Biomasse und halten so die Nährstoffkreisläufe in Gang. Zudem haben die Sechsbeiner zahllose Räuber und Beutetiere in ihren Reihen, die wichtige Glieder in den Nahrungsketten sind. Wenn diese ausfallen, kann das auch für den Menschen unangenehm werden. "Laufkäfer sind zum Beispiel wichtig für die Landwirtschaft", erklärt David Brooks. "Denn sie helfen, Schädlinge und Unkraut in Schach zu halten".

Ähnliche Schädlingsbekämpfer-Talente haben auch viele andere Insekten – vom Marienkäfer bis zur Schlupfwespe. Sobald diese verschwinden, hat das gefräßige Heer von Blattläusen und anderen sechsbeinigen Vegetariern leichtes Spiel. "Der Einsatz von Insektiziden kann deshalb sogar das Auftreten von Schädlingen begünstigen", sagt Josef Settele. Einen solchen Fall haben er und seine Kollegen auf Reisfeldern in Südostasien dokumentiert. Dort ließen die von den Bauern eingesetzten Pestizide zunächst die gesamte Insektengemeinschaft zusammenbrechen. Doch ausgerechnet die als Schädling gefürchtete Braune Reiszikade Nilaparvata lugens erholte sich am schnellsten und fiel von Feinden unbehelligt über die Reispflanzen her. Bis schließlich auch ihre Gegner wieder auf den Plan traten, waren viele Kulturen schon vernichtet. Ähnliche, wenn auch nicht ganz so ausgeprägte Effekte gibt es auch bei Blattläusen und den gegnerischen Schlupfwespen auf Weizenfeldern.

Ein teurer Verlust

Pflanzen nutzen Insekten allerdings nicht nur als Leibgarde gegen gefräßige Gegner. Viele Gewächse lassen auch ihre Blüten von Bienen, Schmetterlingen oder Schwebfliegen bestäuben. Und diese Leistung ist durch nichts zu ersetzen. Offenbar ist vielerorts bereits ein fataler Kreislauf in Gang gekommen: Durch die intensiver werdende Landwirtschaft sind blütenreiche Lebensräume zur Rarität geworden. Mit den Blüten aber verschwinden zunehmend auch ihre Bestäuber – und damit werden die jeweiligen Pflanzen dann noch seltener.

Schon lange befürchten Ökologen, dass solche Prozesse in Zukunft die Artenvielfalt von Wildpflanzen dezimieren und ganze Ökosysteme drastisch verändern könnten. Doch auch für die Landwirtschaft dürfte der Verlust der Bestäuber nicht ohne Folgen bleiben. Denn viele Kulturpflanzen liefern nur mit sechsbeiniger Hilfe den gewohnten Ertrag. Das gilt vor allem für zahlreiche Obst- und Gemüselieferanten.

Um einen genaueren Eindruck vom wirtschaftlichen Wert der Bestäuber zu gewinnen, hat sich Josef Settele gemeinsam mit französischen Kollegen vor ein paar Jahren eine echte Geduldsarbeit aufgehalst. Zunächst haben die Forscher abgeschätzt, wie stark die hundert wichtigsten der weltweit zur menschlichen Ernährung angebauten Pflanzen auf ihre Bestäuber angewiesen sind. "Uns hat interessiert, welcher Anteil der Ernte bei den jeweiligen Gewächsen von der Leistung der Insekten abhängt", erläutert der Ökologe. Aus den Statistiken der Welternährungsorganisation FAO haben die Wissenschaftler dann für sämtliche analysierten Pflanzen die weltweiten Erntemengen und deren wirtschaftlichen Wert herausgesucht.

Daraus ließ sich schließlich mit komplexen Formeln berechnen, welche wirtschaftlichen Verluste ein Totalausfall der Bestäuber mit sich bringen würde. Im Jahr 2005 hätten demnach allein die Obst- und Gemüsebauern weltweit jeweils 50 Milliarden Euro in den Wind schreiben müssen. 39 Milliarden Euro Verlust wären bei den essbaren Ölsaaten wie Raps oder Sonnenblumen dazu gekommen. Und auch bei Kaffee, Kakao, Nüssen und Gewürzen wären die Ernten und Umsätze deutlich schlechter ausgefallen. Insgesamt beziffern die Forscher den drohenden Verlust bei einem Verschwinden der Bestäuber weltweit auf rund 153 Milliarden Euro pro Jahr. Der Rückgang der Sechsbeiner hat also auch massive wirtschaftliche Folgen. Die Umsatzeinbußen der Hersteller von Insektenschwämmen für Autoscheiben dürfte in dieser Bilanz noch der kleinste Posten sein.