Fernando Zegers-Hochschild, den seine Kollegen stolz den Papst der Reproduktionsmedizin in Lateinamerika nennen, Rene Friedman, einer der großen Gynäkologen Frankreichs, und Carl Djerassi, Chemiker und einer der "Väter" der Pille. Sie alle sprachen mit mir über "Social Freezing", das Einfrieren von Eizellen – und alle waren begeistert: "Das ist der Weg zur ultimativen Freiheit der Frau! Damit wird Geschlechtergerechtigkeit möglich!"

Die Melodie klang vertraut. 2011, ein halbes Jahrhundert nachdem in Deutschland die Pille auf den Markt gekommen war, verkündete die Pharmafirma Bayer Health Care in großformatigen Anzeigen: "Entscheidungsfreiheit zum Einnehmen. 50 Jahre Pille." Und weiter: "Eine der wichtigsten Erfindungen für Frauen feiert Jubiläum: die Pille. Vor 50 Jahren schenkte sie der Welt mehr Emanzipation." Wird diese Freiheit durch Social Freezing noch gesteigert?

Die Nebenfolgen der Pille

Zweifellos brachte die Pille einen wichtigen Durchbruch in der Geschichte der Frauen. Zwar waren schon lange vorher verschiedene Verfahren der Geburtenkontrolle bekannt, aber die Pille war weit effektiver. Jetzt gab es ein Verhütungsmittel, das einfach anzuwenden war und hochgradig zuverlässig, endlich war die Angst vor einer Schwangerschaft nicht mehr allgegenwärtig. Und indem Frauen besser über ihre Fruchtbarkeit verfügten, gewannen sie zugleich mehr Autonomie über ihr Leben insgesamt.

Aber dieser Fortschritt hatte auch seinen Preis. Im Lauf der Jahre zeigte sich, dass mit der Pille auch das kam, was in der Sprache der Beipackzettel "Risiken und Nebenwirkungen" heißt. Zunächst einmal in physischer Hinsicht: Eine Folge bestand darin – und das hatten in den ersten Jahren der Pilleneuphorie nur wenige bedacht –, dass mit einem zeitlichen Aufschieben die biologischen Voraussetzungen für eine Schwangerschaft unsicherer wurden. Die Fruchtbarkeit, so die nüchternen Fakten, nimmt mit zunehmendem Alter der Frau ab. Und gleichzeitig steigt die Wahrscheinlichkeit, dass im Fall einer Schwangerschaft das Kind genetische Veränderungen aufweist und behindert sein könnte.

Darüber hinaus haben die neuen Möglichkeiten der Geburtenkontrolle auch zu einem kulturellen Wandel der Erwartungen beigetragen. Zum neuen Leitbild wird das "Top Girl": die junge Frau, aufgeklärt, aktiv und dynamisch, die ihren Lebensentwurf langfristig plant und rational umsetzt; die sich nicht leichtfertig den Zufällen der Biologie unterwirft, sondern konsequent die Möglichkeiten der Geburtenkontrolle nutzt. Kurz, die erst einmal lange verhütet, weil sie eine qualifizierte Ausbildung absolviert; die selbstverständlich auch Zusatzqualifikationen erwirbt, also Sprachkurse, Auslandsaufenthalte, Betriebspraktika; dann aus den verschiedenen Möglichkeiten des Berufseinstiegs die vielversprechendste auswählt; danach ihre berufliche Stellung ausbaut und konsolidiert – und die frühestens dann die Pille absetzt und Kinder bekommt. Also Mutterwerden nach Zeitplan, genau abgewogen und auf den optimalen Zeitpunkt gelegt: So lautet die neue Devise. So wird Geburtenkontrolle zum Teil des Karriereversprechens. Das Problem ist allerdings, dass es den optimalen Zeitpunkt fast nie gibt. Das galt schon damals, in den 1960er Jahren, als die Pille aufkam. Aber es gilt in weitaus stärkerem Maß heute, ein halbes Jahrhundert danach.

Social Freezing und der Störfall Kind

In den letzten Jahrzehnten ist die Berufswelt in Umbruch geraten, nicht zuletzt im Gefolge der Globalisierung, die wirtschaftlichen Austausch bringt und Öffnung der Märkte, damit gleichzeitig mehr Konkurrenzkampf, schnelleres Tempo, verstärkter Innovationsdruck. Für immer mehr Berufstätige gibt es nur noch befristete Verträge und Beschäftigungsformen, und in vielen Ländern ist die Arbeitslosigkeit drastisch gestiegen.

Darüber hinaus heißen die Postulate Flexibilisierung und Deregulierung, die die Arbeitswelt immer stärker bestimmen. Statt Kontinuität ist die Bereitschaft zum vielfachen Wechsel gefordert. In immer mehr Berufsfeldern werden geografische und zeitliche Mobilität selbstverständlich erwartet, ein fester Bestandteil des Arbeitsalltags. Und das hat Folgen: In einer so beschaffenen Welt sind die Bedürfnisse von Kindern ein Hemmschuh, weil den Optionsraum verengend, und die Rücksicht darauf ist verteidigungspflichtig, ja grundsätzlich verdächtig, weil sie ein abweichendes Verhalten darstellt. Aus dem Kind wird nun der "Störfall Kind".

Wer bereit ist, den neuen Geboten zu folgen, und sein Leben ganz daran ausrichtet, kann – vielleicht und unter günstigen Bedingungen – auf der Karriereleiter steil nach oben gelangen. Aber wer sich nicht darauf einlassen kann oder will, bekommt umso sicherer die Sanktionen zu spüren. In die Randzonen der Berufshierarchie abgedrängt werden diejenigen, die in ihrer Verfügbarkeit möglicherweise eingeschränkt sind und ihren Einsatz nicht beliebig ausdehnen können – zum Beispiel, weil sie auch noch andere Verpflichtungen haben.

Von daher ist zu verstehen, dass große Konzerne wie Apple und Facebook zur Übernahme der Kosten bereit sind, wenn ihre Mitarbeiterinnen Eizellen einfrieren lassen. Es wäre naiv, dahinter rein karitative Motive zu vermuten. Viel wahrscheinlicher ist eine Kosten-Nutzen-Abwägung. Pointiert zusammengefasst: Mit Social Freezing lässt sich der Ernstfall, der Störfall Kind, vorausschauend verhindern. Die Arbeitskraft junger, gesunder, aktiver Mitarbeiterinnen wird nicht auf Nebenwege gelenkt, sondern bleibt den Betriebsinteressen in vollem Umfang erhalten – im Bedarfsfall bis spät in die Nacht, am Wochenende, zu wechselnden Zeiten, heute Brüssel und übermorgen Berlin.

In einer solchen Konstellation bleibt die Entscheidung – für oder gegen das Einfrieren – selbstverständlich ganz der Frau überlassen. Sie muss nur genau abwägen und wissen: Die moderne Arbeitswelt fordert ständigen Einsatz, da sie in schnellem Wandel begriffen ist. Wer da unterbricht, pausiert oder die Arbeitszeit reduziert, muss immer mit erheblichen Einbußen rechnen. Das heißt im Klartext, wenn eine Frau ein Kind will, muss sie die Folgen tragen. In der Konkurrenz um die vorderen Plätze wird sie in der Regel von nun an bestenfalls bis ins Mittelfeld kommen.

Freiheit – eine Kostenfrage

Aber für derartige Risiken und Nebenwirkungen sind die Pioniere der technisierten Reproduktionsmedizin meist blind. Das gilt ebenso für die Kostenfrage, denn die Bezahlung übernimmt im Normalfall nicht die Betriebskasse, sondern die Frau selbst mit ihren finanziellen Ressourcen. Und die Grundregel gilt für Social Freezing genauso wie für andere Errungenschaften der Reproduktionsmedizin: Wenn die biologische Uhr tickt, ist es zu spät. Die Frauen müssen zur Reproduktionsmedizin rechtzeitig kommen, solange ihre Eizellen – bildlich gesprochen – noch jung, frisch und gesund sind. Sie sollten nicht mit 30 oder gar 40 Jahren, sondern bereits mit Mitte 20 ihre Eizellen einfrieren lassen.

Aber was aus medizinischer Sicht das richtige Alter für solche Eingriffe darstellt, ist in der gesellschaftlichen Wirklichkeit heute weit eher das falsche. Von den heute 25-Jährigen sind viele noch in der Ausbildung. Andere sitzen auf den unteren Plätzen der Berufshierarchie; Dritte sind nur in Teilzeitjobs untergekommen oder schon arbeitslos. Und manche beginnen gerade ihr drittes Praktikum. Es ist die Generation, die nicht umsonst Generation Praktikum heißt und die in Spanien, Italien, Griechenland auch Generation Arbeitslos heißen könnte. Wie also sollten die, die dazugehören, Social Freezing bezahlen, ein Verfahren, in dem gleich beim Einstieg hohe Kosten anfallen – allein schon 3000 bis 3500 Euro für hormonelle Überstimulation und Entnahme der Eizelle? Wenn dies der Einstieg in die Autonomie der Frau ist, dann ist es eine Autonomie, die für die meisten von ihnen Illusion bleiben wird. Sie ist ihnen aus Kostengründen verwehrt.

So bleibt die Euphorie, mit der die Pioniere der Reproduktionsmedizin das Einfrieren von Eizellen preisen, ja als Durchbruch zur wahren Autonomie der Frau feiern, wohl eher Verheißung, weil zu weit von der sozialen Wirklichkeit und den realen Lebensumständen entfernt. Umso wichtiger wäre es, nach politischen und sozialen Lösungen zu suchen. Und in jedem Fall stellt sich die Frage: Wie weit sollen wir gehen beim Versuch, Schwangerschaft und Geburt an den Geboten der Ökonomie auszurichten? Wie lange können wir die Palette der technologischen Angebote immer weiter ausbauen, mit noch mehr Hormonen, Apparaten, Messungen, noch mehr medizintechnischen Eingriffen in den Körper der Frau? Wie weit können wir gehen – und wo sind die Grenzen?