Mettmann, 4. Sept. Im benachbarten Neanderthal, dem sogenannten Gesteins, ist in den jüngsten Tagen ein überraschender Fund gemacht worden. Durch das Wegbrechen der Kalkfelsen, das freilich vom pittoresken Standpunkte nicht genug beklagt werden kann, gelangte man an eine Höhle, welche im Laufe der Jahrhunderte durch Thonschlamm gefüllt worden war. Bei dem Hinwegräumen dieses Thons fand man ein menschliches Gerippe, das zweifelsohne unberücksichtigt und verloren gegangen wäre, wenn nicht glücklicherweise Dr. Fuhlrott von Elberfeld den Fund gesichert und untersucht hätte.
Nach Untersuchung dieses Gerippes, namentlich des Schädels, gehörte das menschliche Wesen zu dem Geschlechte der Flachköpfe, deren noch heute im amerikanischen Westen wohnen, von denen man in den letzten Jahren auch mehrere Schädel an der oberen Donau bei Sigmaringen gefunden hat. Vielleicht trägt dieser Fund zur Erörterung der Frage bei: ob diese Gerippe einem mitteleuropäischen Urvolke oder bloß einer (mit Attila?) streifenden Horde angehört haben.



Das Barmer Bürgerblatt gehörte vermutlich nicht zu den renommiertesten Erzeugnissen des Pressewesens. Doch mit dieser kleinen, am 9. September 1856 auf der Titelseite veröffentlichten Meldung schrieb die Zeitung aus dem heutigen Wuppertal – ohne es zu ahnen – Wissenschaftsgeschichte.

Heute wäre das nach dem Kirchenliederdichter Joachim Neander benannte Tal, durch das sich die Düssel zwischen Mettmann und Erkrath gen Rhein schlängelt, wohl nur als nah gelegenes Ausflugsziel unter gestressten Düsseldorfern bekannt. Mitte des 19. Jahrhunderts sah das jedoch ganz anders aus: Die Industrielle Revolution erfasste auch das Rheinland, der Hunger nach Bodenschätzen wuchs enorm. Besonders Kalk war für die Hüttenwerke unentbehrlich – und den gab es hier reichlich. Das beschauliche Neandertal avancierte zu einem bedeutenden Lieferanten für Kalkstein.

Knochen des Neandertalers
© Neanderthal-Museum / M. Pietrek
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Und so stießen im August 1856 (das genaue Datum ist nicht überliefert) zwei Steinbrucharbeiter in der Kleinen Feldhofer Grotte auf rätselhafte Knochen. Keine große Sache – schließlich tauchten immer wieder Tierknochen in dem harten Lehm auf. Die Überreste wären wohl auch für immer im Abraum verschwunden, hätte nicht zufällig ein Mitbesitzer des Steinbruchs, Wilhelm Beckersdorf, den Fund beobachtet. Er ordnete an, die vermeintlichen Bärenknochen aus dem Schutthaufen aufzulesen: ein Schädeldach, zwei Oberschenkel, zwei Knochen vom rechten und drei vom linken Arm, ein Teil vom linken Darmbein, Bruchstücke eines Schulterblatts sowie einige Rippen.

Höhlenbär oder krummbeiniger Kosak?

Die Steinbruchbesitzer zogen den Lehrer und Fossilienkenner Johann Carl Fuhlrott aus dem benachbarten Elberfeld zu Rate. Eine im Nachhinein weise Entscheidung – denn der Amateur-Naturforscher erkannte sofort die Brisanz des Fundes: Nicht ein Höhlenbär hatte hier sein Leben ausgehaucht, sondern ein menschliches Wesen.

Die Notiz aus dem Barmer Bürgerblatt schaffte es auch bis nach Bonn, wo sich der Anatomieprofessor Hermann Schaaffhausen brennend für die alten Knochen interessierte. Am 2. Juni 1857 stellten Fuhlrott und Schaaffhausen den Fund in Bonn der Fachwelt vor; zwei Jahre später erschien Fuhlrotts Veröffentlichung "Menschliche Ueberreste aus einer Felsengrotte des Düsselthals" in den Verhandlungen des naturhistorischen Vereines der preussischen Rheinlande und Westphalens – das Geschöpf aus dem Neandertal betrat wissenschaftlichen Boden und begründete damit die wissenschaftliche Paläoanthropologie.

<i>Homo neanderthalensis</i> und <i>Homo sapiens</i>
© Ian Tattersall
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Von Anfang an hatte es das Fossil nicht leicht. Seine anatomischen Merkmale – insbesondere die auffälligen Überaugenwülste – blieben zunächst rätselhaft. Der Berliner Pathologe Rudolf Virchow hielt die Knochen für die Überreste eines kranken, missgestalteten Wesens; der Bonner Anatom August Franz Mayer interpretierte den Fund gar als krummbeinigen Kosaken aus den Napoleonischen Kriegen.

Erst nach und nach setzte sich die Erkenntnis durch, es müsse sich um einen frühzeitlichen Menschen handeln – eine im 19. Jahrhundert revolutionäre Interpretation. Doch die Unterschiede zum anatomisch modernen Menschen – dem Homo sapiens – waren so deutlich, dass es berechtigt schien, dem Neandertaler den Status einer eigenen Art zuzugestehen. Den entscheidenden Schritt wagte 1863 der irische Geologe William King, indem er einen wissenschaftlichen Namen für die neue Spezies ersann: Homo neanderthalensis.

Homo calpicus

Kurioserweise verewigte King damit die damals übliche deutsche Schreibweise für das Wort "Thal", das erst mit der (ebenfalls heiß umstrittenen) Rechtschreibreform von 1901 sein "h" einbüßte. Eigentlich hätte die Art auch ganz andere Namen tragen können. Denn das Typusexemplar "Neandertal 1" war nicht der erste Neandertaler, der wieder ans Tageslicht geriet. Bereits um das Jahr 1830 hatte Philippe-Charles Schmerling in der Höhle von Engis bei Lüttich einen Kinderschädel entdeckt. Doch der einflussreiche französische Paläontologe Georges Cuvier wollte nicht an einen Frühmenschen aus der Eiszeit glauben – der Fund geriet in Vergessenheit.

Neandertaler beim Fellschneiden
© Neanderthal-Museum/M. Pietrek
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Nicht viel besser erging es einem weiblichen Neandertaler-Schädel, der vor 1848 in Gibraltar zutage kam. Erst 1863 gelangte der Fund zum Londoner Zoologen George Busk, der Fuhlrotts Veröffentlichung ins Englische übersetzt hatte und die Ähnlichkeit mit den Knochen aus dem Düsseltal erkannte. Nach dem alten Namen "Calfe" für Gibraltar schlug 1869 Busks Kollege, der Paläontologe Hugh Falconer, die Artbezeichnung "Homo calpicus" vor – zu spät, der Name Homo neanderthalensis galt bereits.

Zahlreiche weitere Funde haben in den letzten 150 Jahren das Bild des Neandertalers vervollständigt. Selbst im Neandertal, wo der Originalfundort durch den Steinbruchbetrieb längst zerstört ist, konnten die Archäologen um den Tübinger Urgeschichtler Ralf Schmitz weitere Knochenfragmente aufspüren, die wie das Original etwa 40 000 Jahre alt sind.

Steinmaske
© Jean-Claude Marquet
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Heute vermuten die Paläontologen, dass sich der Neandertaler, dessen Spuren sich in Europa mehrere 100 000 Jahre zurückverfolgen lassen, aus dem Homo heidelbergensis entwickelte. Dem rauen eiszeitliches Klima trotzend, schuf er in der mittleren Altsteinzeit – in Archäologenkreisen Mittelpaläolithikum genannt – die Kultur des Moustérien, die ihren Namen dem französischen Fundort Le Moustier verdankt. Auch das Châtelperronien im Übergang zum Jungpaläolithikum wird ihm noch zugestanden.

Eine kulturelle Revolution

Doch vor 35 000 Jahren entstand – wie aus dem Nichts – eine figurative Kunst auf hohem Niveau, wie die fantasievollen Fresken in der Höhle von Chauvet oder die filigranen Elfenbeinfigürchen von der Schwäbischen Alb auf eindrucksvolle Weise zeigen. Diese Kunstwerke rechnen die Altertumsforscher bereits zum Aurignacien – das Jungpaläolithikum brach an.

Cro-Magnon-Mensch und Neandertaler
© Proceedings of the National Academy of Sciences
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Was war geschehen? Der anatomisch moderne Mensch, Homo sapiens, hatte seine afrikanische Heimat verlassen und als Cro-Magnon-Mensch – auch hier hat sich ein Ort in der prähistorisch äußerst ergiebigen Dordogne verewigt – europäischen Boden betreten. Noch bis vor wenigen Jahren herrschte in der Anthropologenzunft kein Zweifel, dass nur er zu den Kunstwerken des Aurignacien fähig war. Allerdings mehren sich inzwischen die Stimmen, der lange in Europa ansässige Neandertaler könnte an der kulturellen Revolution zumindest beteiligt gewesen sein. Denn das Bild von der tumben, Keulen schwingenden Kreatur, das noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorherrschte, hat sich immer mehr gewandelt zu einer feinsinnigen und künstlerisch begabten Persönlichkeit, die ihre Toten würdevoll bestattete und – hineingezwängt in einen dunkeln Anzug und mit einer Zeitung unter dem Arm – sich äußerlich wohl kaum von heutigen Zeitgenossen unterschieden hätte. Auch an einer äußerst menschlichen Eigenschaft – der Sprache – zweifelt heute niemand mehr, nachdem 1983 in der Kebara-Höhle in Israel das Zungenbein eines Neandertalers entdeckt wurde.

Art oder Unterart?

Etliche Forscher gingen sogar so weit, den Artstatus des Neandertalers wieder abzuerkennen. Schließlich weiß niemand, wie die Begegnung zwischen Neandertaler und dem Neuankömmling aus Afrika ausging. Rottete der Neue den Alten aus, oder lebten sie in friedlicher Eintracht nebeneinander? Vermischten sie sich gar? Ein 1998 in Portugal gefundenes 25 000 Jahre altes Kinderskelett deutet auf die friedliche Version: Der amerikanische Paläontologe Erik Trinkaus interpretierte den Fund als Mischlingskind. Dann wäre der Mensch aus dem Düsseltal ein Artgenosse von uns, der als Unterart den Namen Homo sapiens neanderthalensis verdient hätte.

Jäger des Moustérien
© Neanderthal Museum / H. Bidault
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Doch sowohl morphologische als auch genetische Daten machen diese Interpretation unwahrscheinlich. Inzwischen konnten Genetiker das prähistorische Erbgut analysieren – mit eindeutigem Ergebnis: Während der Cro-Magnon-Mensch genetisch dem heutigen Europäer durchaus ähnelt, unterscheidet er sich deutlich von seinem Zeitgenossen, dem Neandertaler.

Demnach haben sich wohl keine Neandertaler-Gene in unserem Erbgut verirrt. Doch warum musste unser Vetter aus dem Neandertal weichen, als unsere Vorfahren das Feld betraten? Dieses Wissen nahm er mit ins Grab.