Hintergrund | 26.11.2012 | Drucken | Teilen

Krankheiten

Der Weltenbaum vergeht

Das Eschensterben weitet sich in Europa aus, auch Deutschland ist schwer betroffen. Die letzte Hoffnung der Förster sind ein paar resistente Bäume.
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Eschen gehören zu den charakteristischen Bäumen von Mischwäldern auf feuchten Böden. Das Eschensterben bedroht nun ihren Fortbestand in Mitteleuropa.
© Thomas Kirisits / Institut für Forstentomologie, Forstpathologie und Forstschutz, Universität für Bodenkultur Wien

Der Tod kommt schleichend – aber unerbittlich. "In den ersten Jahren sieht man den betroffenen Eschen kaum etwas an. Es sterben nur einzelne Zweige oder junge Bäume ab, das fällt bei einer so häufigen Art nicht weiter auf", beschreibt Ottmar Holdenrieder von der ETH Zürich den Beginn eines Prozesses, der sich als großflächiges Eschensterben mittlerweile durch das gesamte mitteleuropäische Verbreitungsgebiet des Baums bis hinauf ins Baltikum frisst. Auch die Britischen Inseln hat die Plage bereits erreicht, wo die Behörden zu drastischen Maßnahmen greifen, um die rund 80 Millionen Eschen Großbritanniens zu retten. "Es gibt keinen anderen Weg, als betroffene Bäume einzuschlagen und zu verbrennen. Erst kürzlich haben wir mehr als 100 000 Bäume zerstören lassen", äußerte der britische Umweltminister Owen Paterson neulich in einer Parlamentsanhörung.

Ob dieser radikale Ansatz den Niedergang des mythischen Weltenbaums der Germanen aufhalten kann, ist jedoch fraglich. Denn der Feind der Eschen ist ein Pilz, der sich massenhaft mit seinen Sporen über den Wind ausbreiten kann und daher leicht auch größere Distanzen überwindet. "Erst wenn sich der Pilz in einem bestimmten Gebiet so weit vermehrt hat, dass es zu einem massenhaften Sporenflug kommt – und zufällig eine geeignete Witterung herrscht –, werden viele Blätter und Zweige befallen. Dann wird die Krankheit auffällig", sagt Holdenrieder, der sich als Waldpathologe seit Jahren mit dem Erreger auseinandersetzt.

Eschensterben
© Thomas Kirisits / Institut für Forstentomologie, Forstpathologie und Forstschutz, Universität für Bodenkultur Wien
 Bild vergrößernEschensterben
Eschen gehören zu den charakteristischen Bäumen von Mischwäldern auf feuchten Böden. Das Eschensterben bedroht nun ihren Fortbestand in Mitteleuropa.

Sobald das Stadium erreicht ist, gehen die Eschen zu Grunde: Zunächst betrifft es die Blätter, die vorzeitig welken und vom Baum fallen – schon im Sommer werden die Bäume kahl. Eigentlich dient dieser frühe Blattverlust als Schutz, weil die betroffenen Bäume verhindern wollen, dass der Schädling auch die Triebe und damit die nächste Laubgeneration befällt. Doch dem Erreger namens Falsches Weißes Stängelbecherchen (Hymenoscyphus pseudoalbidus) gelingt es, diese Wächterfunktion auszuhebeln, da er schon frühzeitig und damit zu schnell für die Abwehrkräfte der Esche vom Blatt auf den Trieb übergreift. Und dann geht es erst richtig mit der Infektion los, wie der Freiburger Forstbiologe Berthold Metzler von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg schildert: "Es entstehen Nekrosen, die sich über die kurzen Triebe auf dickere Äste oder den Stamm verbreiten, wo sie schließlich umfangreichere Schäden im Holz verursachen können. Besonders gefährlich sind Infektionen am Stammfuß, die häufig mit dem Hallimasch (ein parasitärer, holzzersetzender Pilz, Anm. d. Red.) vergesellschaftet sind. Dann stirbt der Baum meist schnell ab."

"Es gibt keinen anderen Weg, als betroffene Bäume einzuschlagen und zu verbrennen" (Owen Paterson)

Dänemark hat durch den aggressiven Eindringling bereits 90 Prozent seiner Eschen verloren – eine Dimension, die zu Recht auch andere Länder fürchten. "Ich gehe davon aus, dass sich die Anzahl der Eschen vielerorts um mindestens 90 Prozent reduzieren wird", bestätigt Holdenrieder. Und sein Kollege Metzler geht davon aus, dass in Deutschland allein in den nächsten fünf Jahren ein Drittel der Eschen absterben wird.

Woher kommt der aggressive Pilz?

Lange standen die Biologen vor einem Rätsel, woher der gefährliche Pilz überhaupt stammt. Denn es existiert eine einheimische Schwesterart namens Hymenoscyphus albidus – das echte Weiße Stängelbecherchen –, die sich äußerlich und auch unter dem Mikroskop nicht von ihrem aggressiven Verwandten unterscheidet, aber selbst unproblematisch ist. "Hymenoscyphus albidus ist ein harmloser Blattbesiedler im Herbst und zersetzt das Falllaub", sagt Metzler. Diesen Schlauchpilz kannte die Wissenschaft seit 1851, ohne dass er in all diesen Jahren als schädlicher Parasit in Erscheinung getreten wäre. Die Forscher waren daher einigermaßen ratlos, warum der Pilz plötzlich zur tödlichen Plage der Bäume wurde: Schwächten Klimaveränderungen oder Umweltverschmutzung die Bäume und machten sie anfälliger für Krankheiten? Oder war Hymenoscyphus albidus mutiert und hatte eine aggressivere Variante hervorgebracht?

Erst 2010 konnten molekulargenetische Untersuchungen zeigen, dass es sich um eine in Europa bislang unbekannte Schlauchpilzart handelt: das Falsche Weiße Stängelbecherchen. "Nach neuesten, noch unbestätigten Ergebnissen soll der Pilz aus Japan stammen. Er muss wohl vor etwa 20 Jahren in Nordosteuropa eingetroffen sein", meint Metzler und deutet damit an, warum die europäischen Eschen dem Pilz so wenig entgegensetzen können: Evolutionär haben sie sich zusammen mit dem Zwilling der invasiven Art entwickelt und an diesen angepasst. Gegen den Neuankömmling fehlen ihnen noch die Abwehrmechanismen, weshalb sie in Massen dahinsiechen – ähnlich wie die europäischen Ulmen oder die amerikanischen Kastanien, die ebenfalls durch eingeschleppte Pilzkrankheiten so gut wie ausgestorben sind.

Ausgelöst wird das Eschensterben durch einen Befall mit dem Falschen Weißen Stängelbecherchen – ein aggressiver Schlauchpilz, der vor 20 Jahren wohl aus Asien eingeschleppt wurde. Zu sehen sind die weißen Fruchtkörper des Pilzes.
© Thomas Kirisits / Institut für Forstentomologie, Forstpathologie und Forstschutz, Universität für Bodenkultur Wien
 Bild vergrößernDer Schadpilz
Ausgelöst wird das Eschensterben durch einen Befall mit dem Falschen Weißen Stängelbecherchen – ein aggressiver Schlauchpilz, der vor 20 Jahren wohl aus Asien eingeschleppt wurde. Zu sehen sind die weißen Fruchtkörper des Pilzes.

Mehr noch: Der exotische Schlauchpilz verdrängt auch seinen einheimischen Verwandten, wie dänische Forscher um Iben Thomsen von der Universität Kopenhagen bemerkt haben: Sie hatten alte Herbarbelege von Pilz und Esche in den Museen unter die Lupe genommen und die Standorte, von denen sie stammten, noch mal neu aufgesucht. Während die historischen Nachweise stets das echte Weiße Stängelbecherchen zeigten, spürten Thomsen und Co 2010 nur noch den gefährlichen Import an diesen Orten auf: Hymenoscyphus pseudoalbidus hatte seinen Verwandten komplett verdrängt – und das fast europaweit. "Sammlungen neueren Datums weisen den einheimischen Pilz nur noch in Schottland, im südwestlichen England und südlichen Wales nach – Gegenden, die damals vom Eschensterben noch verschont geblieben waren", schreiben die Wissenschaftler in einer Stellungnahme.

Rückschlag für die Forstwirtschaft

Der Niedergang der Eschen richtet so einerseits ökologischen Schaden an: Die Bäume machen vielerorts einen veritablen Anteil an den Laubgehölzen aus. Vier Mischwaldtypen sind sogar explizit nach dem Baum benannt, der zahlreichen, spezifisch angepassten Insekten als Nahrung und in gesetztem Alter vielen Vögeln als Nistbaum dient. Andererseits hatte auch die Forstwirtschaft ein Auge auf die Esche geworfen, da die Bäume auf einem breiten Bodenspektrum gedeihen können und sowohl unter nassen wie trockenwarmen Bedingungen gut wachsen.

"Für mich ist unklar, ob sie sich davon erholen kann" (Ottmar Holdenrieder)

Im Angesicht des Klimawandels betrachtete die Forstwirtschaft daher die Art als zukunftsfähig. Auch bei extremer Trockenheit drohen ihr auf lehmig-tonigen Böden nur geringe Schäden – anders beispielsweise als dem Bergahorn, mit dem die Esche oft vergesellschaftet ist. "Eichen und Eschen sind vor allem in trockeneren Lagen eine gute Wahl, um den Wald fit für eine wärmere Zukunft mit weniger Niederschlag zu machen", sagt zum Beispiel Christian Körner vom Botanischen Institut der Universität Basel, der an der Ökologie der wichtigsten Waldbäume forscht.

Das Eschensterben beendet dieses Ansinnen nun rabiat. Denn: "Stoppen kann man die Krankheit nicht. Die Sporen leben einige Tage und fliegen weite Strecken. Wir müssen also damit leben wie auch schon mit dem Ulmensterben und anderen Krankheiten", sagt Ottmar Holdenrieder.

Kein Gegenmittel?

Zumindest momentan existiere auch kein Gegenmittel, mit dem man der Krankheit Herr werden könnte, so Metzler: "Der Einsatz von Fungiziden könnte zwar theoretisch den Befall in Baumschulen verhindern. Damit kaschieren wir aber nur die Anfälligkeit der Eschen. Wenn diese Pflanzen in die Umwelt verpflanzt werden, infizieren sie sich sehr wahrscheinlich schnell. Und der Gifteinsatz im Wald oder öffentlichen Grün ist für diesen Zweck indiskutabel – zumal wir ihn jedes Jahr mehrfach wiederholen müssten."

Ob eine Esche infiziert und erkrankt ist, zeigt sich durch verschiedene Symptome: Sie lässt die Blätter vorzeitig welken und abfallen, der Stamm zeigt Nekrosen und faule Stellen. Am Ende stirbt der Baum komplett ab.
© Thomas Kirisits / Institut für Forstentomologie, Forstpathologie und Forstschutz, Universität für Bodenkultur Wien
 Bild vergrößernSymptome
Ob eine Esche infiziert und erkrankt ist, zeigt sich durch verschiedene Symptome: Der Baum lässt die Blätter vorzeitig welken und abfallen, sein Stamm zeigt Nekrosen und faule Stellen. Am Ende stirbt er komplett ab.

Eine zweite Alternative wäre die Einkreuzung exotischer Eschen, etwa asiatischer Varianten, die mit dem Schlauchpilz groß geworden sind und ihm nicht zum Opfer fallen. Die entstehenden Hybriden könne man dann über Generationen erneut mit einheimischen Eschen kreuzen, um möglichst viel des ursprünglichen Erbguts der Art zu erhalten, die als Ergänzung die Resistenz trägt, so Holdenrieder: "Am Ende hat man dann – hoffentlich – eine Esche, die der europäischen sehr ähnlich ist, aber eben unempfindlich auf den Pilz reagiert." Oder die Förster setzen gleich auf diese eingeführten Spezies, was jedoch ebenfalls nicht risikofrei sei, gibt der Schweizer Forscher zu bedenken: "Auch das ist ein starker Eingriff in das Ökosystem, und wir wissen nicht, welche Krankheiten diese Ersatzbaumart dann eventuell entwickelt."

Die Hoffnung der Forstökologen ruht daher auf der Widerstandskraft einzelner europäischer Eschen, die auf natürliche Weise resistent sind gegen den Schädling. "Wir beobachten ziemlich regelmäßig, dass mindestens ein kleiner Teil der Eschen nicht oder kaum befallen wird. Diese individuelle Resistenz oder Toleranz kann in den nächsten 5 bis 20 Jahren eventuell zu einer neuen, weniger anfälligen Generation führen", erzählt Berthold Metzler. Auch Holdenrieder setzt auf diesen natürlichen Prozess, den der Mensch durchaus unterstützen kann: "Wir können ihn beschleunigen, indem man die in der Landschaft weit verstreuten Überlebenden zusammenbringt, so dass sie sich gegenseitig befruchten."

In Dänemark ähnelt dies bereits einem Wettlauf gegen die Zeit. Da Förster noch grünen Bäumen nicht ansehen, ob sie bereits dem Tod geweiht sind oder doch dem Schadpilz widerstehen, werden alle Individuen abgesägt, die in der Nähe erkrankter Exemplare stehen. Im ganzen Land sind Experten also fieberhaft unterwegs, um potenziell widerständige Kandidaten zu suchen. Sollten sie sich tatsächlich als standhaft gegenüber dem Erreger erweisen, wollen Thomsen und Co sie klonen und unter verschiedenen Bedingungen testen. Langfristig solle dies dann möglichst in allen europäischen Ländern erfolgen und damit eine Reserve für die Zukunft der Art und ihre Wiederanpflanzung angelegt werden.

Bis dahin muss sich die Forstwirtschaft jedenfalls nach Alternativen umsehen. "Sinnvoll ist vor allem, auf Neuanpflanzungen möglichst vollständig zu verzichten, bis hinreichend resistente Eschen zur Verfügung stehen. Das kann vielleicht in fünf Jahren der Fall sein", zeigt sich Metzler optimistisch. Sein Kollege Holdenrieder ist dagegen weniger zuversichtlich: "Vielleicht erholen sich die Bestände wieder, aber die Esche verliert dabei viel von ihrer genetischen Vielfalt. Für mich ist unklar, ob sie sich davon erholen kann. Auf alle Fälle dauert das mehrere Baumgenerationen."

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