Die genauen Schnittmuster der Jagd- und Sammelcouture bleiben aufgrund von Zerfallsprozessen in den Stoffen wohl für immer der Fantasie überlassen. Ihr Alter jedoch konnten die Forscher um Ofer Bar-Yosef von der Harvard University in Cambridge mit der C14-Methode auf relativ genaue 32 000 Jahre bestimmen. Vielleicht waren die kaukasischen Höhlenbewohner die ersten Menschen, die ihre Blöße mit pflanzlichen Stoffen bedeckten.

Verknotete Faser
© Eliso Kvavadze, Harvard University, Cambridge
(Ausschnitt)
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Schon während Mammuts und Wisente an der Höhle vorbei zogen und das Eiszeitalter gerade ein wärmere Zwischenpause einlegte, entdeckten die frühen Vertreter des Homo sapiens in der Region Leinen für sich als Nutzpflanze. Den Flachs daraus verarbeiteten sie zu Kordeln und dünnen Fäden, wie Mikroskopanalysen ergaben. Die Steinzeitmodemacher sponnen die Pflanzenmaterialien und mischten sie zum Teil mit anderen Fasern wie beispielsweise jenen der Straucherbse. So entstanden teils mehrlagige Garne, die sie wohl auch zu kleiderartigen Stoffen verwoben, wie Bar-Yosef und seine Kollegen vermuten.

Wie es sich für gute Modeschöpfer ziemt, schufen sie gleich die passenden Accessoires zu den neuen Gewändern: Neben Kordeln zum Transport und allerlei Haushaltsgegenständen wie Körben befestigten sie mit den verarbeiteten Fasern auch Griffe an Steinwerkzeugen. Die Forscher nehmen an, dass die Steinzeitschneider mit den Garnen zudem Lederstücke verbanden. Zum Nähen der Häute und Leinenstoffe benutzten sie Nadeln aus Tierknochen, die sich ebenfalls im Lehm der Ausgrabungsstätte finden ließen – einer der ältesten Nachweise bislang im europäischen und vorderasiatischen Raum.

Erst knapp 4000 Jahre später beginnen die Menschen des Jungpaläolithikum auch im heutigen Tschechien, in Dolní Vestonice, Körbe aus Pflanzenfasern zu flechten. Sie bevorzugen dafür aber eher Brennnesseln, wie James Adovasio vom Mercyhurst Archaeological Institute in Erie, Pennsylvania und sein Team 2001 entdeckt hatten. Ob die Brennnesselfreunde daraus auch schon pflanzliche Mode kreierten, ist bislang noch ungewiss.

Der Leinen hingegen, dessen sich die kaukasischen Steinzeitler bedienten, gilt als eine der ersten Pflanzen, aus denen Textilien gefertigt wurden. Doch die bislang ältesten Funde von Leinenkleidern wurden bislang nur auf etwa 10 000 Jahre datiert. Bar-Yosef und seine Mitstreiter zeigten jetzt, dass man Leinen schon deutlich länger nutzte und dieses Wissen scheinbar auch über viele tausend Jahre weitergab: auch in Bodenproben, die 21 000 und 13 000 Jahre alt waren, spürten die Wissenschaftler mit ihren Mikroskopen Faserreste auf.

Bei genauerem Hinsehen stellten die Forscher sogar eine weitere Eigenheit der Dzudzuana-Höhlenbewohner fest: Sie begnügten sich nicht damit, Kleidung aus Pflanzenfasern herzustellen – sie färbten diese sogar. Ihre Farbpalette reichte von gelb und blau über schwarz bis hin zu pink und türkis. Die Menschen des oberen Paläolithikum gewannen die Pigmente für ihre farbenfrohen Gewänder aus Wurzeln und anderen Pflanzenteilen.

Doch nicht nur die frühen Menschen mochten bunte Leinenkleider – auch Motten und Speckkäfer hatten den Inhalt des Steinzeitkleiderschranks zum Fressen gern: In den Fasern fanden die Forscher Reste der Krabbeltiere, die sich mit Vorliebe von Textilen ernähren. Und auch der Pilz Chaetomium, der Kleidungen zersetzt, machte sich an den Fäden zu schaffen – für Bar-Yosef und seine Kollegen weitere Belege, dass es sich bei den gefundenen Fasern tatsächlich um Teile von steinzeitlicher Kleidung handelt. Bei allem Erfindungsreichtum: Das Lavendellsäckchen zur Schädlingsabwehr war den frühen Modeschöpfern anscheinend noch unbekannt.