Sehr früh an einem kalten Novembermorgen 2014 fuhr ich mit dem Zug von Peking in die Dreimillionenstadt Jinzhou im Nordosten Chinas. Gern hätte ich noch etwas geschlafen, aber dazu war ich zu aufgeregt. Mein Kollege Junchang Lü, ein namhafter Paläontologe von der Chinesischen Akademie für Geologische Wissenschaften in Peking, hatte mich gebeten, ihn auf dieser Fahrt zu begleiten. Angeblich wartete auf uns ein ganz besonderes Fossil, auf das ein Bauer beim Ernten gestoßen war. Das wollten wir zusammen begutachten und untersuchen.

Am Bahnhof von Jinzhou nahmen uns mehrere rang­hohe Persönlichkeiten in Empfang, die uns gleich ins ­Stadtmuseum eskortierten, ein baufälliges Gebäude in einem Außenbezirk. Ernst und feierlich, als handle es sich um ein politisches Gipfeltreffen, schritt unser Trupp durch einen langen Flur und betrat dann einen Nebenraum, wo ein Felsbrocken auf einem kleinen Tisch thronte.

Und da fand ich mich einem der schönsten Fossilien gegenüber, das ich je gesehen hatte: ein Skelett von der Größe eines Esels, die Knochen dunkel, schokoladenbraun, die sich gut gegen ihr Bett aus hellgrauem Kalkstein abhoben. Dass es sich um einen Dinosaurier handelte, erkannten wir auf den ersten Blick, auch dass dies ein naher Verwandter von Velociraptor war, dem zweibeinigen Raubtier, das viele aus dem Film "Jurassic Park" kennen. Dafür sprachen eindeutig die steakmesserartigen Zähne, die spitzen Klauen und der lange Schwanz.

Aber bei genauerer Begutachtung unterschied sich dieses Tier von gewöhnlichen Dinosauriern in einigen wesentlichen Kennzeichen. Es hatte leichte, hohle Knochen und lange, dünne Beine wie ein Reiher. Und es trug ein Kleid aus verschiedenen Federarten. An den Armen wies es sogar kleine Flügel aus übereinander angeordneten großen gekielten Federn auf. Kurz, das Tier erinnert in vielem an einen Vogel. Lü und ich beschrieben den Fund 2015 als Fossil einer neuen Art, die wir Zhenyuanlong suni nannten; "long" heißt Drache, und einem Herrn Zhenyuan Sun ist es zu verdanken, dass das Objekt ins Museum kam. Das Tier ist einer der neuesten Funde unter den zahlreichen ge­fiederten Dinosauriern, die in den letzten 20 Jahren in der Provinz Liaoning aufgetaucht sind. Sortiert man all diese Fossilien, dann lassen sie recht gut erahnen, wie die Evolution von den großen Urzeitechsen zu den Vögeln ablief.

Die reichen Fossilfunde beleuchten jedoch nicht nur die Vogelevolution. Sie erweitern auch unser Verständnis davon, wie sich völlig neue Tiergruppen herausgebildet haben. Seit Charles Darwin (1809-1882) fragen sich Evolutionsforscher, ob neuartige Lebensformen eher schlagartig entstehen oder in vielen kleinen Schritten im Lauf einer langwierigen Entwicklung. Machte also plötzlich irgend­eine verrückte Mutation, quasi eine Laune der Natur, aus einer am Boden lebenden Kreatur ein Geschöpf der Lüfte? Oder geschah der Übergang gemächlich, so wie auch Anpassungen an eine veränderte Umwelt manchmal Jahrmillionen benötigen?

Wie von Frankenstein geschaffen: Der Urvogel Archaeopteryx aus Solnhofen

Die Vögel heben sich in ihren Merkmalen in vieler Hinsicht von allen übrigen heutigen Tieren ab. Außer ihrem ein­maligen Rüstzeug zum Fliegen verfügen sie über einen besonders intensiven Stoffwechsel, dank dem die Jungen geradezu rasant wachsen, und sie besitzen ein großes Gehirn, das ihnen hohe Intelligenz und exzellente Sinne verleiht. Die Vögel wirken so einzigartig, dass sich Forscher über ihre Herkunft lange den Kopf zerbrachen.

Zu diesem Kreis zählte Darwins Freund und lautstärkster Mitstreiter Thomas Henry Huxley (1825-1895). Darwins Hauptwerk zur Entstehung der Arten war 1859 erschienen. Und 1861 wurde bei Solnhofen in Bayern das erste fossile Skelett des "Urvogels" Archaeopteryx entdeckt, einer wie von Frankenstein geschaffenen Kreatur, die vor rund 150 Mil­lionen Jahren lebte: Sie besaß scharfe Krallen und einen langen Schwanz wie ein Reptil, aber Federn und Flügel wie ein Vogel. Huxley bemerkte eine frappierende Ähnlichkeit mit kleinen zweibeinigen, Fleisch fressenden Dinosauriern, deren erste Fossilien in jenen Jahren ebenfalls ans Tageslicht kamen, darunter der truthahngroße Compsognathus. Stammten die Vögel etwa von Dinosauriern ab? Viele widersetzten sich diesem damals exotischen Vorschlag Huxleys, und noch in den nächsten 100 Jahren sahen sich mal die Befürworter, mal die Gegner der Idee im Recht.

Wie oft in solchen Fällen brachten erst weitere Fossilien Klarheit. In den 1960er Jahren fand der amerikanische Paläontologe John Ostrom (1928-2005) im westlichen Nordamerika Fossilien des erstaunlich vogelähnlichen Dinosauriers Deinonychus. Dieser Zweibeiner wurde mehrere Meter lang. Sein leicht gebautes Skelett ließ an ein aktives, agiles Tier denken, und die langen Arme gemahnten fast an Flügel. Ostrom überlegte sogar, ob es bereits Federn trug. Denn die Vorstellung, dass die Vögel von Dinosauriern abstammen, begann sich vor 50 Jahren langsam durchzusetzen. Die große Frage war allerdings, zu welcher Zeit Federn entstanden waren. Von Deino­nychus hatten sich nur Knochen fossil erhalten, leider aber keine Überreste der viel empfindlicheren Federn.

Nun hieß es hoffen, dass eines Tages vielleicht doch ein Dinosaurierfossil mit derart feinen Strukturen auftauchen würde. Und tatsächlich: Auf einer Fachtagung 1996 in New York sprach der kanadische Paläontologe Philip Currie, der heute an der University of Alberta in Edmonton arbeitet, Ostrom an. Er war gerade aus China zurückgekehrt und hatte dort von einem außergewöhnlichen Fossil erfahren. Von dem zeigte er nun Ostrom ein Foto. Da war er: ein kleiner Dinosaurier mit deutlichem Federsaum. Vulkan­asche hatte das Tier begraben und Abdrücke der Feinheiten bewahrt. Angesichts des ersten solchen Fossils mit erkennbaren Federn kamen dem berühmten Forscher die Tränen.

Der später Sinosauropteryx genannte Dinosaurier versetzte die Experten in eine Art Goldrausch. Wer konnte, machte sich auf in die Liaoning-Region, von wo der spek­takuläre Fund stammt. Die Entdeckungen überschlugen sich. Mehr als 20 verschiedene gefiederte Dinosaurierarten, oft in diversen Exemplaren, haben Paläontologen seither in der Gegend aufgestöbert – an sich sind es meistens die Bauern, die wissen, wo auf ihrem Land die Suche lohnt. Das Spektrum umfasst neun Meter lange, mit Flaum bedeckte Verwandte der Ahnen von Tyrannosaurus rex, hundegroße Pflanzenfresser mit einfachen, langen, dicken Stachelhaaren sowie krähengroße Gleiter mit richtigen Flügeln. Diese Fossilien zählen zu den berühmtesten der Welt.

Theropode
© Lü, J., Brusatte, S.L.: A large, short-armed, winged dromaeosaurid (Dinosauria: Theropoda) from the Early Cretaceous of China and its implications for feather evolution. In: Nature Scientific Reports 5, Art. 11775, 2015, fig. 1
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 Bild vergrößernGefiederter Theropode

Das Fossil des gefiederten Theropoden Zhen­yuanlong suni stammt aus Jinzhou im nordöstlichen China. Zusammen mit vielen anderen Funden aus der letzten Zeit erhellt dieser Dino­saurier die Abstammung der Vögel. Die dunk­leren Schattierungen an den Armen und am abgebrochenen Schwanz stammen vom Federkleid. Deutlich zu sehen sind rechts die beiden Flügel.

Bedeutsam sind sie auch deswegen, weil sie zeigen: Die Vögel stammen wirklich von Dinosauriern ab. Doch diese Formulierung ist eigentlich nicht ganz korrekt. Genau genommen sind Vögel nämlich ebenfalls Dinosaurier – nicht weniger als beispielsweise ein Triceratops oder Brontosaurus. Systematiker ordnen sie einer der vielen Untergruppen zu, die vom letzten gemeinsamen Vorfahren aller Dinosaurier abstammen. In gleicher Weise zählen etwa Fledermäuse zu den Säugetieren, obwohl sie fliegen können.

Warum die Vögel zu den Dinosauriern gehören … und zwar zur Verwandtschaft der agilen Raptoren

Die Liaoning-Fossilien halfen außerdem zu enträtseln, wo im Dinosaurierstammbaum die Vögel sitzen: Sie gehören genauso wie die monströsen Fleischfresser T. rex, Allosaurus und Spinosaurus zu den Theropoden. Ihre nächsten Verwandten innerhalb dieser Gruppe sind allerdings die viel kleineren, agileren und mit relativ größerem Gehirn ausgestatteten "Raptoren" (Maniraptora), darunter sowohl Velociraptor wie Deinonychus, den Ostrom entdeckt hatte, als auch der so atemberaubend vogelähnliche Zhenyu­an­long, den Lü und ich beschrieben. Irgendwo inmitten dieser gefiederten Arten muss die Grenze zu den Vögeln liegen.

Inzwischen erlauben die vielen Fossilien aus Liaoning und anderen Regionen uns Forschern einen recht guten Einblick in jenen großen evolutionären Übergang. Bei diesen Studien kommt heutzutage eine Fülle neuester Technologien zum Einsatz: computertomografische Aufnahmen, um anatomische Feinheiten aufzudecken; rechnergestützte Analysen zur Rekonstruktion von Stamm­bäumen; Computermodelle für Bewegungsweisen sowie ausgefeilte Statistik, um die Evolution neuer Arten und Baupläne nachzuvollziehen. Mit Hilfe all dieser modernsten Methoden können meine Kollegen und ich Stück für Stück rekonstruieren, was damals geschah. Und nicht zuletzt geben die Ergebnisse Aufschluss darüber, in welcher Weise im Tierreich neue Großgruppen entstehen.

Wer die Evolution der Vögel aufklären will, muss sich auch mit dem Ursprung von Federn befassen. Schließlich sind sie das unverwechselbare Ausweisschild dieser Gruppe. Aber was für eine Visitenkarte! Federn sind multifunktional, sozusagen ein Schweizer Taschenmesser der Natur. Außer zum Fliegen dienen sie zum Protzen vor Geschlechtspartnern oder Rivalen, zum Warmhalten sowie Eierausbrüten auf dem Nest und zu manchem mehr. Welche ihrer vielfältigen Funktionen zuerst aufkam, ließ sich zunächst schwer beantworten.

Zumindest zeigen die Liaoning-Fossilien ganz klar: Federn traten nicht etwa plötzlich mit den ersten Vögeln auf, sondern bereits viel früher bei deren fernen Dinosauriervorfahren. Vielleicht war sogar schon der letzte gemeinsame Ahne aller Dinosaurier gefiedert. Die frühen Federn glichen dabei noch keineswegs einer typischen modernen, langen, flachen so genannten Konturfeder mit Kiel und Fahne. Die Körperbedeckung von Sinosauropteryx und vielen anderen Arten wirkte eher wie ein Haarflaum aus unzähligen Fädchen. Fliegen konnten diese Tiere nicht. Sie besaßen keine Flügel; außerdem hätten solche Gebilde einem Luftstrom gar nicht widerstanden. Ihr Zweck musste ein anderer gewesen sein. Vermutlich hielten sie jene kleinen Dinosaurier warm.

Fluffige Dinosaurier, die nicht fliegen konnten, aber mit ihrem bunten Federkleid protzten

Den meisten Arten genügte ein Mantel aus borstigen Federn. Die Maniraptora jedoch – eine Gruppe der Theropoden – entwickelten daraus etwas Neues. Die Borsten wurden länger, und irgendwann fingen sie an sich zu verzweigen, zunächst nur in ein paar einfache Büschel. Schließlich entstanden komplexer strukturierte, flache Anhängsel mit einem zentralen Kiel und zwei seitlich ab­zweigenden Fahnen, deren feine Verästelungen ineinander­haken und die dadurch dem Luftstrom widerstehen. An den Armen aufgereiht, eigneten sich solche Kontur­federn für Flügel. Einige der Liaoning-Dinosaurier, etwa der rabengroße Microraptor, den Xing Xu vom Institut für Wirbeltierpaläontologie der Chinesi­schen Akademie der Wissenschaften beschrieb, trugen sogar Flügel an Beinen und Schwanz.

Wer nun allerdings meint, die Umgestaltung der Federn und die Entstehung von Flügeln geschahen wegen des Fliegens, irrt. Zwar vermochten manche der kleineren Arten wie Microraptor mit ihren Flügeln wahrscheinlich zu gleiten. Das zeigen Windkanalexperimente und Computersimula­tionen unter Leitung des britischen Paläontologen Gareth Dyke von der Universität Debrecen (Ungarn). Doch andere Arten, auch Zhenyuanlong, die einen schweren Körper und nur kurze Arme hatten, waren sicherlich ans Bodenleben gebunden. Überdies besaß keiner dieser geflügelten Dinosaurier die zum kraftvollen Flügelschlag erforderlichen massigen Brustmuskeln. Und nur wenige verfügten über asymmetrische Konturfedern, bei denen die Außenfahne oder Leitfahne schmaler und steifer ist als die Innenfahne, wodurch sie sich erst zu aktiven Flugmanövern eignen.

Nach neuesten Erkenntnissen könnten Flügel zunächst vielmehr dazu gedient haben, sich zur Schau zu stellen. So zeigte Jakob Vinther von der University of Bristol mit leistungsstarker Mikroskopiertechnik, dass die Federn geflügelter, nicht flugfähiger Dinosaurier voller Pigmente steckten, die ihnen diverse Farben verliehen und Muster bildeten. Manche Federn schillerten sogar wie das irisierende Gefieder etwa von Krähen. Solche äußere Pracht kann sich hervorragend dazu eignen, Rivalen einzuschüchtern oder Geschlechts­partner anzulocken.

Evolution der Vögel
© Tierillustration: Portia Sloan Rollings; Kladogramm: Jen Christiansen / Scientific American Januar 2017
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 Bild vergrößernGradueller Wandel

Nicht ein Sprint, sondern ein Lang­streckenlauf führte zu den Vögeln. Anscheinend ist es in der Evolution normal, dass sich völlig neue Erscheinungsformen ganz allmählich herausbilden. Im Fall der Vögel waren entscheidende Merkmale wesentlich früher und oft zu anderen Zwecken entstanden. Es dauerte viele Jahrmillionen, bis sie miteinander die neue Lebensweise prägten.

Wenn die neue These zutrifft, wären die Flügel der Dinosaurier somit zur Signalgebung entstanden. Arme, Beine und Schwanz bildeten quasi große Werbeflächen, die nebenbei auf Grund der physikalischen Gesetze auch aero­dynamisch funktionierten. Fliegen wäre dann rein durch Zufall erfunden worden und vielleicht mehr als einmal, als die verschiedenen Maniraptoren beim Herumhüpfen große Sätze vollführten, Bäume hinaufhuschten oder von Ast zu Ast sprangen. Erst mit der Zeit verloren Angehörige in einem Zweig der Gruppe an Größe, entwickelten überlange Arme sowie starke Brustmuskeln und büßten den langen Schwanz ein – wurden also zu Vögeln.

Die typischen Merkmale der Vögel entstanden schon Jahrmillionen vor deren Auftreten

Die Evolution von Federn und Flügeln ist aber nur ein besonders augenfälliges Beispiel aus einer Anzahl anderer Entwicklungen, die zusammen ein viel größeres Muster abgeben. An den Dinosauriern von Liaoning lässt sich nämlich außerdem zeigen, wie zahlreiche andere vermeintlich exklusive Merkmale der Vögel bereits Millionen von Jahren vor deren Auftreten entstanden – doch nicht im Zusammenhang mit dem Fliegen.

So kamen die langen, geraden Beine der Vögel und ihre drei dünnen Hauptzehen erstmals vor mehr als 230 Millionen Jahren bei ganz frühen Dinosauriern auf. Dies ging offenbar mit der Umgestaltung des Reptilienkörpers in aufrecht gehende Kreaturen einher, die dann im Sprint etwaige Konkurrenz auszustechen vermochten, ob bei der Paarung oder bei der Jagd auf Beute. Betont kräftige Hinter­beine kennzeichneten alle Dinosaurier und zählten zu den Attributen, welchen sie ihre Herrschaft verdankten. Bei den ersten Theropoden verschmolzen dann das rechte und das linke Schlüsselbein in der Körpermitte zum Gabelbein. Diese scheinbar geringfügige Neuerung stabilisierte den Schultergürtel. Damit vermochten die hundegroßen Räuber die Schockkräfte beim Packen der Beute besser aufzufangen. Bei den Vögeln dann spannt sich das Gabelbein wie eine Feder, die beim Flügelschlag Energie speichert.

Ebenso reichen die evolutionären Wurzeln der charak­teristischen luftgefüllten Hohlknochen der Vögel mit Verbindung zu den großen Luftsäcken und der Lunge weit zurück, für die Flugfähigkeit wichtige Merkmale. Denn schon viele Dinosaurier hatten von Luftsäcken ausgehöhlte Knochen – ein Zeichen für die für Vögel typischen hoch­effizienten "Durchfluss"-Lungen, die Sauerstoff auch im Ausatmen aufnehmen. Ihre leichten Knochen sparen den Vögeln viel Gewicht ein, während das Luftsacksystem den enormen Energieumsatz ermöglicht.

Das rasante Wachstum junger Vögel bahnte sich gleichfalls früh an. Die Feinstruktur der Knochen von Dinosau­riern lässt erahnen, dass deren Stoffwechsel- und Wachstumsraten etwa in der Mitte zwischen den kaltblütigen, langsam heranreifenden Reptilien und den warmblütigen, rasch ausgewachsenen heutigen Vögeln lag. Mehr als 100 Millionen Jahre bevor sich Vögel in die Luft erhoben, begannen die ersten geschwind rennenden, langbeinigen Dinosaurier schneller heranzuwachsen als die trägen Amphibien, Eidechsen und Krokodile, gegen die sie sich behaupten mussten. Als Anpassung an ihren hohen Energiebedarf entwickelten sie Durchfluss-Lungen.

Selbst die im Vergleich zu den großen Dinosauriern verschwindend geringen Körpermaße begannen sich nicht erst mit den Vögeln zu entwickeln. Das erkannten Mike Lee von der Flinders University in Adelaide (Australien) und Roger Benson von der University of Oxford unabhängig voneinander. Demnach fing eine allmähliche Größenabnahme bereits bei den Maniraptora an und setzte sich mehr als 50 Millionen Jahre lang fort. Was diesen Trend befeuerte, ist unklar. Möglicherweise konnten jene kleineren gefiederten Dinosaurier neue ökologische Nischen einnehmen. Vielleicht lebten sie in Bäumen oder im Unterholz oder bewohnten sogar Höhlen oder Erdlöcher, wo Giganten wie Brachiosaurus und Stegosaurus nicht hinkamen.

Die Dinosaurier hatten einen ­rascheren Stoffwechsel und wuchsen schneller als kaltblütige Reptilien

So manche Verhaltens- und Gehirnmerkmale der Vögel gehen ebenfalls auf die Dinosaurier zurück. Viele dieser Befunde stammen aus der Wüste Gobi. Ein Team des American Museum of Natural History in New York und der Mongolischen Akademie der Wissenschaften entdeckte dort in den letzten rund 25 Jahren unter der Leitung von Mark Norell und Michael Novacek eine Vielzahl an Fossilien aus der späten Kreidezeit mit einem Alter zwischen 84 und 66 Millionen Jahren. Diese Versteinerungen geben einzigartig genaue Einblicke in die Lebensweise der Dinosaurier und frühen Vögel. Hierzu zählen gut erhaltene Schädel von Velociraptor und anderen gefiederten Maniraptoren. Amy Balanoff von der Stony Brook University (US-Bundesstaat New York) hat einige davon im Computertomografen durchleuchtet. Die Tiere besaßen demnach ein recht großes Gehirn, und besonders sein vorderster Bereich hatte zugenommen. Nun sitzt die Intelligenz der Vögel gewissermaßen in ihrem großen Vorderhirn. Ohne diese neuronale Rechenmaschine könnten sie zudem keine komplizierten Flugmanöver durchführen und würden sich im dreidimensionalen Luftraum nicht zurechtfinden. Weswegen bereits die Maniraptoren eine gesteigerte Intelligenz entwickelten, wissen wir allerdings noch nicht.

All dies zusammen betrachtet, entstand der Bauplan der Vögel also nicht in einem einzigen großen Wurf, sondern aus einer Menge Einzelentwicklungen. Zur Veranschaulichung spreche ich gern von einem Satz Lego­bausteinen, die nach und nach Stück für Stück zu etwas ganz Neuem zusammengesetzt werden.

Wegen jener langwierigen Evolution in vielen kleinen Schritten lässt sich keine klare Trennlinie zwischen den "Vögeln" und ihren unmittelbaren "Nichtvogel"-Vorfahren erkennen. Das habe ich zusammen mit Kollegen 2014 in einer Untersuchung belegt, die aus meiner von Norell betreuten Doktorarbeit hervorging. Wir begutachteten darin Fossilien aus der fraglichen Übergangsphase. Mein Doktorvater, der Paläobiologe Graeme Lloyd von der University of Leeds (England), der Paläostatistiker Steve Wang vom Swarthmore College (Pennsylvania) und ich trugen von rund 150 Theropoden aus jener Zeitspanne Datensätze für mehr als 850 Skelettmerkmale zusammen. Mit einem Statistikverfahren, das viele Merkmale einrechnet, bildeten wir jede Art in einem so genannten Morphospace (einem "Gestaltraum") ab. Im Prinzip handelt es sich dabei um eine mehrdimensionale Karte, auf der die Arten entlang mehrerer Achsen nach dem Anteil von Merkmalen gruppiert sind, die sie miteinander teilen. Zwei sehr ähnliche Arten liegen dann nah zusammen, während in vielem verschiedene Arten weit auseinanderrücken.

Statistisch ermittelte Grafiken veranschaulichen den schwammigen Übergang in der Vogelevolution

Wären die Vögel aus Dinosauriern auf Grund einer Anzahl rasch aufeinander folgender einschneidender Mutationen hervorgegangen, hätte sich demnach binnen kurzer Zeit eine völlig andere Tierform herausgebildet, dann müssten die beiden Gruppen von Theropoden auf der Karte deutlich verschiedene Bereiche, also eigene Morphospaces einnehmen. Das ist aber nicht der Fall. Vielmehr finden sich die damaligen Vögel bunt verstreut mitten in der Wolke der Dinosaurier. Das heißt, ihre Entwicklung geschah so langsam, dass der Übergang verschwamm.

Daraus folgt: Die Vögel sind einfach ein besonderer Typ von Dinosauriern. Hätte ich vor 125 Millionen Jahren in Jinzhou sein können und wäre dort einem lebenden Zhen­yuanlong begegnet, der beim vergeblichen Versuch, dem tödlichen Ascheregen zu entkommen, mit seinen kleinen Flügeln flatterte, dann hätte ich ihn wohl für einen großen Vogel gehalten. Doch sicherlich hätte ich die damaligen Dinosaurier und Vögel ein und derselben Tiergruppe zugeordnet. Dass dieser Zhenyuanlong heute als Dinosaurier gilt und nicht als Vogel, beruht auf einer seit Langem herrschenden Übereinkunft: Zu den Vögeln zählen Paläontologen traditionell alle Arten, die vom letzten gemeinsamen Vorfahren von Archaeopteryx und den modernen Vögeln abstammen – in der Hauptsache also kleine, flug­fähige Gefiedertiere mit voll entwickelten Flügeln. Die Dromaeosauriden, und mit ihnen Zhenyuanlong, gehören aber nicht dazu, denn ihre Evolutionslinie hat sich kurz vorher abgezweigt.

Aber selbst wenn die Vögel eigentlich Dinosaurier sind und keine eigene Tierklasse bilden, sollten wir sie nicht gering schätzen. Sie stellen trotzdem etwas Besonderes dar, haben sie doch zu einer völlig neuen Daseinsweise ­gefunden und eine ungeheure Vielfalt hervorgebracht. Wenigstens 10 000 Arten dürften heute existieren, mit so verschiedenen Formen wie den Kolibris und den Straußenvögeln. Und in noch einer Hinsicht ragen sie heraus: Sie sind die einzigen Dinosaurier, welche die Umweltkatastrophe vor 66 Millionen Jahren überlebt haben.

Wie viele Zufälle haben im Verlauf von Jahrmillionen zur Entstehung der Vögel beigetragen! Die Evolution vermag nicht vorauszuschauen. Niemand von uns, wäre er damals dabei gewesen, hätte geahnt, was aus dem Federkleid der Dinosaurier, das zum Warmhalten und Prahlen dient, einmal werden würde. Die Evolution wirkt stets nur aus dem Augenblick heraus, mit dem gerade Vorhandenen, das vom nie verschwindenden, immerfort wechselnden Umwelt- und Wettbewerbsdruck geprägt ist. Je mehr die Wissenschaftler andere bedeutende Übergänge in der Evolutionsgeschichte der Tierwelt begreifen – ob den Landgang der Wirbeltiere, die Umwandlung von Landsäugetieren in Wale oder die Entstehung unseres aufrechten Gangs –, umso mehr kristallisiert sich heraus, dass sie nach dem­selben Prinzip abzulaufen scheinen: So ein Wandel gleicht nicht einem Sprint, sondern eher einem Marathonlauf, wenn auch ohne Ziellinie.

Noch ein Befund unserer Statistikstudie ist erwähnenswert, den wir so nicht erwartet hatten. Er könnte erklären, wieso ausgerechnet die Vögel das Massenaussterben am Ende der Kreidezeit überlebten. Anhand unserer großen Datensätze haben wir Evolutionsraten von Skelettmerkmalen ermittelt, also das Tempo von deren Veränderungen – als Anzeichen für evolutionäre Vitalität. Dabei zeigte sich: Die ganz frühen Vögel legten ein außergewöhnliches Tempo vor, viel rascher als Velociraptor, Zhenyuanlong und andere nah verwandte Zeitgenossen aus der "Nichtvogel"-Frak­tion. Sobald das Lego-Kit beisammen war, entfaltete es anscheinend ein riesiges evolutionäres Potenzial. Damit bewältigten die Vögel sogar die Verheerungen nach dem Asteroideneinschlag. In jener total veränderten Welt fanden sie dadurch genügend neue Lebens­mög­lich­keiten.