Eine Hand voll einstöckiger rötlicher Backsteinhäuser mit typisch balinesischen Dächern säumt einen sonnenbeschienenen Hof. Palmen und ein paar andere Bäume spenden Schatten. Prunkstück der tropischen Fauna vor dem Museum Gedong Kirtya in Singaraja im Norden Balis aber ist eine prächtige Lontarpalme. Ihre aus bis zu drei Meter langen, ebenmäßigen Blättern bestehende Fächerkrone spannt sich wie ein filigraner Baldachin über den Rasen.

Auch in einem der Häuschen selbst dreht sich alles um die Lontarpalme. Genauer gesagt darum, wie die Balinesen seit Jahrhunderten die Blätter des auch als Palmyrapalme bekannten Baums nutzen. Auf den nach einem komplizierten Verfahren aufbereiteten Blätter der Borassus flabellifer gravieren sie nämlich in feinster Handarbeit ihr Wissen und ihre Weisheiten und binden sie zu einer Art Buch. In kunstvoll geschnitzten Holzkisten werden in dem Museum Gedong Kirtya in der ehemaligen Hauptstadt der holländischen Kolonialmacht auf Bali mehr als 1700 dieser Lontarbücher aufbewahrt.

Museumsmitarbeiterin Ayu freut sich über unseren Besuch. Nicht viele Touristen verirren sich in das Lontarmuseum, das eigentlich mehr Bibliothek und Forschungszentrum denn Ausstellungsort ist. Bali – das ist für Touristen eben Strand, Surfen, Tauchen, Wellness in einem der zahllosen Spas. Viele ergötzen sich zudem an den einzigartigen Tempeln und den unzähligen Festen des bunten balinesischen Hinduismus. Sie erleben die Oberfläche, die Erscheinung der Dinge, nicht aber die unsichtbare Welt dahinter, wie es Ron Jenkins ausdrücken würde. Was der Theaterwissenschaftler und ausgebildete Clown mit Bali und Lontar zu tun hat, dazu gleich mehr.

Bücher wie eine Jalousie

Spontan unterbricht Ayu ihre Arbeit, um mir und meinem Begleiter von den Lontar zu erzählen. Flugs zieht die in eine grüne Uniform gekleidete junge Frau ein Lontarbuch auseinander wie eine Jalousie. Lontar mit kurzen Seiten werden von einer durch Löcher in der Mitte gefädelten Schnur zusammengehalten, längere durch Schnüre an den beiden Enden. Jedes der braunen Blätter ist beidseitig beschrieben. "Auf Lontar haben wir Balinesen einfach alles aufgeschrieben", erzählt Ayu. "Kochrezepte wurden darauf ebenso festgehalten wie religiöse Riten, Wissen über Heilkunst, Astronomie und Astrologie, Gesetze, Geschichte, Architektur und Philosophie bis hin zu Literatur und Poesie."

Je nach Schätzungen existieren auf Bali noch zwischen 10 000 und 50 000 Lontar. Die meisten davon befinden sich im Privatbesitz von balinesischen Sammlern, Hindupriestern und Heilern, wie dem durch den Film "Eat Pray Love" berühmt gewordenen Ketut Liyer in Ubud.

Museumsmitarbeiterin Ayu
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Die Mitarbeiterin des Museums Gedong Kirtya präsentiert ein Lontar aus der Sammlung. Nur noch wenige Balinesen können die altertümlichen Texte lesen und verstehen.

Geschickt führt die Lontarexpertin mit Universitätsdiplom in Englisch vor, wie Lontar beschrieben werden. Dazu benutzt sie ein sehr scharfes Gravurmesser, das Pengrupak. Behutsam graviert sie etwas auf Balinesisch, und, in westlicher Schrift, das Datum des Besuchs in das nur wenige Millimeter dicke braune Blatt. Dann taucht sie einen Baumwollbausch in ein Döschen mit schwarzer Tinte aus einem Gemisch aus Asche und dem Öl der Kemirinuss. Damit reibt Ayu vorsichtig die kaum erkennbaren Gravuren ein – die Schrift färbt sich schwarz, wird sicht- und lesbar.

Die kleine Gefälligkeit für die Besucher ist schnell getan. Das Schreiben eines richtigen Lontartextes aber ist viel langwieriger. "Man schafft am Tag vielleicht vier Seiten", weiß Ayu. "Für ein Blatt mit Zeichnungen braucht man bis zu einen Monat. Man muss sehr präzise arbeiten. Eine Delete-Taste oder Tipp-Ex gibt es ja für die Lontar nicht." Kompliziert und langwierig ist auch der Prozess der Umwandlung der Lontarblätter in beschreibbare Seiten. Die Blätter werden erst getrocknet, dann einige Wochen in Wasser eingeweicht, wieder getrocknet, dann in einer Kräuterlake gekocht und anschließend mindestens drei Monate wieder getrocknet und gepresst.

Das älteste Lontarbuch in der Bibliothek in Singaraja stammt aus dem 14. Jahrhundert. Ein so altes Lontar aber ist eine Seltenheit. Auf Grund ihrer natürlichen Beschaffenheit, aber auch wegen Insektenfraß oder unsachgemäßer Lagerung halten Lontar nicht ewig. Um die Bücher und damit das in ihnen enthaltene Wissen vor dem unwiederbringlichen Verschwinden zu schützen, müssen Lontar immer wieder kopiert werden.

Vom Palmblatt in den Computer

Hier nun tritt Professor Jenkins von der Wesleyan University im US-Bundesstaat Connecticut auf, der durch seine Ausbildung am (inzwischen geschlossenen) Clown College des legendären amerikanischen Zirkusunternehmens Ringling Bros. and Barnum & Bailey die Grundlagen zu seiner fröhlichen Karriere legte – als Clown, Theaterwissenschaftler und Baliexperte in Personalunion.

Zusammen mit seinem balinesischen Kollegen Professor Nyoman Catra und dank der finanziellen Unterstützung durch die digitale Bibliothek der Internet Archive Foundation in San Francisco digitalisierte er in den vergangenen Jahren mehr als 3000 Lontar aus dem Bestand der zweiten großen öffentlichen Lontarbibliothek Balis im Indonesian Arts Institute (ISI) in Balis heutiger Hauptstadt Denpasar. Das Digitalisierungsprojekt ist inzwischen ausgelaufen. Nicht weil das Ziel erreicht wäre. Sondern weil die Mittel für die Fortsetzung fehlen.

Die Lontar durch Digitalisierung zu bewahren und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ist eine wichtige Sache. "Bali wäre nichts ohne die Lontar, ohne das geschriebene Wort", betont in New York Jenkins im Gespräch über Skype. Erst durch das in den Palmblattbüchern überlieferte Wissen – seien es Methoden zur Bewässerung von Reisfeldern, seien es die Geschichten und Mythen hinter religiösen Ritualen oder dem balinesischen Puppentheater – werde die spirituelle Welt Balis sichtbar und verständlich.

Manche Lontar sind mit feinem Strich illustriert
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Verfasst sind die Lontar in einer aus dem Altjavanischen stammenden Sprache und Schrift, die sich nur im Rahmen zeremoniellen Gebrauchs erhalten hat. In diesem Werk geht es um Pflanzenkunde.

Zu den Lontar ist Jenkins durch sein Faible für die Kunst der Clowns gekommen. "Ich begann mein Berufsleben als Zirkusclown und bin zum ersten Mal nach Bali gekommen, um mehr über die Tradition der Penansar, der Tempelclowns, zu erfahren", erzählt Jenkins. Wolle man aber alles über die Stücke, die Figuren, die Geschichte der Penansar lernen, sei das Studium der Lontar unabdingbar.

295 Blätter Astronomie

Jenkins vergleicht die Rolle der Penansar mit denen der Figuren in den Theaterstücken des italienischen Autors Dario Fo, mit dem Jenkins persönlich zusammengearbeitet und dessen Stücke er ins Englische übersetzt hat. Wie der Literaturnobelpreisträger Fo würden die Penansar anspruchsvoll und kultiviert gesellschaftliche Themen mit dem Mittel der Slapstickkomödie ansprechen. Noch heute erinnert sich Jenkins mit tiefer Bewunderung an die Reaktion der Balinesen auf die terroristischen Bombenanschläge der Jahre 2002 und 2005. "Statt nach Rache zu rufen, haben sich die Balinesen mit Ritualen, Kunst, Literatur und Theateraufführungen in den Tempeln mit der traumatischen Erfahrung von Gewalt und Tod auseinandergesetzt", erzählt Jenkins und fügt hinzu: "So wird Kultur auf elegante und andächtige Weise zur Waffe."

Nyoman Catra ist der Hüter der rund 3000 Lontar in der ISI-Lontarbibliothek des Kulturministeriums in Denpasar. Viele der Lontar werden hinter Glas in Regalen in einem schummerigen Raum aufbewahrt, der Büro und Bücherei zugleich ist. Die meisten aber ruhen in Holzkästen, an deren Stirnseite auf weißem Papier der Inhalt verzeichnet ist. Vorsichtig nimmt Catra aus einem der Glasschränke ein sehr dickes Lontar heraus. "Das ist das längste Lontar unserer Sammlung. Auf den 295 Blättern geht es um Astronomie", erzählt Catra. Der Experte kennt auch den Inhalt des aus 254 Blättern bestehenden, zweitlängsten Lontar: Liebeslieder und Liebesgedichte.

Rund 1700 Schriften
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Das Museum in Singaraja verfügt über rund 1700 alte Lontar – fein säuberlich in mit Schnitzereien verzierten Holzkisten aufbewahrt. Insgesamt schätzen Experten die Zahl der erhaltenen Lontar auf 10 000 bis 50 000.

Er ist einer der wenigen, die noch die in Kawi verfassten Bücher lesen können. Kaum ein Balinese beherrscht heutzutage diese auf dem Altjavanisch basierende Zeremonialsprache, die in vielen Varianten verwendet wurde. "Sprache ist in unserer hinduistischen Kastengesellschaft auch ein Ausdruck des sozialen Status." Je weniger Balinesen aber die Lontar lesen und verstehen können, desto größer wird die Gefahr, das einzigartige Wissen zu verlieren – eine Katastrophe, findet Catra. "Die Lontar sind die Basis unserer Kultur."

Opfer für die heiligen Schriften

Für alles, was man tun kann und tun muss, gibt es für die Balinesen gute und schlechte Tage. Priester und Wahrsager bestimmen den Tag, an dem man heiratet, ein Feld bestellt oder ein Haus baut. "Wenn man eine bestimmte Sache an dem geeigneten guten Tag nicht erledigen kann, dann fängt man wenigstens damit an und setzt sie später fort. So hat man immerhin die guten Geister auf seiner Seite", beschreibt Catra lächelnd die balinesische Welt zwischen Volksglaube und Pragmatismus. Dass das Wissen um gute und schlechte Tage aus den Lontar abgeleitet wird, ist eine Selbstverständlichkeit.

Für den Hüter des Kulturschatzes ist es neben der Bewahrung der Lontar durch die Digitalisierung fast noch wichtiger, den Inhalt der Palmblattbücher zu übersetzen. Der internationalen Wissenschaft und der Welt müsse dieser enorme, aus animistischen Glaubenssystemen, der einzigartigen balinesischen Form des Hinduismus, Naturbeobachtungen und künstlerischer Kreativität komponierte Wissensschatz unbedingt verfügbar gemacht werden, findet Catra. "Es gibt bisher keine Übersetzungen auf Indonesisch, geschweige in andere Sprachen wie Englisch oder Deutsch."

Wie sehr die Balinesen Bildung schätzen, zeigt der auf der indonesischen Insel ausgeprägte Saraswati-Kult. Die Göttin der Weisheit, der Kunst, des Wissen, der Sprache, des Lernens und der Reinheit wird zwar überall auf der Welt von den Hindus verehrt, aber auf Bali genießt sie ein besonders hohes Ansehen. Zum Saraswati-Tag, einem der höchsten hinduistischen Feiertage Balis, werden der Göttin und den heiligen Schriften Opfer dargebracht.

Ein Pengrupak
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Mit einem solchen Messer werden die Lettern in die Oberfläche der Palmblätter eingraviert. Um die Ritzungen sichtbar zu machen, wird eine Art Tinte eingerieben.

Bei aller Liebe und Treue zu ihren Traditionen haben die Balinesen keine Scheu vor Neuem und Fortschritt. Dewa Made Dharmawan, stolzer Besitzer einer der größten privaten Lontarsammlungen auf Bali, hat eine Computertastatur zum Schreiben von Kawi entwickelt und einen Drucker derart modifiziert, dass mittels eines Laserstifts Lontar gedruckt werden können.

An einem Tisch im Lontarmuseum in Singaraja sitzt über Lontar und ein Blatt modernes Papier gebeugt I Gusti Bagus Sudiasta. "Ich übertrage Lontar in westliche Schrift", erzählt Sudiasta mit sanfter Stimme. Der auf Bali berühmte Meister des Lontarschreibens weiß, dass seine Übersetzungen angesichts der großen Zahl der Lontar nur einen winzigen Beitrag zur Bewahrung des balinesischen Wissens darstellen. Sudiasta sagt schlicht: "Wir müssen doch alles tun, unser Wissen auch zukünftigen Generationen zugänglich zu machen. Lontar sind ein Spiegel unserer balinesischen Seele."