Moritz Hoffmann hat eine Mission: "Wir müssen raus. Dahin, wo sich Leute für Geschichte interessieren." Dass ausgerechnet Amazon ihn in dieser Mission bestärken würde, hätte der Historiker allerdings nicht gedacht. Der Konzern war auf ein Social-Media-Projekt über die letzten Kriegsmonate im Jahr 1945 gestoßen und wollte Hoffmann spontan als Jurymitglied für einen Wettbewerb gewinnen, in dem es um Erinnerungstexte zum Weltkrieg ging. Moritz Hoffmann sagte zu, ein Wochenende später war das Projekt eingetütet. An der Universität, wo Hoffmann bis vor Kurzem arbeitete, wäre das in diesem Tempo nicht möglich gewesen, glaubt er: "Es gibt an der Universität Dynamiken, die historisches Arbeiten im Licht der breiten Öffentlichkeit schwierig machen." Geschichtswissenschaft, sagt er, sei zu langsam, zu scheu.

Gemeinsam mit Charlotte Jahnz, einer frisch examinierten Historikerin von der Universität Bonn, hielt er kürzlich auf dem digitalen Szenetreffen Re:publica einen Vortrag mit dem Titel "Warum die Facebook-Kommentarspalte die Geisteswissenschaften rettet". Schöne Idee: Historiker schlichten das Diskursgeschrei der sozialen Medien, sorgen für ein Fakten-Aha bei Facebook-Ereiferern und Twitter-Trollen. Und setzen damit zugleich dem jammerigen Krisendiskurs der Geisteswissenschaften selbstbewusst etwas entgegen: Seht her, hier werden wir gebraucht! Hoffmann und Jahnz glauben, dass es in den sozialen Medien einen "Geschichtsboom" gebe – der unter der flammenden Oberfläche rechtspopulistischer Kommentare verborgen sei. "Die Menschen haben Interesse an historischen Kontextualisierungen. Deswegen sollten wir diese Diskussionsforen nicht verloren geben."

Man kann sich zu diesem Zweck testhalber durch ein paar Seiten lesen, in denen sich dieses Geschichtsinteresse zeigt – etwa auf der Facebook-Seite zur "Geschichte der Wehrmacht". Fast 60 000 Leute folgen den Einträgen des Administrators, der Biografien von Soldaten teilt, Fotos von Militärflugzeugen postet, an Jahrestage erinnert. Ein ernsthaftes Interesse an Militärgeschichte scheint ihn umzutreiben. Es wird eifrig geliket und kommentiert, und gelegentlich kippt die ohnehin geneigte Kommentarspalte nach rechts. Sie entkoppelt sich dann nicht nur von der historischen Forschung, sondern auch von dem, was Hoffmann den "bundesrepublikanischen Konsens" nennt – von einer "Demokratie, die sich vom Gedanken der Menschenwürde leiten lässt". Hoffmann und Jahnz versuchen dann gegenzuhalten: Klinken sich in die Facebook-Threads mit Fakten ein, verlinken auf Quellenmaterial. Verknappen komplizierte Forschungsdebatten zum handlichen Dreizeiler und weisen darauf hin, dass mancher Wikipedia-Eintrag eher Heldenverehrung statt sachliche Biografie eines SS-Offiziers biete. Klappt das? Rechte, die sie als "Stolpersteinpoliererin" beschimpfen, erreiche man natürlich nicht, sagt Jahnz: "Aber der Großteil der Leute ist nicht radikalisiert, sondern interessiert. Die lesen still mit. Die wollen wir erreichen."

Eine historische Werkzeugkiste für jedermann

Beide, Hoffmann und Jahnz, haben Erfahrung mit den sozialen Medien und dem, was in der Geschichtswissenschaft inzwischen "Public History" genannt wird. Mit ihrer Idee, die Ereignisse vom 9. November 1938 in Echtzeit zu twittern und Geschichtswissenschaft greifbar zu machen, haben sie vor zwei Jahren über 11 000 Leute erreicht. Das Medieninteresse war riesig, die dpa zeichnete das Projekt mit einem Nachwuchspreis aus. Als durch die große Zahl an Kriegsflüchtlingen vergangenen Sommer der öffentliche Diskurs heißdrehte, gründete Hoffmann über Nacht mit seiner Historikerkollegin Birte Förster die Seite gefluechtet.de. Kurzbiografien von Exilanten und informative Einträge zur Geschichte der Flucht schafften einen Kontext für die Migrationsdebatten. 50 000 Aufrufe verzeichnete die Seite damals, inzwischen hat sie sich auf rund 5000 Besucher im Monat eingependelt.

"Der Großteil der Leute ist nicht radikalisiert, sondern interessiert. Die lesen still mit. Die wollen wir erreichen"
Charlotte Jahnz

Und nun die nächste Idee. Sie wollen eine historische Werkzeugkiste für jedermann bereitstellen – in Form einer Website, auf der kleine Infokästen stehen und Begriffe in ihrem historischen Kontext erläutert werden. Wie viele Tote gab es bei den Bombenangriffen auf Dresden wirklich? Was bedeutete in der Weimarer Republik der Begriff "Lügenpresse"? Und was ist eigentlich eine historisch zuverlässige Quelle? Häufig scheitere eine informierte Debatte daran, dass in der Fach-Community Begriffe ganz anders belegt seien. "Mythos Trümmerfrau" etwa hieß die vor zwei Jahren erschienene Dissertation von Leonie Treber. Die Studie befasst sich kritisch mit dem im deutschen historischen Gedächtnis fest verankerten Bild der Trümmerfrau, die es als solche nicht gegeben habe. "In den sozialen Medien haben sich viele darüber aufgeregt", sagt Jahnz: "Bei ihnen kam an: Da schreibt eine tendenziöse Historikerin unsere Familiengeschichte um, delegitimiert unsere Vergangenheit." Was fehlte, war das Bewusstsein über einen spezifisch historischen Mythosbegriff, die Kenntnis innerfachlicher Debatten über den Zusammenhang von Individual- und Kollektivgeschichte.

Twitter-Projekt "Heute vor 70 Jahren"
© Moritz Hoffmann; Foto: Sutton L (Sgt), No 5 Army Film & Photographic Unit / public domain
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernTwitter-Projekt "Heute vor 70 Jahren"
Fakten gegen Trolle: Im Twitter-Projekt "Heute vor 70 Jahren" twittert Moritz Hoffmann als @digitalpast geschichtliche Ereignisse wie den Tod Himmlers in Echtzeit 70 Jahre später. Zum Vorgängerprojekt "@9Nov38", das 2013 stattfand, schrieb er: "Dabei verlassen wir uns nicht auf erzählerisches Talent oder formen die Geschichte nach dem, was wir mit ihr sagen wollen, sondern wir folgen den Quellen und der Forschung."

Dies sei verlinkbares Wissen, glauben Hoffmann und Jahnz, das man fundiert, aber niedrigschwellig präsentieren müsste. Aus ihrem Internetwerkzeugkasten, so der Plan, könnte jede und jeder sich per Copy-and-paste das Fachwissen und die Quellenlinks herauskopieren und in die Kommentarspalten der sozialen Netzwerke einstreuen. Als Guerilla-Historiker, sozusagen.

Nun ist es nicht so, dass die akademische Geschichtswissenschaft nicht hörbar zu Wort käme. Rezensionen historischer Bücher haben in Zeitungen einen festen Platz, ebenso wie die Berichterstattung zum Historikertag, der mit über 3000 Teilnehmern zu den europaweit größten geisteswissenschaftlichen Fachkongressen zählt. Der Geschichtsprofessor, der mit wissender Miene eine Akte aus dem Archivregal zieht, ist vertrautes Schnittmaterial in Fernsehbeiträgen, und auch im Radio hört man Experten das politische Tagesgeschäft historisch-kritisch einordnen. Doch diese eingeübten Diskurspraktiken der klassischen Medien sind von dem, was sich in den Kommentarspalten der sozialen Medien abspielt, inhaltlich entkoppelt. Auch Martin Schulze Wessel beschäftigt das: Der Münchner Osteuropahistoriker und Vorsitzende des Deutschen Historikerverbands sagt: Wie man unter den Bedingungen der sozialen Medien historisches Bewusstsein schaffe, gehöre zu den "drängenden Fragen" seiner Zunft.

Algorithmen und Reflexwellen: Wie erreicht man historische Tiefenschärfe?

Natürlich ist auch der Historikerverband online vertreten, kündigt bei Twitter Veranstaltungen an und netzwerkt mit Medien und wissenschaftlicher Community. Es ist aber die digitale Kommunikationslogik als solche, die Schulze Wessel kritisch sieht und die man gerade für historische Streitgespräche bedenken müsse: "Man gerät in den sozialen Medien schnell in eine Reflexwelle, in der man sich gegenseitig hochschaukelt und den sachlichen Bezug verliert." Die Algorithmen der Netzwerke, aber auch zentrale Plattformen wie Amazon lieferten einem das zu, was einen ohnehin interessiere. "Für einen aufgeklärten Diskurs ist das ein Problem, weil andere Meinungen und Diskurshorizonte aus dem Blick geraten. Sie werden buchstäblich undenkbar."

"Ein Artikel in der "FAZ" gilt unter den Kollegen als wertiger, als wenn man in einer Facebook-Debatte Fakten geradegerückt hat"
Moritz Hoffmann

Schulze Wessel hat Sympathie für Hoffmanns und Jahnz’ Vorhaben, sich in die direkte Debatte zu begeben. Neulich hat er das auch getan, und einen Gastbeitrag im "Focus" veröffentlicht. Es ging um das Machtgebaren Wladimir Putins, das am seidenen Faden gesteuerter Massenmedien hänge. Ein Aufregerthema, das jene an die Tastatur treibt, die auch in Deutschland eine "Lügenpresse" am Werk sehen. "Ich habe dort so viele Kommentare bekommen – ich habe es kaum geschafft, die alle zu lesen. Viele schienen sehr reflexhaft geschrieben und glichen einander", erzählt Schulze Wessel. Er findet es wichtig, dagegenzuhalten, wenn die gesellschaftliche Erregungsspirale sich gegen die Fakten zu immunisieren drohe. Ein saturierter Abwehrgestus gegen die sozialen Medien sei für die institutionalisierte Geschichtswissenschaft keine Option: "Viele Diskussionen heute werden von einer krisenhaften Endzeitstimmung geprägt, etwa wenn es um Europa geht. Als Historiker müssen wir proaktiv Themen setzen, müssen glaubhaft vertreten, worin der positive Reiz etwa von Internationalität und sozialer Gerechtigkeit liegt." Aber er sagt auch: "Das ist eine große Aufgabe, die Zeit kostet. Und leider bislang auch eine, für die man in der wissenschaftlichen Community kaum Anerkennung findet." Auch Moritz Hoffmann sagt das: "Ein Artikel in der "FAZ" gilt unter den Kollegen als wertiger, als wenn man in einer Facebook-Debatte Fakten geradegerückt hat."

An ihrem Institut an der Universität Bonn, erzählt Charlotte Jahnz, sei sie für alle immer nur "die mit dem Twitter" gewesen. Ihre gleichaltrigen Kommilitoninnen hätten ihre digitalen Geschichtsprojekte skeptisch beäugt. Es sei ein Missverständnis, sagt sie, dass alle jungen Leute in den sozialen Medien aktiv seien – und dass sich mit der nachwachsenden Generation eine Art geisteswissenschaftliche Diskurshoheit im Netz demnächst von ganz allein ergeben werde. Hoffmann und Jahnz glauben: Wenn sich ihr Fach in den sozialen Medien nicht bald ein bisschen wagemutiger zeigt, dann heißt es irgendwann: Geschichte? Sind das nicht die ohne Internet?