An der Physik hinter den so genannten "Kugelblitzen" beißen sich Forscher nach wie vor die Zähne aus. Ein einzelner Mechanismus, der die mysteriösen Lichterscheinungen in ihrer gesamten Bandbreite erklären könnte, ist nicht in Sicht. Erfreulicherweise ganz ohne exotische Physik kommt da eine Erklärung aus, die Forscher der Universität Innsbruck nun mit handfesten Berechnungen untermauerten: Viele der Erscheinungen seien in Wahrheit Halluzinationen, ausgelöst durch elektromagnetische Kräfte, die Hirnzellen im Sehsystem zum Feuern bringen.

Alles nur Einbildung?
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Die Physiker Josef Peer und Alexander Kendl kamen eher nebenbei auf die Idee, die Elektrodynamik von Blitzen mit den elektromagnetischen Feldern zu vergleichen, die in der transkraniellen Magnetstimulation (TMS) üblich sind. "Wir haben hier eine erstaunliche Übereinstimmung gefunden", erklärt Kendl. Hinsichtlich Frequenz und Stärke würden sich die Magnetfelder überraschend stark ähneln.

Bei der TMS manipulieren Hirnforscher mit einer an den Schädel gehaltenen Spule gezielt die Aktivität einzelner Hirnregionen, um deren Funktionen genauer zu untersuchen. Bei vielen Probanden löst das visuelle Halluzinationen aus. Liegt hier die Erklärung für die mysteriösen Kugelblitze? Peer und Kendl halten das für durch und durch plausibel. Die elektromagnetische Beeinflussung erkläre insbesondere solche "Kugelblitze", die in Augenhöhe vor dem Betrachter schweben und sich nach ein paar Sekunden in Luft auflösen. Das sei in etwa einem Drittel bis der Hälfte der Sichtungen der Fall.

Formen, Flächen, bunte Farben

Wenn TMS-Pulse das visuelle Zentrum von Probanden erregen, lösen sie so genannte Phosphene aus. "Dabei treten allerdings alle möglichen Formen und Farben auf", gibt Thomas Kammer zu bedenken, der an der Universität Ulm das Labor für Transkranielle Magnetstimulation leitet und dem Innsbrucker Forscherteam beratend zur Seite stand. "Die Idee, beide Kräfte miteinander zu vergleichen, ist sehr originell. Die visuellen Phänomene, die wir im Labor erzeugen, haben allerdings nur selten Ähnlichkeit mit Kugelblitzen – jedenfalls mit meiner Vorstellung davon." Überdies würden solche Felder unspezifisch auf das Gehirn wirken und so andere Sinnesysteme sowie die Bewegungsteuerung beeinflussen. Außerdem wanderten die Phosphene mit der Blickrichtung mit: Die Illusion einer Kugel, die an einem festen Punkt vor dem Betrachter schwebt, lasse sich dadurch nur schwer erzeugen, glaubt Kammer.

Kendl bestreitet diese Einwände nicht, weist aber daraufhin, dass nur der Anteil der Phosphene, die auf den unvorbereiteten Betroffenen wie ein Kugelblitz wirken, überhaupt in den Statistiken auftauchen. "Wer eine Kugel sieht, interpretiert dies als Kugelblitz. Alle anderen können sich nicht erklären, was sie gesehen haben, oder suchen sich eine passende andere Interpretation." Im Übrigen gingen viele Sichtungen in der Tat mit anderen Sinneswahrnehmungen, etwa einem intensiven Geruch, einher.

Auch dass die Phosphene jede Augenbewegung mitmachen, sieht Kendl eher als Bestätigung, denn als Widerlegung seiner Theorie. "Wer meint, eine gleißende und womöglich gefährliche Kugel vor sich zu haben, wird sie in jedem Fall genau fixieren." Unbewusste Kopf- und Augenbewegungen, die die Kugel vor dem Hintergrund verschieben, würden dann bewusst korrigiert, was den Eindruck eines sich fortbewegenden Objekts erzeuge.

Fernzündung für das Sehsystem

Den Berechnungen von Peer und Kendl zufolge, könnten selbst Blitze die in über 100 Metern Entfernung einschlagen noch einen Puls erzeugen, der die vermuteten Effekte auslösen würde. Erfahrungen mit der TMS zeigen jedoch, dass die Sinneswahrnehmungen nur so lange anhalten, wie die Stimulation andauert. Da Augenzeugen von Kugelblitzen in aller Regel die schwebende Kugel über mehrere Sekunden wahrgenommen haben, kommen einfache Blitze als Auslöser nicht in Frage.

"Für unsere Berechnungen haben wir Standardparameter für Blitze genommen, also keine besonderen Vorannahmen gemacht. Allerdings müssen diese mehrfach hintereinander den Blitzkanal durchschlagen, damit die Stimulation lange genug anhält." In der Regel sei das auch der Fall: Bei üblichen Entladungen komme es zu zwei bis fünf Blitzen in schneller Folge, aber auch über 20 und in seltenen Fällen über 40 Blitze pro Einschlag seien bereits dokumentiert. Diese sekundenlangen Blitze müssten dann in ihrem Umfeld Halluzinationen der beschriebenen Art auslösen.

Natürlich könne er damit nicht jeden Kugelblitz erklären, meint Kendl: "Aber das ist ohnehin ein sehr heterogenes Phänomen. Rund ein Drittel aller vermeintlichen Kugelblitze dürfte beispielsweise auf Elmsfeuer, also auf Koronaentladungen, zurückgehen." Diese Leuchterscheinungen treten bei starken Gewittern vor allem an spitzen Gegenständen auf. Ein Blitzeinschlag könne aber auch Metall schmelzen, das dann in Kugelform umherfliegt. Eine kritische Überprüfung der prominentesten Sichtungen, bei denen der Kugelblitz in Häuser eindringt und die Einrichtung demoliert, habe obendrein gezeigt, dass in aller Regel die Schäden auch durch einen ganz herkömmlichen Blitzschlag erklärt werden könnten.

Sollten sie mit ihren Berechnungen Recht haben, müsste es während eines Gewitters also regelmäßig zu unerklärlichen Sinneswahrnehmungen kommen – und zwar auch zu solchen, die sich nicht in das Raster "Kugelblitz" einsortieren lassen, meint Kendl. Einige dieser "Augenzeugen", die sich bislang nicht erklären konnten, was sie gesehen hatten, hätten sich bereits bei ihm gemeldet.