Heute ist das Mittelmeer die Badewanne Europas und wird als romantischer Ort besungen, an dem die rote Sonne bei Capri im Meer versinkt. Doch so gastfreundlich und idyllisch waren Adria, Levante oder Ägäis nicht immer: Vor 5,6 Millionen Jahren rollte keine einzige Welle sanft an die Amalfiküste, die Côte d'Azur oder die Costa da Sol. Stattdessen breitete sich von Ceuta bis zum Bosporus und von Triest bis Bengasi eine lebensfeindliche Salzwüste aus: eine Epoche in der Geschichte des Mittelmeers, die als Messinische Salinitätskrise Eingang in die Lehrbücher gefunden hat und der nun Daniel Garcìa-Castellanos vom Institut de Ciències de la Terra Jaume Almera in Barcelona ein weiteres Kapitel hinzufügT.

Straße von Gibraltar
© NASA
(Ausschnitt)
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Der Durchlass vom Atlantik zum Mittelmeer ist nur wenige Kilometer breit – und entsprechend leicht durch die Tektonik abriegelbar. Heute findet ein reger Wasseraustausch zwischen beiden Meeren statt. Deutlich zu erkennen ist dies an den Verwirbelungen östlich der Straße von Gibraltar, wo frisches Wasser aus dem Atlantik auf das salzhaltigere des Mittelmeers trifft.
Tektonische Umwälzungen im Kontaktbereich zwischen Afrika und der Iberischen Halbinsel hatten dafür gesorgt, dass das Mittelmeer von seinem großen Nachbarn, dem Atlantik, vollständig abgeschnürt worden war. Statt des immensen Zustroms aus dem Ozean durch die Straße von Gibraltar hing das Überleben des kleinen Nebenmeers nun allein von den Zuflüssen aus Nil, Rhone, Po oder Ebro ab – viel zu wenig, um das Becken zwischen Afrika, Europa und Vorderasien gefüllt zu halten: Innerhalb weniger zehntausend Jahre verdunstete das Mittelmeer schlichtweg. Zurück blieb eine öde, versalzte Landschaft, in der nur die Fortsetzungen von Nil oder Rhone erträgliche Flussoasen schufen.

So schnell diese Wüstenei gekommen war, die sich beispielsweise durch geologische Ablagerungen belegen lässt, so rasch könnte sie auch wieder verschwunden sein. Denn schon nach 170 000 Jahre endete die Salinitätskrise wieder, meinen die Forscher um Garcìa-Castellanos, die den Ablauf der Flutung nun rekonstruierten – in geologischen Maßstäben ein Wimpernschlag.

Zwischen 1500 und 2700 Meter lag der Boden der Einöde damals unterhalb des atlantischen Meeresspiegels – ein erheblicher Höhenunterschied, der einen starken Druck auf die neu entstandene Schwelle bei Gibraltar ausübte. Wind, Wetter und vor allem die Wellen nagten an der Barriere, bis der Ozean schließlich überschwappte.

Wahre Sturzbäche

Zunächst ergoss sich das Wasser jedoch nur zögerlich in das Becken des Mittelmeers, denn die Überlaufrinne war wohl anfänglich relativ flach, wie die Geologen schätzen. Der Prozess verstärkte sich allerdings selbst, wie Beispiele aus anderen Weltregionen zeigen, wenn Stau- oder Gletscherseen ihre Barrieren bearbeiten, bis sie sich schwallartig entleeren. Verglichen mit dem Atlantik war aber beispielsweise der pleistozäne Lake Bonneville, der nach Ende der letzten Eiszeit weite Teile des amerikanischen Westens bedeckt hatte, nur eine Pfütze – auch wenn seine imposanten Erosionsspuren, die er nach dem Ausbruch Richtung Pazifik hinterlassen hat, bis heute deutlich sichtbar sind.

Am Mittelmeer dauerte es mehrere tausend Jahre, in denen das Salzwasser eher gen Osten sickerte. Dann ging plötzlich alles sehr schnell – und radikal: Immer rascher höhlte die Strömung die Passage zwischen Gibraltar und Ceuta aus, und die transportierten Mengen schwollen exponentiell an. Auf dem Höhepunkt der Flut strömten 100 Millionen Kubikmeter Wasser pro Sekunde mit Spitzengeschwindigkeiten von mehr als 140 Kilometern pro Stunde von West nach Ost – zum Vergleich: Der Amazonas als mächtigster Fluss der Erde schüttet heute 1000-mal weniger in den Atlantik. Entsprechend schnell stieg auch der Pegel im Mittelmeer an: zwischenzeitlich jeden Tag um zehn Meter. Innerhalb von nur zwei Jahren, so die Geologen, war Europas liebstes Reiseziel wieder gefüllt.

Das ganze Schauspiel dürfe man sich aber nicht als gigantischen Niagarafall vorstellen, dämpft Garcìa-Castellanos mögliche Rekordhoffnungen: "Dieses Bild eines Wasserfalls bei Gibraltar, das oft vermittelt wird, ist nicht korrekt. Das Wasser floss vielmehr über eine riesige, sanft geneigte Rampe vom Atlantik in das ausgetrocknete Mittelmeer."

Ökologische Umwälzungen

Die Wiedergeburt des Meers löste weit reichende ökologische und klimatische Umwälzungen in der Region aus: Statt des kontinentalen Steppenklimas mit heißen, trockenen Sommern und kalten, trockenen Wintern machten sich bis weit nach Osten mildere mediterrane Bedingungen breit. In Mitteleuropa wurde es wieder feuchter, und die Temperaturen zwischen den Jahreszeiten glichen sich an. Nadelwälder und Grasländer zogen sich in die Gebirge oder weiter nach Osten zurück.

Zufluss
© Roger Pibernat under supervision of Daniel Garcia-Castellanos / Messinian Mediterranean and Gibraltar – reconstructed landscape / CC BY-SA 3.0 CC BY-SA
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Rekonstruktion der Wiederbefüllung des Mittelmeers: Über eine lange und breite Rampe strömten damals veritable Mengen an Wasser in das ausgetrocknete Becken des Mittelmeers. Den oft beschriebenen Mega-Wasserfall gab es dagegen nicht.
Während der Salinitätskrise hatten sich zudem afrikanische Großtiere wie Elefanten, Flusspferde, Löwen oder Antilopen entlang der Flussoasen nordwärts ausbreiten können. Sie besiedelten die zahlreichen Inseln des Beckens, die damals riesige Berge mit gemäßigteren Klimabedingungen waren. Nach der Rückkehr des Wassers wurden ihre Populationen voneinander abgeschnitten, und auf Zypern, Malta, Kreta oder den Balearen bildeten sich verschiedene Zwergformen heraus. Manche von ihnen wie das Zypern-Zwergflusspferd überlebten anschließend immerhin bis zur Ankunft der ersten Menschen, die sie wohl letztlich ausrotteten.

Der rege Wasseraustausch zwischen Atlantik und Mittelmeer blieb dagegen bis heute bestehen, doch das muss nicht für alle Ewigkeit so bleiben. Unter der Straße von Gibraltar wirken immer noch gewaltige Erdkräfte: Sie heben die Schwelle bereits wieder. In zwei bis drei Millionen Jahren könnte der Zufluss erneut versiegen – und unsere Badewanne austrocknen.