Am Morgen seiner Verteidigung zog sich Tom Marshall einen Anzug an, den er speziell für diese Gelegenheit gekauft hatte. Er stieg auf das Podium und blickte auf etwa 50 Zuhörer, unter denen auch seine Eltern und sechs Prüfer saßen. Erst gab er eine 15-minütige Präsentation, und dann wurde er eine Stunde lang über seine letzten fünf Jahre geprüft. Fünf Jahre, die er überwiegend in der neurowissenschaftlichen Forschung am Donders Institute for Brain, Cognition and Behaviour in Nimwegen in den Niederlanden verbracht hatte. Dabei stand viel auf dem Spiel: Diese mündliche Prüfung würde am Ende darüber entscheiden, ob er seinen Doktortitel erhalten sollte oder nicht.

"Nach genau einer Stunde kam jemand herein, klopfte mit einem Stock auf den Boden und rief: 'Hora est'", erzählt Marshall – das war die förmliche Ankündigung des Endes seiner Prüfung. "Ich konnte aber einfach nicht aufhören zu reden. Dieses Erlebnis machte mir so viel Spaß, dass es am Ende noch ein paar Minuten länger dauerte."

Ganz anders wird es laufen, wenn Kelsie Long ihren Titel erhält. Sie macht derzeit ihren PhD an der Australian National University (ANU) in Canberra in Geowissenschaften. Die Beurteilung erfolgt am Ende allein anhand ihrer schriftlichen Arbeit, die zu Gutachtern geschickt und mit Kommentaren zurückgesendet wird. In den kommenden Monaten wird auch sie ihre Arbeit öffentlich vorstellen. Auf das Ergebnis hat das aber keinen Einfluss. "Es kommt mir eher wie ein Initiationsritus vor", sagt sie.

Doktorarbeiten werden überall auf der Welt unterschiedlich beurteilt. Fast immer wird dabei eine schriftliche Arbeit verfasst, wenn auch in ganz unterschiedlichen Formen. Im Vereinigten Königreich sind dies in der Regel Monografien, sprich umfassende Erläuterungen der Arbeit des einzelnen Studenten; in Skandinavien listen die Doktoranden dagegen ihre Fachpublikationen auf. Die begleitende mündliche Prüfung – manchmal Rigorosum, Viva Voce oder Verteidigung genannt – erfolgt teils in Form eines öffentlichen Vortrags, einer Diskussion im kleinen Kreis oder gar nicht. Die Varianten in den einzelnen Disziplinen sind vielfältig und auch von Institut zu Institut verschieden. "Die Welt der Doktorarbeit ist kompliziert. Es gibt da nicht ein Format für alle", sagt Maresi Nerad, die Gründungsdirektorin des Center for Innovation and Research in Graduate Education an der University of Washington in Seattle.

Die Doktorprüfung ist nicht mehr up to date

Das ist im Prinzip auch kein Problem, wäre da nicht die Sorge mancher Forscher um ein jahrzehntealtes Promotionssystem. Überlastete Prüfer vernachlässigen immer mehr die Vorbereitung auf die Prüfung, wodurch sie an Qualität verliert. "Zwei oder drei Prüfer treffen sich und gehen nur oberflächlich über die Arbeit hinweg, machen ihre Kreuzchen hier und da, jeder ist glücklich, und ein frisch gebackener Doktor oder PhD zieht von dannen", erklärt Jeremy Farrar, der Direktor der biomedizinischen Forschungsstiftung Wellcome Trust in London.

Laut Farrar und einigen anderen Wissenschaftlern ist die Doktorprüfung nicht mehr up to date: Von Einzelautoren verfasste Wälzer sind in Zeiten multidisziplinärer Teamarbeit einfach überholt. Und während die Forschung selbst heutzutage offener wird, sind die Prüfungsverfahren häufig eher intransparent, insbesondere wenn hinter verschlossenen Türen geprüft wird. Nicht wenige Doktorarbeiten vergammeln danach unbeachtet im Büroregal oder in Archiven. "Es gibt immer noch Studenten, die ihre Arbeit in Papierform einreichen und gar keine elektronische Version haben", sagt Austin McLean, der Leiter der Abteilung für Wissenschaftskommunikation und Publikation von Dissertationen bei ProQuest in Ann Arbor in Michigan. Das Unternehmen unterhält die weltweit größte Datenbank von Doktorarbeiten.

Zudem spielen Sozialkompetenzen und Soft Skills wie Managementfähigkeiten, unternehmerisches Denken und Teamfähigkeit bei der Beurteilung der Kandidaten kaum eine Rolle, obwohl gerade diese Kompetenzen im Leben äußerst bedeutsam sind, zumal immer mehr Absolventen die akademische Welt verlassen. "Die Doktorprüfung entspricht nicht mehr der modernen Definition eines PhD", meint Farrar.

"Der Druck für Veränderungen steigt", weiß Suzanne Ortega, die Präsidentin des Council of Graduate Schools in Washington D. C., einer der Institutionen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. Im Januar organisierte das Gremium den Workshop "Zukunft der Dissertation", und im März beschäftigte sich das Australian Council of Learned Academies (ACOLA) in Melbourne mit der Ausbildung von Forschern und eben auch mit dem Verfahren der Doktorarbeit. Wissenschaftler und Bildungsexperten begrüßen diese wachsende Aufmerksamkeit. "Das derzeitige Modell der Doktorprüfung ist sicherlich nicht ideal, aber es kommt langsam Bewegung in den Bereich", sagt Inger Mewburn, der nicht nur die Ausbildung am ANU leitet, sondern auch als Editor des Blogs "The Thesis Whisperer" (Der PhD-Flüsterer) auftritt, der sich an Doktoranden in der Abschlussphase ihrer Arbeit richtet.

Bestehen und Fortbestehen

Einig sind sich Wissenschaftler einzig darin, was das Ziel der Doktorprüfung anbelangt. Seit alters her soll der Kandidat damit zeigen, dass er in der Lage ist, eigenständig ein Forschungsprojekt über ein neues Thema durchzuführen und die Ergebnisse in nachvollziehbarer Weise zu präsentieren. Uneinigkeit herrscht hingegen über die Art und Weise, wie dieses Ziel zu erreichen ist.

Shirley Tilghman ist Molekularbiologin und ehemalige Präsidentin der Princeton University in New Jersey. Sie hält nach wie vor große Stücke auf die Monografie als Nachweis wissenschaftlicher Befähigung. Doktoranden müssten "den Forschungskontext eines Problems aufzeigen, das Ziel und die Durchführung genau beschreiben und dann zu einer glaubhaften Schlussfolgerung kommen", sagt sie.

Doch sollte die Doktorarbeit auch wissenschaftliche Publikationen enthalten? Das ist am Karolinska-Institut im schwedischen Stockholm die Vorgabe, so dass die meisten Doktorarbeiten hier aus einer Aneinanderreihung von Originalpublikationen und einer relativ kurzen, vielleicht 50-seitigen Diskussion bestehen. Das fachliche Publizieren soll Teil der Ausbildung sein, um die Doktoranden so besser auf das wissenschaftliche Leben und den Stellenmarkt vorzubereiten.

Viele Doktorarbeiten vergammeln ungelesen in den Regalen
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Wäre der Aufwand nicht anders besser investiert?

Manche, die ihren Doktor mit einer großen Monografie abgeschlossen haben, ärgern sich im Nachhinein darüber, nicht mehr Zeit auf einzelne Fachpublikationen verwendet zu haben. James Lewis beispielsweise verteidigte im Oktober 2015 erfolgreich seine Physikdissertation am Imperial College London. Seine Postdoc-Stelle am Goddard Space Flight Center der NASA in Greenbelt, Maryland, verdankt er seiner Meinung nach aber hauptsächlich dem einen Paper, das er zwischendurch veröffentlichte. "Postdoc-Stellen sind hart umkämpft", sagt er, "wenn man also ein Paper während der Doktorarbeit zur Publikation bringt, hilft das ungemein." Bis er in Greenbelt zu arbeiten beginnt, verfasst er weitere Veröffentlichungen über seine Ergebnisse. "Wäre es nicht besser gewesen, wenn ich die damals schon geschrieben hätte, statt fünf Monate an meiner Doktorarbeit zu sitzen?"

Doch nach Meinung anderer Forscher bringt der Publikationsdruck die Doktoranden womöglich um wertvolle Erfahrungen, wie zum Beispiel die eigenständige Ausarbeitung ihrer Herangehensweise oder kreatives und unabhängiges Denken. "Ihr ganzes PhD-Projekt wäre dann vielleicht nur noch vom Paper schreiben getrieben", fürchtet Farrar. "Man konzentriert sich nur noch auf das, was zur Veröffentlichung taugt, packt alles zusammen, schreibt eine Zusammenfassung und fertig! Das passt zu dem Eindruck, dass es in der Wissenschaft nur noch um Papierproduktion geht, und kaum noch darum, etwas zu erforschen."

Eine Dissertation nur noch papergetrieben?

Longs Doktorarbeit an der ANU folgt genau diesem System "Dissertation-via-Paper": Eine Arbeit hat sie bereits geschrieben und eingereicht, eine zweite ist begonnen. Aber sie kämpft mit ersten Schwierigkeiten. "Das zweite Paper fällt mir viel schwerer, die Ergebnisse sind einfach weniger neu und spannend als beim ersten Mal", sagt sie. Außerdem hängt ihr weiteres Vorgehen jetzt von Umständen ab, die sie selbst kaum oder gar nicht kontrollieren kann – nämlich von ausreichend publikationsreifen Daten und einem Peer-Review-Prozess, der in angemessener Zeit zu einem Ergebnis kommt.

Abgeschlossene Doktorarbeiten werden normalerweise in Universitätsbibliotheken gelagert, was nicht heißt, dass sie auch gelesen oder genutzt werden. Etwa 60 Prozent aller Einreichungen für die ProQuest-Datenbank fallen unter die Kategorie Naturwissenschaften, Technologie oder Mathematik, gerade diese werden jedoch am seltensten abgerufen. "Wir nehmen an, das liegt daran, dass die Kommunikation eher über Zeitschriften läuft", glaubt McLean. Die Wissenschaftler haben in der Regel eine Kopie ihrer Doktorarbeit im Büro oder Labor, wo die Studenten oder Kollegen sie dann einsehen können. Seine vor mehr als 20 Jahren geschriebene Doktorarbeit würde immer noch von neuen Studenten im Labor gelesen, sagt der Physiker Neil Curson vom London Centre for Nanotechnology. Viele andere Arbeiten verstauben aber am Ende tatsächlich in den Regalen.

Je dicker, desto besser – ein Mythos unter Doktoranden

Welche Form auch immer die Doktorarbeit annimmt – sie muss beurteilt werden. In den meisten Ländern geschieht dies durch ein Expertengremium, und vielfach ist eine mündliche Prüfung Bestandteil des Examens. Doch in Letzterem würden sich die Verfahren stärker unterscheiden als bei der schriftlichen Arbeit, erklärt Allyson Holbrook, die als Bildungsforscherin an der australischen University of Newcastle tätig ist. In Israel ist das Rigorosum freiwillig, und nur wenige legen es ab, in den Niederlanden verläuft es sehr förmlich und zeremoniell, im Vereinigten Königreich wird es normalerweise im intimen Zirkel mit zwei oder drei Prüfern durchgeführt, und in Australien gibt es praktisch gar keine mündliche Prüfung. "Hier zählt zu 100 Prozent die schriftliche Arbeit", erklärt Holbrook. Das liegt hauptsächlich daran, dass im Land früher die Experten rar waren, die eine Arbeit hätten beurteilen können, und sie einzufliegen, wäre zu teuer gewesen.

In einer 2015 veröffentlichten Studie verglich die Gruppe um Holbrook, wie in Australien, Neuseeland und dem Vereinigten Königreich Doktorarbeiten bewertet werden (T. Lovat et al., Higher Ed. Rev. 47, S. 5-23, 2015). Ihr Befund: Die mündliche Verteidigung änderte das Ergebnis nur selten, ausschlaggebend für das Bestehen war in aller Regel die schriftliche Arbeit. Auch eine im März 2015 publizierte Übersicht über die Ausbildung des australischen Forschernachwuchses empfahl nicht die Einführung eines Rigorosums, legte allerdings den Hochschulen anheim, künftig die Kandidaten regelmäßiger zu begutachten und nicht erst einmal ganz am Schluss.

Noch Weiteres spricht gegen das mündliche Examen. Es sei keineswegs ungewöhnlich, dass Studenten in einer solchen Situation die Nerven verlieren und keinen Ton mehr herausbekommen, mag ihr Publikum noch so klein sein. Dass manche Prüfer hochkomplexe Fragen stellten, mache die Lage für den Prüfling auch nicht gerade besser, sagt der Chemieingenieur David Bogle vom University College London. "In manchen Fällen üben die Prüfer unverhältnismäßig viel Druck auf den Kandidaten aus. Das sollte nicht zulässig sein."

Kein weltweiter Standard

Die wenigsten Forscher wünschen sich einen weltweiten Standard für die Doktorprüfung. Das gilt allgemein als nicht umsetzbar, und die Art der Beurteilung – sei sie in Form einer kontinuierlichen Bewertung, einer schriftlichen Arbeit oder einer mündlichen Prüfung – sollte dem Fachgebiet, dem Projekt, dem einzelnen Studenten, dem Betreuer und dem Institut obliegen. "Wenn man die Variabilität in der Beurteilung und der Art der Arbeit abschafft, geht jegliche Kreativität und Innovation der Doktorarbeit verloren", meint Nerad.

Ausufernde Doktorarbeiten
© Nature, nach: ProQuest; Gould, J.: Future of the Thesis. In: Nature 535, S. 26-28, 2016; dt. Bearbeitung: Spektrum der Wissenschaft
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ProQuest speichert Doktorarbeiten in einer Datenbank. Die durchschnittliche Länge der naturwissenschaftlichen Arbeiten ist in den letzten Jahrzehnten stark gestiegen – vielleicht weil die Analysen immer komplexer werden und die Methoden immer mehr Erklärungen benötigen.

Raum für Verbesserung gibt es aber allemal. Zum Beispiel indem man die schriftlichen Arbeiten wieder kürzer werden lässt. ProQuest hat vier Millionen Doktorarbeiten in ihrer Datenbank gespeichert; laut Auswertungen des Unternehmens zu Arbeiten zwischen 1945 und 1990 ist die durchschnittliche Länge in den Fachbereichen Biologie, Chemie und Physik auf fast 200 Seiten angestiegen. Gut möglich, dass die Studenten immer komplexere Fragestellungen bearbeiten, ausgiebiger nach Literatur suchen und immer kompliziertere Methoden einsetzen, die umfassendere Erklärungen erfordern. Aber, "es ist gar nicht nötig, dass Doktorarbeiten so lang sind", sagt Farrar, der erst kürzlich einen dieser Wälzer zu beurteilen hatte. "Je dicker, desto besser – dieser Mythos unter Doktoranden führt in die völlig falsche Richtung."

In Farrars Augen wären Abhandlungen angemessener, die dem Aufbau eines Forschungspapers folgen, mit einem Übersichtsteil zum Thema und anschließenden kurzen Kapiteln zu Methoden, Analysen und Diskussion. "Das wäre knapper und fokussierter, so dass die Prüfer die Arbeiten auch eher lesen würden."

Genau das ist im Moment nämlich nicht unbedingt der Fall. Die Prüfer müssen erst einmal genügend Zeit zum Durcharbeiten der Doktorarbeiten finden, neben Forschung, Lehre, Antragschreiben und vielen anderen Aufgaben. "Irgendwo muss man Abstriche machen, und die Zeit für die einzelnen Aufgaben ist begrenzt", sagt Farrar. So kann es sein, dass ein Prüfer all den Jahren harter Arbeit eines Doktoranden vielleicht nur ein paar Stunden widmet. "Die Studenten haben es aber verdient, dass wir sie ordentlich prüfen und sie auf ihre zukünftige Karriere vorbereiten", sagt er.

Doktorarbeit heute

Die moderne Wissenschaft funktioniert auch nur im Team, was wiederum in einer gemeinsamen Arbeit besser repräsentiert wäre, wie es früher einmal in den kunst- und geisteswissenschaftlichen Fächern üblich war. Den einzelnen Studenten dabei zu bewerten, kann allerdings schwierig sein. "Bei einer gemeinsamen Dissertation kann ein zukünftiger Arbeitgeber nur schwer beurteilen, ob der Einzelne wirklich selbstständig denken kann oder ein Forschungsprojekt leiten könnte", sagt Ortega.

Und die Forschung kämpft noch mit etwas ganz anderem, nämlich dem Abwandern der Hälfte der Doktoranden in eine Karriere außerhalb der Wissenschaft, wie im Jahr 2014 eine Auswertung der National Science Foundation ergab. "Deshalb sollte die Prüfung auch Fertigkeiten einschließen, die in der zukünftigen Laufbahn wichtig sind", überlegt der Arbeitswissenschaftler Michael Teitelbaum von der Harvard Law School.

Die Institute bieten den Doktoranden inzwischen immer mehr Kurse in Teamwork, Management und Wissenschaftsethik an – doch formal beurteilt werden diese Aspekte nicht. Im Rahmen der mündlichen Prüfung wäre das vielleicht möglich, zum Beispiel indem man den Prüfling verschiedene Szenarien einschätzen lässt. Alternativ schlägt der ACOLA-Bericht vor, die Doktoranten könnten in einer Art Portfolio durch berufsfördernde Aktivitäten Soft-Skill-Punkte ansammeln. "Man kann nicht einfach davon ausgehen, dass alle schon das Richtige lernen, sofern sie in einer passenden Umgebung sind", sagt der Psychologe Michael Mumford, der das Center for Applied Social Research an der University of Oklahoma in Norman leitet. "Wir brauchen Prüfungen, in denen die Studenten sowohl Probleme der realen Welt als auch vielfältige Aufgaben aus dem akademischen Bereich lösen müssen."

Laut Farrar sollte könnte es helfen, den Schwerpunkt zu verschieben. Anstatt die schriftliche Arbeit und die Prüfung als reines Examen anzusehen, sollte das Ganze als Höhepunkt eines langen Projekts gesehen werden. "Wir sollten es mehr im Kontext der vier Forschungsjahre betrachten und nicht so sehr als Vorbereitung auf einen einzigen großen Test."

Wie auch immer die Beurteilung aussehen sollte, Mewburn möchte sie mehr auf den Menschen als auf die Arbeit ausgerichtet sehen. "Ich würde stärker den Forscher bewerten – hierzu haben wir bisher nur noch kein passendes Instrument an der Hand", sagt sie.

Warum fällt kaum einer durch?

Es lässt sich kaum erfassen, wie viele Doktoranden durchfallen, wenn sie erst einmal ihre Arbeit abgegeben haben – aber im Allgemeinen heißt es, dass nur in ganz seltenen Fällen einen Arbeit wirklich danebengeht. Häufiger kommt es aber vor, dass kleinere oder größere Korrekturen vorzunehmen sind, bevor eine Arbeit akzeptiert wird.

Es gibt die Theorie, dass nur deshalb so wenige durchfallen, weil die Universitäten die Zahlen ihrer Absolventen für das Ranking so hoch wie möglich halten wollten – das bestreiten die meisten Forscher natürlich. Die weniger guten Studenten würden schon vor der Schlussbeurteilung herausfallen; außerdem bemühten sich Betreuer und Institute um einen angemessenen Standard der Arbeiten schon vor der Einreichung, beispielsweise durch regelmäßige Berichte und Zwischenprüfungen. "Wenn ein Student wirklich durchfällt, dann hat die Universität vorher nicht genügend Sorgfalt walten lassen", sagt der Gesundheitsforscher Simon Hay von der University of Washington.

Nerad sieht keinen Grund, die abschließende Doktorprüfung zu reformieren, denn ihrer Meinung nach liege das Problem eher ganz allgemein bei der unterschiedlichen Ausbildung der Studenten. "Wenn die Forschung immer globaler wird, gilt das auch für den PhD." Erste Schritte seien bereits unternommen, erklärt sie: Der Druck der Globalisierung in der Wirtschaft, internationale Vereinbarungen und die nationalen Bestrebungen nach Universitäten auf Weltklasseniveau haben dazu geführt, dass sich die Promotionsstandards weltweit etwas annäherten.

Während ihrer Zeit als Präsidentin in Princeton wurde Tilghman oft gefragt, ob es einen goldenen Weg gibt, die Qualität einer Doktorandenausbildung zu beurteilen. Ihre Antwort, dass man Absolventen eigentlich erst bei ihrem 25-jährigen Doktoratsjubiläum richtig beurteilen könne, gefiel den wenigsten. "Aber die einzige Möglichkeit bei der Beurteilung ist nun mal, zu schauen, ob die Studenten erfolgreiche Wissenschaftler geworden sind. Wenn ja, haben Sie als Betreuer gute Arbeit geleistet; andernfalls nicht."

Dieser Beitrag erschien unter dem Titel "What's the point of the PhD thesis?" in "Nature".