Wir kennen uns selbst am besten. Aber wissen wir deswegen auch, was uns am besten tut? Ein Blick auf die aktuelle Gesundheitsstatistik lässt daran zweifeln: 52 Prozent der deutschen Erwachsenen sind übergewichtig, rund 5,7 Millionen Deutsche leiden an Typ-II-Diabetes, Tendenz deutlich steigend. Und obwohl ja Menschen nur selten an ihrer Erkrankung schuld sind: Hier wären viele Fälle doch vermeidbar, mahnen Mediziner und Krankenkassen seit Jahren – ganz einfach durch ein wenig mehr Bewegung.

Die WHO wird in diesem Punkt sogar sehr konkret: 10 000 Schritte am Tag, so empfehlen ihre Experten, reichen aus, um den Blutdruck zu senken und das Risiko von Diabetes, Schlaganfall und Herzinfarkt deutlich zu reduzieren. Dabei soll die runde Zahl – 10 000 – mehr psychologische Hilfestellung sein als exakte Vorgabe für jeden Einzelnen: Sie setzt eine exakte und erreichbare Sprunglatte und zielt so auf das Hauptproblem der meisten Menschen – ihre Trägheit und mangelnde Motivation.

Auf möglichst exakte Zahlen gegen dieses Motivationsdefizit setzen die Anhänger der boomenden "Quantified-Self"-Bewegung. Gegründet wurde sie 2007 in den USA von den Journalisten Gary Wolf und Kevin Kelly. Ihre Idee: "Self knowledge through numbers" – was so viel bedeutet wie: Ich lerne mich besser kennen, indem ich mich selbst vermesse.

"Wir nutzen Zahlen, wenn wir unser Auto tunen wollen, chemische Reaktionen analysieren, den Ausgang von Wahlen vorhersagen. Wir nutzen Zahlen, um Produktionsstraßen zu optimieren. Warum nutzen wir Zahlen nicht auch für uns selbst?" (Gary Wolf)

Ganz neu ist die Idee nicht: Wie groß wir sind, wie schwer oder was wir am Tag essen und trinken – solche Informationen sind uns geläufig. Für Spitzensportler ist es schon lange selbstverständlich, Gesundheitsdaten und Aktivitäten akribisch zu dokumentieren, um ihre Leistung zu optimieren. Die Quantified-Self-Gemeinde ist überzeugt davon, dass es noch viel mehr über uns zu erfahren gibt, und versucht daher, möglichst vieles zu messen: Schritte, Schlafqualität, Kaffeekonsum, Puls, Blutdruck oder auch die tägliche Stimmungslage.

Oft geht es dabei zunächst um Neugier. Für viele Selbstvermesser bleibe das Ziel auch unklar, erläutert Mitbegründer Gary Wolf: "Zu Beginn haben sie eine klare Frage im Kopf, setzen dann ihre Messungen aber fort, weil sie ein nicht zu ignorierendes Geheimnis hinter den Zahlen vermuten." Anderen geht es dagegen sehr konkret darum, ihren Alltag, ihr Gewicht, ihre Fitness oder ihre Gesundheit zu optimieren. Zahlen helfen Ziele zu setzen und zu prüfen, ob der Kurs stimmt: Habe ich mich so viel bewegt wie geplant? Habe ich so viel Wasser getrunken, wie ich wollte, und genügend Obst gegessen?

Der Sinn der Selbstvermessung

Nicht selten finden die Mitglieder über einen ganz anderen Motivator in die Gruppe: Schmerz. So zum Beispiel Mathias Elgeti. Nach jahrelangem Leistungssport schmerzen seine Handgelenke, jeglicher Sport wird unmöglich. Sein Arzt diagnostiziert Arthrose, wahrscheinlich ausgelöst durch die stark eiweißreiche Ernährung. Doch statt zu resignieren, geht der ehemalige Bodybuilder seine Erkrankung aktiv an und stellt seine Essgewohnheiten um. Und tatsächlich bessert sich sein Befinden. Sein Interesse ist geweckt, und er beginnt sich stärker mit seiner Krankheit und ihren Ursachen auseinanderzusetzen. Dabei stolpert er schließlich über einen weiteren Risikofaktor: Übersäuerung. Elgeti besorgt sich ein pH-Meter und fängt an, seinen Urin-pH zu messen. Der erweist sich als stark sauer. Fasziniert beginnt er, nur noch basische Lebensmittel zu sich zu nehmen, und bemerkt schon nach kurzer Zeit positive Veränderungen. "Die Diät schlug super an. Es war erstaunlich, wie schnell der Körper reagiert hat und wie gut die Veränderungen im pH-Diagramm abzulesen waren", erzählt er begeistert. "Innerhalb von sechs Wochen waren alle Schmerzen weg." Für den Exbodybuilder ist dabei nebensächlich, dass Ärzte und Forscher noch darüber streiten, ob es eine Übersäuerung des Körpers überhaupt gibt – und ob sie als Auslöser für Arthrose in Frage kommt. Ihm ist wichtiger, dass er einen Zusammenhang messen kann: "Es dauert etwa eine Woche, um nach falschem (saurem) Essen wieder einen brauchbaren Zustand herzustellen."

Was können Fitness-Tracker?
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 Bild vergrößernWas können Fitness-Tracker?
Viele Menschen benutzen schon Fitness-Tracker, die mehr können, als nur den Puls zu messen.

Nicht immer ist es jedoch so einfach. Oft müssen Daten über lange Zeiträume dokumentiert werden, um mit ihnen Ursache, Wirkung und bisherige Behandlungserfolge der Erkrankung zu analysieren. "Das klappt nur, wenn möglichst viel automatisch funktioniert, sonst bleibt man nicht dran", weiß Andreas Schreiber. Ihm wurde nach einem Schlaganfall Ende 2009 bewusst, dass er seinen Blutdruck ganz genau beobachten muss, um gesund zu bleiben. Doch jeden Wert per Hand zu dokumentieren, ist aufwändig; überall fliegen lose Zettel herum, die Aufzeichnungen sind lückenhaft. Und so entwickelte der Wissenschaftler zusammen mit einer Kollegin eine App, in der er seine Messgeräte gleich mit einbindet: "Mein Blutdruckmessgerät schickt die Daten per Bluetooth an mein Smartphone, und für die Gewichtsmessung habe ich mir extra eine WLAN-Waage gekauft." Die App sammelt aber nicht nur die Daten, sondern wertet sie auch aus und erstellt übersichtliche Grafiken, die Schreiber mit seinem Arzt direkt besprechen kann.

Ein dynamischer neuer Markt

Wie Elgeti ist auch Schreiber fasziniert von den Zahlen seines Körpers: "Ich möchte verstehen, was die Zahlen bedeuten und warum die jetzt zu Stande kommen. Wenn ich schwerer bin, dann ist der Blutdruck ein bisschen höher. Klar, jeder Arzt weiß das, aber es ist spannend, das am eigenen Körper zu erfahren." Das scheint immer mehr Menschen so zu gehen – und ganz offenbar entsteht hier ein neuer Markt. Zahlreiche Firmen haben die Idee der Self Quantifier aufgenommen und treiben die Entwicklung von neuen Technologien voran. Ob GPS-Uhren, Aktivitätsarmbänder oder hunderte Apps für Smartphones, den neuen Trend prägt das Motto "Bewege dich mehr und bleibe gesund".

Wo bisher mehrere Tools und unterschiedliche Software benötigt wurden, gibt es heute einheitliche Systeme. So erfasst ein schmales Armband Bewegungsinformationen, protokolliert den Schlaf und warnt vor zu langen Ruhephasen. Die Daten werden per Bluetooth an das Smartphone geschickt, auf dem eine App die vielen verschiedenen Daten speichert, bündelt und in einer grafisch aufbereiteten Form darstellt. Werden die selbst gesteckten Ziele erreicht, belohnt die App den Nutzer mit virtuellen Urkunden und Pokalen. Für wen das noch nicht genug Motivation ist, der kann sich mit Freunden oder Gleichgesinnten vergleichen. Schließlich möchte niemand am Ende als Letzter dastehen, und so zieht der eine oder andere abends vielleicht doch noch eine Runde um den Block: für ein paar hundert Schritte mehr und eine kleine Grafik, die bunt und glitzernd gratuliert.

Für den Sportmediziner Lutz Graumann ist das Potenzial der QS-Bewegung noch längst nicht ausgereizt: Er traut ihr eine wichtige Rolle im Bereich der individualisierten Medizin zu. Bislang erhalten die unterschiedlichsten Patienten bei der Therapie verschiedener Erkrankungen oft nur eine Standarddosierung – obwohl doch die Wirkung von Medikamenten stark von individuellen körperlichen und seelischen Gegebenheiten abhängig ist. Diese Unterschiede könnten durch Erhebung von individuellen Daten gemessen werden, um Therapien zu optimieren, davon ist Graumann überzeugt. Dass dies funktionieren kann, zeigt seit Langem die Blutzuckerüberwachung von Diabetikern: Hier hilft die regelmäßige Kontrolle der eigenen Werte, eine der Situation angemessene Medikation zu wählen.

Zu wenig mündige – oder zu übermütige Patienten?

Damit die Gleichung "mehr Messdaten = bessere individualisierte Behandlung" aufgeht, braucht es jedenfalls Patienten wie Elgeti und Schreiber, die sich aktiv mit ihrem Körper und seinen Funktionen auseinandersetzen. Viele Patienten, bemängelt Graumann, "sind heute zu passiv im Gesundheitssystem unterwegs: Sie hinterfragen nicht kritisch genug und nehmen nicht aktiv an ihrer Behandlung teil." Aktive Patienten, die ihre Daten selbst erheben und messen, könnten den Grundstock für einen viel umfassenderen Überblick und eine bessere Diagnostik legen. Solchen wissbegierigen Patienten vermittelt heute der viel zu kurze Besuch in der Praxis oft nur ein unzureichendes Bild über ihren Gesundheitszustand.

Kritische Stimmen befürchten dagegen, dass QS das immer dringendere Zeitproblem beim Arzt-Patienten-Gespräch – es dauerte im Durchschnitt schon vor zehn Jahren keine zehn Minuten, Tendenz fallend – nicht löst, sondern verschärft. Das dürfte der Fall sein, wenn bei Quantifiern mit Datensatz auch der Interpretationsbedarf wächst. Denn: "Information ist nicht Wissen und Wissen nicht Weisheit", mahnen Skeptiker wie H. Gilbert Welch [1]. Stärkt zu viel unverstandene Information und unreflektierte Dauerbeobachtung durch Self-Tracking nicht vielleicht den Hypochonder im Selbstvermesser? Und wann wird zu viel Wissen zur Belastung?

Immerhin hinkt die gesellschaftliche Debatte der technischen Entwicklung nicht unbedingt weit hinterher. So ist etwa das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) schon dabei, Risiken und Nebenwirkungen – das "transformative Potenzial" – der Quantified-Self-Bewegung auszuloten; während die Technik oft selbst nicht so weit ist, wie sie gerne wäre. So messen zum Beispiel die QS-Körperfettwaagen zwar das Gewicht des gesamten Körpers – aber nur den Fettbereich bis zum Bauchnabel und nichts darüber. Und auch andere der eingesetzten Instrumente liegen weit unter dem heutigen medizinischen Standard. So bleibt QS bislang ein dynamischer Markt für Gerätehersteller und Tummelplatz für Enthusiasten. Ihr medizinisches Potenzial hat die Selbstvermesserbewegung bis dato weder bewiesen noch ausgeschöpft.