925 Millionen Menschen waren im Jahr 2010 unterernährt, schätzt die Welternährungsorganisation (FAO). Alle fünf Sekunden stirbt ein Kind an Hunger. Gleichzeitig verringert sich die fruchtbare Ackerfläche der Erde, schwinden die Fischbestände der Meere, und bis 2050 soll die Menschheit um weitere zwei Milliarden auf mehr als neun Milliarden anwachsen. Ist eine noch größere Hungerkatastrophe bereits vorprogrammiert?

Um das zu beantworten, lohnt ein Blick auf die Umstände, unter denen Menschen hungern. Wenig überraschend dürfte dabei sein, dass 98 Prozent der Betroffenen in Entwicklungsländern leben. Trotzdem unterstützt die Organisation "Feeding America" in den USA 37 Millionen Menschen mit Nahrungsmitteln – in einem Land, in dem jeder Dritte als fettleibig gilt. Hunger, das wird daran deutlich, bedeutet zunächst einmal nicht, dass die globale Produktionskapazität für Nahrungsmittel zu gering ist.

Gesellschaft 3.0
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So ist jeder zweite Hungernde weltweit selbst Bauer. Ein großer Teil lebt von der eigenen Ernte – doch fällt diese aus, reicht das Geld nicht, um für Ersatz zu sorgen. Andere erzeugen Futtermittel für Tiere, die auf den Tellern der Industrieländer enden, oder Energiepflanzen für Biosprit. Führt eine schlechte Ernte zu geringen Einnahmen, fehlen ebenfalls die Mittel für den Kauf von Lebensmitteln.

Fataler Hunger nach Fleisch und Energie

Schlechte Regierungen, Unruhen und Bürgerkriege verschärfen das Problem der unzulänglichen Nahrungsverteilung ebenso wie der Lebensstil der Industrienationen: 81,9 Kilo Fleisch aß dort jeder Einzelne im Jahr 2008 der FAO zufolge. Doch um ein Kilo Fleisch zu erzeugen, enden durchschnittlich sieben Kilo Getreide anstatt auf dem Teller im Viehfutter. Die ökologisch zweifelhaften Ziele für Biokraftstoffe verstärken die Konkurrenz um Ackerflächen zusätzlich.

Der heutige Welthunger ließe sich – theoretisch – beseitigen, ohne ein Gramm mehr Nahrung zu produzieren. Praktisch jedoch ist damit zu rechnen, dass die Nachfrage nach Fleisch zunehmen wird, lag der globale Pro-Kopf-Verzehr doch 2008 mit 42,2 Kilogramm gerade einmal halb so hoch wie in den Industrieländern. Und auch an Pflanzen als erneuerbare Rohstoffe und Energiequellen führt kein Weg vorbei, wenn sich die Menschheit langfristig von Erdöl und Kohle verabschieden möchte beziehungsweise muss.

Die Wissenschaft kann dazu beitragen, dass Bevölkerungswachstum und Klimawandel das Hungerproblem nicht weiter verschärfen: Pflanzen- und Agrarforscher können weiter die Hektarerträge der Kulturpflanzen steigern, Tropenforscher robustere Konzepte für die Subsistenzlandwirtschaft ausarbeiten – einschließlich der Bewässerungsfragen. Die Erosion von Ackerland muss gestoppt und vielerorts rückgängig gemacht werden. Die Fischerei braucht nachhaltige Methoden.

Ende 2010 haben 55 Wissenschaftler im "International Journal of Agricultural Sustainability" aus 618 Fragen die 100 wichtigsten herausgefiltert, die beantwortet werden müssen, um bis 2050 70 bis 100 Prozent mehr Nahrung zu produzieren als heute: Lohnt es sich, verödete Böden zurückzugewinnen? Wie lässt sich das verfügbare Wasser am effizientesten nutzen? Welcher Zusammenhang besteht zwischen Artenvielfalt und Produktivität der Ackerpflanzen?

Getreide
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Steigende Brotpreise können zu Revolutionen führen, wie die Weltgeschichte immer wieder gezeigt hat. Die Versorgung mit dem lebenswichtigen Getreide wird allerdings schwieriger, wenn Dürren und andere Wetterunbilden die Ernten in wichtigen Erzeugerländern negativ beeinflussen. Das war zum Beispiel 2010 der Fall, als in Australien und Russland starke Trockenheit die Erträge sinken ließ.
Gleichzeitig fragen die Forscher mit Blick auf die Entwicklungsländer aber beispielsweise auch: Welche Finanzierungshilfen nutzen Landwirten am meisten? Wie funktioniert gesellschaftliches Voneinanderlernen am besten? Und mit Blick auf die Industrieländer wollen sie wissen: Wie könnte ein nachhaltiger Lebensmittelstandard aussehen – und erfolgreich kommuniziert werden?

Der Ertrag wächst – kommt aber nicht an

Im Kontrast zu diesen Sorgen steht, was Philip von dem Bussche, Vorstand der KWS Saat AG, im Dezember 2009 zusammenfasste: In den letzten 25 Jahren habe sich demnach der Flächenertrag der wichtigsten Kulturpflanzen verdoppelt. Noch immer stiegen die Ernten jährlich um ein bis zwei Prozent infolge von Züchtungserfolgen. Kombiniert mit Anbauverbesserungen ergeben sich Wachstumsraten von drei Prozent pro Jahr. Da sollten weitere 70 Prozent bis 2050 doch ein Leichtes sein – vor allem, wenn man zum Vergleich in die USA schaut.

Auf Grund unterschiedlicher Feldgrößen, Anbaumethoden und klimatischer Bedingungen wachsen selten dieselben Sorten auf deutschen und amerikanischen Feldern. Die hier zu Lande begrenzten Ackerflächen haben einen weit höheren Druck auf die Pflanzenzüchter ausgeübt. Die Statistik der FAO belegt das klar: Der Ertrag je Hektar war 2009 für so manche Kulturpflanze in Deutschland doppelt oder sogar dreimal so hoch wie in den USA – 4,3 gegenüber 2,0 Tonnen bei Raps, 5,7 gegenüber 1,7 Tonnen bei Roggen, 7,8 gegenüber 3,0 Tonnen bei Weizen. Das ungenutzte Potenzial allein in den USA ist riesig.

Globaler Hunger-Index 2008
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Hunger und Unterernährung sind vor allem in Afrika südlich der Sahara und in Südasien noch prävalent: Hier lebt die Mehrheit der rund eine Milliarde Menschen, die weltweit als unterernährt gelten.
Dennoch ist das Thema damit nicht erledigt. Das Institut für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung der Universität Gießen stellte fest, dass beim Winterweizen der Ertragsgewinn seit Jahren stagniert. Der Züchtungsfortschritt wird neutralisiert durch häufigere Extremwetter und den Umstand, dass die immer zahlreicheren Anbauflächen den Weizen längst auf Felder geführt haben, die für seine Ansprüche nicht günstig sind.

Moderne Züchtungen sind kein Allheilmittel

Pflanzenforscher konzentrieren sich deshalb darauf, Sorten robuster zu machen gegen Folgen des Klimawandels. Unlängst berichteten US-Forscher in "The Plant Cell", dass ein bestimmtes Gen Reis gleichermaßen tolerant gegen Dürre wie Überschwemmungen macht. Der US-Forscher David Lobell von der Stanford University und das International Maize and Wheat Improvement Center hingegen warnten eben erst in "Nature Climate Change", dass bereits ein Temperaturanstieg um ein Grad zu Ernteverlusten bei Mais führt – selbst wenn die Wasserversorgung optimal ist. Kommt Dürre hinzu, geht in drei von vier Fällen ein Fünftel der Ernte verloren.

Bislang entwickeln die Saatgutkonzerne moderne Hochleistungssorten, die neue genetische Erkenntnisse berücksichtigen, vor allem für Industrieländer. Die Ausgangssorten der Züchter sind besser an gemäßigte Klimazonen angepasst, und überhaupt könnten sich viele Kleinbauern das Saatgut nicht leisten.

Reisanbau
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Weltweit werden gezielt neue Sorten gezüchtet, mit denen sich die Erträge steigern lassen oder die weniger anfällig gegenüber Krankheiten und Schädlingen sind. Reis steht dabei auf der Agenda ganz weit oben, da mehr als zwei Milliarden Menschen von diesem Getreide abhängen.
Dabei bräuchte es nicht einmal neue Sorten, um dem Hunger mancher Entwicklungsländer zu begegnen: Beispielsweise hat der inzwischen abgeschlossene Sonderforschungsbereich "Westafrika" an der Universität Hohenheim einen Weg gefunden, mit nur einem Kronkorken voll Phosphatdünger je Pflanze die Erträge der Perlhirse zu verdoppeln. Die Menge an Stroh aus der Pflanze konnten die Forscher gleichzeitig vervierfachen. Perlhirsestroh ist in Westafrika das wichtigste Futtermittel, dient als Baumaterial für Dächer und schützt als Mulch junge Pflanzen vor Sand und Wind. Allerdings habe sich noch niemand gefunden, der das System in die Praxis umsetzen will, obwohl die Region über reiche Rohphosphatvorkommen verfüge, bedauert Tropenforscher Klaus Becker: "Das Hungerproblem in Westafrika wäre damit weit gehend zu lösen."

Mit schuld daran sei auch die "Augenwischerei" der Grünen Gentechnik, ein Thema, das im Tropenzentrum kontrovers diskutiert wird. "Wenn die Gentechnik 15 Prozent Ertragssteigerung verspricht, stehen Gelder zur Verfügung und alle schauen hin." Dabei könne man laut Becker die Grüne Gentechnik für Entwicklungsländer getrost vergessen: "Die angepassten Pflanzen sind da. Sie können nur mangels Nährstoffen ihr genetisches Potenzial nicht entfalten."

Not macht erfinderisch

Gerade in der Subsistenzlandwirtschaft in ärmeren Regionen der Welt entstehen aus der Not neue Ideen, beispielsweise die Push-Pull-Strategie. Dabei pflanzen Bauern in Kenia zwischen dem Mais die bohnenähnliche Pflanze Desmodium. Deren Duftstoffe vertreiben den schlimmsten afrikanischen Maisschädling, den Stängelbohrer, aus dem Feld. Gleichzeit wächst um das Maisfeld herum ein Futtergras, das seinerseits den Stängelbohrer mit Duftstoffen anlockt. Ein Nebeneffekt: Das Desmodium verdrängt auch bestimmte Unkräuter aus dem Maisfeld.

Im Herbst soll der siebenmilliardste Mensch geboren werden. Aus diesem Anlass berichtet spektrumdirekt in einer mehrteiligen Serie über die "Zukunft der Menschheit" und ihre Chancen wie Probleme, die sich durch die wachsende Zahl an Erdenbürgern ergeben.

Die übrigen Teile der Serie finden Sie unter:
spektrumdirekt.de/zukunft-der-menschheit
Weniger optimistisch erscheint der Ausblick bei der Fischerei bestellt. Zwar erreichten Fang und Zucht 2009 laut FAO zusammen den Rekordwert von 145 Millionen Tonnen, doch stagniert der Fanganteil seit Jahrzehnten bei steigendem Aufwand. In den Meeren gibt es dramatisch weniger Speisefische als früher. Der Meeresforscher Villy Christensen von der University of British Columbia stellte im Februar auf der Jahrestagung der American Association for the Advancement of Science eine der aufwändigsten Studien dazu vor. Sein Fazit: In der Nordsee sank der Anteil der Raubfische an der marinen Biomasse zwischen 1880 und 1991 von 45 auf 20 Prozent. Gleichzeitig machten kleine Beutefische die umgekehrte Entwicklung durch. "Weltweit ist der Anteil an Raubfischen in den letzen 100 Jahren um zwei Drittel zurückgegangen", sagt Christensen, "54 Prozent dieser Entwicklung erfolgten in den letzten 40 Jahren." Ohne Gegenmaßnahmen werden die Meere 2050 nicht leer sein – aber es wird darin kaum Fische geben, die wir essen mögen.

Lachszucht in norwegischem Fjord
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Fischzuchtanlagen sollen zukünftig den menschlichen Proteinhunger verstärkt stillen helfen.
Sänken die Fangquoten unter das Niveau von 2004, würde auf Grundschleppnetze verzichtet und würden die Fanggebiete besser verwaltet, dann wäre eine nachhaltige Fischerei auch 2050 noch vorstellbar, erklärte die Meeresforscherin Jacqueline Alder beim gleichen Anlass – und liefert direkt eine Einschränkung mit: Folgen des Klimawandels seien da noch nicht berücksichtigt. Doch dass sich wärmeres Wasser negativ auf die Fortpflanzungsrate vieler Fische auswirkt, ist bereits dokumentiert.

Am Ende wird für das Jahr 2050 dennoch dasselbe gelten, was die FAO seit Langem sagt: Es gibt genug Nahrung, um alle Menschen hinreichend zu versorgen. Der entscheidende Knackpunkt ist die Verteilung.