Ein paar Jungen spielen lärmend mit einem hellblauen Luftballon hinter dem Haus von "Ciliwung Merdeka" in einem Slum in Jakarta. Als der Ballon im schmutzig-braunen Wasser des Flusses Ciliwung landet, ist das auch kein Beinbruch. Er wird einfach zur Zielscheibe, auf die man wunderbar mit Steinen werfen kann. Für die Knaben ist der Ballon ein Spielzeug, für den Ciliwung, einer der 13 Flüsse in Jakarta, ein weiteres Stück Müll – eines, das trotz seiner leuchtenden Farbe kaum auffällt unter den enormen Abfallmengen, die der Strom unaufhörlich zum Meer transportiert. Auch die Ufer des 70 Kilometer langen Flusses sind über und über mit Plastiktüten, Essensresten, Dosen und Flaschen übersät. Für den üblen Geruch des Flusses ist die Verschmutzung zuständig, die man nicht sieht: Fäkalien, Abwässer aus Fabriken, Haushalten oder Krankenhäusern.

Müllsammler
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Müll verstopft regelmäßig die letzten Kanäle und verschärft damit die Überflutungsgefahr. Müll sammeln mutet dabei wie eine Sisyphusarbeit an.
Die 70 000 Menschen in den Slums entlang des Ciliwung leben im und manchmal sogar vom Müll, sie sind aber auch dessen Verursacher und Opfer – Opfer einer Politik, die sich nicht für die Armen interessiert. Heri nutzt dagegen den Unrat: Der 42-Jährige aus der Siedlung Bukit Duri am Ufer des Ciliwung in Südjakarta durchwühlt stinkende Müllplätze nach Altmetall. Umgerechnet 18 Cent zahlen Reyclingfirmen für ein Kilo Metall, etwa 30 Kilogramm schafft Heri während seines zehnstündigen Arbeitstags. Andere Müllsammler lassen sich auf Plastikbrettern den Ciliwung hinuntertreiben und sammeln Plastik- und Metallreste von den Ufern ein: Das Leben am Ciliwung ist hart.

Vertreibung oder Revitalisierung?

Die meisten Menschen am Fluss verdienen ihren Lebensunterhalt allerdings als kleine Handwerker oder als Marktverkäufer. Ihre zweigeschossigen Häuschen und Hütten – unten Arbeitsplatz, oben Wohnung – sind klein und erbärmlich, aber alles, was sie haben. Die Tage der Siedler am Ciliwung sind jedoch gezählt. Noch in diesem Jahr soll die "Revitalisierung" des Ciliwung beginnen, als Teil eines Milliardenprojekts von Indonesiens Regierung und Weltbank. Die verdreckten und verstopften stinkenden Wasseradern der Millionenmetropole werden ausgebaggert, damit sie die Wassermengen der Regenzeit besser aufnehmen und zum Meer leiten können. Bislang setzen sie mehrfach im Jahr große Teile Jakartas meterhoch unter Wasser.

Bukit Duri
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Im Jakarter Slum Bukit Duri sind viele kleine Handwerksbetriebe angesiedelt.
Dieses Projekt ist an und für sich ein sehr vernünftiges Projekt, denn die Überflutungen während der monatelangen Regenzeit treffen hauptsächlich die Armen der indonesischen Hauptstadt, die durch das Hochwasser ihre Wohnungen, ihr Eigentum und manchmal auch ihr Leben verlieren. Für das Flusssäuberungsprojekt sollen aber Bukit Duri und viele andere Slums entlang des Ciliwung abgerissen werden, und es ist ungewiss, ob die Bewohner adäquaten Wohnraumersatz erhalten. Deshalb ist der Jesuitenpater Sandyawan Sumardi ein lauter Kritiker des Projekts: "Jedes Jahr werden in Jakarta 7000 bis 9000 arme Familien aus ihren Siedlungen vertrieben. Ein paar bekommen fernsehwirksam Ersatzwohnungen, die meisten jedoch nichts."

Das Argument der Regierung, die Slums seien illegal auf öffentlichem Grund gebaut worden, lässt Sandyawan nicht gelten. "Die Menschen hier zahlen Steuern, die Behörden stellen Wasser und Strom in Rechnung. Aber es kommt nichts zurück, und wenn die Regierung das Land braucht, dann nehmen sie es sich einfach. Sie reden mit der Weltbank, aber nicht mit uns", klagt der 51-jährige Gründer der Organisation "Ciliwung Merdeka". Mit seiner schwarzen Baseballkappe auf den dunklen, lockigen Haaren und seinem markanten Gesicht sieht er aus wie ein moderner Che Guevara und wird von den Mächtigen in Indonesien ähnlich misstrauisch beäugt wie sein Ebenbild einst in Lateinamerika.

Menschenrechtler leben gefährlich

Zu oft hat sich Pater Sandyawan mit der Macht angelegt, indem er zusammen mit Mitstreitern Gräueltaten des Militärs, Menschenrechtsverstöße der Polizei oder Korruptionsfälle von Politikern anprangerte. Ein enger Mitstreiter war der prominente indonesische Menschenrechtsaktivist Munir Said Thalib, der im September 2004 auf einem Flug von Jakarta nach Holland durch Vergiftung ermordet wurde. Pater Sandyawan gesteht, dass er sich seitdem etwas zurückgezogen hat. "Ich halte es für ein Wunder, dass ich noch lebe. Ich konzentriere mich im Augenblick mehr auf die Arbeit vor Ort."

Müllsammler II
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Heri ist ein Altmetallsammler, der im Müll nach den wertvollen Rohstoffen sucht.
Diese findet in Bukit Duri statt, wo er für die Rechte der Slumbewohner streitet und seit zehn Jahren mit seiner Organisation "Ciliwung Merdeka" aktiv ist. Mit Hilfe der deutschen Caritas wurden Projekte wie ein Gesundheitszentrum verwirklicht. Die Unterstützung von "Ciliwung Merdeka" hat aber auch ein ideelles Ziel, wie Fabian Tritschler, Caritas-Mitarbeiter in Indonesien, betont: "Wir wollen auch das Selbsthilfepotenzial stärken."

Für Pater Sandyawan ist die Missachtung der Rechte der Slumbewohner nicht nur ein soziales Problem und eine Missachtung der Menschenrechte, sondern auch wirtschaftliche Unvernunft. "Die Regierung nennt das, was hier wirtschaftlich passiert, herablassend 'informelle Wirtschaft'", sagt Sandyawan und fährt fort: "25 Prozent von Jakarta besteht aus derartigen Slums mit ihrer Ökonomie. Sie bildet in Wirklichkeit einen beachtlichen Wirtschaftsfaktor, der stabiler und weniger krisenanfällig ist als große Teile der 'formellen' Wirtschaft." Es dauere zum Beispiel nach großen Überschwemmungen, durch die viele der kleinen Werkstätten, Garküchen, Märkte zerstört würden, nur wenige Wochen, bis diese Wirtschaft wieder funktioniere.

Slums als Problemlösung?

Slums sind keine Spezialität von Jakarta: Sie gehören zur Normalität in den immer stärker wachsenden Megastädten der Welt. Bereits heute lebt die Hälfte der Weltbevölkerung in Metropolen, 2030 werden es schon 60 Prozent sein. Und jeden Tag nimmt weltweit die Stadtbevölkerungen um 200 000 Menschen zu. Slumbewohner stellen fast zwei Drittel aller afrikanischen Städter; in Asien beträgt der Anteil je nach Region zwischen 24 und 42 Prozent.

Kompostproduktion
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Ein neues Projekt soll aus pflanzlichen Abfällen Kompost produzieren, der sich zum Beispiel an Golfplätze verkaufen lässt.
Doch die Stadtgiganten werden zunehmend unregierbarer; bisherige Konzepte der Stadtplanung greifen nur noch bedingt. Ein Teil der Problemlösung könnte ausgerechnet aus den Slums kommen: Die "Elendsviertel", so die These von Autoren wie dem Briten Fred Pearce, seien organisch gewachsen und hätten den immer seelenloser werdenden geplanten Städten Eigenschaften wie soziales Leben und Nachbarschaftshilfe voraus. Die Slumbewohner verfügten zudem über aus der Not geborene innovative Ideen, zum Beispiel bei der Verwertung von Müll. Solche Mechanismen könnten in die moderne Stadtplanung einbezogen werden. Urbane Problemzonen könnten dann sogar zum Quell des Fortschritts werden.

Wie das gehen kann, zeigt Bukit Duri. Mit Hilfe der Caritas hat Pater Sandyawan ein Kompostierungsprojekt ins Leben gerufen, in dem gesammelter organischer Müll zu Kompost verarbeitet wird, den man dann an Golfplätze verkauft – ein kleines und bescheidenes Projekt. Doch was wäre, wenn sich ein paar potente Geldgeber fänden, die in allen Dörfern entlang des Ciliwung in gemeindebasierte Kompostierprojekte investieren würden? Was, wenn Müllsammler wie Heri für ihre schmutzige Arbeit als Speerspitze der Wiederverwertung von Müll geachtet, gefördert und auch noch ordentlich bezahlt würden?

Sandyawan Sumardi
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Der Jesuitenpfarrer Sandyawan Sumardi kämpft mit den Bewohnern des Slums für eine bessere Zukunft.
Unter den spielenden Jungs ist Ailif. Immer wieder macht er während des Spiels mit seinen Händen kurze Trommelbewegungen, denn der Neunjährige ist ein begeisterter Trommler. "Ich liebe den Rhythmus der Trommeln", strahlt Ailif. "Ich möchte mal Musiker werden." Die Liebe zur Musik sieht man Ailif an, wenn er mit der von Pater Sandyawan ins Leben gerufenen Percussiongruppe bei Festen in Bukit Duri auftritt. Zur Trommelmusik singt ein Chor Lieder, von denen viele Pater Sandyawan geschrieben hat. Über seine Songs sagt der Jesuit mit einem spitzbübischen Grinsen: "Sie handeln alle vom Widerstand." So ist das in den Slums von Jakarta. Das Leben ist ein ständiger Kampf.