Das mit dem Vorhersagen von wissenschaftlichen Ergebnissen ist schon so eine Sache: Man sollte es wahrscheinlich einfach lassen. Das erfahren dieser Tage die Beteiligten am Human Genome Project – das am 15. Februar vor zehn Jahren seine ersten publizierten Ergebnisse hervorgebracht hat – auf eher unerfreuliche Weise. Pünktlich zum Jubiläum nämlich werden allerorten die enthusiastischen Prognosen vom Anfang des Jahrtausends aus der Mottenkiste geholt und überprüft, ob tatsächlich bis zum Jahr 2010 die Ära der personalisierten Medizin angebrochen war – um nur ein Beispiel herauszugreifen. Bill Clinton, der damalige US-Präsident, ließ sich sogar dazu hinreißen, eine Revolution bei der Behandlung der "meisten, wenn nicht aller menschlichen Krankheiten" zu beschwören. Überflüssig zu erwähnen, dass dergleichen Einlassungen im Rückblick nicht allzu gut aussehen.

Der Optimismus jener Tage speiste sich aus der irrigen Annahme, das Genom als solches samt seiner Funktionsweise im Wesentlichen verstanden zu haben. Aufgereiht wie Perlen auf einer Kette sollten da die Gene liegen und über eine einfache Reihung von Ursache und Wirkung Krankheiten wie Krebs oder Alzheimer auslösen, in die leicht einzugreifen sein würde. Was die Genomforscher stattdessen fanden, war Gewimmel – ein Palimpsest aus Millionen Jahren Evolutionsgeschichte, gewürzt mit einer ganzen Liste faustdicker Überraschungen. Zum Beispiel, dass all die schönen proteinkodierenden Sequenzen, die das Fundament der anvisierten Revolution bilden sollten, gerade ein paar Prozent des gesamten Genoms ausmachen.

Es ist also gar nicht so, dass die erhoffte Revolution ausgeblieben wäre – im Gegenteil, trotz aller umwälzerischer Rhetorik damals muss man im Nachhinein feststellen, die meisten Beteiligten und Beobachter hatten sich eine Revolution weder gewünscht noch erwartet. Das Human Genome Project sollte stattdessen bestätigen, was man damals zu wissen glaubte, und gleichzeitig eine Art bequeme Bauanleitung für Wunderheilungen liefern. Tatsächlich hat das Vorhaben dann nahezu alles über den Haufen geworfen.

Es verwundert wenig, dass die ursprüngliche Forschungsagenda – wir suchen uns ein defektes Gen und tun dann was dagegen – kaum nennenswerte Erfolge gebracht hat. Natürlich gibt es derartige Krankheiten, und es gibt auch entsprechende Erfolgsgeschichten. Aber die Hoffnung, dass man eine Liste der "kaputten" Gene einer Person aufstellen und auf dieser Basis einen individualisierten Therapieplan erarbeiten könnte, hat sich zerschlagen. Inzwischen steht die Frage im Raum, welchen Sinn derart hochgezüchtete Diagnostik überhaupt hat, angesichts der sehr mäßigen Aussagekraft ihrer Ergebnisse. Über den Verlauf von Erkrankungen und mögliche Interventionen gibt sie jedenfalls keine Auskunft.

Die Sequenzierung des menschlichen Genoms hat deshalb eher getan, was große wissenschaftliche Entdeckungen eben so zu tun pflegen: eine Menge neuer Fragen aufwerfen. In den letzten zehn Jahren ist rund um das menschliche Erbgut viel passiert, geforscht und entdeckt worden. Statt auf fundamentaler Ebene die Antworten auf alle ihre Fragen zu finden, sehen Forscher plötzlich ungeahnte Komplexität, wo sie vor einem Jahrzehnt noch nur Marionetten der Gene vermutet hatten.

Zum Genom hat sich inzwischen das Proteom gesellt, die Gesamtheit aller Proteine in der Zelle und ihrer Wechselwirkungen. Seither sprießen andere -omiks wie Pilze aus dem Boden: Metabolomik, Epigenomik, bis hin zum Negatom, einer Datenbank von Proteinen, die definitiv nicht miteinander interagieren.

All das ist wichtig, ungleich wichtiger als das, was Forschung und Öffentlichkeit vielleicht zu Beginn des Jahrtausends dem Human Genome Project zugestanden hatten. Der Enthusiasmus angesichts des sequenzierten Humangenoms ist in der Rückschau kaum mehr als das Symptom eines ursprünglich gefährlich verengten Blickwinkels, der die Zelle und das Leben selbst zum verlängerten Arm der DNA degradiert hat. Das Erbgut aber ist nicht der allmächtige Steuermann im Zellkern. Wohin die Reise geht – sowohl für den Menschen als auch für seine Erforschung –, lässt sich jedenfalls heute viel schwieriger vorhersagen, als wir es uns damals erhofft hatten.