Aus der Welt der Insekten hatten Ökologen in letzter Zeit nur wenig Erfreuliches zu berichten. Vor allem die Intensivierung der Landwirtschaft hat offenbar in vielen Regionen Europas zu einem Rückgang der krabbelnden und summenden Bewohner geführt. Das aber könnte ökologisch und wirtschaftlich drastische Folgen haben, warnen Experten. Denn viele Wild- und Kulturpflanzen sind auf Blüten besuchende Bestäuber angewiesen, und auch als Nahrungsquelle für verschiedene andere Tiere spielen die Sechsbeiner eine wichtige Rolle. Grund genug also, dem Schwund etwas entgegenzusetzen.

"Dazu braucht man allerdings jede Menge Fachwissen", sagt Christian Stettmer von der Bayerischen Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege (ANL) in Laufen. Welche Ansprüche haben die verschiedenen Arten überhaupt? Und wie lassen sich diese auch in der Kulturlandschaft des 21. Jahrhunderts noch erfüllen? Genau solche Fragen versuchen die ANL-Forscher für verschiedene Tiere und Pflanzen zu beantworten.

Gefragt waren wissenschaftliche Erkenntnisse über die Bedürfnisse von Insekten zum Beispiel im Königsauer Moos im unteren Isartal. Das Feuchtgebiet ist eine der Hochburgen des Großen Brachvogels (Numenius arquata) in Bayern, bis zu 66 Paare dieser bedrohten Wiesenbrüter bauen dort alljährlich ihr Nest. Doch der Bruterfolg schwankt extrem, in manchen Jahren wird kaum ein Jungvogel flügge. Woran aber liegt das? Und was kann man dagegen tun? Profitieren können die Küken nach Einschätzung der Experten vor allem von einem besseren Angebot an fressbaren Insekten und anderen Wirbellosen. Also hat das Bayerische Landesamt für Umwelt im Jahr 2016 untersucht, welche Auswirkungen verschiedene Formen der Grünlandnutzung auf das Nahrungsangebot der Wiesenbrüter haben.

Besonders günstig ist es demnach, die Wiesen zu unterschiedlichen Zeitpunkten zu mähen. Denn so entsteht ein Mosaik aus niedrigen und höher gewachsenen Flächen, in dem Insekten, aber auch Spinnen, Schnecken und andere Tiere, die auf dem Speiseplan von Vögeln stehen, immer ein paar Flecken mit günstigen Lebensbedingungen finden. Vor allem nicht gemähte Brachflächen sind offenbar wichtige Refugien. Dort finden sich nicht nur im Hoch- und Spätsommer besonders viele Wirbellose. Diese können dort auch besonders gut überwintern und sich dann im nächsten Frühjahr wieder auf den benachbarten Wiesen ausbreiten.

Es brummt in Brodowin

Günstig wäre es natürlich, wenn sich die Insektenvielfalt nicht nur auf speziell gepflegten Naturschutzflächen erhalten ließe, sondern vor allem in der tatsächlich genutzten Agrarlandschaft. Um herauszufinden, wie das funktionieren kann, hat das Bundesamt für Naturschutz in den Jahren 2001 bis 2008 ein großes Projekt in einem Biobetrieb in Brandenburg gefördert. Auf dem Demeter-Hof "Ökodorf Brodowin" mit seinen rund 1200 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche haben die beteiligten Wissenschaftler unter anderem untersucht, wie man im ökologischen Landbau den Lebensraum von Tagfaltern und Heuschrecken verbessern kann.

Die Brodowiner Heuschrecken sind so zum Beispiel in den Genuss von mehr sicheren Kinderstuben gekommen. Auch auf Ökoäckern können diese Insekten nämlich in Bedrängnis geraten, wenn ihre im Boden abgelegten Eier beim Pflügen im Herbst zerstört werden. Damit sich ihre Populationen dauerhaft halten, muss daher immer ein bestimmter Anteil ihrer Lebensräume ungestört bleiben. Der in diesen Refugien schlüpfende Heuschreckennachwuchs kann dann im nächsten Sommer wieder in die angrenzenden Äcker einwandern.

Um diesen Prozess zu fördern, haben die Projektmitarbeiter an wenig ertragreichen Standorten bis zu zehn Meter breite Feldsäume angelegt. An der Südseite von Hecken und an Waldrändern entstanden ebenfalls ungenutzte Säume, auf Kuppen und an Südhängen wurden Flächen stillgelegt. Und auch das extensive Beweiden von Trockenrasen, die für Heuschrecken, Schmetterlinge und viele andere Insekten ein echtes Eldorado sind, gehörte zum Programm.

Nicht nur Schmetterlinge, sondern auch Bienen und andere Arten, die sich von Nektar ernähren, finden vielerorts nicht mehr genug Nahrung

Dank der vielen unterschiedlichen Lebensräume stießen die Forscher bei ihren anschließenden Bestandsaufnahmen auf eine für eine mitteleuropäische Agrarlandschaft ungewöhnlich artenreiche Heuschreckenfauna. Zudem stellten sie fest, dass die neu angelegten Säume von etlichen Arten sehr schnell angenommen wurden. Häufig krabbelten dort zum Beispiel der Braune Grashüpfer (Chorthippus brunneus), der Verkannte Grashüpfer (Chorthippus mollis) und der Nachtigall-Grashüpfer (Chorthippus biguttulus) durch die Vegetation. Und sogar die Italienische Schönschrecke (Calliptamus italicus), die in Brandenburg als vom Aussterben bedroht auf der Roten Liste steht, ließ sich dort blicken. Die Tagfalter haben von dem guten Angebot an Säumen, Brachen und Trockenrasen ebenfalls profitiert. Vor allem über den neu angelegten Säumen an mageren Standorten flatterten schon in den ersten beiden Jahren zahlreiche Arten, darunter auch der in Brandenburg stark gefährdete Magerrasen-Perlmutterfalter (Boloria dia).

Interessante Lebensräume für Schmetterlinge bieten in Brodowin aber auch jene Flächen, auf denen Feldfutter angebaut wird. Dort wächst eine Mischung aus verschiedenen Gras- und Kleearten, die zum Beispiel für verschiedene Bläulinge und Perlmutterfalter attraktiv ist. Zwischen der ersten und der zweiten Kleegras-Mahd vergehen fünf bis sieben Wochen, so dass die Falter genügend Zeit für ihre Entwicklung haben. Zudem bleiben beim Mähen des Feldfutters Streifen mit blühendem Klee und Luzerne stehen, damit die erwachsenen Tiere auch anschließend noch etwas zu fressen finden. Zahlreiche weitere Blüten locken auf den ökologisch bewirtschafteten Getreidefeldern des Betriebs, vor allem Kamille, Ackerkratzdistel und Luzerne sind bei vielen Schmetterlingsarten beliebt.

Blühende Landschaften

In vielen anderen Agrarlandschaften Europas sind solche Insektenrestaurants inzwischen selten geworden. Denn die Intensivierung der Landwirtschaft hat zu einem Verlust an blühenden Pflanzen geführt. Und das ist nach Einschätzung von Ökologen einer der wichtigsten Gründe für den Schwund der Sechsbeiner in den letzten Jahrzehnten. Nicht nur Schmetterlinge, sondern auch Bienen und andere Arten, die sich von Nektar ernähren, finden vielerorts einfach nicht mehr ausreichend Nahrung.

Da wird es nicht genügen, wenn nur die Ökobetriebe gegensteuern. Deshalb gibt es inzwischen EU-weit Förderprogramme, bei denen auch konventionell arbeitende Landwirte für bestimmte Maßnahmen zum Schutz von Landschaft und Artenvielfalt Geld bekommen. In Großbritannien zum Beispiel hat das Landwirtschafts- und Umweltministerium 2005 das Programm "Environmental Stewardship" ins Leben gerufen. In einer Art Basisvereinbarung namens "Entry Level Stewardship" (ELS) können sich Farmer zu relativ einfachen Maßnahmen wie der Pflege von Hecken oder der Erhaltung von Steinmauern verpflichten. Mehr Geld gibt es für die "Higher Level Stewardship" (HLS), die auch verschiedene Maßnahmen zur Förderung von Bestäubern umfasst. Dabei können die Landwirte zum Beispiel wechselnde Flächen mit verschiedenen Kleearten und anderen Hülsenfrüchten einsäen. Oder sie legen entlang ihrer Felder blütenreiche Streifen mit einer Mischung von Gräsern und Nektarlieferanten wie der Schwarzen Flockenblume (Centaurea nigra) und dem Gewöhnlichen Hornklee (Lotus corniculatus) an. Eine dritte Möglichkeit besteht darin, artenreiche Wiesen und Weiden zu erhalten oder neu zu schaffen.

Waldhummel auf Blüte
© Ivar Leidus / Bombus sylvarum / CC BY-SA 4.0 CC BY-SA
(Ausschnitt)
Bedrohtes Summen
Die Waldhummel (Bombus sylvarum) ist in vielen Regionen Europas verbreitet. In manchen davon ist sie allerdings bereits vom Aussterben bedroht.

Doch profitiert die Insektenwelt tatsächlich von diesen Maßnahmen? Um das herauszufinden, hat ein Team um Thomas Wood und Dave Goulson von der University of Sussex die Bienenbestände in beiden Farmtypen miteinander verglichen. In neun ELS- und neun HLS-Betrieben in Hampshire und West Sussex haben sie die Tiere direkt bei der Nahrungssuche beobachtet und anschließend die gesammelten Pollen analysiert – mit überraschenden Ergebnissen. Zwar kamen auf den Flächen neben der Europäischen Honigbiene (Apis mellifera) auch 15 verschiedene Hummeln, 72 einzelgängerische Solitärbienen und 17 parasitische Arten vor. Aber von diesen mehr als 100 Arten wussten längst nicht alle die eigens für sie ausgesäten Pflanzen zu schätzen. So nutzte nur ein gutes Drittel der Solitärbienen dieses Angebot in nennenswertem Ausmaß. Die meisten der summenden Einzelgänger griffen dagegen lieber auf den Pollen jener Pflanzen zurück, die ohne menschliche Unterstützung in der Umgebung gediehen.

Im Interesse der Hummeln

Die Forscher haben auch einen Verdacht, woran das liegen könnte. Zum einen sind in das Farmland im Süden Englands noch viele halbnatürliche Lebensräume eingestreut. Mehr als 20 Prozent der Landschaft bestehen aus solchen Refugien, während es in vielen anderen Regionen Europas nur zwischen fünf und zehn Prozent sind. Daher sind die Tiere womöglich nicht so stark auf ein zusätzliches Blütenangebot angewiesen wie andernorts.

Zum anderen fanden sich auf den bestäuberfreundlich gestalteten HLS-Farmen zwar tatsächlich mehr Blüten. Doch deren Auswahl schien längst nicht jedem fliegenden Besucher zu schmecken. Traditionell haben sich die Schutzbemühungen für Bestäuber in Großbritannien nämlich stark an den Bedürfnissen von Hummeln orientiert, die in den dortigen Agrarlandschaften besonders stark zurückgingen. Daher enthalten die ausgesäten Mischungen einen großen Anteil verschiedener Kleearten, die bei diesen Insekten sehr beliebt sind. Die Solitärbienen aber landen nach Beobachtungen der Forscher nur bei zwei Prozent ihrer Blütenbesuche auf solchen Hülsenfrüchten, gerade einmal drei Prozent des von ihnen gesammelten Pollens stammen von dort. Für eine noch vielfältigere Bienengemeinschaft müsste man nach Ansicht der Forscher daher die Palette der Pflanzenarten erweitern. Die war auf den HLS-Farmen nämlich nicht größer als bei den anderen Betrieben. Dabei wissen Solitärbienen eine ganze Reihe verschiedener Arten zu schätzen – vom Löwenzahn bis zum Kriechenden Hahnenfuß (Ranunculus repens) und vom Gewöhnlichen Ferkelkraut (Hypochaeris radicata) bis zum Hecken-Kälberkropf (Chaerophyllum temulum).

Viele bedrohte Insektenarten haben recht spezielle Ansprüche

Großbritanniens Hummeln dagegen profitieren durchaus von dem eigens für sie eingesäten Angebot. Mehr als die Hälfte aller Arten, die im Königreich überhaupt vorkommen, haben die Forscher auf den HLS-Farmen nachgewiesen – und das zum Teil in deutlich höheren Dichten als bei anderen Betrieben. Die Gartenhummel (Bombus hortorum) legte dort im Durchschnitt 47 Nester pro Quadratkilometer an, auf den Vergleichshöfen waren es nur 13. Auch Steinhummeln (Bombus lapidarius) profitierten mit 45 statt 22 Nestern auf der gleichen Fläche vom reicheren Blütenangebot. Besonders bedrohte Arten wie die Waldhummel (Bombus sylvarum), die Veränderliche Hummel (Bombus humilis) oder die Mooshummel (Bombus muscorum) ließen sich jedoch aller Blütenfülle zum Trotz nicht blicken. Solche Arten brauchen offenbar gezieltere Unterstützung, wenn sie in ihre ehemaligen Lebensräume zurückkehren sollen.

Die Rückkehr der Verschollenen

Wie diese Unterstützung genau aussehen muss, ist allerdings auch für Fachleute oft schwer zu sagen. Denn viele bedrohte Insektenarten haben recht spezielle Ansprüche. Christian Stettmer und seine Kollegen von der ANL haben das zum Beispiel beim Moor-Wiesenvögelchen (Coenonympha oedippus) erlebt, das zu den gefährdetsten Tagfaltern Europas gehört. In Deutschland galt die auch als Verschollenes Wiesenvögelchen bekannte Art seit 1952 als ausgestorben – bis 1996 doch noch eine Population in der Nähe von München entdeckt wurde.

"Das war damals eine Sensation", erinnert sich Christian Stettmer. Sorgfältig haben die Naturschützer das Refugium der flatternden Raritäten geheim gehalten, um keine interessierten Sammler auf den Plan zu rufen. "Trotzdem war die Population sehr verwundbar", erklärt der Biologe. "Es waren ja nur noch 20 bis 30 Tiere, die auf einer sehr kleinen Fläche lebten."

Doch alle Versuche, den Bestand und seinen Lebensraum zu vergrößern, hatten zunächst wenig Erfolg. Denn es fehlte an detaillierten ökologischen Informationen über die Art. Zwar war bekannt, dass die Raupen auf feuchten Wiesen und Moorflächen leben und gern das dort wachsende Pfeifengras fressen. Wo die Weibchen am liebsten ihre Eier ablegen und wie der perfekte Lebensraum für die einzelnen Entwicklungsstadien aussehen muss, wusste allerdings niemand so genau. Also initiierte die ANL im Jahr 2007 ein großes Forschungs- und Zuchtprogramm, um mehr über die Eigenheiten und die Fortpflanzung der bedrohten Art herauszufinden – und sie wenn möglich auch auf anderen Flächen anzusiedeln.

Dazu fingen die Forscher zunächst ein Weibchen aus der wiederentdeckten Population, das dann unter einem großen Moskitonetz mehr als 100 Eier legte. Nach acht bis zwölf Tagen schlüpften daraus junge Raupen, die anschließend in Freilandterrarien weiter heranwuchsen. "Kritisch war es, die Tiere über den Winter zu bringen, ohne dass sie Ameisen, Laufkäfern oder anderen Feinden zum Opfer fielen", erzählt Christian Stettmer. Doch dank intensiver Betreuung von Schmetterlingsenthusiasten, die jeden Tag mehrere Stunden in die Aufzucht ihrer Schützlinge steckten, gelang das Unterfangen. "Die Raupen oder Puppen kann man dann im Freiland aussetzen", schildert der Biologe die weiteren Schritte auf dem Weg zur Falterrenaissance. "Und wenn man Glück hat, nehmen sie den Lebensraum an, paaren sich und pflanzen sich fort."

Naturschützer müssen den Schwund der Insekten nicht hinnehmen

Glück allein reicht dazu allerdings nicht aus. Man muss schon auch den Geschmack der Tiere treffen. Also haben die Wissenschaftler endlose Stunden damit verbracht, die Weibchen bei der Eiablage zu beobachten und nach den extrem gut getarnten Raupen zu fahnden. Erst dadurch kristallisierte sich nach und nach heraus, wie der perfekte Lebensraum des Verschollenen Wiesenvögelchens aussehen muss. Demnach brauchen die Tiere eine lückenhafte Vegetation mit viel Streu, die am besten nicht regelmäßig gemäht wird. Und anders als früher angenommen, können sie auch nicht allein von Pfeifengras leben. Das treibt nämlich erst Ende April oder Anfang Mai, die Raupen aber werden schon im März aktiv. Für die Übergangszeit brauchen sie daher Sauergräser wie die Hirse-Segge (Carex panicea) als Nahrung.

"Diese Erkenntnis war einer der Knackpunkte für eine erfolgreiche Wiederansiedlung der Art", weiß Christian Stettmer. Inzwischen haben er und seine Kollegen an einem weiteren geheimen Ort ein neues Falterparadies geschaffen. Dort haben sie zunächst die Büsche und den zu nährstoffreichen Oberboden entfernt, damit sich Pfeifengras und Seggen in einer für die Raupen akzeptablen Dichte ansiedeln konnten. Und die Mühe hat sich gelohnt.

Nach zehn Jahren Arbeit haben die Forscher die Freilandpopulation des Verschollenen Wiesenvögelchens inzwischen wieder auf mehr als 200 Tiere aufgepäppelt, und auch in Gefangenschaft haben sich die Falter weiter vermehrt. "Das ist ein Riesenerfolg", so Christian Stettmer. Für ihn zeigt dieses Beispiel sehr deutlich, dass Naturschützer den Schwund der Insekten nicht resigniert hinnehmen müssen. "Wenn man es richtig macht, kann man diesen Prozess durchaus umkehren", meint der Biologe. "Allerdings ist das aufwändig und teuer." Auch aus finanziellen Gründen sei es daher besser, es gar nicht erst so weit kommen zu lassen.