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Klimawandel: Hoher Einsatz im hohen Norden

Eine entlegene Insel, auf der einst die letzten Mammuts unserer Erde lebten, entwickelt sich erneut zu einem Zufluchtsort für Wildtiere in der Arktis.
Polarfuchs hinter Rentiergeweih auf der Wrangelinsel

Ein steifer Wind warf den Hubschrauber hin und her, als er in der Nähe des Kiesstrands auf der Wrangelinsel zur Landung ansetzte. Das abgeschiedene Fleckchen Erde befindet sich etwa 480 Kilometer nördlich des Polarkreises im äußersten Winkel des russischen Föderationskreises Ferner Osten. Nach einem zweieinhalbstündigen Flug, der in der Stadt Pewek in Russland begann und größtenteils über offenes Meer führte, roch es im Helikopter nach Wodka und Treibstoff aus den Reservekanistern, die im Inneren der Kabine befestigt waren. Forschend hielt Joel Berger in den ringsherum aufragenden weißen Hügeln Ausschau und entdeckte schließlich an ihren Hängen einige schwarze Tupfen: Moschusochsen – seine Forschungsobjekte.

Die zotteligen Lebewesen mit den gebogenen Hörnern sind eine der vielen archetypischen arktischen Tierarten, die auf der Wrangelinsel, einem nahezu unbekannten Biodiversitäts-Hotspot in der Polarregion, optimale Lebensbedingungen vorfinden. Eine Kooperation russischer und US-amerikanischer Wissenschaftler hatte den Wildtierökologen Joel Berger von der Colorado State University hierhergeführt. Die Forscher wollten die potenziellen Auswirkungen des Klimawandels und anderer Faktoren, etwa der Prädation durch Eisbären, auf die rund 900 auf der Insel lebenden Moschusochsen näher untersuchen. Auf Grund der isolierten Lage und des kalten, trockenen Polarklimas ist auf der Wrangelinsel ein einzigartiges Ökosystem von erstaunlicher biologischer Vielfalt entstanden. Trotz der widrigen Lebensbedingungen gedeihen hier mehr als 400 Pflanzensorten – doppelt so viele wie auf irgendeinem anderen, ähnlich großen Gebiet in der arktischen Tundra – sowie Hunderte von Moosen und Flechten. Einige dieser Gewächse sind nirgendwo anders auf der Welt zu finden.

Schneegans versus Polarfuchs | Eine Schneegans (Chen caerulescens) versucht ihr Nest gegen einen hungrigen Polarfuchs (Vulpes lagopus) zu verteidigen.

»Die Wrangelinsel ist unberührte Natur vom Feinsten«, schwärmt Berger. »Es ist wirklich spektakulär.« Mit einer Fläche von 7600 Quadratkilometern entspricht die Insel in ihrer Größe etwa dem Yellowstone-Nationalpark. Ihre niedrigen Berge mit den abgerundeten Spitzen bilden Höhenzüge, die wie Wellblechdächer aussehen, und die weiten Küstenebenen gehen fließend in den Arktischen Ozean über. Sie wird von Rentierherden durchquert, von Vielfraßen geplündert und von frechen Polarfüchsen bewacht. Pazifische Walrösser räkeln sich zu Tausenden auf ihren kiesbedeckten Landzungen. Unzählige Vögel klammern sich an ihre Felsenklippen und nisten an ihren Flussufern, darunter auch Hornlunde, Gryllteisten, Weißnackentaucher und gefährdete Wanderfalken. Die Insel ist die Heimat der einzigen Brutkolonie von Schneegänsen in Asien und stellt einen der am dichtesten besiedelten Nistplätze für Schneeeulen dar. Doch am ehesten ist sie vermutlich für ihre Eisbären bekannt, insbesondere für die vielen weiblichen Bären, die in den schneebedeckten Gebirgsausläufern ihre Wurfhöhlen graben und dort im Winter ihre Jungen zur Welt bringen.

»Die Wrangelinsel ist unberührte Natur vom Feinsten. Es ist wirklich spektakulär«
Joel Berger

Ihren Namen erhielt die Wrangelinsel von einem in russischen Diensten stehenden Forschungsreisenden des 19. Jahrhunderts, der durch Beobachtung des saisonalen Vogelzugs und auf Grund von Geschichten, die ihm die Ureinwohner des nordöstlichen Sibiriens erzählt hatten, in jener Region die Existenz einer Insel vermutete. Heute gelten das Eiland und seine umgebenden Gewässer als »Sapowednik«, als staatlich verwaltetes Naturreservat der höchsten Schutzkategorie, und zählen zudem zum Weltnaturerbe der UNESCO. Beide Bezeichnungen sind ein Beleg für die reiche Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten, von denen manche schon vor vielen tausend Jahren ihren Weg auf diese Insel gefunden haben.

Eisbär am Strand | Ein hungriger Eisbär (Ursus maritimus) wandert über einen der zahlreichen Strände der Wrangelinsel – er sucht wahrscheinlich nach einem angetriebenen Kadaver.

Im Gegensatz zu weiten Teilen der nördlichen Hemisphäre war die Wrangelinsel nicht von den massiven Umwälzungen betroffen, die mit der letzten Eiszeit vor etwa 10 000 Jahren einhergingen. Nie haben mächtige Gletscher das Eiland bedeckt oder die schmelzenden Eismassen es zu Zeiten eines wärmeren Erdklimas überflutet. Stattdessen führten steigende Meeresspiegel zu einer Abtrennung vom Festland, und beide Ökosysteme entwickelten sich in unterschiedliche Richtungen. Während sich auf dem Festland Graslandschaften ausbreiteten, bedeckte ein Teppich aus Torf und Seggen die Wrangelinsel. Dieser Umstand und ihre Unerreichbarkeit für den Menschen haben die Insel zu einem Refugium für das Wollhaarmammut werden lassen. Eine kleine Mammutpopulation – die letzte auf der ganzen Welt – schaffte es in diesem Lebensraum, weitere 6000 Jahre zu überdauern; Inzucht führte jedoch im Lauf der Zeit zu schädlichen Mutationen, und schließlich starb auch diese Spezies vor etwa 3700 Jahren aus. Noch immer findet man überall auf der Wrangelinsel Mammutknochen und knapp einen Meter lange, elfenbeinerne Stoßzähne, die aus den kiesbedeckten Flussbetten hervorragen.

Klimawandel bringt störende Menschen auf die Insel

Die fernab gelegene Insel mit ihrer Mischung aus einzigartiger Pflanzenwelt und speziellen Klimaverhältnissen hat sich auch zu einem Aufenthaltsort für viele Tiere der Arktis entwickelt. Mehr als 100 Zugvogelarten und sieben Arten von Landsäugetieren – einige stehen kurz vor dem Aussterben – sind auf dem Eiland zeitweise beziehungsweise ganzjährig zu Hause. Die derzeitige neuerliche Klimaerwärmung hat allerdings dazu geführt, dass die einst isolierte Region der Arktis leichter zugänglich geworden und in größerem Umfang menschlichen Aktivitäten ausgesetzt ist. Entlang der sibirischen Küste bahnen sich große Frachtschiffe ihren Weg durch das dünner werdende Meereis, Energiekonzerne erkunden zunehmend Öl- und Gasvorkommen auf hoher See, und Russland arbeitet an einer massiven Verstärkung seiner arktischen Militärstützpunkte. Es stellt sich daher die Frage, ob dieser fortschreitende Entwicklungsdruck eine grundlegende Veränderung der Wrangelinsel bewirken wird, wie es bereits in anderen Teilen der Arktis zu beobachten ist, oder ob die Insel auch in Zukunft besonderen Schutz genießen und einigen der symbolträchtigsten arktischen Tierarten als Zufluchtsort dienen wird.

Moschusochsen auf der Wrangelinsel | Eine Herde Moschusochsen (Ovibos moschatus) durchquert die Wrangelinsel. Die Art wurde dort 1975 wieder angesiedelt, nachdem sie hier nach der letzten Eiszeit lokal ausgerottet wurde.

Bei seiner Ankunft auf der Wrangelinsel hatte Berger, der ebenfalls als leitender Wissenschaftler für die Wildlife Conservation Society mit Sitz in New York tätig ist, einen mit Fotokameras, Objektiven und einem Laserentfernungsmesser gefüllten Seesack im Gepäck. Die Ausrüstungsgegenstände sind Bestandteil seines nicht invasiven Ansatzes, mit dessen Hilfe er den Einfluss der Klimaveränderung auf den Gesundheitszustand der Moschusochsen untersuchen möchte. Durch digitale Fotoaufnahmen der Tiere aus einer Entfernung von exakt 50 Metern kann der Forscher die Größe und das Wachstum der Moschusochsen über einen längeren Zeitraum bestimmen und dokumentieren. Berger und sein russischer Kollege hoffen, dass sie nach einigen Jahren des Datensammelns in der Lage sein werden, die langfristigen Auswirkungen des Klimawandels auf die Moschusochsenpopulation der Wrangelinsel genauer abzuschätzen.

Moschusochse im Porträt | Die Moschusochsen sind extrem zähe Tiere und perfekt angepasst an die harschen Bedingungen der Arktis.

Insgesamt gesehen erwärmt sich die Arktis gerade doppelt so schnell wie der Rest der Erde. Das Meereis ist dünner geworden, und seine Ausdehnung schwindet. Und während die Sonne auf die sich neu eröffnenden Wasserflächen hinunterstrahlt und dadurch Verdunstung, Wolkenbildung und Regenfälle intensiviert, wird das arktische Klima zunehmend feuchter. Gegen derartige Veränderungen ist auch die Wrangelinsel nicht gefeit. Laut Vorhersagen von Computermodellen könnten bis zum Jahr 2100 die meisten ihrer Küsten ganzjährig eisfrei sein, selbst wenn das Meereis in der Umgebung der Insel möglicherweise langsamer schwindet als in anderen Gebieten der Arktis. Und angesichts der Tatsache, dass sich Ökosysteme als Reaktion auf den Klimawandel ändern, wird es hier wie anderswo Gewinner und Verlierer geben.

Klimaveränderung setzt Moschusochsen zu

Ungewöhnlich warme Witterungsverhältnisse im Winter kamen die auf der Wrangelinsel lebenden Moschusochsen und Rentiere, die sich von krautigen Tundrapflanzen, Zwergsträuchern und Gräsern ernähren, bereits teuer zu stehen. Im Herbst und Winter überzieht gefrierender Regen die Tundra wie eine Kruste und umschließt die Futterpflanzen der Tiere mit einer »undurchdringlichen Eisschicht«, berichtet Berger. Verglichen mit den arktischen Regionen Alaskas gab es auf der Wrangelinsel dreimal häufiger solche Wetterereignisse, bei denen auf Schnee plötzlich Regen fiel. Dieser Unterschied spiegelt sich auch im Gesundheitszustand der in den beiden Ökosystemen lebenden Moschusochsen wider. Bergers Untersuchungen haben ergeben, dass die Jungtiere auf der Wrangelinsel kleiner als ihre Altersgenossen in Alaska sind. »Die Tiere sind im Wachstum zurückgeblieben«, stellt der Wildtierökologe fest. Wenn die jungen Moschusochsen nicht die erforderlichen Nährstoffe erhalten, wachsen sie bereits im Mutterleib sowie in den ersten Jahren nach der Geburt deutlich langsamer heran.

Mammutstoßzahn | Nach der letzten Eiszeit war die Wrangelinsel einer der letzten Rückzugsorte der Mammuts, bevor sie auch dort ausstarben. Ihre Überreste werden immer wieder durch Kräfte der Natur frei gelegt.

Den Rentieren der Wrangelinsel ist es auf Grund des Klimawandels sogar noch schlechter ergangen. Vor vielen Jahren stiegen die Temperaturen im Februar auf einmal sprungartig bis über den Gefrierpunkt, um kurz darauf wieder schlagartig zu sinken und sämtliche auf der Insel wachsenden Pflanzen unter einer starren Eisdecke zu begraben. Dies habe zu einer »katastrophalen Zerstörung« der Rentierpopulation geführt, erzählt Alexander Gruzdev, der Direktor des Staatlichen Naturreservats Wrangelinsel. »Es war ein Wahnsinn. Ich habe damals auf einen Schlag 6000 verendete Tiere gefunden.«

»Es war ein Wahnsinn. Ich habe damals auf einen Schlag 6000 verendete Tiere gefunden«
Alexander Gruzdev

In Anbetracht der Umstände scheint es den Eisbären auf der Insel jedoch recht gut zu gehen. Noch immer ist die Wrangelinsel eins der wichtigsten Gebiete in der Arktis, in dem sich eine große Anzahl weiblicher Eisbären auf relativ engem Raum ihre Wurfhöhlen graben. Andere Höhlengebiete, etwa in Churchill in der kanadischen Provinz Manitoba und auf der norwegischen Inselgruppe Spitzbergen, werden mittlerweile weniger stark von den Tieren genutzt, da sich in manchen Jahren das Meereis zu spät bildet – oder sogar überhaupt nicht. Die Eisbärinnen sind dann gezwungen, sich anderswo ein Winterlager zu suchen. »Es ist ein dynamisches System, daher gibt es gute und schlechte Jahre«, verdeutlicht Andrew Derocher, Biologe und Eisbärenexperte an der University of Alberta in Edmonton, Kanada. Doch insgesamt sind diese Beobachtungen »Ausdruck eines langfristigen Rückgangs«. Denn die Zahl der Wurfhöhlengebiete nimmt kontinuierlich ab.

Eisbärenversammlung | Wenn das Meereis fehlt, suchen Eisbären am Strand nach Kadavern von Walen und Robben.

Die in der Tschuktschensee lebenden Eisbären pendeln über das Meereis zwischen Alaska und Russland hin und her. Die Tiere würden so lange wie möglich auf dem Eis bleiben, erklärt die Wildtierbiologin Karyn Rode vom U.S. Geological Survey in Anchorage, aber mit zunehmendem Rückzug des Meereises »wird Wrangel zum nördlichsten Punkt, an dem die Bären an Land gehen können«. Weibliche Eisbären verbringen daher heute eine längere Zeit auf der Wrangelinsel als noch vor 20 Jahren. Im Rahmen ihrer Untersuchungen hatte Rode kürzlich die Bewegungen von mit Funkhalsbändern ausgestatteten Bärinnen verfolgt. Die Wissenschaftlerin fand heraus, dass zu Zeiten geringer Meereisbedeckung doppelt so viele Tiere die Insel aufsuchten und sie sich dort etwa 30 Tage länger als in früheren Jahren aufhielten.

Eisbären stellen Nahrungsgewohnheiten um

Auf dem Eis ernähren sich die Bären von den fettreichen Robben, die sie bei ihren Jagdzügen erbeuten. Wenn sich die Weibchen an Land begeben, um ihre Jungen zu gebären, beginnt für sie normalerweise eine Zeit des Fastens. Das zurückweichende Meereis zwingt die Eisbären jetzt allerdings dazu, frühzeitiger Land aufzusuchen und dort länger als gewöhnlich zu verweilen. Für die Bärinnen ist es jedoch nahezu unmöglich, diese ausgedehnten Hungerperioden zu überstehen und gleichzeitig erfolgreich Nachwuchs zur Welt zu bringen. Vereinzelte Belege deuten darauf hin, dass die Tiere ihre Ernährungsgewohnheiten an die veränderten Bedingungen anpassen, doch noch ist den Wissenschaftlern nicht ganz klar, welche Folgen dies haben könnte – sowohl für die Bären als auch für das gesamte Ökosystem. Im Jahr 2015 beobachteten Wildhüter auf der Wrangelinsel, wie ein Eisbär eine Gruppe am Strand liegender Walrösser hetzte, ganz offensichtlich in der Absicht, eine Massenflucht anzuzetteln und sich nachfolgend die verletzten oder getöteten Tiere herauszupicken. Gruzdev berichtet, er habe zudem beobachtet, wie Eisbären Moschusochsen, Rentiere und Wale erbeuteten und sogar die Erdhöhlen von Lemmingen auf der Suche nach den winzigen Nagetieren ausgruben.

Eisbären auf Futtersuche | Eisbären sind wenig wählerisch – sie durchsuchen auch Müll von Menschen nach Fressbarem.
Polarfuchs frisst Schneegansei | Der Sommer naht: Die Polarfüchse wechseln vom weißen Winter- zum braunen Sommerfell. Gleichzeitig gibt es für kurze Zeit Nahrung im Überfluss.

Abgesehen von einem Schiffswrack, einigen Polarexpeditionen, einer militärischen Radaranlage und einem inzwischen aufgegebenen sowjetischen Besiedlungsversuch während des 20. Jahrhunderts ist die Wrangelinsel seit Beginn des neuen Jahrtausends im Wesentlichen von einer Hand voll Wildhüter und Forscher in Beschlag genommen worden. Zudem besuchen pro Jahr etwa 500 Touristen das Eiland; meistens kommen sie von den Schiffen der Expeditionskreuzfahrten in Schlauchbooten auf die Insel gefahren, um einen Blick auf Eisbären, Moschusochsen und die riesigen Vogelkolonien zu werfen. Ein Großteil ihrer touristischen Attraktivität rührt daher, dass die Wrangelinsel im Jahr 2014 zusammen mit der kleineren, benachbarten Heraldinsel den Titel eines UNESCO-Weltnaturerbes erhielt und zu den derzeit am stärksten geschützten Naturreservaten der Arktis gehört.

Doch inzwischen nimmt auch die permanente menschliche Anwesenheit auf der Insel zu. Erst kürzlich hat die russische Regierung dort Sonnenkollektoren und eine Windkraftanlage installiert, um Strom für ihre wissenschaftlichen Aktivitäten zu erzeugen, und eine Modernisierung ihrer sechs Gästehäuser vorgenommen. Die zunehmende Ausweitung der russischen Militärpräsenz in der Arktis hat der Insel in den vergangenen Jahren neben einer neuen Radaranlage sogar eine medizinische Einrichtung beschert.

Neue Schifffahrtsroute »Seidenstraße des Eises«

Nach Ansicht russischer Militärexperten sind diese Anlagen unerlässlich, um die strategischen und wirtschaftlichen Interessen des Landes in der Region zu schützen, etwa wenn es um die dort lagernden Öl- und Gasreserven und nicht zuletzt die Kontrolle der Nordostpassage geht. Die Erschließung dieser Schifffahrtsroute, die an der arktischen Küste Russlands verläuft und auch die schmale Meerenge zwischen der Wrangelinsel und dem russischen Festland durchzieht, wurde von der Regierung in Moskau bewusst vorangetrieben; zudem wurde massiv für die Nutzung dieser Strecke geworben. Man erhoffte sich, die Reedereien davon zu überzeugen, ihre Schiffe künftig entlang der russischen Küste von Asien nach Europa fahren zu lassen und nicht mehr den durch den Sueskanal führenden Seeweg zu wählen.

Da die Nordostpassage auf Grund des schmelzenden Meereises neuerdings ohne den Einsatz von Eisbrechern befahrbar ist, würde die Abkürzung beispielsweise die Fahrstrecke zwischen der japanischen Hafenstadt Yokohama und London um mehr als 4000 nautische Meilen verkürzen. Trotz des erhöhten Risikos, das mit dem Navigieren eines Schiffs durch die unberechenbaren eisigen Gewässer verbunden ist, möchte die Regierung Chinas diese so genannte »Seidenstraße des Eises« unbedingt nutzen und dadurch die Fahrtzeit ihrer Schiffe nach Europa um bis zu zehn Tage verringern.

Schneegänse | In Asien nisten Schneegänse nur auf der Wrangelinsel. Dort erholt sich ihr Bestand gerade von einem historischen Tief.

Zudem ist es nicht ganz unwahrscheinlich, dass Mineralöl- und Erdgasgesellschaften schon bald erste Bohrungen auf dem ausgedehnten Kontinentalschelf der Tschuktschensee durchführen werden. Bereits im Jahr 2013 haben das mehrheitlich staatseigene russische Mineralölunternehmen Rosneft und die US-amerikanische Exxon Mobil Corporation gemeinsam die Förderungslizenzen für drei im Norden und Osten der Wrangelinsel gelegene Explorationsblöcke erworben. Sprecher der beiden Unternehmen gaben zwar gegenüber der Tageszeitung »Alaska Dispatch News« zu verstehen, dass sie die Grenzen des staatlichen Naturschutzgebiets respektieren würden, allerdings überschneidet sich das 190 000 Quadratkilometer umfassende Erdölexplorationsgebiet in einigen Bereichen mit der geschützten Pufferzone des Naturreservats.

Finanzielle Interessen bedrohen Wrangelinsel

Auch die Ölförderungsaktivitäten auf der US-amerikanischen Seite der Tschuktschensee stellen eine Gefahr für die Wrangelinsel dar. Laut einer auf Computermodellen basierenden Risikobewertung durch die internationale Umweltorganisation Natural Resources Defence Council besteht im Fall eines unkontrollierten Ölaustritts aus einer Bohrung vor der Nordwestküste Alaskas eine 20-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass jenes Öl die Strände der Wrangelinsel erreicht. Als Konsequenz stellte die Shell Oil Company ihre Erdölsuche in dem Gebiet ein, doch ist es durchaus möglich, dass die Erkundungen eines Tages wieder aufgenommen werden. Zwar hat Präsident Obama in den letzten Wochen seiner Amtszeit im Jahr 2016 alle zukünftigen Öl- und Gasbohrungen in den US-amerikanischen Gewässern des Nordpolarmeers unter Verbot gestellt, aber Präsident Trump hat inzwischen eine Durchführungsverordnung unterzeichnet, um die Förderung von Erdöl und Erdgas in der Arktis auszuweiten.

Moschusochsen im Schnee | Eine Gruppe Moschusochsen zieht durch die schneebedeckte Landschaft auf der Wrangelinsel im fernen Osten Russlands.

Alles in allem steht der Arktis eine ungewisse Zukunft bevor. Viele ihrer symbolträchtigen Wildtiere sind auf das rapide schwindende Meereis angewiesen. Die die Wrangelinsel umgebende Tschuktschensee ist einer der Lebensräume unserer Erde, die sich gerade am schnellsten verändern; dennoch befinden sich die dort lebenden Eisbärenpopulationen – zumindest bis jetzt – offenbar in einem stabilen Zustand. Zukünftige Erschließungsmaßnahmen gefährden das fragile arktische Ökosystem der Insel; momentan handelt es sich dabei lediglich um Bedrohungen. Es bleibt daher abzuwarten, ob das Eiland auch in einem sich wandelnden Klima ein wichtiges Refugium für arktische Tiere bleiben wird. Zumindest was die Eisbären betrifft, »sieht es ganz danach aus«, meint der Biologe Craig Perham vom Bureau of Ocean Energy Management in Alaska. »Aber wir wissen es noch nicht mit Sicherheit.«

Walross | Die Wrangelinsel ist die Heimat eines der größten Bestände der Pazifischen Walrösser (Odobenus rosmarus). In Jahren ohne Meereis versammeln sich hier bis zu 100 000 Tiere.

Welterbe-Komitee schlägt Alarm

Die zukünftige Rolle der Wrangelinsel wird sehr wahrscheinlich davon abhängen, inwieweit die derzeitigen Umweltschutzmaßnahmen aufrechterhalten oder eventuell sogar verstärkt werden. Angesichts der jüngsten Erschließungsaktivitäten hat das Welterbe-Komitee der UNESCO bereits Alarm geschlagen und mehrfach Warnungen gegenüber der russischen Regierung ausgesprochen, man würde die Insel auf die Liste des gefährdeten Welterbes setzen, falls sich das Naturschutzmanagement nicht verbessern sollte. Die zunehmende Anwesenheit von Menschen auf dem Eiland könnte die Sicherheit der Eisbären gefährden und die Konflikte zwischen Menschen und Wildtieren weiter verstärken, so die Sorge der Komiteemitglieder.

»Ich bin in Alaska geboren und aufgewachsen, doch als wir auf die Küste der Insel zusteuerten, durchfuhr mich auf einmal der Gedanke: Das hier ist wirklich das Ende der Welt«
Craig Perham

Ende September 2016 verbrachte Perham, der damals für den U.S. Fish and Wildlife Service tätig war, vier Wochen auf der Wrangelinsel. Der Biologe sollte am Aufbau eines gemeinschaftlichen amerikanisch-russischen Forschungsprogramms mitwirken, in dessen Rahmen die ökologische Bedeutung der Insel für die in der Region Alaska-Tschukotka lebenden Eisbären näher untersucht werden sollte. »Ich bin in Alaska geboren und aufgewachsen«, berichtet Perham, »doch als wir auf die Küste der Insel zusteuerten, durchfuhr mich auf einmal der Gedanke: Das hier ist wirklich das Ende der Welt.«

Mit einem Geländefahrzeug durchquerten Perham und seine Kollegen die Wrangelinsel auf der Suche nach Eisbären und legten dabei eine Strecke von etwa 1000 Kilometern zurück. Nach einem Monat hatte das Team 179 Tiere gezählt, die fast alle bei guter Gesundheit waren und von denen mehr als ein Drittel in Familienverbänden lebte. Eisbären sind typischerweise Einzelgänger; man trifft daher männliche, weibliche und junge Bären normalerweise nicht in Gesellschaft an – sofern nicht Nahrung im Spiel ist, beispielsweise in Form eines unwiderstehlichen Walkadavers. Eines Tages stieß Perham jedoch in der Nähe eines Berghangs zufällig auf eine elfköpfige Eisbärengruppe; das weiße Fell der Tiere bildete einen scharfen Kontrast zu dem dunklen, schneelosen Untergrund. »Sie sahen wie Dallschafe aus«, erinnert sich der Biologe an jenen unerwarteten Anblick. Eisbären wagen sich nur selten in die Berge, und es war keine potenzielle Nahrungsquelle in Sichtweite, die ihre unmittelbare Nähe zueinander gerechtfertigt hätte. Nicht zu übersehen war allerdings die Resilienz dieser Tiere. »Sie versammeln sich, weil kein Eis da ist«, schlussfolgert Perham, »und sie scheinen sich daran gewöhnt zu haben.«

Der Artikel ist am 13.9.2017 unter dem Titel »High Stakes in the High North« im Onlinemagazin »Biographic« erschienen, einem digitalen Magazin, das von der California Academy of Sciences publiziert wird.

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