Unter den Attraktionen des Tierreichs dürfte die Show des Kragenhopfs (Lophorina superba) aus der Familie der Pradiesvögel wohl zu den eindrucksvollsten zählen. Nichts lässt das Männchen unversucht, um ein Weibchen von sich zu überzeugen: Zuerst säubert es seine Arena tief im Regenwald Neuguineas von störenden Steinen, Laub oder ganzen Pflanzen – ja, selbst die umliegenden verholzten Tribünen werden mit frischen Blättern poliert, bevor der Hahn mit ersten Balletteinlagen beginnt. Er tänzelt rasch über den Waldboden, plustert sein metallisch schimmerndes Gefieder auf und stößt gleichzeitig schnelle, laute Töne aus, die das Publikum anlocken sollen.

Trauerammer-Männchen
© Alexis Chaine
(Ausschnitt)
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Trifft das Subjekt der Begierde auf den Zuschauerrängen dann endlich ein, spannt der Vogel erregt seinen glänzenden hellblauen Kragen auf, stülpt die Flügel über den Kopf und springt aufgeregt um das Weibchen herum: vor und zurück, rings um im Kreis, mit raschen Knicksen. Und immer zu knallt der Hopf seinen Schwanz laut schallend auf das Holz der Astbühne – bis das Weibchen überzeugt ist oder sich enttäuscht zurückzieht. Erfolg bei der Damenwelt hat hier nur, wessen Choreografie die stimmigste und farbenprächtigste ist.

Wechselhafte Trauerammern

Im evolutionären Ausleseprozess setzt sich folglich auf Dauer zunehmende Attraktivität durch, die sich theoretisch immer weiter steigern sollte. Die in der Prärie Colorados brütende Trauerammer (Calamospiza melanocorys) belegt nun jedoch, dass sich die weiblichen Vorlieben auch sehr kurzfristig ändern können, wie Alexis Chaine und Bruce Lyon von der Universität von Kalifornien in Santa Cruz vermelden [1]: Was im einen Jahr überzeugend wirkte, kann im nächsten durch ein ganz anderes Merkmal ersetzt werden, so die Beobachtung der Biologen – und dieses mag sogar eher subtil sein.

Trauerammer-Weibchen
© Alexis Chaine
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Die Männchen dieser Zugvögel kleiden sich in ein überwiegend schwarzes Gefieder, das stark mit den strahlend weißen Schwingen der Flügel kontrastiert. Neben dem klobigen Schnabel signalisieren vor allem Größe und Helligkeit dieses Fleckens auf den ersten Blick einem Weibchen oder Nebenbuhler, ob das werbende Tier gesund und vor allem durchsetzungsfähig ist – schließlich benötigt es zur Ausbildung dieser Geschlechtsmerkmale viel Energie. Dennoch garantiert größer und stärker nicht immer auch besseren Bruterfolg, wie es bei vielen anderen Tierarten eigentlich mehrheitlich der Fall ist.

Subtile Zeichen

Während der fünf Jahre, in denen Chaine und Lyon die Trauerammern überwachten, wechselten die Vorlieben der Weibchen mehrheitlich von Brutzeit zu Brutzeit: Waren im einen Jahr offensichtlich große, weiße Schwingen ausschlaggebend, konnten in der Folgesaison vor allem Männchen mit kleinen Flecken reüssieren. Immer hatten aber die Paare, die sich nach dem jeweiligen Mehrheitsgeschmack richteten, den höheren Bruterfolg als jene, die sich dem vorherrschenden Trend widersetzten. Die Weibchen nahmen also überwiegend den richtigen Partner, selbst wenn diese nicht dem klassischen Schema der Evolutionsbiologie und damit dem prächtigsten Äußeren entsprachen. In der Population bleibt damit jedenfalls ein sehr variables Spektrum an Körpermerkmalen gewahrt.

Trauerammer-Küken
© Alexis Chaine
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Was genau dann die Entscheidungsfindung beeinflusst, wissen die beiden Forscher noch nicht: "Möglicherweise verraten bestimmte Kennzeichen, ob ein Männchen ein guter Versorger ist, und andere, wie gut der potenzielle Vater sein Nest vor Räubern verteidigen kann. In Jahren mit Nahrungsmangel könnten Erstere bevorzugt werden, in Zeiten mit vielen Gelege plündernden Erdhörnchen dagegen Letztere", so Chaine. Die jeweils vorherrschenden Umweltbedingungen würden demnach die Partnerwahl und die Fortpflanzung nicht unwesentlich mitbestimmen.

Frühreife im Vorteil?

Prachtstaffelschwanz
© Dr. Rebecca Kilner
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Diesem Punkt würden Andrew Cockburn von der australischen National-Universität in Canberra und seine Kollegen unwidersprochen zustimmen [2] – auch wenn im Fall ihrer Prachtstaffelschwänze (Malurus cyaneus) die Auslese schon deutlich Richtung "zunehmend prächtig" läuft. Die männlichen Vögel müssen jedoch nicht nur mit einem möglichst irisierenden Blau vor samtigem Schwarz im Gefieder aufwarten. Besondere Vorteile haben vor allem diejenigen, die möglichst zeitig vor der Brutsaison ins Hochzeitskleid mausern und damit ausdauernd balzen. Da sich die Weibchen nicht nur mit ihrem langzeitigen Revierpartner paaren, sondern zusätzlich fremdgehen, bekamen diese frühreifen Gigolos häufiger die Gelegenheit zum Seitensprung als ihre langsameren Geschlechtsgenossen.

Der Frühstart zehrt jedoch an den Kräften dieser Prachtstaffelschwanz-Hähne, denn sie müssen mehr Energie in die Mauser, ihr Gefieder wie in die Umwerbung stecken, sodass dies nur den kräftigsten Exemplaren vorbehalten ist. Und deren Zahl hängt stark von den Witterungsbedingungen im Jahresverlauf ab: Regnete es viel im Sommer und entwickelten sich dementsprechend ausreichend viel Nahrung, riskierten mehr Männchen eine frühe Mauser und zeugten überproportional viel Nachwuchs. Fiel die warme Jahreszeit dagegen zu trocken aus, war das Gegenteil der Fall. Die Weibchen ließen sich mit den wenigen Wagemutigen unterdurchschnittlich häufig ein – obwohl diese ihr Leben riskierten: Die Sterblichkeitsrate unter diesen Prachtstaffelschwänzen war deutlich erhöht. Stattdessen bevorzugten die Weibchen nur ihren eigenen Partner, der sie im Gegensatz zu den revierfremden Seitensprüngen auch in Zeiten des Nahrungsmangels sicher zu versorgen versucht.

Unglückliche Mischehen

Dauerhaft schlechte Karten, sich fortzupflanzen, haben wiederum männliche Mischlinge aus Trauer- (Ficedula hypoleuca) und Halsbandschnäpper (Ficedula albicollis). Beide Arten trennten sich während der letzten Eiszeit, doch heute überlappen sich ihre Verbreitungsgebiete wieder in Mittel- und Osteuropa, wo sich Angehörige beider Spezies in geringem Ausmaß miteinander verpaaren. Etwa drei bis vier Prozent aller Verbindungen sind artübergreifend, und ihre Nachkommen weisen gemischte Gefiedermerkmale auf.

Männlicher Halsbandschnäpper
© Thor Veen
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Doch vorteilhaft ist diese Liason für die Sprösslinge nicht, wie Nina Svedin von der Universität Uppsala mit ihrem Team auf den Inseln Öland und Gotland mit genetischen Untersuchungen und Freilandbeobachtungen nachgewiesen hat [3]. So verfügen männliche Hybride über eine deutlich schlechtere Anpassungsgabe und Überlebensrate als ihre reinrassigen Verwandten. Und in der kürzeren Lebensspanne, die ihnen verbleibt, zeugen sie auch noch deutlich weniger Junge und können so ihre Erbanlagen auch kaum weitergeben, denn von den Weibchen werden sie seltener ausgewählt.

Kommt doch ein Hybridmännchen zum Zuge, muss es außerdem fürchten, dass ihm seine Partnerin mehr Kuckuckskinder unterschiebt, als es in reinen Trauer- oder Halsbandschnäpper-Ehen üblich ist. Da die Mischlinge eigentlich zweite Wahl sind, lassen sich die Weibchen auch überdurchschnittlich oft mit weiteren Hähnen ein, die von der eigenen Art sind. Die verminderte Spermienqualität der Bastarde und die geringere Überlebensrate der embryonalen Küken leiste ein übriges, schließen die Forscher an. Immerhin treibt diese negative Auslese die Arttrennung voran, sodass Trauer- und Halsbandschnäpper bald genetisch völlig eigenständig sein dürften. Nach strenger Auslegung der evolutionären Regeln dürfte ihnen sogar erst an diesem Punkt jeweils ein eigener Status als Spezies verliehen werden. Bis es so weit ist, bleibt den männlichen Hybriden immerhin ein schwacher Trost: Sie haben überhaupt die Chance auf Nachkommenschaft, denn weibliche Hybride sind zeitlebens völlig unfruchtbar.