Grelles Licht bescheint die kleine Ameisenkolonie, deren Arbeiter nun schon seit zwei Wochen keine Nahrung mehr finden. Doch heute ist irgendetwas anders. Eine Erschütterung, der Himmel verdunkelt sich kurz, dann ist wieder alles ruhig. Wenige Minuten später kehren die ersten Späher mit guten Nachrichten zurück: Ein Haufen gefrorener Fliegen und eine Schüssel mit Honiglösung liegen nahe des Nesteingangs. Schnell kommt Leben in den Bau, die aufgespürte Beute wird von wimmelnden Arbeitern ins Innere der Kolonie transportiert.

Ob sich die Ameisen Temnothorax albipennis über diesen plötzlichen Überfluss an Nahrung wundern? Stapel gefrorener Drosophilae sind ja nicht gerade an der Tagesordnung. Verantwortlich sowohl für das Festmahl als auch die vorhergehende Hungersnot ist die Biologin Anna Dornhaus, die im Labor mehrere Ameisenkolonien beobachtet.

Buntes Treiben
© Anna Dornhaus
(Ausschnitt)
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Geduld ist dabei dringend erforderlich. Über 1100 der winzigen Insekten werden mit verschiedenen Farben markiert und bei bestimmten Tätigkeiten gefilmt. Die eigentliche Strapaze für die Forscherin folgt erst danach – nämlich die detaillierte Auswertung der stundenlangen Aufnahmen von elf verschiedenen Kolonien.

Anna Dornhaus möchte herausfinden, wie effizient einzelne Ameisen bei ihrer Arbeit sind. Der Erfolg sozialer Insekten wird häufig mit der üblichen Arbeitsteilung in Kolonien erklärt. Zur Überprüfung dieser These verglich die Wissenschaftlerin deshalb, ob Spezialisten oder Amateure ihre Jobs besser erledigen.

Aufgezeichnet wurde, wie viel Arbeit eine Ameise pro Zeit schafft. Zwei der untersuchten Aufgaben waren die Suche nach Honig sowie proteinreicher Nahrung, in diesem Fall Drosophila-Fliegen. Des Weiteren wurde gemessen, wie schnell die Tiere Nestmaterial, also Sandkörner, sammeln und ihre Brut beim Umzug in andere Kolonien transportieren.

Die Filmaufnahmen brachten überraschende Ergebnisse: Die auf eine Aufgabe spezialisierten Ameisen sind nicht effizienter als gewöhnliche Tiere, die mal hier und mal dort etwas erledigen. Einzelne Insekten waren zwar insgesamt schneller als andere, jedoch nicht unbedingt in ihren Spezialgebieten. Nestmaterial transportierten sogar die nicht professionellen Vertreter besser.

Doch irgendetwas müssen Spezialisten einfach besser machen. Tragen sie vielleicht schwerere Lasten? Unwahrscheinlich, da zumindest die Sandkörner im Expermiment alle gleich groß waren, nämlich ein Drittel einer durchschnittlichen Ameise. Fachkräfte sammeln bei ihrer Arbeit vielleicht mehr Informationen über die Umgebung oder halten besser Ausschau nach möglichen Fressfeinden, spekuliert die Biologin.

Temnothorax albipennis verhalten sich wie jede andere Durchschnitts-Ameisenart. Sie erbeuten und plündern andere Arthropoden, auch die Koloniegrößen der Kosmopoliten sind typisch. Ihre lange Lebensspanne im Labor von bis zu mehreren Jahren ist jedoch ungewöhnlich und könnte dafür gesorgt haben, dass jedes Individuum genug Zeit hatte alle Aufgaben so weit zu perfektionieren, wie es ihm möglich ist.

Ameise ist also einfach nicht gleich Ameise – beim Menschen ist schließlich auch nicht jeder Einstein oder Mozart. Offenbar sind die Universalgenies bei Ameisen nur sehr viel verbreiteter, und mit denen können Spezialisten bekanntermaßen eben einfach nicht mithalten.