Die Besiedlungsgeschichte Amerikas ist ein intensiv erforschtes Gebiet: Woher stammen die Urahnen der nord- und südamerikanischen Indianer? Wann kamen sie auf den Doppelkontinent? Und wie? Genetische Untersuchungen liefern auf diese Fragen immer genauere Antworten, trotzdem gibt es in der über 20 000 Jahre umfassenden Geschichte noch erstaunlich viele leere Seiten, zeigt nun der Blick auf zwei aktuelle Studien renommierter Forschergruppen.

Wie es scheint, könnte den Genetikern eine komplette Urpopulation durch die Lappen gegangen sein: Bei einer Hand voll indianischer Gruppen aus dem Amazonashochland gibt es Hinweise auf eine sehr ursprüngliche Verwandtschaft mit australasiatisch-melanesischen Gruppen – also von Menschen jenseits des Pazifiks. Uneins sind sich die Teams um den dänischen Genetiker Eske Willerslev und den US-amerikanischen Genetiker David Reich allerdings in der Interpretation dieser Hinweise.

Willerslev und sein vielköpfiges internationales Team unternehmen in ihrer aktuellen "Science"-Veröffentlichung den Versuch, die amerikanische Besiedlungsgeschichte zumindest in groben Zügen endgültig festzunageln. Dazu analysierten sie das komplette Genom von vier lebenden amerikanischen Ureinwohnern sowie das von 23 Individuen aus archäologischen Ausgrabungen, hinzu kommen partielle Gendaten von 79 lebenden Menschen aus 28 Bevökerungsgruppen Amerikas und Sibiriens. Aus diesem großen Datenbestand generierten die Wissenschaftler mit statistischen Verfahren einen Stammbaum heutiger amerikanischer Ureinwohner. Die Quintessenz ihrer Analyse ist, dass es nur eine einzige Ursprungspopulation gab, aus der sich alle nord- und südamerikanischen Indianer mit Ausnahme der Inuit entwickelt haben.

Geschlossen durch Beringia

Angehörige dieser Population spalteten sich um den Höhepunkt der letzten Eiszeit herum, also vor frühestens 23 000 Jahren, von ihrer eigenen Ausgangspopulation in Sibirien ab und wanderten über die damals trockenliegende Beringstraße ein. Wie lange sie sich dort aufhielten und auf welchen Routen sie an den damals gewaltigen kanadischen Inlandseisschilden vorbei südwärts wanderten, geht aus den Gendaten nicht genau hervor. Willerslev und Kollegen errechneten allerdings eine kürzere Verweildauer als Vertreter des "Beringian Incubation Model", dem zufolge sich die Ursprungspopulation über 15 000 Jahre lang auf der Landbrücke aufhielt und dort ihrerseits aufsplittete.

Nur eine Gründerpopulation
© Raghavan, M. et al.: Genomic evidence for the Pleistocene and recent population history of Native Americans. In: Science 349, 2015, fig. 1
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Laut der Analyse des Teams um Willerslev wurde Amerika im Wesentlichen von einer Einwanderungswelle besiedelt, deren Angehörige sich auf dem Kontinent in zwei Zweige aufsplitteten. Zwischen den Gruppen gibt es allerdings auch Anzeichen für Genfluss – unter anderem für einen, der entlang der Aleuten nach Nordamerika gelangte und dann ins heutige Brasilien vordrang.

Tatsächlich habe sich die Population der Einwanderer erst auf dem Kontinent selbst aufgespalten, urteilen auch Willerslev und Team. Hier kam es zur Trennung in eine südliche und eine nördliche Gruppe, die ihrerseits noch einmal mit einer weiteren Untergruppe verbandelt ist, welche unter der Bezeichnung Athabasca-Gruppe (und manchmal auch Na-Dené-Gruppe) gehandelt wird. Diese Grobunterteilung in einen Nord- und einen Südzweig könnte auch mit unterschiedlichen Einwanderungsrouten zu unterschiedlichen Zeiten in Verbindung stehen. Hinzu kommen noch die Inuit, die auf eine viel spätere Welle der Einwanderung zurückgehen und durch genetische Beziehungen zu anderen sibirischen Gruppen gekennzeichnet sind. Insgesamt zeichnen sie damit ein Bild, das unter Experten mehr oder weniger mehrheitsfähig sein dürfte und sich beispielsweise auch in der Sprachgeschichte widerspiegelt.

Es gab keine zweite "Urpopulation"

Vor allem jedoch wenden sich Willerslev und Team gegen die Annahme einer uralten "paläoamerikanischen" Population, deren Angehörige womöglich noch früher nach Amerika kamen und dann von den Vorfahren der heutigen Indianer verdrängt wurden. Anlass zu dieser Hypothese hatte beispielsweise die Anatomie alter Schädel aus Südamerika gegeben, die auf eine Verwandtschaft zur ursprünglichen Bevölkerung des Pazifikraums wies.

Doch weder eine Neuvermessung der Schädel noch das Erbgut mutmaßlicher Nachfahren dieser Bevölkerungsgruppe, darunter etwa Bewohner Feuerlands, brachten Hinweise auf eine solche Paläopopulation. Und während Willerslev und Kollegen nun diese Theorie sicher ausgeschlossen glauben, wird sie von David Reich und seinen Mitarbeitern umgehend wieder aufs Tapet gebracht.

… oder etwas doch?

In ihrer zeitgleich in "Nature" veröffentlichten Studie vergleichen die Wissenschaftler die Gendaten von südamerikanischen Indianern mit denen diverser Gruppen rund um den Pazifik – und finden eine eindeutige Verwandtschaft zwischen den südamerikanischen Suruí und den Karitiana mit australasiatisch-melanesischen Populationen, allen voran den Onge von den Andamanen. Diese Verwandtschaft sei zwar nur sehr schwach ausgeprägt, aber eindeutig vorhanden, vor allem wenn man den Vergleich zu anderen amerikanischen Ureinwohnern aus der weiteren Nachbarschaft heranziehe, bei denen sich keinerlei genetische Beziehung in den pazifischen Raum nachweisen lässt.

Verwandte im Westen
© Skoglund, P. et al.: Genetic evidence for two founding populations of the Americas. In: Nature 525, S. 104-108, 2015, fig. 1d
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Manche Stämme im Regenwald Amazoniens haben schwache genetische Verbindungen unter anderem zu den Andamanen-Inseln. Möglicherweise wanderten Vorfahren der älteren pazifischen Bevölkerung einst nach Norden, wo sie ebenfalls den amerikanischen Doppelkontinent besiedelten.

Reich und Team sind darum überzeugt, hier die Spuren einer "Population Y" gefunden zu haben, die sie nach dem Wort "Ypykuéra" ("Vorfahr") aus den Tupi-Sprachen der Suruí und Karitiana benennen. Diese Menschengruppe soll ihrer Analyse zufolge nur geringe Verwandtschaft mit heutigen Asiaten gehabt haben, sondern sich aus dem Zweig abgespaltet haben, aus dem die heutigen australasiatischen Urbevölkerungen hervorgingen. Hinzu kam genetischer Einfluss von den Vorfahren der heutigen Indianer. Die Suruí und Karitiana hingegen zeigten sowohl den Einfluss von Population Y als auch ihrer indianischen Nachbarn – damit ist das genetische Erbe der australasiatischen Gruppe doppelt verschleiert.

Das Bemerkenswerte an dieser Geschichte ist, dass auch Willerslev und Kollegen dieses Verwandtschaftssignal in ihren eigenen Daten finden, ebenfalls für die Suruí und Kairitiana, aber noch an der Aussagekraft ihres (Zufalls-)Funds zweifeln. Immerhin sehen sie sich gezwungen, im Widerspruch zu ihrer Kernthese einzuräumen, dass sich hier vielleicht ein schwacher genetischer Einfluss einer zweiten, noch unbekannten Bevölkerungsgruppe manifestiert. Diese Gruppe könnte sich mit den Erstbesiedlern der Aleuten in Verbindung bringen lassen, die vor Tausenden von Jahren von der heutigen aleutischen Urbevölkerung verdrängt worden waren. Für diese Vermutung lassen sich Hinweise in den Genen finden. Doch dass es Verwandte der "Paläoaleuten" ausgerechnet bis ins brasilianische Amazonashochland verschlug, ohne dass sie zwischendurch auffällige Spuren hinterließen, verlangt der Vorstellungskraft einiges ab.

Von den Aleuten an den Amazonas

Uneins sind sich die beiden Teams in jedem Fall noch über den zeitlichen Horizont und die Bedeutung des Einflusses einer wie auch immer gearteten Population Y. Während Team Willerslev das merkwürdige Ergebnis bei den südamerikanischen Stämmen auf eine eher kuriose Episode späterer Zeit zurückzuführen scheint, verlagert Team Reich die Vorgänge in die Jahrtausende um die Erstbesiedlung herum.

Immerhin in einer Hinsicht sind sich die Wissenschaftler einig: Der merkwürdige Befund geht mit Sicherheit nicht auf Ereignisse nach Ankunft der Europäer zurück, und seefahrende Polynesier können ebenfalls nicht dafür verantwortlich gemacht werden, obwohl auch sie Fuß auf den amerikanischen Kontinent setzten und im Regenwald Amazoniens ihre genetischen Spuren zu hinterlassen haben scheinen.