Die Besiedlung der pazifischen Inselwelt ging wohl mit dem Aussterben von rund 1000 Nichtsingvogelarten einher: Diese Rallen, Tauben oder Papageien wurden von den neu ankommenden Menschen entweder direkt verspeist oder verschwanden im Lauf der Zeit, weil die Wälder der Eilande für die Landwirtschaft abgeholzt wurden. Sollten sich diese Zahlen bestätigen, haben die Paläoökologen um Richard Duncan von der University of Canberra einen der größten menschengemachten Biodiversitätsverluste der Erdgeschichte ermittelt: Die Gesamtzahl aller heute noch lebenden Vogelspezies liegt bei etwa 10 000. Zudem können die Forscher noch keine Aussage über gleichermaßen verschwundene Sing- und Seevogelarten treffen, da zu diesen Gruppen noch weniger gesicherte Daten vorliegen.

Takahe
© Zoological Society of London (ZSL)
(Ausschnitt)
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Diese Rallenart gehört zu den letzten Überlebenden einer einst extrem großen Familie: Nahezu jede größere Insel der Südsee besaß vor Ankunft der Menschen mindestens eine endemische Rallenart wie die Takahe aus Neuseeland. Da sie aber relativ groß wurden und flugunfähig waren, konnten Menschen sie leicht erbeuten und verspeisen.

Die Analyse von Duncan und Co beruht zum einen auf subfossilen Knochenfunden: Große und schwere landlebende Vogelarten wie Tauben oder Rallen gehörten zu den beliebtesten Beutetieren der polynesischen oder melanesischen Jäger, die während der letzten 3500 Jahre die Inselwelten zwischen den Salomonen und Hawaii beziehungsweise der Osterinsel eroberten. Viele dieser Vögel waren flugunfähig beziehungsweise hatten die Furcht vor agilen Beutegreifern verloren, die nicht zu den Greifvögeln gehören: Mit Ausnahme weniger Flughunde, Fledermäuse oder Pflanzen fressender Ratten hatten Säugetiere vor den Menschen den weiten Weg auf die entlegenen Archipele nicht gefunden. Diese Vögel wurden also nicht nur zu leichten Opfern, es finden sich auch zahlreiche Knochenreste von ihnen an alten Siedlungsplätzen, die von den Forschern ausgewertet werden konnten.

Diese Überbleibsel geben allerdings ebenfalls nur ein lückenhaftes Bild wieder, da auch nicht von allen ausgerotteten Arten Knochen erhalten blieben oder alle Fundorte schon ausgewertet sind. Duncan und Co griffen daher zu einem analytischen Trick: Sie nutzten Knochen und andere Belege von Vogelarten, die bis zur Ankunft europäischer Seefahrer überlebt hatten und entsprechend dokumentiert wurden, und glichen dann ab, wie oft diese Tiere in den subfossilen Skelettlagerstätten auftauchten. Das zeigte den Forschern, wie wahrscheinlich es war, dass eine Art tatsächlich darin auftauchte. Umgekehrt konnten sie daraus dann berechnen, wie viele Arten ohne entsprechenden Nachweis ausgestorben sein könnten. Ebenfalls ins Kalkül zogen sie die Fläche, Topografie und Klima der Inseln, denn große, gebirgige und feuchte Eilande boten mehr Arten die Chance zur Ansiedlung und des Überlebens als kleinere und trockenere Archipele, die bevorzugt besiedelt und gerodet wurden: Bergregenwälder bieten bis heute Rückzuggebiete für gefährdete pazifische Vogelspezies.

Dodo
© Roelant Savery: Edward's Dodo, späte 1620er; Natural History Museum London / public domain
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Insgesamt errechnete Duncans Team auf den 41 von ihnen in Betracht gezogenen Inseln rund 160 Nichtsingvogelarten, die ausgestorben sind, ohne bekannte Spuren zu hinterlassen. Angesichts von hunderten Pazifikinseln schätzen die Wissenschaftler daher, dass sich die Verluste allein in dieser Gruppe auf mindestens 1000 Spezies belaufen können. Dazu kommen kleinere Seevögel und Singvögel – Letztere wurden seltener zu Nahrungszwecken gejagt und fielen vor allem eingeschleppten Säugern wie der Pazifischen Ratte oder Schweinen zum Opfer, die Gelege plünderten. Ihre Überbleibsel in historischen Knochenhaufen sind daher unterrepräsentiert.

Unter den Opfern befanden sich nach Angaben der Biologen unter anderem die großen gänseartigen Moa-nalo von den Hawaii-Inseln, die dort die Rolle großer Pflanzenfresser einnahmen, oder der hühnerartige Sylviornis von der Insel Neukaledonien: Der Vogel wog 30 Kilogramm und damit dreimal so viel wie ein Schwan. Diese Vögel waren weit gehend flugunfähig, was sie besonders anfällig machte: Vertreter dieser Gruppe starben mit einer 30-mal höheren Wahrscheinlichkeit aus als flugfähige Spezies. In nennenswertem Umfang blieben sie nur in Neuseeland erhalten, wo sie in den dichten Bergregenwäldern überleben konnten. Kiwi, Kakapo und Takahe gelten heute allerdings trotz immenser Schutzanstrengungen immer noch als vom Aussterben bedroht.