Mimikry: Doppeltes Spiel

Tarnen und Täuschen gehört zum Tierreich wie die Fortpflanzung. Eine Spinne treibt diese Methode auf die Spitze - zumindest unter ihresgleichen: Sie agiert wie ein schwarzes Schaf im Wolfspelz.
Daniel Lingenhöhl
Ameise oder Spinne
© Robert Jackson, University of Canterbury, New Zealand
(Ausschnitt)
Harmlose Schwebfliegen kleiden sich wie aggressive Wespen. Leuchtkäfer der Gattung Photuris blinken falsche Signale, um artfremde Glühwürmchen ins Verderben zu locken. Manche Schlangen wedeln mit ihrem Körperende, damit sie leichtgläubige Eidechsen fressen können, die den Schlangenschwanz mit ihrer eigenen Insektenbeute verwechselt hatten. Und Edelfalter der Unterfamilie Danainae – zu der beispielsweise der nordamerikanische Monarch gehört – passten sich im Lauf der Evolution in ihrem Aussehen immer näher aneinander an, auch wenn sie nur entfernt miteinander verwandt waren: Die ungenießbaren Schmetterlinge hatten sich ein gemeinsames plakatives Äußeres zugelegt, so dass Räuber sie nicht mehr unterscheiden konnten. Hatte der Fressfeind nur bei einem einzigen Exemplar ins bittere Gift gebissen (und überlebt), mied er zukünftig wohl alle gleichartigen Vertreterin – zum Wohle aller dergestaltigen Spezies.

Erwischt
© Robert Jackson, University of Canterbury, New Zealand
(Ausschnitt)
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Diese weibliche Springspinne hat Beute gemacht – wahrscheinlich auf die herkömmliche Weise und ohne auf ihre Täuschung zu setzen.
All diese Täuschungsmanöver fasst man unter dem Begriff "Mimikry" zusammen: der Vorspiegelung falscher Tatsachen, um Beutegreifer abzuwehren und damit den eigenen Schutz zu erhöhen oder um Futter anzulocken, damit es in eine tödliche Falle tappt. Eine kleine kenianische Spinne treibt dieses Spiel allerdings auf die Spitze – zumindest was das Ausmaß an Raffinesse für einen Arachniden bedeutet, haben Ximena Nelson und Robert Jackson von der University of Canterbury in Neuseeland herausgefunden.

Die Springspinne Myrmarachne melanotarsa kommt daher wie eine Ameise, was ihr eine gewisse Sicherheit verleiht, da viele Räuber mit der entsprechenden Kleinheit diese aggressiven Krabbeltiere meiden – sei es, weil sie sich effektiv mit Säure zu verteidigen wissen, sei es, weil sie schlecht schmecken. Myrmarachne melanotarsa ist damit ein klassischer Fall von batesscher Mimikry, die der berühmte britische Naturforscher Henry Walter Bates 1862 nach seinen Reisen durch Amazonien beschrieb: die Nachahmung eines wehrhaften oder ungenießbaren Tieres durch harmlose Lebewesen, um Feinde in die Irre zu führen.

Ameisen gehören jedoch auch zu den umtriebigsten Jägern von Springspinnen, wie die beiden Biologen beobachtet haben, weswegen viele Achtbeiner die Flucht ergreifen, wenn sie die Sechsbeiner erblicken – so wie etwa die nahen Verwandten von Myrmarachne aus der Gattung Menemerus. Mit ihrem guten visuellen Wahrnehmungsvermögen erkennen sie den potenziellen Fressfeind bereits von Weitem und ziehen sich zurück. Allerdings können sie nicht zwischen echten und nachgeahmten Ameisen unterscheiden, wie Tests mit entsprechend gestalteten Modellen erbrachten.

Getäuscht
© Robert Jackson, University of Canterbury, New Zealand
(Ausschnitt)
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Dieses Springspinnenmännchen delektiert sich an einem erbeuteten jungen Artgenossen, dessen Mutter womöglich die Flucht ergriffen hat, um sich vor der vermeintlichen Ameise zu retten.
Genau diese Unschärfe und das dadurch ausgelöste Verhalten macht sich die ameisenartige Springspinne zu Nutze, wenn sie hungrig ist – auf perfide Art und Weise. Denn Myrmarachne melanotarsa gehört zu den wenigen geselligen Spinnen und haust quasi Tür an Tür mit anderen Springspinnenspezies, deren Nester durch Spinnenseide miteinander verwoben sind. Diese klebrigen Gebilde sind für kleine Räuber wie Ameisen relativ undurchdringlich und schützen daher die Tiere und ihre Brut verlässlich.

Dies gilt jedoch nicht für Myrmarachne melanotarsa, die unbeschadet durch die fremden Fäden navigieren kann – und dabei ihre Nachbarn durch ihr martialisches Äußeres verschreckt. Aus Angst vor einem Ameisenangriff ziehen diese sich zumeist schnell zurück, um der vermeintlich tödlichen Gefahr zu entkommen. Allerdings lassen sie dabei oft den Kokon mit ihren Eiern oder Jungspinnen im Netz zurück – dem eigentlichen Ziel des Aggressors: ein besonderer Fall von so genannter aggressiver oder peckhamscher Mimikry, die allerdings ihre Opfer nicht anlocken soll wie im Fall der schwanzwedelnden Schlange die Echsen. Stattdessen vertreibt sie aktiv die Mutter ihrer anvisierten Mahlzeit.

Damit verhält sich diese Springspinne auch ganz anders als eine weitere verwandte Art namens Cosmophasis bitaeniata: Diese tarnt sich mit den Düften von Ameisen, um unbemerkt in deren Bauten auf die Jagd nach Larven und Puppen zu gehen. Die Insekten erkennen ihren Feind nicht, sondern halten ihn wegen seines charakteristischen Odeurs für einen harmlosen Artgenossen – die Spinne ist also eine Art Wolf im Schafspelz. Für Nelson und Jackson ist Myrmarachne melanotarsa dagegen etwas anderes, weil sie falschen Alarm auslöst und ihresgleichen frisst: ein schwarzes Schaf der Familie im Wolfspelz.
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