Am Neujahrstag 1995 tobte ein heftiger Sturm im Umfeld der Draupner-Ölbohrplattform in der Nordsee und türmte riesige Wellen auf. Ein besonders mächtiges Exemplar schlug schließlich gegen die Stützpfeiler der Konstruktion und lieferte mit einer Höhe von maximal 25 Metern den ersten Beleg für einen so genannten Kaventsmann: die von Seefahrern gefürchteten Monsterwellen – ein Messinstrument vor Ort zeichnete die Wasserwand exakt auf. Nun haben Physiker um Thomas Adcock von der University of Oxford die damals erhobenen Daten nochmals ausgewertet, um herauszufinden, warum diese Welle überhaupt entstanden ist.

Kaventsmann vor Schiff
© NOAA
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernKaventsmann vor Schiff
Dieses Schiff geriet im Golf von Biscaya 1993 in schwere See. Haushoch türmten sich die Wellen auf.
Bislang verfügten Wissenschaftler über mehrere Erklärungsansätze, wie sich die haushohen Wellen aufbauen. Demnach können sie sich bilden, wenn Stürme entgegen einer Meeresströmung blasen, schnellere Wellen langsamere einholen und diese dann überlagern oder wenn die Wassertiefe plötzlich abnimmt, so dass sich die Wellen quasi aufstauen. Die Draupner-Welle verursachte aber offensichtlich ein anderer Grund: Hier überlagerten sich nach den Erkenntnissen von Adcocks Team Wellen in so genannter Kreuzsee.

Bei Kreuzsee treffen Wasserbewegungen in einem Winkel von etwa 90 Grad aufeinander und schaukeln sich hoch. Dadurch können höhere Wellen entstehen als bei "normalem" stürmischem Seegang, doch exakte Belege für Kaventsmänner standen aus. Das Auftreten kleinerer Wellen mit unterschiedlichen Laufrichtungen unterhalb des Draupner-Ereignisses spreche jedoch eindeutig dafür, dass damals Kreuzsee um die Plattform herrschte, aus der sich dann die Monsterwelle bildete – und nicht etwa aus der Überlagerung von langsameren und schnelleren Wellen, wie zuvor gedacht.

"Discoverer" in schwerer See
© NOAA
(Ausschnitt)
 Bild vergrößern"Discoverer" in schwerer See
Hier stampft das NOAA-Schiff "Discoverer" durch schwere See im Beringmeer. Bis heute ist nicht abschließend geklärt, wie Monsterwellen entstehen.
Monsterwellen in Kreuzseen scheinen allerdings doch deutlich häufiger vorzukommen, wie ein Blick von Adcock und Co. in die Literatur zeigt – zumindest geben verschiedene Daten indirekte Hinweise darauf. Eine Statistik zu Schiffsunglücken auf hoher See vermerkte beispielsweise überdurchschnittliche viele Unfälle in Kreuzsee, die ohnehin schwer navigierbar ist. Zahlreiche Havarien ereigneten sich jedoch bei durchschnittlichen Wellenhöhen, die niedriger lagen als während des Draupner-Sturms in der Nordsee: ein Indiz, dass sich einzelne Monsterwellen dazwischengeschoben haben könnten.

Zudem stützen einige Anekdoten die Theorie von Adcocks Team: Der Ozeanriese "Queen Mary" wurde 1942 im Atlantik breitseits von einer Riesenwelle getroffen, nachdem sie der Kapitän zuvor während eines Sturms senkrecht zur anrollenden Dünung gedreht hatte. Das Schiff neigte sich durch die Wucht des Aufpralls wohl um bis zu 52 Grad auf die Seite. Drei Grad mehr und sie wäre wohl gekentert – mit über 16 000 amerikanischen Soldaten an Bord, die auf dem Weg ins europäische Kriegsgebiet waren. (dl)