Die kalte Lalia war keine gnädige Herrscherin. Von Mitteleuropa bis Mittelasien hat sie Ernten vernichtet und Völker ins Elend gestürzt. Die Menschen waren hilflos einer Seuche ausgeliefert, sie erduldeten die Eroberung ihrer geschwächten Reiche und den gewaltsamen Sturz von Dynastien. Vom Jahr 536 bis ungefähr 700 standen die Länder rund um die Alpen und das Altai-Gebirge unter dem Einfluss Lalias. In diese Zeit fallen neun der zehn kältesten Dekaden Asiens und fünf der kältesten zwanzig in Europa, jeweils im Vergleich über die vergangenen 1800 Jahre.

Der Name "Lalia" steht jedoch nicht für eine historische Tyrannin, sondern für eine Epoche. Der Klimaforscher Ulf Büntgen von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) und seine Koautoren aus anderen Ländern haben die Periode im 6. und 7. Jahrhundert so genannt. Der Name ist eine Abkürzung für "Late Antique Little Ice Age", also die kleine Eiszeit der Spätantike. "In der Zeit ab 536 haben sich die Sommertemperaturen ziemlich schnell um drei Grad in Asien und zwei Grad in Europa abgekühlt", sagt der Wissenschaftler.

Das Ende der antiken Ordnung

Der aus dem Rheinland stammende Forscher Büntgen und sein Team haben die Abkühlung in einer aktuellen Studie mit einer Chronologie von Wachstumsringen von Lärchen aus dem Altai-Gebirge dokumentiert. In 660 Bäumen und Holzresten von der Baumgrenze, an der das Wachstum eines Jahres vor allem von der Sommertemperatur abhängt, haben die Forscher Ring für Ring vermessen. Schmalere Ringe standen dabei für kühlere Jahre. Die Proben überspannen den Zeitraum von 359 vor bis 2011 nach Christus; jedes Jahr ist in mindestens zehn Scheiben vertreten. Alle zusammen erzählen sie eine sehr ähnliche Geschichte wie ein Datensatz von europäischen Eichen und Nadelbäumen aus den Alpen, den Büntgen mit Kollegen schon 2011 vorgelegt hatte.

"Neben der Kühle dürfte es damals in manchen Gebieten auch extreme Niederschläge gegeben haben, wenn wir die Resultate von Klimamodellen berücksichtigen", sagt der WSL-Forscher. Aus dem Jahr 536 berichtet der byzantinische Historiker Prokop von Cäsarea: "Die Sonne warf das ganze Jahr ihre Helligkeit ohne Strahlen aus, wie der Mond, und hatte die ganze Zeit das Ansehen einer Verfinsterung … Seitdem sich dies ereignete, hörten weder Krieg noch Hungersnot, noch andere Plagen für die Menschheit auf."

Die Kaltzeit könnte also in der Tat dazu beigetragen haben, dass rund um das Mittelmeer die letzten Reste antiker Ordnung verschwanden. In Europa, ohnehin schon 150 Jahre in Aufruhr durch die Völkerwanderung, fing die dunkle Zeit des frühen Mittelalters an. In Arabien dagegen trug der Islam zur Entwicklung einer Hochkultur bei und dehnte sich bald durch Nordafrika bis nach Spanien aus.

Umwälzungen gab es auch in den Weiten Asiens, wo 536 in China Schnee im August fiel. In den folgenden Jahrzehnten verloren dort die nördliche Wei-Dynastie und in der angrenzenden, heute mongolischen Steppe die Rouran ihre Macht – jeweils nach einigen Jahrhunderten Herrschaft. Die Turkvölker erlebten ihre erste Blüte und erreichten bald das Schwarze Meer. Auch die slawischen Völker drängten aus ihrer asiatischen Heimat gen Europa. Die Langobarden fielen in Italien ein. Diese politischen Umwälzungen haben schon manche Autoren mit der historisch dokumentierten Klimaveränderung verknüpft.

Drei Ausbrüche in zwölf Jahren

Begonnen hatte die Phase buchstäblich mit einem Knall. Irgendwo auf der nördlichen Halbkugel, vermutlich sogar im hohen Norden, war im März 536 ein Vulkan ausgebrochen. Es gibt nicht einmal gute Spekulationen, wo genau dies geschah. Dann, im Jahr 540 explodierte wieder ein Feuerberg, diesmal in der Nähe des Äquators. Das war sogar die drittstärkste Eruption der gesamten Epoche. Sie könnte sich am Rabaul in Papua-Neuguinea, dem Krakatau in Indonesien oder dem Ilopango in El Salvador ereignet haben. Und 547 gab es einen dritten Ausbruch, über den wiederum wenig bekannt ist.

"Dieser Cluster von Eruptionen bildet wohl den Anfang der Kälteperiode", sagt Büntgen. Forscher können es erst jetzt klar erkennen. Auch frühere Rekonstruktionen von Temperaturen vergangener Zeiten hatten für die 530er und 540er Jahre eine deutliche Abkühlung erkennen lassen. Sie alle verwenden so genannte Proxy-Daten, um Messwerte aus früheren Zeiten zu ersetzen. Dazu gehören neben Baumringen auch Eisbohrkerne, Sedimente aus Seen oder Tropfsteine aus Höhlen. Erst 2015 aber konnte ein Forscherteam, wiederum unter Beteiligung von Büntgen, verschiedene Spuren der Vulkanausbrüche aus mehreren Erdteilen genau aufeinander abstimmen. In den zuvor verwischten Signalen wurden nun die Spuren jener drei Eruptionen innerhalb von zwölf Jahren erkennbar.

Sie alle trugen Schwefel in die Stratosphäre und führten so zu einer Abschwächung des Sonnenlichts. Hinzu kam ein zufällig gleichzeitig eintretender Rückgang der Sonneneinstrahlung um ein Promille zwischen 540 und 680. "Die Abkühlung hätte aber vermutlich nicht so lange angehalten, wenn sich in der Folge nicht auch Meeresströmungen und die Meereisbedeckung in der Arktis verändert hätten", sagt Johann Jungclaus vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg, der ebenfalls zum Autorenteam gehört. "Womöglich hat sich dieser Effekt durch das Cluster verfestigt."

Die Pest
© Arnold Böcklin, 1898 / public domain
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 Bild vergrößernDie Pest
Arnold Böcklin: Die Pest (1898) im Kunstmuseum Basel.

Die einzige Weltgegend, die davon ein wenig profitiert haben könnte, war Arabien. Auch dort gingen die Temperaturen zurück und nahm der Niederschlag zu, aber hier war beides von Vorteil. Auf dem kargen Boden wuchs nun mehr Futter für Tiere, größere Kamelherden bedeuteten mehr Wohlstand und höhere Transportkapazitäten für Händler und Heerführer.

Nur Arabien profitierte wohl

Und dann kam auch noch die Pest nach Europa. 541 trat sie zunächst in Ägypten auf, erfasste im Jahr darauf Konstantinopel und verbreitete sich am ganzen Mittelmeer. Von Persien bis Gallien gab es Ausbrüche, denen ein Viertel der Bevölkerung zum Opfer gefallen sein könnte. Die hohe Todesrate erklärt sich womöglich auch dadurch, dass die Europäer durch Missernten und Konflikte geschwächt und anfällig waren.

Wie bei diesem Beispiel sind die Verbindungen zwischen Abkühlung und den historischen Ereignissen bestenfalls plausibel, aber niemals zwingend. Dennoch schreibt der Historiker John Haldon von der Princeton University in einem Kommentar in "Nature Geoscience": "Wo es genug archäologische Daten und historische Dokumente gibt, die zu dieser Art von Proxy-Daten passen, können wir anfangen, differenzierte, kausale Interpretationen zu entwickeln."

Die Forscher um Büntgen sind da zurückhaltender, sie wollen sich jedenfalls nicht dem Vorwurf aussetzen, ein allzu simples Bild menschlichen Verhaltens und menschlicher Geschichte zu zeichnen. Aber die vielfältigen direkten und indirekten Folgen des "beispiellosen Temperaturschocks" passten doch "sehr gut zu den transformativen Ereignissen, die in jener Zeit in Eurasien geschahen", schreibt das Team. Büntgen, dessen Expertise dem Auswerten von Jahresring-Proxy-Daten gilt, sagt darum programmatisch – und erleichtert: "Diese Art von Klimageschichte ist ein Paradebeispiel für interdisziplinäre Forschung. Wenn auf einer solchen Studie nur ein oder zwei Autorennamen stehen, sollte man eher vorsichtig sein." Auf seiner stehen 16 Namen.