Im grauen Dämmerlicht des heraufziehenden Morgens schleichen acht Gestalten durch den trockenen Kiefernwald nahe der Stadt Quincy in Kalifornien. Sieben von ihnen tragen Tarnuniformen mit den Logos verschiedener US-amerikanischer Regierungsbehörden: U.S. Forest Service, National Guard, California Fish & Wildlife, Plumas County Sheriff; fast alle haben geschwärzte Gesichter und führen schussbereite Sturmgewehre mit sich. Ein elfjähriger Belgischer Schäferhund namens Phebe und sein Hundeführer weisen ihnen den Weg.

Nummer acht ist ein hochgewachsener, schwarz gekleideter Mann, der einen zerknautschten Buschhut und eine Springfield-Armory-Neun-Millimeter-Pistole im Hüftholster trägt. Mit seinem dunklen Bart, dem um den Hals geschlungenen Palästinensertuch und Augenbrauen, die nach seinen eigenen Worten "wie zwei paarungsbereite Raupen" aussehen, könnte Mourad Gabriel glatt als einheimischer Dolmetscher bei der Operation einer Spezialeinheit der US-Army im Irak oder in Afghanistan durchgehen. Stattdessen ist er von Beruf Wildtierbiologe und begleitet gerade Vertreter der Strafverfolgungsbehörden auf einer Razzia gegen illegale Cannabisplantagen.

Wälder in der kalifornischen Wildnis
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In Nationalparks oder auf Stammesgebiet: Jedes Jahr wird Marihuana im Wert von etwa 31 Milliarden Dollar von internationalen Drogenkartellen in Kalifornien angebaut. Ähnliche illegale Plantagen kennt man aus mindestens einem weiteren Dutzend US-Bundesstaaten.

Die Gruppe wandert über Hänge, watet durch Wasserläufe und durchquert auf Zehenspitzen Farn- und Weidendickichte, immer darauf bedacht, das verräterische Abknicken von Zweigen oder das Zurückschnellen junger Schösslinge zu vermeiden. Aus den Funkgeräten dringen knisternde Geräusche. Schleichen durch unwegsames Gelände bedeutet langsames Vorwärtskommen: Für eine Strecke von 4,8 Kilometern benötigen die Männer fast vier Stunden.

Schließlich ist das Ziel in Sichtweite: ein Garten mit dicht an dicht stehenden Topfpflanzen an einem Steilhang oberhalb von Palmetto Creek. Das Hundeteam und zwei weitere Personen betreten das Gelände, während Gabriel und der Rest in der Nähe des Bachs Stellung beziehen. Falls sich noch einige der häufig bewaffneten Cannabispflanzer in der Gegend aufhalten sollten, könnten sie eventuell in diese Richtung einen Fluchtversuch unternehmen, denn Fliehende laufen für gewöhnlich hügelabwärts. Doch dann kommt die Meldung: keiner zu Hause. Das gesamte Team kann gefahrlos den Garten betreten, und für Gabriel ist es Zeit, an die Arbeit zu gehen.

Die Kombination aus idealen Wetterverhältnissen und der Nähe zu mehreren zehn Millionen potenziellen Abnehmern prädestiniert Nordkalifornien seit Langem für den Drogenanbau. Als erster US-amerikanischer Bundesstaat legalisierte Kalifornien 1996 die medizinische Verwendung von Marihuana, und im November 2016 stimmten seine Einwohner mit Ja für den Volksentscheid "Prop 64", der auch den privaten Konsum von Cannabis gesetzlich erlaubt; zuvor hatten bereits vier weitere US-Bundesstaaten eine ebensolche positive Entscheidung getroffen. Fast zwei Drittel der gesamten legalen Hanfernte der USA stammt aus dem so genannten Golden State. 2015 wurden diese Erträge mit 2,8 Milliarden US-Dollar (etwa 2,4 Milliarden Euro) beziffert und verschafften damit der Nutzpflanze Hanf einen Ranglistenplatz irgendwo zwischen Kopfsalat und Weintrauben. Einigen Schätzungen zufolge könnte sich der "grüne Goldrausch" Kaliforniens bis zum Jahr 2020 sogar zu einem Markt entwickeln, auf dem Cannabis im Wert von 6,5 Milliarden US-Dollar (etwa 5,5 Milliarden Euro) gehandelt wird.

Explosion des illegalen Anbaus

Auch wenn Kalifornien den florierenden legalen Marihuanamarkt mit offenen Armen begrüßt, erlebt das Land zugleich eine Explosion des illegalen Hanfanbaus, der größtenteils auf riesigen, weitab gelegenen staatseigenen Landflächen betrieben wird. In Staatswäldern, ja sogar in Nationalparks ist ein sprunghafter Anstieg groß angelegter, widerrechtlicher Anbaugebiete, so genannter "trespass grows", zu verzeichnen; einige bestehen aus mehreren zehntausend Pflanzen auf einer Fläche von einigen Dutzend Hektar. Fast 80 Prozent des in Kalifornien illegal angebauten und mittlerweile vernichteten Cannabis wurden auf öffentlichen Ländereien kultiviert – und dies stellt nur jenen Bruchteil dar, den die Behörden bislang aufspüren konnten. (Der unbefugte Hanfanbau wird auch in anderen westlichen US-Bundesstaaten und sogar in entlegenen Regionen des Ostens praktiziert, doch bei Weitem nicht in einem solchen Ausmaß wie in Kalifornien.)

Elektrische Teelichter beleuchten Cannabispflanzen
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Was romantisch aussieht, hat einen ernsten Hintergrund: Hunderte elektrische Teelichter beleuchten Cannabissetzlinge im Sierra National Forest.

Die für Landbewirtschaftung und Gesetzesvollzug zuständigen Behörden mit ihren ohnehin schon knapp bemessenen Ressourcen wurden von diesem rasanten Zuwachs regelrecht überwältigt. Im Plumas National Forest sind beispielsweise drei Beamte des U.S. Forest Service damit beauftragt, eine Fläche von etwa 4600 Quadratkilometern zu überwachen; dieser Umstand erklärt auch die Beteiligung so vieler verschiedener Behörden an der heutigen Razzia.

Als geschäftsführender Direktor des gemeinnützigen Integral Ecology Research Center (IERC) beschäftigt sich Gabriel für gewöhnlich mit der Untersuchung von Ökosystemen und ihren Bewohnern, die von Großkatzen bis hin zu gefährdeten Wirbellosen reichen. Nie hätte er es für möglich gehalten, dass er einmal verdeckt eine Waffe tragen und lautlos durch den Wald schleichen, geschweige denn mit weiteren Bedrohungen seiner eigenen Sicherheit und der seiner Familie konfrontiert sein würde. Dennoch hat der Biologe diese Herausforderung angenommen – wegen der heimtückischen Auswirkungen des illegalen Cannabisanbaus: Jene tödlichen Gifte nämlich, die die Hanfanbauer zum Schutz ihrer Pflanzen und Lagerplätze vor Schädlingen einsetzen, vernichten wild lebende Tiere, verseuchen unberührte, öffentliche Gebiete und werden möglicherweise sogar freigesetzt, wenn irgendjemand den nächsten Zug aus der Wasserpfeife nimmt.

Gift im Anbau

Weiter oben am Hang sprießen hellgrüne Cannabispflanzen aus flachen, in den Boden gegrabenen Vertiefungen. Einige Exemplare messen mehr als 2,5 Meter und gehören zur Sorte Sativa, die für ihre anregende Rauschwirkung bekannt ist, während andere von kleinerem Wuchs sind und dunklere Blätter tragen – die mildere Sorte Indica. Ein wirres Bewässerungsnetz aus Plastikschläuchen versorgt jedes einzelne Pflanzloch mit Wasser. Es riecht, wie man es von einem in der prallen Sonne gelegenen Hanfgarten erwartet: nach Kräutern, Moschus und Medizin.

Bewaffnete Polizisten sichern die Untersuchungen
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Nur schwer bewaffnet können sich Ranger, Wissenschaftler und Polizisten ins Cannabisgebiet wagen. Die von der Drogenmafia angeheuerten Aufpasser auf den illegalen Plantagen sind ebenfalls im Besitz von Pistolen oder Messern.

Unmittelbar nach ihrer Ankunft beginnen die Vertreter der Regierungsbehörden, die Pflanzen mit Macheten und Baumscheren zu fällen. Gabriel streift sich blaue Nitrilhandschuhe über, pflückt ein Cannabisblatt und steckt es in eine kleine Plastiktüte, um es später auf Pestizidrückstände zu testen. Dann kniet er nieder, um eine auf dem Boden liegende Gatorade-Flasche genauer in Augenschein zu nehmen, denn häufig benutzen die Hanfanbauer solche Behälter zur Lagerung giftiger Chemikalien. 2016 konnten Gabriel und sein Team in jeder Gatorade-Flasche, die sie an illegalen Hanfplantagen fanden, Carbofuran nachweisen – ein neurotoxisches Insektizid, dessen Einsatz wegen seiner verheerenden Wirkungen mittlerweile in den USA, Kanada und der Europäischen Union verboten ist. Bauern in Kenia verwendeten das Gift etwa zum Töten von Löwen; die Symptome, die es hervorruft, reichen von Übelkeit und Sehstörungen über Krämpfe und Fehlgeburten und können sogar den Tod herbeiführen. "Sie lassen dieses Zeug einfach hier liegen", bemerkt Gabriel empört, während er vorsichtig eine Wischprobe von der Flasche nimmt.

Im Jahr 2009 führte der Wildtierbiologe wissenschaftliche Untersuchungen an Fischermardern (Pekania pennanti) durch – kleine Raubtiere in Katzengröße, die in den alten, von Menschen weitgehend unbeeinflussten Waldbeständen der Rocky Mountains und der Sierra Nevada leben. Trotz ihres putzigen, kuscheltierartigen Aussehens sind Fischermarder die einzigen Tiere, die regelmäßig Baumstachler (Erethizon dorsatum) töten und verspeisen. Kleine, isolierte Fischermarderpopulationen sind heute in Washington, Oregon und Kalifornien zu finden. (Ungeachtet der zahlreichen Gefährdungen, denen die Tiere etwa durch Abholzungen oder Flächenbrände ausgesetzt sind, entschied der U.S. Fish & Wildlife Service im Jahr 2016, Fischermarder nicht im Rahmen des Endangered Species Act unter gesetzlichen Schutz zu stellen.)

Mittlerweile leben in den Gebirgsregionen des nördlichen Kalifornien weniger als 500 Fischermarder. Als Gabriel 2009 bei der Autopsie eines Exemplars entdeckte, dass dessen Körperhöhle auf Grund einer hämorrhagischen Reaktion mit Blut gefüllt war, schrillten bei dem Wissenschaftler die Alarmglocken. Weitere Untersuchungen führten zum Nachweis hoher Konzentrationen eines akut wirkenden Rodentizids im Inneren des Tiers; wegen ihrer starken Toxizität ist der freie Verkauf dieser Substanz in den USA sogar gesetzlich verboten. Akut wirkende Rodentizide zeichnen sich durch eine stark letale Wirkung aus und führen bereits nach einmaliger Aufnahme zum Tod. Als im Folgenden weitere vergiftete Fischermarder gefunden wurden, standen Gabriel und andere Biologen vor einem Rätsel, zumal Daten von mit Funkhalsbändern ausgestatteten Tieren zeigen konnten, dass sich die kleinen Raubtiere nicht in der Nähe von Farmen aufgehalten hatten. Woher stammten die Giftstoffe also?

Vorräte der Cannabisbauern
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Monatelang müssen die Aufpasser der Plantagen im Gelände ausharren und die Pflanzen versorgen. Dazu schleppen sie riesige Mengen an Ausrüstung und Nahrungsmitteln ins Gelände. Den Müll lassen sie zurück.

Fernwirkung der Plantagen

Danach begann Gabriel, seine Entdeckungen auf wissenschaftlichen Fachtagungen der Öffentlichkeit zu präsentieren – zum Teil auch in der Hoffnung, irgendjemand könnte zur Klärung der rätselhaften Vorfälle beitragen. Auf einer dieser Zusammenkünfte sprach ihn schließlich ein Vertreter der Naturschutzbehörde an und lieferte eine mögliche Erklärung: illegale Hanfplantagen. Dort habe er schon häufiger Behälter mit Rodentiziden oder anderen Chemikalien gefunden, berichtete der Naturschutzbeamte.

Und plötzlich ergab alles einen Sinn. Zusammen mit seinen Kollegen untersuchte Gabriel 58 Fischermarderkadaver, die sie in den vergangenen drei Jahren gesammelt hatten, und in mehr als 80 Prozent der Tierkörper fanden die Forscher Rodentizide. Die Giftstoffe ließen sich sogar in Welpen nachweisen, die noch von ihren Müttern gesäugt worden waren; Letztere hatten also die toxischen Substanzen über die Milch an ihre Nachkommen weitergegeben. Einige Fischermarder lieferten für vier verschiedene Giftsubstanzen positive Testergebnisse. Seitdem ist die Zahl der verendeten Tiere weiter angestiegen. 2016 stellte sich bei der Untersuchung von 22 mit Funkhalsbändern ausgestatteten Fischermardern, die vermeintlich eines natürlichen Todes gestorben waren, heraus, dass jedes dieser Exemplare irgendein synthetisches Gift in seinem Körper hatte.

Mittlerweile wurden an den Hanfpflanzungen etwa 50 verschiedene synthetische Giftstoffe gefunden. Cannabispflanzer setzen diese Chemikalien ein, um Nager und andere Tiere davon abzuhalten, die zuckerhaltigen jungen Pflanzentriebe zu fressen, an Bewässerungsschläuchen zu knabbern oder auf der Suche nach Nahrung in die Camps der Pflanzer einzudringen. Akut wirkende Rodentizide verursachen Nervenschäden und innere Blutungen. Die Tiere ertrinken buchstäblich in ihrem eigenen Blut oder stolpern so lange umher, bis sie schließlich selbst gefressen werden und dadurch das Gift an Räuber wie Eulen oder Fischermarder weitergeben, die auf höheren Ebenen der Nahrungskette stehen.

Hanfanbauer beködern geöffnete Tunfischdosen mit Pestiziden, die häufig mit Fleisch- oder Erdnussbuttergeschmack versetzt sind, oder sie bringen an Angelhaken befestigte, vergiftete Hotdogs aus. Die aus den illegalen Anbaugebieten stammenden Chemikalien sind inzwischen sogar in den Körpern von Bären, Füchsen, Geiern und Hirschen nachgewiesen worden. Eine Studie an Streifenkäuzen (Strix varia) in der nordwestlichen Pazifikregion lieferte bei 80 Prozent der untersuchten Vögel positive Testergebnisse auf toxische Substanzen. Und mit jedem gefundenen Tier gehen vermutlich Dutzende weitere einher, die sich in einem ähnlichen Zustand befinden.

Ein gewaltiges Problem

"Es ist ein gewaltiges Problem", weiß Craig Thompson, Wildtierökologe beim U.S. Forest Service, zu berichten. "Die Menschen können sich das gewerbliche Ausmaß dessen, was hier abläuft, gar nicht vorstellen. Es existieren Tausende dieser illegalen Pflanzungen in Gebieten, die die Öffentlichkeit vermeintlich für unberührte Natur hält, und an jeder einzelnen lagern geradezu unglaubliche Mengen an Chemikalien. Jede dieser illegalen Cannabisplantagen stellt eine kleine ökologische Katastrophe dar." Thompson forscht ebenfalls an Fischermardern in der Sierra Nevada und ist neben Gabriel einer der wenigen Wissenschaftler, die sich unmittelbar mit dem Problem befassen. "Wenn ich an der Kreuzung zweier Forststraßen stehe, weiß ich ganz genau, dass sich im Umkreis von 400 bis 800 Metern im Allgemeinen drei oder vier Hanfgärten befinden."

Mourad Gabriel inspiziert eine zerstörte Plantage
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Zu den Aufgaben des Teams gehört es auch, bei früheren Razzien zerstörte Plantagen erneut aufzusuchen und zu kontrollieren, ob sie nicht wieder bepflanzt wurden. Hier hat der Wildtierökologe Mourad Gabriel eine junge Hanfpflanze entdeckt – sie hat jedoch selbst neu gekeimt, nachdem die Plantage im Jahr zuvor zerstört wurde.

Sowohl Gabriel als auch Thompson befürchten, dass sich die Gifte weit über die Grenzen der jeweiligen Cannabispflanzungen verbreiten und die natürlichen Trinkwasservorräte stromabwärts gelegener Klein- und Großstädte kontaminieren könnten. Die Pestizide sickern in den Boden und verweilen dort viele Jahre. Unter Einsatz von Geräten zur Überwachung der Wasserqualität hat Gabriel bereits Organophosphate – Nervengifte, die zur Herstellung von Insektiziden und bestimmten chemischen Waffen eingesetzt werden – in einigen hundert Metern Entfernung hügelabwärts von Hanfpflanzungen nachgewiesen. "Wir wissen, dass das passiert, doch wir kennen weder das Ausmaß noch die weiteren Chemikalien, die dabei eine Rolle spielen", macht der Biologe deutlich.

"Ich glaube, die hier sind schon länger weg – vielleicht, um Nachschub zu holen", vermutet Chris Hendrickson, ein beim Plumas County Sheriff's Office, dem örtlichen Polizeidezernat, tätiger Kriminalbeamter und Koordinator der Razzia. Der Mann mit der leisen Stimme, der Brille und dem dünnen Schnurrbart durchkämmt gerade das Durcheinander im verlassenen Camp der Cannabispflanzer, einem schmutzigen, unter einer Tarnplane verborgenen Areal unmittelbar hinter der letzten Pflanzenreihe. Das Lager enthält alles, was eine kleine Gruppe von Menschen für mehrere Monate zum Leben benötigt: Schlafsäcke, Feldbetten, ein Propangaskocher, Insektenspray, Eierkartons sowie Säcke mit Reis, Kartoffeln und Zucker. Viele der Lebensmitteletiketten sind in spanischer Sprache; ein Glas eingelegter Nopales – Sprosse des Feigenkaktus – liegt neben einem Haufen schmutziger Kleidung und einem Solarladegerät für Mobiltelefone.

In seiner neunjährigen Tätigkeit als Ermittler habe er an etwa 50 Razzien teilgenommen, schätzt Hendrickson. Diese illegale Cannabispflanzung sei ein typisches Beispiel, erläutert der Kriminalbeamte: Wahrscheinlich kümmerten sich zwei Männer über einen Zeitraum von zwei bis vier Monaten um die Pflanzen und würden dabei von Zeit zu Zeit mit weiteren Lebensmitteln sowie zusätzlicher Hilfe während der Pflanz- und Erntezeit versorgt.

Bewässerungsschläuche in der Plantage
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Zu den schlimmsten Umweltfolgen der illegalen Pflanzungen gehören neben der Naturzerstörung der exzessive Wasserverbrauch durch die Cannabispflanzen und der Pestizideinsatz ihrer Pfleger. Bisweilen versiegen Quellen, weil die Gewächse so durstig sind. Und oft verenden Tiere, die durch die ausgebrachten Mittel vergiftet werden.

Millionenschwerer Markt

Ungefähr eine Stunde dauert es, bis das Team schließlich alle 5257 Hanfpflanzen abgeschnitten oder mit der Wurzel herausgerissen hat. Zwar fielen die Großhandelspreise für illegal angebautes Cannabis in den letzten zehn Jahren um etwa die Hälfte, doch zum gegenwärtigen Kurs von etwa 1500 US-Dollar (1270 Euro) pro Pfund (450 Gramm) sind es immerhin fast 8 Millionen US-Dollar (6,8 Millionen Euro), die dort im Dreck liegen – wenn man davon ausgeht, dass eine einzelne Pflanze etwa 450 Gramm auf die Waage bringt. Irgendjemand wird also bei der nächsten Inspektion seiner Pflanzen ziemlich enttäuscht sein. "Diese Leute kommen bestimmt zurück", mutmaßt Hendrickson. "Wenn sie bemerken, was passiert ist, müsste man direkt Mäuschen spielen."

Marihuana aus illegalen Pflanzungen wie dieser kann praktisch überall landen. "Diese Jungs bauen ihren Hanf nicht für den legalen Freizeitdrogenmarkt oder Apotheken an – sie wollen damit irgendwo auf einem Schwarzmarkt Kapital schlagen", erklärt Mark Higley, Wildtierbiologe bei einer forstwirtschaftlichen Einrichtung des Hoopa-Stamms in Humboldt County, in dessen Reservat sich illegale Cannabisplantagen geradezu explosionsartig ausgebreitet haben. Obwohl es keine Beweise gibt, dass unerlaubt gewonnenes Marihuana auf den florierenden legalen Markt gelangt, halten viele Kenner der Branche dies durchaus für möglich.

Nach Ansicht von Vertretern der Strafverfolgungsbehörden werden viele der widerrechtlichen Anbaugebiete von mexikanischen Drogenkartellen errichtet, da diese es vorziehen, Marihuana von einem US-Bundesstaat in den nächsten zu befördern, statt die Ware über die internationale Grenze zu schmuggeln. Häufig handelt es sich bei den während einer Razzia verhafteten Cannabispflanzern um Einwanderer ohne Aufenthaltserlaubnis, die zwischen 20 und 30 Jahre alt sind, aus dem mexikanischen Bundesstaat Michoacán stammen und bereits Erfahrungen mit dem heimlichen Nutzpflanzenanbau und einem harten Leben gesammelt haben. Zwei bis vier Monate lang verdienen diese Menschen pro Tag rund 150 US-Dollar (knapp 130 Euro) – weitaus mehr als auf einer Farm oder einem Weingut.

Manche Pflanzer behaupten zuweilen, ihre Auftraggeber würden ihre Familien bis zur Ernte der Cannabispflanzen als Geiseln halten. Ob dies stimmt oder nicht, die Menschen sind auf alle Fälle motiviert, die Pflanzen zu schützen. Nach Schätzungen Hendricksons kommen bei 25 bis 50 Prozent der durchsuchten Plantagen irgendwelche Waffen zum Vorschein, von Armbrüsten bis hin zu automatischen Gewehren. Zudem entdeckte der Kriminalbeamte Heckenschützenpositionen, die an höher gelegenen Stellen in unmittelbarer Nähe einiger illegaler Pflanzungen eingerichtet wurden.

Fischermarder sind Opfer des Drogenanbaus
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Zu den häufigsten Kollateralschäden des Cannabisanbaus gehören die Fischermarder – eine bedrohte Raubtierart: In Untersuchungen wiesen viele tote Tiere Giftrückstände im Körper auf. Wahrscheinlich hatten sie Nagetiere gefressen, die ihrerseits mit Pestiziden belastet oder daran gestorben waren.

Lebensgefährliche Suche

Beamte und Zivilisten, Wissenschaftler und technische Assistenten – sie alle wurden schon von Cannabispflanzern verfolgt, festgehalten, bedroht, gejagt, und man hat sogar auf sie geschossen. Einem Biologen der US-Forstverwaltung, der zufällig auf eine Hanfplantage im Sequoia National Forest gestoßen war, stellten bewaffnete Pflanzer nahezu eine Stunde lang nach. Als der Verfolgte für kurze Zeit den Funkkontakt mit seinen Vorgesetzten verlor, befürchteten diese schon, man habe ihn gefangen genommen oder gar getötet, doch schließlich kehrte der Mann wohlbehalten zurück. Im Sommer 2016 wurden zudem in einer einzigen Woche zwei Tiere der K9-Hundestaffel niedergestochen, als sie gerade Verdächtige in illegalen Cannabispflanzungen stellten (beide Hunde haben den Zwischenfall überlebt und sind mittlerweile wieder im Einsatz).

"Ich mache mir Sorgen, dass meine Familie oder meine Freunde beim Wandern unvermittelt diesen Leuten begegnen könnten", sagt Hendrickson. Gabriel, der gerade leere Düngersäcke zählt, schaut zu uns auf. "Ich bin in dieser Gegend schon häufiger gewandert und Motorschlitten gefahren", berichtet der Biologe. "Wir haben hier auch Untersuchungen an Fleckenkäuzen durchgeführt. Gleich da drüben befindet sich eins ihrer Nester."

Pestizide hätten die Spielregeln der Strafverfolgung in jüngster Zeit grundlegend verändert, macht Hendrickson deutlich. Die Möglichkeit, mit einem Neurotoxin in Kontakt zu kommen, dass auf eine Pflanze gesprüht wurde oder sich in einem Glas Kaffeeweißer versteckt befindet, macht Razzien zu einer noch gefährlicheren und auch weitaus langwierigeren Angelegenheit. "Vor dem Betreten eines Hanfgartens vergewissern wir uns nach wie vor, dass dieser sicher ist, aber es dauert jetzt sehr viel länger, bis wir überprüft haben, ob dort möglicherweise gefährliche Chemikalien lagern. In puncto Sicherheit ist der Arbeitsaufwand einfach riesig."

Geht man einfach nur die Reihen von mit giftigen Chemikalien behandelten Hanfpflanzen entlang, kann dies bereits Symptome wie Lethargie und Kopfschmerzen verursachen – ganz zu schweigen von den vielen Stunden, die Gabriel und seine Mitarbeiter in sengender Sonne und im Luftwirbel des über ihnen kreisenden Hubschraubers mit dem Abschneiden der Pflanzen verbringen. Seit Kurzem werden bei ihnen daher monatlich Blutproben entnommen und auf eine mögliche Belastung mit Pestiziden untersucht.

Chemische Zeitbomben

Andere chemische Bedrohungen dagegen sind weitaus unmittelbarer. An einer Hanfplantage inspizierte Gabriel einmal einen unbekannten Behälter, der mit Aluminiumphosphid, einem giftigen Pulver zum Töten von Nagern und Insekten, gefüllt war. Unter der starken Sonneneinstrahlung hatte sich die Substanz in Gas verwandelt und im Behälter Druck aufgebaut; als Gabriel das Gefäß berührte, explodierte es ihm direkt ins Gesicht. Glücklicherweise trug der Wissenschaftler eine Atemschutzmaske. "Meine größte Angst ist, dass einmal ein Kind zufällig eine solche Flasche findet", sagt der Ökologe Thompson. "Carbofuran ist pink, es sieht aus wie das Magenmittel Pepto oder wie eine Süßigkeit. Können Sie sich vorstellen, was ein fünfjähriges Kind damit anstellt?"

Hier bereitet ein Wissenschaftler Filter aus Fließgewässern einer betroffenen Region für die Analyse vor.
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Ein großer Teil der eingesetzten Pestizide landet anschließend in Bächen und Feuchtgebieten rund um die Plantagen und belastet dort die Fauna. Hier bereitet ein Wissenschaftler Filter aus Fließgewässern einer betroffenen Region für die Analyse vor.

Als schließlich die letzte Pflanze der Palmetto-Plantage am Boden liegt, fasst Gabriel seine Funde zusammen: 3,6 Kilogramm Bromadiolon, ein der eingeschränkten Nutzung unterliegendes, neurotoxisch wirkendes Rodentizid, sowie zwei Flaschen Malathion, ein Organophosphat-Insektizid: im Grunde eine abgeschwächte Form des Nervengifts Sarin. Aus jeder dieser Flaschen können nach Zusatz von Wasser etwa 1900 Liter Pestizidlösung hergestellt werden. Doch das Team muss all diese Substanzen zumindest vorläufig dort zurücklassen, denn zum Beseitigen der giftigen Chemikalien sind Gefahrgutprotokolle auszufüllen, und das gesamte Verfahren würde sehr viel mehr Zeit und Geld in Anspruch nehmen, als derzeit zur Verfügung stehen.

Gabriels Fachkompetenz im Bereich der Wildtiertoxikologie habe sich als ein enormer Gewinn für den Gesetzesvollzug erwiesen, sowohl was die Sicherheit der Beamten betreffe als auch im Hinblick auf das Sammeln von Beweismitteln für die Strafverfolgung, macht der Patrouillenkommandant der US-Forstverwaltung Chad Krogstad deutlich. "Gabriel ist eine ungeheure Hilfe, er stellt uns ökologische Hintergrundinformationen zur Verfügung und sagt sogar in einigen Fällen als Zeuge aus." Doch die Arbeit hat auch ihren Preis.

Am selben Abend, in einer winzigen Pizzeria nahe Greenville, spiegelt sich die Anstrengung der morgendlichen Aktion deutlich in Gabriels Gesicht und Körperhaltung wider. Üblicherweise sprüht der Wissenschaftler vor Energie, unterhält seine Gesprächspartner mit Einwürfen wie "Hey, Alter!" und schweift immer wieder zu liebenswert ausgefallenen Themen über Chemie oder das Verhalten von Tieren ab – etwa wie Jugendliche, die sich über Minecraft unterhalten. Jetzt blickt er auf die Uhr und fragt sich, wo das Essen bleibt. Drei zeitgleiche Bestellungen haben die Küche schlicht überfordert.

Ökologen im Drogenkrieg

"Nie hätte ich gedacht, dass ich durch die Erforschung von Wildtierkrankheiten mitten im Drogenkrieg landen würde", gesteht Gabriel. "Aber man kann doch nicht einfach tatenlos zusehen", fügt er hinzu und betont sogleich, dass er ausschließlich als objektiver Beobachter fungiere. Der Biologe vertritt keine bestimmte Organisation und nimmt auch keine Verhaftungen vor; er ist ein Wissenschaftler, der Daten sammelt und analysiert und im Anschluss über seine Ergebnisse berichtet – auch wenn dies mit der Teilnahme an Razzien und dem verdeckten Tragen von Waffen verbunden ist und letztlich dazu führt, dass auf Grund seiner Bemühungen Menschen im Gefängnis landen.

Vernichtung einer Plantage
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Ein Mitglied der Strafverfolgungsbehörden arbeitet sich zügig durch ein illegales Cannabisfeld und schneidet die Pflanzen ab. Da sie noch keine rauschwirksamen Knospen ausgebildet haben, lässt das Team sie einfach liegen, damit sie in der Sonne vertrocknen.

"Ich habe es schon vor langer Zeit aufgegeben, dieses Thema von einem objektiven Standpunkt aus zu betrachten", räumt Thompson ein. "Ich glaube, es war an jenem Tag, als ich auf eine Karte sah und eine illegale Cannabispflanzung vielleicht 90 Meter stromaufwärts von einer Stelle entdeckte, an der ich schon mal mit meinen Kindern im Wasser gespielt und geangelt hatte. Das macht das Ganze zu einer sehr persönlichen Angelegenheit."

Für einen im leidenschaftslosen Sammeln von Daten geschulten Wissenschaftler, für den Objektivität oberstes Gebot ist, ist eine solche Position ziemlich ungewöhnlich, zuweilen unbequem und manchmal auch gefährlich. Gabriels zahlreiche Publikationen und Präsentationen zum Thema Pestizide auf illegalen Cannabisplantagen haben seinen Bekanntheitsgrad in der Öffentlichkeit signifikant erhöht. Mitten im Drogenland ist ein solcher Ruf nicht unbedingt der beste.

Seit Jahrzehnten gehört der Anbau von Cannabis im nördlichen Kalifornien zu den ganz normalen Alltäglichkeiten des Lebens. Auch wenn die Kultivierung dieser Pflanzen zunehmend in legalen Bahnen verläuft, hat doch Gabriels unfreiwillige Rolle als "der Wissenschaftler, der die Polizei bei den Razzien auf illegale Hanfplantagen unterstützt", in gewissen Personenkreisen zu einer unliebsamen Aufmerksamkeit geführt. In Eugene, ganz in der Nähe seines Wohnorts, beschimpften fremde Personen den Biologen im Supermarkt und an der Tankstelle mit vulgären Sprüchen, auf den Internetseiten der Cannabiszüchter veröffentlichte jemand die geografischen Koordinaten seines Hauses, und es wurde sogar in sein Büro eingebrochen. Nach dem Muster des an der Eingangstür und in den einzelnen Räumen ausgelösten Alarms sah es aus, als hätte der Eindringling ganz gezielt Gabriels Schreibtisch angesteuert. "Das bedeutet, dass mich vermutlich jemand beobachtet hatte und daher meinen Arbeitsplatz genau kannte", folgert der Wissenschaftler.

Der schlimmste Vorfall ereignete sich jedoch eines Abends im Februar 2014, als Gabriel und seine damals schwangere Ehefrau Greta Wengart gerade ihre zwei Hunde ins Haus riefen. Nyxo, ein 45 Kilogramm schwerer Labradormischling, hatte wegen irgendetwas jenseits des Zauns angeschlagen. Vor zehn Jahren hatte das Paar den sanftmütigen Riesen aus dem örtlichen Tierheim zu sich geholt, nachdem man zuvor auf den Hund geschossen, ihn von einem Lastwagen geworfen und dann, dem Tod nahe, sich selbst überlassen hatte. Als sich Nyxo an jenem Abend schlafen legte, erschien er seinen Besitzern ungewöhnlich schwerfällig; nachts hörten Gabriel und seine Frau, wie er sich erbrach.

Früh am nächsten Morgen begann Nyxo stark zu speicheln, dann brach er zusammen. Gabriel brachte ihn rasch zum Tierarzt, doch der Hund fiel ins Koma. Am Nachmittag mussten sie ihn einschläfern lassen. Der Wissenschaftler half bei der Autopsie – "eines der schlimmsten Dinge, die ich je tun musste". Es stellte sich heraus, dass Nyxo mit Brodifacoum vergiftet worden war, einem Rodentizid, das die Blutgerinnung hemmt. Die daraufhin ausgesetzte Belohnung in Höhe von 20 000 US-Dollar (etwa 17 000 Euro) hat jedoch bis heute keinen einzigen Hinweis erbracht. Zwei Wochen nach diesem Zwischenfall kam Gabriels und Wengarts Tochter zur Welt.

Toter Fuchs durch Pestizide
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Mourad Gabriel und ein Kollege untersuchen einen erst vor Kurzem verendeten Fuchs im Feld. Womöglich starb das Tier durch Pestizide, weswegen die Wissenschaftler Schutzmaske und Handschuhe tragen.

Angst um die Familie

Seitdem hat der Biologe rund um sein Haus Überwachungskameras und eine durch Bewegungsmelder gesteuerte Beleuchtungsanlage installiert. Es ist ihm zur Gewohnheit geworden, seine Umgebung mit Argusaugen zu beobachten und stets nach verdächtigen Autos oder fremden Personen Ausschau zu halten. "Ich bin kein Ignorant", erklärt Gabriel. "Ich muss einfach scharfsichtig und wachsam sein – um meiner Familie willen."

Wengart ist ebenfalls studierte Biologin und fungiert als stellvertretende Direktorin des IERC. Bei den illegalen Cannabispflanzungen und anderen Projekten arbeitet sie eng mit Gabriel zusammen. "Inzwischen sorge ich mich nicht mehr so sehr um ihn wie früher", erzählt die Wissenschaftlerin. "Nur wenn er bei einer Razzia einen Hanfgarten sichert, werde ich nervös." Das ist aber praktisch die einzige Möglichkeit, um an bestimmte Informationen zu gelangen, etwa durch die Befragung festgenommener Cannabispflanzer. Und nur so kann auch sichergestellt werden, dass keiner der an der Razzia Mitwirkenden zufällig über irgendeine toxische Substanz stolpert. Zu Beginn nahm das Paar gemeinsam an den Durchsuchungen illegaler Hanfplantagen teil, doch jetzt versuchen sie, sich bei dieser Tätigkeit abzuwechseln. Es ist sowohl sicherer als auch effizienter, sich nicht zur selben Zeit am selben Ort aufzuhalten. "Das war auf jeden Fall eine bewusste Entscheidung", erklärt Wengart.

"Ich glaube, wir alle sind ein wenig um Mourad besorgt", gesteht Higley, der häufig zusammen mit Gabriel öffentliche Vorträge hält. "Ich wünschte, er würde sich etwas mehr zurückhalten." Auch Higley hat bereits mehrere Dutzend widerrechtliche Hanfpflanzungen im Reservat der Hoopa dokumentiert; darunter im vergangenen Jahr erstmalig eine, die ein verstecktes Carbofuranlager enthielt.

Zu seiner Verteidigung sagt Gabriel, die Betreiber legaler Cannabisplantagen hätten sich persönlich bei ihm dafür bedankt, dass er das Problem des illegalen Hanfanbaus ins Licht der Öffentlichkeit gerückt habe – nicht nur, weil diese Konkurrenz ihre Gewinne gefährde, sondern auch, weil die mit ihr verbundenen Umwelt- und Gesundheitsrisiken dem allgemeinen Image der Industrie schaden könnten.

Früh am nächsten Morgen stellen Gabriel und fünf für Feldeinsätze ausgebildete Techniker des IERC ihre Fahrzeuge an einer staubigen Straße in den Hügeln nordwestlich von Quincy ab. Die mit dichtem Buschwerk bewachsenen Hänge sind mit geschwärzten Baumstämmen übersät, den Überresten eines früheren Waldbrands. Das Team ist hierhergekommen, um eine illegale Cannabispflanzung mit dem Spitznamen Rattlesnake, die 2015 bei einer Razzia entdeckt und zerstört wurde, zu inspizieren. Aus Sicherheitsgründen werden sie von Henderson und einem Angehörigen der US-Nationalgarde, der in einer speziellen Einheit im Umgang mit chemischen, biologischen, radiologischen sowie nuklearen Gefahrstoffen ausgebildet wurde, begleitet. Der Mann möchte, dass sein Name unerwähnt bleibt, und zieht später, als ein Gruppenfoto gemacht wird, eine Sturmhaube über sein Gesicht. "Mourad ist ein toller Kerl", sagt der Nationalgardist. "Er ist smarter als wir alle und im Gelände geschickt wie eine Ziege."

Karte zeigt Gebiete, die gemieden werden sollen
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Manche Gebiete sind mittlerweile fest in den Händen der Drogenmafia und durchsetzt von Plantagen. Wissenschaftler sollen diese Regionen meiden oder nur mit bewaffnetem Schutz dorthin vordringen.

Starke Sicherheitsvorkehrungen

Während die Mitglieder der Gruppe ihre Ausrüstung anlegen und die Funkgeräte überprüfen, geht Gabriel die Sicherheitsprotokolle durch. "Keine Brieftaschen, keine Mobiltelefone, nichts, womit man euch identifizieren könnte." Das Risiko, etwas zu hinterlassen, das unliebsame Besucher direkt zu ihnen nach Haus führen könnte – auch wenn die Wahrscheinlichkeit noch so gering ist –, ist einfach zu hoch. "Wenn ihr einem Pflanzer in die Arme lauft, denkt daran: Mikros anstellen, und das Sicherheitskodewort ist 'Hammerhead'." Der Wissenschaftler schultert seinen Rucksack und prüft seine Pistole. "Habt ihr alle euer Pfefferspray dabei?"

Für all jene, die auf kalifornischem Staatsland Feldstudien betreiben, sei die persönliche Sicherheit mittlerweile zu einem primären Anliegen geworden, macht Thompson deutlich. "Sicherheit hat heute einen ganz anderen Stellenwert als noch vor fünf oder zehn Jahren, sie dringt in praktisch alle Arbeitsbereiche." Da es zu gefährlich ist, eine Person allein hinauszuschicken, müssen jetzt zwei Personen dafür bezahlt werden, dass sie den Job eines Einzelnen erledigen. Und immer wieder erklären Ordnungskräfte wissenschaftliche Untersuchungsgebiete zu Zonen, deren öffentliches Betreten wegen Sicherheitsbedenken verboten ist.

"Wenn meine Techniker wildbiologische Routinearbeiten durchführen, etwa das Bergen toter Tiere, werden sie von Kerlen mit M16-Gewehren begleitet", berichtet Thompson. Die technischen Assistenten werden darin geschult, Anzeichen illegaler Hanfplantagen zu erkennen wie beispielsweise Müll, neu angelegte Pfade sowie Abdrücke von Turnschuhen an Stellen, wo man üblicherweise kein solches Schuhwerk trägt. Sie lernen auch, im Freiland so harmlos wie möglich aufzutreten: keine Tarnkleidung und die wissenschaftliche Ausrüstung immer gut sichtbar am Körper. "Wenn ich Leute einstelle, muss ich bei den Vorstellungsgesprächen dieses Thema ansprechen", ergänzt Thompson. "Früher zählten Bären, Schlangen und das Autofahren auf Gebirgsstraßen zu den Berufsrisiken. Heute sind es die Cannabispflanzungen." Das reiche, um Bewerber abzuschrecken, berichtet der Wildtierökologe.

Mit all diesen Fakten im Hinterkopf leiten Gabriel und Henderson die Gruppe die Hügelflanke hinauf in die pralle Sonne. Den technischen Angestellten, zwei Frauen und drei Männern im Alter zwischen 20 und 30 Jahren, ist deutlich anzumerken, dass sie der Enthusiasmus ihres Chefs angesteckt hat. "Das hier ist echte angewandte Biologie", begeistert sich Alex Reyer, während er über einen morschen Baumstamm klettert. "Ich habe das Gefühl, ich trage wirklich dazu bei, etwas zum Besseren zu verändern."

Schädel eines toten Fischermarders
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Mittlerweile sind 85 Prozent aller getesteten Fischermarder mit Rodentiziden belastet – das Gift soll gefräßige Mäuse und Ratten töten.

Als sie auf einem kahlen Bergrücken ankommen, ist knapp über dem Horizont der schneebedeckte Gipfel des Mount Lassen zu erkennen. Auf der anderen Seite breitet sich eine weite Talmulde in nordwestlicher Richtung aus. Irgendwo da unten zwischen den dichten Wildfliederbüschen und den schwarzen, 60 Meter hohen, abgestorbenen Baumstämmen befindet sich die ehemalige Hanfplantage. Gabriel hatte seinerzeit an der Razzia teilgenommen, die auf einem 300 Höhenmeter umfassenden Gelände eine Ausbeute von 16 455 Pflanzen lieferte. Bei der Aktion wurde ein Verdächtiger verhaftet; ein weiterer flüchtete talabwärts, gefolgt von zwei K9-Spürhunden, denen er jedoch entkommen konnte.

Für den heutigen Tag hat sich das Team vorgenommen, eine Liste von Umweltschäden zu erstellen, die durch zwei große Zeltlager der Cannabispflanzer verursacht wurden – als Vorbereitung für eine zukünftige Aufräumaktion. Doch die erste Schwierigkeit besteht bereits im Wiederauffinden der drei Pflanzflächen, denn innerhalb eines Jahres ist die Vegetation um mehr als zwei Meter gewachsen. Schon bald kann in dem nahezu undurchdringlichen Pflanzendickicht keiner mehr den anderen erkennen, und Schwaden umherfliegenden Blütenstaubs verursachen einen bitteren Geschmack im Mund.

Müll, Müll, Müll

Eine halbe Stunde lang kämpft sich die Truppe schwitzend durch dichtes Gestrüpp, bis schließlich das erste Stück eines Bewässerungsschlauchs gefunden wird. Gabriel schaltet einen Satellitentracker ein, um die Lage der Fläche in die Karte einzutragen, zieht sich Nitrilhandschuhe über und beginnt mit der Durchforstung eines Müllhaufens in einem verkohlten Baumstumpf. Er befördert eine Propangaskartusche, rote Einwegbecher der Marke Solo zum Transport von Setzlingen und schmutzige Unterwäsche zu Tage. Laut zählt der Biologe die leeren Flaschen und Behälter: "20 Pfund (etwa 9 Kilogramm) 6-4-6-Dünger … 50 Pfund (etwa 23 Kilogramm) 0-50-30 … 1 Pfund (450 Gramm) unbekannte, weiße, puderartige Substanz in einer Gatorade-Flasche."

Die Bewässerungsleitungen führen an den Reihen einst blühender Cannabispflanzen vorbei, die sich jetzt nur als kaum sichtbare Dellen im Boden erahnen lassen. In einigen Vertiefungen sind noch abgestorbene Pflanzen mit vertrockneten, von Schimmel überzogenen Knospen zu finden. Über Funk vermeldet jemand den Fund eines toten Vogels. "Nimm einen Abstrich vom Schnabelinneren", ordnet Gabriel an. "Versuch, wenn möglich, auch Leber oder Nieren zu erwischen."

Ranger entfernen Wasserschläuche
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Das Team entfernt Wasserleitungen mit hunderten Meter Länge. Schätzungen gehen davon aus, dass der illegale Cannabisanbau mittlerweile so viel Wasser verbraucht wie Kaliforniens Mandelplantagen – eine starke Belastung für den lange von einer Dürre geplagten Bundesstaat.

Plötzlich hält er inne. Der Grund ist eine einzelne Cannabispflanze, klein, aber definitiv lebendig. "Das gibt's doch nicht!" Gabriels Begeisterung verwandelt sich allerdings ebenso schnell in Besorgnis. Häufig kehren nämlich Pflanzer nach einer Razzia auf die Plantage zurück und bauen sie wieder auf, wenn – wie in diesem Fall – das Bewässerungssystem intakt zurückgelassen wurde. Könnte es sein, dass vielleicht gerade jetzt jemand von ihnen hier ist? Doch das Hanfpflänzchen hat eine Pfahlwurzel, was darauf schließen lässt, dass es nicht von Menschenhand in die Erde gesetzt wurde. Anscheinend ist es auf wundersame Weise aus einem übrig gebliebenen Samenkorn gekeimt, hat einen Winter unter einer dichten Schneedecke begraben überlebt und ist nachfolgend bestäubt worden. "Wirklich erstaunlich. So etwas habe ich noch nie gesehen." Gabriel schüttelt den Kopf und nimmt eine Blattprobe zum Test auf Schadstoffe.

Wie sich später herausstellt, ist ihr unerwartetes Überleben nicht die einzige außergewöhnliche Eigenschaft dieser Pflanze. In ihren Blättern ließ sich Carbofuran nachweisen, das aller Wahrscheinlichkeit nach aus dem Erdboden stammte; die Chemikalie hatte dort also weitaus länger als erwartet überdauert. Offiziellen Schätzungen zufolge hätte Carbofuran innerhalb eines Monats aus dem Erdreich verschwunden sein müssen. "Das sind völlig neue Daten, die wir ohne diesen Zufall nie erhalten hätten", erklärt Gabriel enthusiastisch. Cannabispflanzen aus unerlaubtem Anbau enthielten sowohl in den Blättern als auch in den Knospen Pestizide, und sogar beim Rauchen der Pflanzen würden diese Substanzen in nachweisbaren Konzentrationen freigesetzt, weiß Gabriel.

Ein ganz anderes Gesundheitsrisiko?

Sollte Marihuana aus dieser Ernte seinen Weg in den Arzneimittelbestand von Apotheken finden, könnte es womöglich in die Lungen bereits immungeschwächter Aids- oder Krebspatienten gelangen. Auch wenn diesbezüglich noch keine offiziellen Forschungsprogramme in Kalifornien existieren, hat man im Rahmen von entsprechenden Studien und Überprüfungen in Colorado und Oregon bereits mit Pestiziden belastetes Marihuana in Apotheken gefunden – sogar in Produkten, die vermeintlich als pestizidfrei zertifiziert worden waren. Beim Emerald Cup, einem bedeutenden Cannabiswettbewerb im kalifornischen Sonoma County mit Schwerpunkt auf biologischem Anbau, wurden die eingereichten Pflanzen im vergangenen Jahr erstmalig auf Pestizidrückstände getestet. Etwa ein Viertel der Konzentrate und mehr als fünf Prozent der Blüten wurden nachfolgend disqualifiziert.

Heiligenkärtchen der Pflanzer
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Meistens betreuen Mexikaner die illegalen Plantagen – beauftragt von internationalen Drogenkartellen, die ihren Sitz oft ebenfalls in Mexiko haben. Für sie ist es günstiger und sicherer, hier Cannabis anzupflanzen und in andere US-Bundesstaaten zu bringen, als Marihuana über die internationale Grenze zu schmuggeln.

Weiter oben am Hang, unmittelbar am Rand der verbrannten Waldfläche, befindet sich inmitten der Bäume etwas, was wie ein riesiges Obdachlosenlager aussieht. Campingklappstühle, ein Haufen Turnschuhe und mindestens 20 Dosen eines Sportler-Fußsprays liegen wahllos um eine schmutzige, mit Rundhölzern verstärkte Schlafplattform verstreut. Neben einem wilden Durcheinander aus Konservendosen, das nach Verwesung riecht, befinden sich vier Rollen unbenutzter Bewässerungsschläuche, groß wie Lastwagenräder. Jede enthält etwa 300 Meter Schlauchmaterial und kostet im Einzelhandel 250 US-Dollar (etwa 212 Euro). "Das ganze Zeug hat jemand auf seinem Rücken hierher transportiert", merkt Gabriel an. "Das macht man nicht einfach aus einer Laune heraus. So etwas erfordert Organisation und Kapital."

Direkt unterhalb des Camps befinden sich drei natürliche Quellen – oder zumindest das, was noch von ihnen übrig ist. Als Gabriel hier vor zehn Jahren seine Feldstudien an Eulen durchführte, speiste das sanft dahinsprudelnde Quellwasser ein blühendes Feuchtgebiet voller Weiden und Erlen. Für eine verlässliche und kontrollierbare Wasserversorgung ihrer Topfpflanzen gruben die Hanfanbauer jedoch die Wasserquellen zu Becken in der Größe von Whirlpools aus; außerdem bedeckten sie diese mit Planen und Stöcken, um ihre Entdeckung aus der Luft zu verhindern. Das hatte zur Folge, dass das Feuchtgebiet heute praktisch verschwunden ist.

In einer kontrollierten Umgebung verbraucht eine Cannabispflanze pro Tag etwa 22,7 Liter Wasser; über eine Vegetationsperiode von 150 Tagen kommen somit pro Pflanze etwa 3400 Liter Wasser zusammen. Da sich der kalifornische Staat jedoch zunehmend mit extremen Dürreperioden konfrontiert sah, wurde der einst unbeschränkte Wasserverbrauch, den man den Betreibern legaler Hanfplantagen gewährt hatte, vor einiger Zeit auf den Prüfstand gestellt. Einige Pflanzungen in Humboldt County haben ganze Bäche buchstäblich leer gesaugt, was dazu führte, dass Lachse und Stahlkopfforellen hilflos in Pfützen herumzappelten und schließlich verendeten. Laut einem Gesetz, das im Juni 2017 verabschiedet wurde, müssen Betreiber einer Hanfplantage jetzt offiziell Wasserrechte erwerben, um eine Anbaulizenz zu erhalten.

Extremer Wasserverbrauch

Illegale Cannabispflanzungen sind natürlich eine andere Geschichte. Nach Schätzungen Gabriels sorgen weniger effiziente Bewässerungssysteme und zusätzliche Stressoren wie beispielsweise Schädlinge, Krankheitserreger und das trockenere Wetter in bestimmten Lagen dafür, dass die rechtswidrigen Anpflanzungen etwa 50 Prozent mehr Wasser als legale Hanfgärten verbrauchen. Und noch schlimmer: Einige Pflanzer lassen die Bewässerungssysteme das ganze Jahr rund um die Uhr laufen, auch nach dem Ende der eigentlichen Vegetationsperiode und Ernte. Multipliziert mit mehreren hunderttausend Pflanzen ergibt sich daraus ein ernsthaftes Wasserproblem. Einer Studie des California Department of Fish and Wildlife zufolge beanspruchen illegale Hanfplantagen schätzungsweise 300 Millionen Gallonen Wasser pro Quadratmeile (umgerechnet rund 438 Millionen Liter Wasser pro Quadratkilometer); dieser Wert ist in etwa mit dem Wasserverbrauch von Mandelplantagen vergleichbar.

Plantage vor der Vernichtung
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Im August 2017 wurde eine Pflanzung namens Palmetto Grow aufgespürt und zerstört. Hier wuchsen 5000 Cannabispflanzen, was die beteiligten Polizisten als relativ kleine Pflanzung bezeichneten.

Um die Dinge ins rechte Licht zu rücken: Die 1,1 Millionen illegalen Cannabispflanzen, die 2016 bei Razzien in Kalifornien entfernt wurden, hätten eine Wassermenge von rund 1,3 Milliarden Gallonen (etwa 4,9 Milliarden Liter) benötigt, berechnet Gabriel – das entspricht ungefähr dem Jahresverbrauch von 10 000 kalifornischen Durchschnittshaushalten. Allein in einer Pflanzsaison hätte also die illegale Rattlesnake-Plantage ein Wasservolumen beansprucht, das ausgereicht hätte, um sieben olympische Schwimmbecken zu füllen.

In der Nähe einer der Quellen liegt eine leere Ibuprofenpackung auf dem Boden. Hier wurde einer der Pflanzer gefasst, als er sich auf der Flucht vor einem K9-Spürhund bei einem missglückten Sprungversuch das Bein brach. "Ich habe dem Mann ein paar Tabletten gegeben, und er wusste das zu schätzen", erzählt Gabriel. Doch nicht all seine Begegnungen mit Cannabispflanzern laufen so freundschaftlich ab. Als der Wissenschaftler einmal bei der Ergreifung eines flüchtenden Pflanzers mithelfen musste, hatte dieser bereits einen Vertreter der Ordnungskräfte abgeschüttelt, der doppelt so stark war wie er.

Langwierige Aufräumarbeiten

Um zu verhindern, dass die Hanfanbauer zurückkehren und die Plantage wieder aufbauen, muss das Gelände saniert und in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt werden. Nach Berechnungen Gabriels würde dies bedeuten, rund 6000 Meter Bewässerungsschlauch zu entfernen, den gesamten Müll in etwa 40 bis 50 190-Liter-Abfallsäcke zu verpacken und nachfolgend alles zu beseitigen. Zudem ist eine Renaturierung der Quellen erforderlich – eine teure und langwierige Angelegenheit. Glücklicherweise befindet sich die Stelle nah genug an einer Straße, so dass der ganze Plunder zu Fuß abtransportiert und auf Fahrzeuge verladen werden kann; bei entlegeneren Plantagen ist der Einsatz von Hubschraubern nötig.

Eine Sanierung erfordert Geld und viele Arbeitskräfte, beides ist jedoch knapp bemessen bis gar nicht vorhanden; Gleiches gilt für die Ressourcen im Gesetzesvollzug. Von den etwa 80 ehemaligen illegalen Hanfplantagen, die Gabriel und sein Team seit 2014 regelmäßig überprüfen, konnten bislang lediglich 29 renaturiert werden. "Wir würden hier gern 100 Prozent erreichen, aber uns steht einfach kein Geld zur Verfügung", bedauert der Biologe. "Im Augenblick finanzieren wir uns ausschließlich über 'weiches Geld', Zuschüsse, die wir durch unsere Nichtregierungsorganisation erhalten, und durch die Arbeit freiwilliger Helfer. Ich stehe kurz davor, eine Crowdfunding-Internetseite bei GoFundMe zu eröffnen; als Nächstes werde ich es dann wohl mit dem Verkauf von Plätzchen probieren." Mit seiner Stiefelspitze stupst Gabriel eine dreckige Digitalwaage an. "Wie sollen wir mehrere hundert Pflanzungen beseitigen und die dazugehörigen Flächen sanieren?", fragt er mit einem Anflug von Bitterkeit in der Stimme. "Da muss man schon eine ganze Menge Gebäck verkaufen."

Mittlerweile werden die größten unbefugten Hanfplantagen in Dutzende kleinerer Parzellen aufgeteilt – wohl um die Wahrscheinlichkeit zu verringern, dass jedes einzelne Landstück bei einer Razzia gefunden wird. Dies hat jedoch auch eine großflächige Ausbreitung der Umweltbelastung zur Folge. "Es war immer eine einzelne klaffende Wunde, wie von einer Gewehrkugel verursacht", erklärt Gabriel. "Jetzt allerdings scheint es, als hätte jemand mit einer Schrotflinte geschossen."

Im September 2016 untersuchte das IERC-Team zwei illegale Hanfplantagen im Lassen National Forest, die zusammen ein Gebiet von 2,6 Quadratkilometern umfassten und somit das größte Anbaugebiet darstellten, das die Gruppe je gesehen hat. Auf dem Gelände befanden sich insgesamt 30 Camps, von denen jedes ein geheimes Rodentizidlager besaß, und es gab ein System aus Bewässerungsschläuchen von mehr als 65 Kilometer Länge, das jeden Tag 269 000 Liter Quellwasser aufsaugte.

Wachsender Markt für Marihuana

Zudem fanden die Wissenschaftler die Kadaver eines Amerikanischen Schwarzbären (Ursus americanus) und eines Graufuchses (Urocyon cinereoargenteus). Auch wenn die endgültigen Testergebnisse noch ausstehen, sind sich die Forscher doch ziemlich sicher, dass zumindest der Fuchs voller Giftstoffe ist. Unmittelbar neben dem Tier lag der Kadaver eines Truthahngeiers (Cathartes aura); allem Anschein nach hatte er einige Bissen des Fuchses probiert und war schnell verendet. Während der Probennahme beobachtete Gabriel, wie Fliegen auf dem Fuchskörper landeten und innerhalb von Sekunden starben. "An diesem Abend habe ich die längste Dusche meines Lebens genommen", berichtet der Wildtierbiologe.

Toxikologische Untersuchung der Pflanzen
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Im Labor analysieren die Wissenschaftler die eingesetzten Pestizide. Sie haben bereits zahlreiche unterschiedliche Substanzen nachgewiesen, von denen einige wegen ihrer Toxizität schon längst verboten wurden.

20 Jahre nachdem der kalifornische Staat für die medizinische Verwendung von Marihuana grünes Licht gab, haben seine Bürger im November 2016 dafür gestimmt, jedem Erwachsenen über 21 Jahren den käuflichen Erwerb von Cannabis zu gestatten. Einigen Schätzungen zufolge könnte diese so genannte "Proposition 64" zu einer Verdopplung des staatlichen Marihuanamarkts bis zum Jahr 2020 führen. Doch solange Anbau, Erwerb und Konsum dieser Pflanze in anderen Staaten der USA immer noch gesetzlich verboten sind, wird auch die Nachfrage nach Cannabis, die den Aufbau illegaler Plantagen fördert, weiter fortbestehen.

Gabriel ist sich bewusst, dass er für eine gute Sache kämpft. Er weiß aber auch, dass er nicht ewig so weitermachen kann. Der "Drogenkram" beansprucht fast seine gesamte Arbeitszeit. Die Razzien, die langen, mit Untersuchungen und ökologischen Sanierungsmaßnahmen zugebrachten Tage im Freiland, die endlosen öffentlichen Vorträge und Interviews – all das ist zwar bereichernd, zehrt aber ebenso an seinen Kräften. Der Biologe würde sein Fachwissen gern an andere Forscher und Vertreter der Strafverfolgungsbehörden weitergeben, um diese in die Lage zu versetzen, die an den Cannabispflanzungen lauernden chemischen Gefahren zu erkennen und zu beseitigen. Denn wenn genügend Menschen bereit wären, seine derzeitigen Tätigkeiten zu erlernen und auch auszuführen, könnte sich Gabriel zurückziehen und wieder ein ganz normaler Wissenschaftler werden. "Doch wenn ich jetzt aufhören würde, wäre alles umsonst gewesen."

Einfach wegzuziehen, sei eine Idee, die sie häufiger beim Abendessen diskutierten, berichtet Gabriel. Schon der boomende legale Anbau von Cannabis macht die Region Humboldt County gerade völlig verrückt: Die Immobilienpreise sind in astronomische Höhen geklettert, und die Mordrate hat soeben einen neuen Höchststand erreicht. Gabriels Mutter stammt aus dem mexikanischen Bundesstaat Michoacán, und vieles, was zurzeit in Kalifornien geschieht, erinnert den Wissenschaftler stark an die Geschichten, die er aus dem Süden jenseits der US-amerikanischen Grenze zu hören bekommt. "Ich frage mich, ob es wirklich der richtige Ort ist, um eine Familie zu gründen", gesteht der Forscher. "Du tust es für deine Kinder, aber du musst auch für sie da sein."


Wo zieht man die Grenze?

Auch wenn der legale und der illegale Marihuanamarkt zwei völlig verschiedene Dinge sind, mit unterschiedlichen Lieferanten und Kunden, geht es letztlich doch um den Anbau von ein und derselben Pflanze. Und obwohl sich die Industrie als Ganzes zunehmend etabliert, wird das sich ständig ändernde Durcheinander aus Gesetzgebung und Rechtsprechung zwischen den verschiedenen Staaten und der US-Bundesregierung dafür sorgen, dass auch weiterhin Unternehmer und Kriminelle dazu ermutigt werden, Schwachstellen und unscharfe Grenzen innerhalb des Systems zu ihrem Vorteil auszunutzen.

Was Gabriel und viele seiner Mitstreiter betrifft, kann unter Umständen nur eine einheitliche nationale Marihuanapolitik das Problem aus der Welt schaffen. Doch wenn die Namen der von Trump nominierten Kabinettsmitglieder in dieser Richtung irgendeinen Hinweis liefern sollten, müssen wir uns eher auf eine Wiederbelebung des Drogenkriegs der alten Schule gefasst machen, den Präsident Obama weniger intensiv als seine Amtsvorgänger führte. Viele der gewählten Regierungsmitglieder, darunter etwa der Justizminister Jeff Sessions oder der Leiter der Umweltschutzbehörde Scott Pruitt, haben sich in ihrer bisherigen politischen Laufbahn bereits mehrfach einer Reform der Marihuanagesetze oder der Legalisierung der Droge entgegengestellt.

Noch bedenklicher ist die Tatsache, dass ein im Januar 2017 im Repräsentantenhaus eingebrachter Gesetzentwurf vorschlägt, dem Forest Service und dem Bureau of Land Management, beides nationale Behörden, die Strafverfolgungsaufgaben komplett zu entziehen und diese stattdessen auf die jeweiligen Bundesstaaten zu übertragen. Zudem drängen einige Kongressmitglieder schon seit Längerem darauf, sämtliche Finanzmittel des von der Drug Enforcement Administration durchgeführten Programms zur Beseitigung illegaler Cannabisplantagen zu streichen – nachdem das Budget zuvor bereits von 18 Millionen US-Dollar (etwa 15,3 Millionen Euro) auf 14 Millionen US-Dollar (zirka 12 Millionen Euro) gekürzt worden war. Mehr als ein Drittel dieser Finanzmittel gingen 2015 an Kalifornien.

Solange Marihuana in einigen Teilen der USA immer noch gesetzlich verboten ist, wird die Nachfrage nach illegal angebautem Cannabis fortbestehen. Und bis es Gegenden gibt, in denen dieser Anbau kostengünstiger und mit weniger Risiko verbunden ist, wird es dort auch weiterhin die widerrechtlichen Hanfplantagen geben. Unterdessen bezahlen Wildtiere, die Umwelt und höchstwahrscheinlich auch die Marihuanaraucher selbst einen Preis, dessen Höhe wir im Moment nur erahnen können.

Der Artikel erschien ursprünglich unter dem Titel "Backcountry Drug War" auf "bioGraphic", einem digitalen Magazin, das von der "California Academy of Sciences" publiziert wird.