"Macht sofort den Ebola- und den Malariatest!", ruft Florian Steiner seinen Kollegen noch zu, während er nach draußen geht. "Eine Mutter ist gerade mit ihrem dreijährigen Sohn vorbeigekommen. Der ist blass, hat fast 40 Grad Celsius Fieber", erzählt der Tropenmediziner. Eigentlich arbeitet Florian Steiner an der Charité in Berlin. In Frankfurt am Main hat er vor einigen Monaten geholfen, einen eingeflogenen Ebolapatienten zu behandeln. Und nun ist er in Westafrika, genauer gesagt in Liberias Hauptstadt Monrovia: auf Ebolamission für das Deutsche Rote Kreuz (DRK).

400 kranke Menschen sind bislang vorbeigekommen, seit Anfang des Jahres die Spezialklinik des DRK in Monrovia eröffnet wurde. "Wir empfangen jeden, der zu uns kommt, im Vollschutzanzug", sagt Steiner. Ebola hatte aber noch niemand von ihnen.

In Deutschland Ebolakranke behandeln – und in Westafrika alles behandeln, nur kein Ebola: Ist das Ironie des Schicksals? Nein, sagt Steiner. Er wollte eigentlich schon im September nach Liberia kommen, aber da wütete die Epidemie in der Region dermaßen, dass immer wieder Patienten ausgeflogen wurden oder bei einzelnen Helfern erst nach der Heimreise Ebola ausbrach. Da hielt Florian Steiner mit Kollegen besser in Deutschland die Stellung.

"Wir haben alle Hände voll zu tun", erzählt Steiner nun. Das medizinische Personal vom DRK und die Bundeswehr haben einheimische Kräfte ausgebildet. Mehr als 100 Patienten wurden bislang aufgenommen und stationär behandelt, vor allem wegen Durchfall, Malaria, Lungenerkrankungen, Hirnhautentzündung. Und auch Masern.

Ein Masernpatient wurde isoliert, kam in ein Extrazelt. "Masern sind höchst ansteckend und hier tödlicher als in Europa", erklärt Steiner. Wer infiziert ist, steckt neun von zehn nicht immune Menschen um sich herum an – immun ist nur, wer geimpft ist oder selbst schon einmal die Masern hatte. In Entwicklungsländern töten die Masern jedes 20. angesteckte Kind; und von jenen Kindern, die auf der Flucht sind, mangelernährt oder keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben, sterben noch mehr.

Masern statt Ebola: Das ist weder unwahrscheinlich noch harmlos in Westafrika. Wenn demnächst in Guinea, Liberia oder Sierra Leone ein größerer Masernausbruch auftauche, dann würden rund doppelt so viele Kinder erkranken und tausende mehr sterben, als wenn es die Ebolaepidemie nicht gegeben hätte. Das berichten nun Forscher um den Epidemiologen Justin Lessler von der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health in Baltimore.

Zu Beginn der Ebolaepidemie habe es in Guinea, Liberia und Sierra Leone schätzungsweise 778 000 nicht geimpfte Kinder im Alter zwischen neun Monaten und fünf Jahren gegeben. Mit der Epidemie sind die eh schon schwachen Gesundheitssysteme zusammengebrochen: Gesundheitszentren wurden geschlossen, weil Mitarbeiter an Ebola erkrankt und gestorben sind; Geburtshelfer sind nicht zur Arbeit gekommen aus Angst, sich anzustecken; Medikamente für chronisch Kranke wie HIV-, Tuberkulose- oder Diabetespatienten wurden nicht verteilt. Und Impfkampagnen wurden ausgesetzt. Die Hochrechnung der Forscher ergab: Wenn für anderthalb Jahre die bislang übliche Gesundheitsversorgung unterbrochen ist – was etwa im Spätherbst dieses Jahres so weit sein wird –, dann werden rund 1,1 Millionen Kinder in den drei Ländern nicht geimpft sein. Gäbe es dann einen Masernausbruch, würden sich wohl 227 000 statt 127 000 Kinder anstecken und fast 12 000 statt 6600 sterben. An Ebola sind bislang rund 10 000 Westafrikaner gestorben.

Das sei ein "zweites Desaster für die Volksgesundheit", so die Forscher. Auch wenn es sie wie andere Experten nicht wirklich überrascht. "Regelrecht explodierende Masernausbrüche sind eine der ersten Folgen, wenn das Gesundheitswesen irgendwo zusammenbricht", schreiben die Forscher in der Fachzeitschrift "Science": etwa nach Beginn eines Kriegs wie in Syrien, nach Naturkatastrophen wie dem Ausbruch des Vulkans Mount Pinatubo auf den Philippinen im Jahr 1991 oder nach politischen Krisen wie in Haiti Anfang der 1990er Jahre.

Masernausschlag bei einem nigerianischen Mädchen
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(Ausschnitt)
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Verheerende Folgen hat die Ebolaepidemie aber nicht nur für ungeimpfte Kinder, sondern zum Beispiel auch für Schwangere. Ebolaviren werden über Körperflüssigkeiten übertragen: Blut, Schweiß, Urin, Kot, Sperma. Und eine Geburt ist eine blutige Angelegenheit, egal ob per Kaiserschnitt oder auf natürlichem Weg. Da haben schon zu Beginn der Epidemie zahlreiche Ärzte und Hebammen sich geweigert, in den Wehen liegenden Frauen zu helfen. Einige Berichte erzählen von besonders dramatischen Fällen. Etwa wie eine Frau in einem Krankenwagen auf dem Weg in ein Ebola-Behandlungszentrum stundenlang allein gelassen wurde und einen Sohn zur Welt gebracht hat. Das Baby starb; eine Ärztin im Vollschutzanzug packte das Neugeborene in einen Sack, sterilisierte diesen mit Bleiche. Später stellte sich heraus, dass Mutter und Kind nicht mit Ebola infiziert waren.

"Menschen sterben eben nicht nur an Ebola, sondern auch wegen Ebola", sagt Florian Steiner. Masern, Müttersterblichkeit – und auch Malaria ist ein Beispiel. Malaria ist in Subsahara-Afrika eh schon die häufigste Infektionskrankheit, die zum Tod führt; und nun kommen Malariakranke noch schwerer an Medikamente. Jeder fünfte Malariatest, den Steiner und seine Kollegen in Monrovia durchführen, ist positiv. Dabei ist noch nicht einmal Regenzeit. Die Organisation Ärzte ohne Grenzen hat deswegen bereits in Sierra Leone Medikamente zur Malariaprophylaxe an 1,5 Millionen Menschen verteilt. Anderswo bekommen so manche Infizierte keine Hilfe.

Masern und Malaria, Durchfall und Lungenentzündung: Das wird in den Ebola-Behandlungszentren, die in den vergangenen Monaten rasch aufgebaut wurden, nicht behandelt. Und viele Dorfkliniken sind in einem noch desolateren Zustand als vor einem Jahr. Wie schlimm die zweite medizinische Katastrophe wird, die der ersten Katastrophe namens Ebola folgt, ist jetzt noch nicht abzusehen.

Immerhin: Die Masern gehen zwar um in Westafrika, aber noch ist das Szenario der Forscher nicht eingetreten. In Guinea meldeten die Behörden im Jahr 2013 insgesamt 59 Fälle, im Jahr 2014 waren es viermal so viele. In Sierra Leone hat sich die Masernzahl im gleichen Zeitraum verdreifacht. Und in Liberia wurden 2013 gar keine Masernpatienten gemeldet, im vergangenen Jahr dann vier – und zwar in Lofa County, einem der am stärksten von Ebola betroffenen Gebiete.

Malarone
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(Ausschnitt)
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Das Medikament Atovaquon-Proguanil wird für die Malariaprävention verwendet – doch die Verteilung des Wirkstoffs ist in den Ebolagebieten Westafrikas zusammengebrochen.

Florian Steiner vom Deutschen Roten Kreuz ist relativ zuversichtlich, zumindest für Monrovia. Auch weil diesmal ein neues Nothilfekonzept ausprobiert wird: SITTU – Severe Infection Temporary Treatment Unit, auf Deutsch: temporäres Behandlungszentrum für schwere Infektionskrankheiten. Eine Idee dahinter: Wenn beispielsweise fünf Ebola-Behandlungszentren aufgebaut werden und die Epidemie abflaut, dann könnte ein Zentrum geschlossen werden, zwei kümmerten sich weiter als ETU um Ebolapatienten, und zwei würden in eine SITTU umfunktioniert, um Patienten mit anderen Krankheiten zu behandeln. Außerdem soll die SITTU als Anlaufstelle dienen: Fieber zum Beispiel ist ein Symptom für viele Krankheiten – wer etwa Malaria hat, sollte nicht zu einem Ebola-Behandlungszentrum gehen und riskieren, sich dort mit Ebola anzustecken; umgekehrt sollten jene, die in einer SITTU positiv auf Ebola getestet werden, in eine ETU verlegt werden.

Vor ein paar Tagen ist die letzte Ebolapatientin Liberias aus dem Ebola-Behandlungszentrum neben der SITTU entlassen worden. Seitdem zählen die Menschen den Countdown: 42 Tage ohne einen neuen laborbestätigten Ebolafall. Im Juni 2014 hatten einige internationale Helfer in Westafrika schon so gut wie gepackt – und dann explodierte die offizielle Ebolastatistik der Weltgesundheitsorganisation regelrecht.

Wenn in Liberia das Ebolavirus doch noch einmal wüten sollte, dann ließe sich die SITTU auch schnell in eine ETU, ein Ebola-Behandlungszentrum, umfunktionieren. Momentan kümmert sich Steiner mit seinen Kollegen jedenfalls um andere Patienten, auch um den dreijährigen Jungen, der am Dienstag gekommen ist: Der Malariatest war positiv.