Der kleine Ezra sitzt auf dem Schoß seiner Mutter, starrt auf den Bildschirm und staunt wie jedes Kind, das die Welt gerade entdeckt. Gebannt blickt der fünf Monate alte Junge auf eine Reihe von Bildern mit drei tanzenden Frauen, vier schwarzen Kreisen und einem Gesicht zwischen verschiedenen anderen Objekten. Ezra studiert fasziniert den Bildschirm, auch wenn er ab und zu abgelenkt ist. Mal gibt er ein Glucksen von sich, mal einen kurzen Schrei, und dazwischen kaut er genüsslich auf einer seiner Socken herum.

Eine kleine Box unter dem Bildschirm sendet Infrarotlicht auf sein Auge, fängt das reflektierte Licht wieder ein und berechnet daraus die Blickrichtung des Kindes. Hinter einem Vorhang sitzt Postdoktorandin Jannath Begum Ali und überprüft die aufgenommenen Daten auf ihrem Monitor. Das Ganze ist Teil eines ausgeklügelten Experiments im Babylab des Birkbeck College der University of London. Hier wird die frühkindliche Entwicklung des menschlichen Gehirns erforscht. In den nächsten zweieinhalb Jahren werden die Forscher noch mehrfach Gelegenheit haben, Ezras Gehirn und sein Verhalten zu studieren.

Noch ahnt dieser nichts von seiner Rolle für die Wissenschaft. Sein Stirnrunzeln hat andere Gründe. Welche, bemerkt zunächst einmal nur seine Mutter – sie dreht ihn um und prüft sein Hinterteil. Nach nur der Hälfte der geplanten 15-minütigen Beobachtungszeit macht Ezra in seine Windel und das Team erst mal Pause.

Wie erforscht man den Verstand und das Denken eines menschlichen Wesens, das nicht sprechen kann, Anweisungen nicht befolgt und unsanft das Experiment unterbricht? Das ist eine echte Herausforderung für die Wissenschaftler des Babylabs. Das menschliche Gehirn verändert sich während der ersten zwei Lebensjahre stärker als in jedem anderen Zeitraum: Bewusstsein, Persönlichkeitsmerkmale, Temperament und Begabungen bilden sich aus wie auch die ersten Anzeichen einer vom Kurs abweichenden Entwicklung. All das zu beobachten, ist extrem schwierig, weil viele Standardmethoden der Neurowissenschaften bei Babys schlicht nicht anwendbar sind. Sie bleiben nicht wach und ruhig in einer Kernspinröhre liegen, und sie können auch keine Fragen beantworten oder tun, was man ihnen sagt. Bisher wurden Interesse und Aufmerksamkeit von Kleinkindern meist dadurch bestimmt, das Forscher ihre Blickrichtung verfolgten. Aber selbst diese Methode steht als zu ungenau in der Kritik.

Der Blick fürs Wesentliche
© Wes Fernandes / Nature
(Ausschnitt)
Der Blick fürs Wesentliche
Babys betrachten, was sie interessiert – und das heißt vor allem, was ihnen neu ist. Beachten sie einen Stimulus nicht sonderlich, bedeutet das häufig, dass sie ihn schon kennen.

"Viele Studien wollen nachgewiesen haben, dass Babys Ziele erkennen, Zusammenhänge verstehen und Mengen unterscheiden können; in 99 Prozent der Experimente wird aber lediglich die Veränderung ihrer Blickzeit gemessen", kritisiert der Psychologe Jerome Kagan von der Harvard University in Cambridge in Massachusetts.

Doch das könnte sich in nächster Zeit ändern, unter anderem auch dank der Forschung am Birkbeck-Babylabor. Hier wurde erstmals bei Kindern die neue Methode der Nahinfrarot-Spektroskopie (NIRS) eingesetzt, bei der durch den Schädel hindurch die Farbe des Bluts bestimmt wird, was Rückschlüsse auf dessen Sauerstoffgehalt und damit die Hirnaktivität zulässt. Die Schlussfolgerungen der Forscher sollen dann durch weitere Techniken untermauert werden. Aus der Hand voll Babylabs in der ganzen Welt sticht das Institut in London hervor. "Dort wird jede denkbare Methode für die Forschung an Babys eingesetzt", erklärt Richard Aslin, der Spezialist für frühkindliches Verhalten und Direktor des Rochester Center for Brain Imaging in New York.

Inzwischen wurde schon eine ganze Reihe neuer Erkenntnisse über das frühkindliche Denken gesammelt. So blicken Babys beispielsweise eher in Gesichter, die ihnen zugewandt und nicht abgewandt sind, und sie reagieren auf direkten Blickkontakt mit erhöhter neuronaler Aktivität. Veränderungen in der Hirnantwort sind möglicherweise mit der Entwicklung von Autismus assoziiert, weshalb darüber diskutiert wird, ob sich derartige Messungen für eine Frühdiagnose einsetzen lassen. Im Jahr 2013 startete das Babylab sein Vorzeigeprojekt, an dem auch der kleine Ezra teilnimmt: Hierbei sollen Kleinkinder mit einem erhöhten Risiko für Autismus-Spektrum-Störung (ASS) oder Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) von der 12. Woche an mit einer Kontrollgruppe von Kindern verglichen werden. Die Forscher wollen frühe Anzeichen der Erkrankung ausfindig machen und Verhaltenstherapien entwickeln helfen. "Das ist ein neues und spannendes Gebiet", sagt der Direktor des Babylabs Mark Johnson.

Wie seine kleinen Versuchspersonen ist auch das Labor im Wachstum begriffen. Johnson erhielt im Jahr 2014 von drei Stiftungen insgesamt 2,3 Millionen Pfund Sterling (3,16 Millionen Euro), um ein Kleinkindlabor am Birkbeck College einzurichten. Dort werden in Zukunft Kinder im Alter von 18 Monaten bis 3 oder 4 Jahren mittels drahtloser Varianten des Elektroenzephalogramms (EEG), mittels NIRS und Eye-Tracking beobachtet – und zwar während sie herumlaufen, spielen und mit anderen Kindern interagieren. Das soll den Forschern helfen, das Gehirn von Kleinkindern besser zu verstehen, genau in einer Phase, in der sich unsere komplexe Sprache entwickelt, in der die Kinder anfangen, den Unterschied zwischen sich und anderen zu erfassen und in der sich erstmals Langzeiterinnerungen festigen. "Über die Entwicklung und speziell die Gehirnentwicklung im Trotzalter wissen wir noch sehr wenig", meint Johnson.

Sehen und lernen

"Arbeite niemals mit Kindern oder Tieren", so heißt eine alte Regel im Showbusiness. Johnsons Karriere basiert auf beidem. Während seiner Promotion in den 1980er Jahren untersuchte er, ob Küken im Alter von einem Tag soziale Bindungen zu beliebigen Objekten in ihrem Gehege entwickeln oder ob sie solche bevorzugen, die einer Mutterhenne ähneln. Wie sich zeigte, wurden die Küken von Objekten mit huhnähnlichen Hälsen und Gesichtern besonders angezogen, während die Tiere beim restlichen Aussehen nicht sehr wählerisch waren. Allerdings interessierte sich Johnson mehr für die Entwicklung des Menschen und wechselte nach der Promotion nach London, wo er Kleinkinder zu studieren begann. "Eigentlich war das kein so großer Schritt, wie es klingt. In beiden Bereichen geht es darum, Aufgaben zu entwickeln und Informationen von Lebewesen zu bekommen, die sich nicht ausdrücken können", sagt er.

Schon seit Mitte des 20. Jahrhunderts führen Wissenschaftler praktische Versuche mit Babys durch. Einer der Ersten war der Schweizer Psychologe Jean Piaget, der durch detaillierte Beobachtung von Kleinkindern und älteren Kindern erfahren wollte, wie diese die Welt verstehen. In einem seiner berühmtesten Experimente versteckte er ein Objekt und beobachtete, ob die Kinder es suchten. Seiner Schlussfolgerung nach erfassen Babys erst ab dem achten Monat, dass ein Objekt auch dann noch existiert, wenn es sich außerhalb ihres Blickfelds befindet. Piaget entwickelte im Laufe der Zeit die Theorie, dass Babys zwar mehr oder weniger als unbeschriebenes Blatt geboren werden, sie aber das Rüstzeug dazu besitzen, die Welt zu entdecken und sich Wissen anzueignen.

Die neurowissenschaftliche Forschung an Kleinkindern brachte dann der amerikanische Entwicklungspsychologe Robert Fantz in den frühen 1960er Jahren ein ganzes Stück voran. Er untersuchte, wie lange Babys auf etwas schauten und wie viel Aufmerksamkeit sie dem betrachteten Gegenstand widmeten. Laut Fantz blickt ein zwei Monate altes Baby doppelt so lang auf die Zeichnung eines menschlichen Gesichts wie zum Beispiel auf eine Zielscheibe. Solche Messungen gehören inzwischen zum Standardrepertoire des Forschungsgebiets und "ohne Übertreibung kann man sagen: Gäbe es diese Blickzeitmessungen nicht, wüssten wir praktisch nichts über die Kleinkindentwicklung", erklärt Aslin. Blickexperimente führten auch zu dem Schluss, dass ein Neugeborenes keineswegs einem unbeschriebenen Blatt ähnelt. Die Kleinen haben einen angeborenen Sinn für Mengen und menschliche Gesichter, und sie können erkennen, wenn die Sprache ihrer Mutter gesprochen wird, was sich möglicherweise schon im Mutterleib entwickelt.

Ein Dutzend "Haarnetze"
© Wes Fernandes / Nature
(Ausschnitt)
Ein Dutzend "Haarnetze"
Mit Hilfe der EEG-Elektroden bekommen die Wissenschaftler einen viel genaueren Eindruck von den Reaktionen im kindlichen Gehirn als bei vielen anderen Methoden.

"Inzwischen wurden Tausende von Experimenten mit Hilfe der Blickzeitmethode durchgeführt. Im Großen und Ganzen ist sie ziemlich zuverlässig; wenn man beispielsweise zwei Labore dasselbe Experiment durchführen lässt, kommt auch dasselbe Ergebnis heraus", berichtet Aslin. Trotzdem betrachten Kagan und eine wachsende Zahl anderer Forscher solche Kleinkindstudien mit Vorsicht. Ihrer Meinung nach kann es riskant sein, allein aus flüchtigen Blicken der Babys viel über die Arbeitsweise des kindlichen Gehirns abzuleiten. Schwierig sei auch, in welcher Weise Störfaktoren zu berücksichtigen sind. "Die Blickzeit ist von so vielen Faktoren abhängig", meint Kagan: "Welche äußeren Merkmale haben die Stimuli? Bestehen sie eher aus geraden oder gekrümmten Linien? Welche Farben sind vorhanden? Wie stark ist der Kontrast der Beleuchtung?"

Das Gehirn von Babys wächst und entwickelt sich in einem so atemberaubenden Tempo, dass der Vergleich zwischen verschiedenen Altersstufen schwierig ist. Der Blick eines Neugeborenen mag angeborene Fähigkeiten reflektieren; ein sieben Monate altes Baby wird aber auch durch all das beeinflusst, was es bereits gelernt und sich von seiner Umwelt gemerkt hat. "Vielleicht blickt ein Kleinkind gerade deshalb länger auf ein Objekt, weil es das Gesehene mit dem ihm bereits Bekannten vergleichen muss", sagt Kagan. "Wenn man herausfinden will, was Kleinkinder wissen, gibt es eben keine Methode, die für sich allein genommen alle nötigen Beweise liefern könnte."

"Über die Entwicklung und speziell die Gehirnentwicklung im Trotzalter wissen wir noch sehr wenig" (Mark Johnson)

Als Johnson mit seinen Untersuchungen begann, wurde ihm sehr schnell klar, dass Blickzeitbestimmungen und reine Verhaltensbeobachtungen nicht verlässlich genug waren. Im Jahr 1993 baute er erst ein Babylab am University College London (UCL) auf, zog dann aber 1998 in großzügigere Räumlichkeiten am Birkbeck College. Im Gegensatz zu anderen Forschungsgruppen wählte er von Anfang an einen eher technisch orientierten Ansatz zur Untersuchung der Gehirnentwicklung.

2005 kombinierten Johnson und seine Kollegen die Blickzeit mit elektrischen Messungen der Gehirnaktivität. Damit wollten sie Piagets Theorie überprüfen, nach der Kleinkinder unter neun Monaten nicht verstehen können, dass ein Objekt zwar aus ihrem Sichtfeld verschwinden kann, aber trotzdem noch existiert – also das Fehlen der so genannten Objektpermanenz. Wenn Erwachsene etwas verschwinden sehen, zeigen sie meist bestimmte neuronale Oszillationen über dem rechten temporalen Kortex. Laut Ergebnissen von Johnson und seinen Kollegen Gergely Csibra und Jordy Kaufman findet sich bei sechs Monate alten Babys ein ähnliches Muster im Gehirn – ein Hinweis darauf, dass sie versteckte Objekte doch im Gedächtnis behalten. Löste sich das Objekt hingegen auf statt versteckt zu werden, fanden sich die Oszillationsmuster nicht.

Seitdem ist Johnson fest davon überzeugt, dass Babys zwar nicht als unbeschriebenes Blatt geboren werden, dass sie aber auch noch keine ähnlichen Konzepte beispielsweise über Mengen besitzen, wie sie bei Erwachsenen vorhanden sind. "Meine Arbeiten deuten eher auf eine Art Mittelweg", sagt er. Seiner Meinung nach hat ein Neugeborenes grundlegende Aufmerksamkeitspräferenzen für Dinge wie Gesichter und Sprache. Solche Vorlieben formen das Gehirn während seiner Entwicklung. Ein Beispiel hierfür ist Johnsons Beobachtung, dass Babys anfangs direkten Augenkontakt bevorzugen, wodurch sie sich auf den sozial relevanten Teil ihrer Umgebung konzentrieren können. Das wiederum ermöglicht es ihnen, etwas über die Sprache und andere soziale Faktoren wie Gesichtsausdrücke zu lernen.

Fläschchenwärmer und Messinstrumente

Wer mit Babys arbeiten will, braucht die richtige Ausstattung – das gilt umso mehr für ein Labor, in dem pro Tag bis zu 14 kleine Versuchspersonen in Augenschein genommen werden. Die Küche stellt einen Fläschchenwärmer bereit, und im Toilettenraum gibt es ausreichend Feuchttücher. Das Wartezimmer ist hell dekoriert und mit leicht zu reinigendem Spielzeug übersät. Die eigentlichen Untersuchungsräume hingegen sind größtenteils leer und in einem langweiligen Grau gestrichen – ganz bewusst, weil Babys leicht ablenkbar sind. "Wir versuchen alles so langweilig wie möglich zu gestalten, mit Ausnahme der Dinge, auf die sie sich konzentrieren sollen", erklärt Leslie Tucker, die Koordinatorin des Centre for Brain and Cognitive Development, zu dem auch das Babylab gehört.

Hungrig oder müde dürfen die Babys bei den Experimenten auch nicht sein, weshalb alles sorgfältig um die Mahlzeiten und Schläfchen herum geplant wird. Im Wartezimmer wird gerade die vier Monate alte Caitlin in ihrer blau gestreiften Latzhose gestillt, bevor sie ins Labor gebracht wird. Sie nimmt an einer Studie zur Entwicklung von Mimikry bei Babys teil – gemeint ist die unbewusste Neigung von Menschen etwas nachzuahmen, beispielsweise finster dreinzublicken, wenn andere das tun, oder zu lächeln, wenn die anderen lächeln.

"Nachahmung erfüllt bei Erwachsenen wichtige soziale Funktionen und könnte der soziale Kitt sein, mit dem wir Bindungen aufrechterhalten", meint Carina de Klerk, die die Mimikrystudie am Birkbeck College leitet. Wie und wann sich diese Fähigkeit entwickelt, ist allerdings kaum bekannt. Einige Wissenschaftler sehen sie als angeboren an, weil Neugeborene ihre Zunge herausstrecken, sobald es ihnen jemand vormacht. "Unklar ist aber, ob das Baby sein Gegenüber tatsächlich nachahmt oder vielleicht nur deshalb seine Zunge herausstreckt, weil etwas Aufregendes passiert", sagt de Klerk.

Die Wissenschaftlerin singt Baby Caitlin ein Liedchen, während sie die Elektroden an Schläfen, Wangen und unter das Kinn klebt. Das Baby ist unruhig, weshalb ein Mitarbeiter erscheint und mit einem knallbunten Musiktelefon winkt. Die Kunst der Ablenkung muss jeder schnell lernen, der in einem Babylab arbeitet. "Wissenschaftler aus anderen Forschungsgebieten sind oft entsetzt über den Mangel an Kontrolle", berichtet Tucker. "Wenn nötig, unterbrechen wir das Experiment oder machen Geräusche, um die Babys abzulenken, wenn sie kurz vor dem Weinen sind."

Methodische Vielfalt

Und es klappt: Caitlin kräht nun wieder fröhlich und lächelt. Die Forscher pausieren einen Augenblick, während die Mutter ein Handyfoto ihrer "kleinen Wissenschaftlerin" schießt. Dann wird der Kleinen eine Serie von Videosequenzen vorgeführt, in denen eine Frau ihre Augenbrauen hebt sowie den Mund öffnet und schließt, immer wieder unterbrochen durch Bilder von Bauernhoftieren.

Dieses Experiment ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie wichtig die Anwendung verschiedener Methoden ist. Baby Caitlin starrt aufmerksam auf den Bildschirm, scheint aber die Mimik der Frau nicht zu imitieren. Die Elektroden auf ihrem Gesicht sprechen jedoch womöglich eine ganz andere Sprache. Mit Hilfe der Elektromyografie (EMG) lässt sich an den Gesichtsmuskeln eine elektrische Aktivität aufzeichnen, selbst wenn keinerlei Bewegung sichtbar ist. Die Forscher messen, ob Caitlin die Muskulatur ihrer Augenbrauen aktiviert, wenn die Frau im Video ihre Augenbrauen hebt. Später am Tag wird ihr dieselbe Videosequenz noch einmal gezeigt, dann, wenn Caitlin mit dem NIRS verkabelt ist.

Die NIRS-Technik bietet den Wissenschaftlern gänzlich neue Möglichkeiten, in das Gehirn eines Babys zu schauen. Anfangs wurde die Methode von Medizinphysikern an der UCL etabliert, um das Risiko eines Schlaganfalls bei frühgeborenen Babys vorhersagen zu können. Dann wurde die Technik in Zusammenarbeit mit den Wissenschaftlern vom Birkbeck College auch für Fragen aus der Grundlagenforschung angepasst. Die NIRS verfolgt den Fluss von sauerstoffreichem Blut und lässt erkennen, welche Gehirnareale als Antwort auf äußere Einflüsse aktiviert sind. Laut einer Studie aus dem Jahr 2009 zeigt das Gehirn eines fünf Monate alten Babys bereits ähnliche Aktvierungsmuster wie Erwachsene, beispielsweise wenn eine Frau mit ihm Kuckuck spielt. In der Nachahmungsstudie wollen die Forscher herausfinden, ob die Muster im Gehirn eines Babys ähnlich denen eines Erwachsenen sind, der andere nachahmt. Ziel ist es zu klären, ob und inwieweit die Fähigkeit zur Nachahmung angeboren ist.

Aber die Technik der NIRS ist nicht für alle Untersuchungen ideal, auch weil man damit nicht messen kann, was in den inneren Gehirnregionen wie dem Hippocampus oder der Amygdala vorgeht. "Das Gehirn ist ein ganz komplex verknüpfter Schaltkreis. Wenn man nur den oberflächennahen Teil untersucht, kann man zu falschen Schlussfolgerungen kommen", erklärt Kagan. Um an die tieferen Areale zu gelangen, benötigen die Forscher eine Technik wie die funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT), die ihren immensen Wert bereits bei der Untersuchung von Erwachsenen unter Beweis gestellt hat. Allerdings ist sie sehr empfindlich gegenüber Bewegungen, Babys können daher nur gescannt werden, wenn sie entweder sediert sind oder schlafen. Das schränkt den Einsatz der Technik natürlich sehr ein.

Autismus im Visier

So gilt auch am Birkbeck College die Blickzeitmessung nach wie vor als wichtige Methode; allerdings wird sie heutzutage nicht mehr durch reine Beobachtung durchgeführt, sondern mit Hilfe einer präzisen Eye-Tracking-Technologie, die nun auch die Augenbewegungen des kleinen Ezra verfolgt. Er gehört zur Kontrollgruppe der Autismus- und ADHS- Studie, weil er keine betroffenen Geschwister hat und damit kein erhöhtes Risiko trägt. Während er am Bildschirm sitzt und seine Aufmerksamkeit zwischen den scheinbar willkürlich angeordneten Objekten hin und her wandert, kann die Psychologin und Projektleiterin Emily Jones anhand des reflektierten Infrarotlichts genau beurteilen, welche Objekte Ezra in welcher Reihenfolge ins Auge fasst. "In der Regel zeigt sich, dass sich normal entwickelnde Babys als Erstes auf das Gesicht blicken und dort länger hängen bleiben, bevor sie sich den anderen Objekten zuwenden", sagt sie.

Spezialausstattung
© Wes Fernandes / Nature
(Ausschnitt)
Spezialausstattung
Die kleinen Probanden kooperieren nur, wenn sie sich wohlfühlen. Bunt bemalte Aufenthaltsräume und das nötige Equipment zur Versorgung der Kleinen sollen das ermöglichen.

Das Babylab konzentriert sich besonders auf Autismus und ADHS, weil sowohl die Häufigkeit als auch die öffentliche Wahrnehmung dieser Störungen in den letzten beiden Jahrzehnten stark zugenommen hat. So sollen etwa vier Prozent der britischen Bevölkerung betroffen sein. Letztes Jahr beobachtete die Birkbeck-Gruppe in einer Studie mit 104 Kleinkindern, dass sich jene mit hohem Risiko für Autismus zwar auch zuerst die Gesichter anschauten, sich aber im Vergleich zu neurotypischen Babys insgesamt weniger Zeit für die Objekte zu nehmen schienen. Diejenigen Kinder, bei denen sich später Autismus entwickelte, hatten die kürzeste Blickzeit von allen. Dieses Jahr wurde noch eine weitere Eye-Tracking-Studie von derselben Gruppe veröffentlicht. Neun Monate alte Babys betrachteten dazu auf einem Bildschirm eine Reihe von Buchstaben. Diejenigen, die zu einem späteren Zeitpunkt Symptome von Autismus entwickelten, konnten eher als andere Babys entdecken, welcher Buchstabe nicht zu den anderen passte.

Den Grund dafür kenne man noch nicht genau, meint die Studienleiterin Teodora Gliga. Laut ihrer Arbeitshypothese achten diese Kleinkinder sorgfältiger auf Details, täten sich aber im Gegenzug schwerer darin, Rückschlüsse auf den Gesamtzusammenhang zu ziehen. In der Studie, an der auch Ezra teilnimmt, sollen die Arbeiten fortgeführt werden und detailliertere Daten von mehr als 400 Familien gesammelt werden. Dabei wollen die Wissenschaftler Eigenschaften herausfinden, die im engen Zusammenhang mit dem späteren Beginn einer Entwicklungsstörung stehen. Ezra wird im Lauf der Jahre das Babylab fünfmal besuchen, um mit EEG, NIRS und EMG untersucht zu werden. Außerdem füllen seine Eltern ausführliche Fragebögen aus, um seine Sprachfähigkeiten, soziale Entwicklung, sein Temperament und sein Schlafmuster zu beschreiben.

Die Gruppe hofft, durch Unterschiede in der frühen Gehirnentwicklung eines Tages Autismusindikatoren oder Biomarker zu finden, nicht zuletzt weil Autismus im Moment noch nicht vor dem dritten Geburtstag diagnostiziert werden kann. Außerdem suchen sie nach Wegen, die Entwicklung des Gehirns zurück auf einen typischeren Weg zu lenken.

In einer der klinischen Studien des Babylabs ließen sich bereits Anzeichen für eine Wirkung frühzeitiger Intervention dingfest machen. Babys aus 28 Familien mit älteren Geschwistern mit Autismus wurden zufällig zwei Gruppen zugeteilt. Die Kinder der einen Gruppe wurden im Alter zwischen sieben und zehn Monaten mindestens sechsmal von einem Therapeuten besucht und anschließend mit der zweiten Gruppe mit Hochrisikobabys ohne Therapie verglichen. Der Therapeut zeigte den Eltern Videos zu ihrem Kind und half ihnen zu verstehen, wie dieses versuchte, mit ihnen zu kommunizieren und wie sie darauf reagieren sollten. Nach fünf Monaten waren im Vergleich zur Kontrollgruppe kleine Fortschritte bei der Beschäftigung, der Aufmerksamkeit und dem Sozialverhalten der Babys erkennbar. Die Wissenschaftler sind sich aber darüber im Klaren, dass viele dieser Ergebnisse ein breites Konfidenzintervall haben und es noch zu früh ist für Aussagen über den Langzeiteffekt dieser Art der Therapie.

Grundlagenforschung trifft Anwendung

Johnson hofft auch auf eine spätere praktische Anwendung seiner Untersuchungen im Kleinkindlabor, vielleicht um den kognitiven Fähigkeiten, der Aufmerksamkeit oder Gedächtnisleistung der Kinder einen Schub zu verleihen. "Ich glaube, wir sind nun an einem Punkt angelangt, an dem Grundlagenforschung und klinische Anwendung zusammentreffen", sagt er.

"Wenn nötig, unterbrechen wir das Experiment oder machen Geräusche, um die Babys abzulenken, wenn sie kurz vor dem Weinen sind" (Leslie Tucker)

Viele der Techniken werden derzeit weiterentwickelt. Jones arbeitet an Möglichkeiten, die Blicke der Babys zu nutzen, um sie zu aktiveren Teilnehmern der Untersuchung zu machen. "Wenn sie sich auf einen Schmetterling konzentrieren, der über den Bildschirm flattert, und sich nicht durch andere Dinge ablenken lassen, dann fliegt der Schmetterling weiter. Sie bekommen also eine Belohnung dafür, dass sie ihre Aufmerksamkeit steuern", erklärt die Forscherin.

Ein langfristiges Ziel ist es, Mittel und Wege zu finden, das fMRT doch noch bei wachen Babys einzusetzen. Außerdem verlangen noch so viele offene Fragen nach Antwort: Wie können sich Unterschiede im Temperament der Babys während des Kindesalters zu komplexen Persönlichkeitsmerkmalen entwickeln? Und weshalb können sich Menschen nicht an ihre frühesten Lebensmonate und Jahre erinnern?

Der kleine Ezra wird sicherlich keine Erinnerung an seinen Tag im Labor haben. Am späten Nachmittag legt ihn seine Mutter wieder in den Kinderwagen und tritt mit ihm den Heimweg an, eine Fahrt von eindreiviertel Stunden mit dem Zug nach Bristol. Der Ausflug habe sich gelohnt, findet sie, weil sie neugierig war, was in einem Babylab passiert. "Ich wollte wissen, wie Ezra reagiert und warum solche Arbeiten überhaupt durchgeführt werden", sagt sie. Auch ein paar greifbare Souvenirs nehmen Ezra und seine Mutter vom Tag mit nach Hause: einige Fotos, eine Teilnahmeurkunde und ein kleines T-Shirt mit dem Aufdruck "Ich bin ein Babywissenschaftler".

Dieser Beitrag erschien unter "The big baby experiment" in "Nature".