Auf Aufnahmen vom 27. November 2011 fand der australische Kometenjäger Terry Lovejoy ein sich bewegendes, diffuses Objekt. Zunächst vermutete er eine Lichtreflexion in seiner Optik als Ursache, doch eine erneute Sichtung zwei Nächte später ließ keinen Zweifel: Lovejoy hatte einen Kometen entdeckt – seinen dritten bereits. Nur kurz später stellte sich heraus, dass der neue Schweifstern zu der Gruppe der so genannten Kreutz-Kometen gehört. Das war eine besondere Nachricht, denn 40 Jahre lang war kein Komet dieses Typs mit einem erdgebundenen Teleskop entdeckt worden.

C/2011 W3 – ein "Sonnenkratzer"

Der Komet C/2011 W3 Lovejoy
© Ernesto Guido, http://remanzacco.blogspot.de
(Ausschnitt)
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Die Kreutzgruppe, benannt nach dem deutschen Astronomen Heinrich Kreutz, ist eine Gruppe von Kometen mit sehr ähnlichen Bahnelementen. Ihre Bahnen führen sie sehr nah an die Sonne – Lovejoys Komet wird der Photosphäre unserer Heimatgestirns bei seinem Periheldurchgang am 16. Dezember 2011 gegen 01:00 Uhr MEZ auf 140 000 Kilometer nah kommen, das entspricht ungefähr einem Drittel der Entfernung Erde-Mond. Kreutz-Kometen sind somit eine Untergruppe der so genannten "Sonnenkratzer", oder englisch: Sungrazer.

Ein besonderes Geburtstagsgeschenk ist der inzwischen offiziell als C/2011 W3 bezeichnete Komet damit für das Sonnenobservatorium SOHO, dessen Weitfeldkamera LASCO C3 ihn ab dem 14. Dezember erfassen wird. SOHO feierte am 2. Dezember sein 16. Betriebsjubiläum. Das gemeinsam von NASA und ESA betriebene Weltraumobservatorium dient zwar primär der Überwachung der Sonne, doch wurden mit ihm und anderen Satelliten in den vergangenen Jahren eine Vielzahl von Kreutz-Kometen aufgespürt. Unter anderem von Terry Lovejoy, dem es nach Auskunft des SOHO-Teams als erstem gelungen ist, einen derartigen Kometen sowohl mit Hilfe weltraumgestützter als auch bodengebundener Teleskope zu entdecken.

Historische Kreutz-Kometen oft spektakulär

Nun bereiten sich professionelle wie Amateurastronomen weltweit auf die Begegnung des Kometen mit dem Tagesgestirn vor. Bereits am 11. und 12. Dezember, also vor dem Eintritt in das Gesichtsfeld von LASCO C3, sollte der Komet auf den SECCHI HI-1B-Kameras der STEREO-Satelliten auftauchen, am 15. dann auch der SECCHI COR-2 A & B-Kameras. Weil die Bilder von STEREO und SOHO im Internet zur Verfügung gestellt werden, kann jeder miterleben, wie der "schmutzige Schneeball" durch die enorme Energieeinstrahlung der Sonne aufflammt und sich dabei womöglich auflöst. Ist sein Durchmesser nämlich nicht wesentlich größer als ein Kilometer, so wird er seinen Periheldurchgang wohl nicht in einem Stück überstehen. Ihm stünde somit ein Schicksal bevor wie dem Kometen C/2010 X1 Elenin, der im Oktober 2011 ebenfalls bei seiner Sonnenpassage zur Staubwolke zerfallen war.

Es wäre der letzte Akt eines Jahrtausende andauernden Zerfallsprozesses. Vermutlich waren die Mitglieder der Kreuzgruppe einst Teil eines einzigen, großen Kometen, dessen Durchmesser 100 Kilometer oder mehr betragen haben könnte. Durch den Einfluss der Sonne zerfiel dieser in mehrere Fragmente. Wie Astronomen in den 1960er Jahren herausfanden, zerbrach der Ursprungskomet vermutlich zunächst in zwei große Teile, die wegen der ursprünglichen Rotation des großen Kometenkerns voneinander fort drifteten und später weiter zerfallen sind. Aufgrund ihrer sonnennahen Periheldurchläufe sind von den Kreutz-Kometen von der Erde aus nur die hellsten Exemplare sichtbar, als Extrembeispiel ist der "Jahrtausendkomet" Ikeya-Seki in Erinnerung, der im Jahr 1965 selbst am Taghimmel zu sehen war.

Wie stehen die Beobachtungschancen?

Die Positionen des Kometen C/2011 W3 Lovejoy relativ zur Sonne
© Andreas Kammerer
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Leider sehen die Aussichten für C/2011 W3 anders aus. "Der Komet ist prinzipiell nicht für uns beobachtbar" erklärt Kometenexperte Maik Meyer. Denn seine sonnennahe Bahn während des Perihels bedeutet eben auch, dass sein Winkelabstand von unserem Tagesgestirn während des Zeitraums der nächsten Annäherung vom 14. bis zum 17. Dezember nur wenige Grad beträgt. Er müsste schon so hell werden wie einst Ikeya-Seki, um am Taghimmel dicht neben der Sonne aufzufallen. Die Helligkeit des Kometen C/2011 W3 Lovejoy wird den Prognosen zufolge aber nur -2 bis -4 mag betragen, also maximal der Helligkeit des Planeten Venus entsprechen. "Diese Zahl ist zwar noch sehr unsicher, aber auf keinem Fall wird der Komet in der Liga des 1965er Kometen spielen," schätzt Meyer. "Ein weiterer Hinweis, dass der Komet kein Taghimmelkomet sein wird, ist sein Aussehen. Er erscheint nur leicht kondensiert, was bei Kreutz-Kometen aus der geschichtlichen Erfahrung auf ein sehr kleines Objekt hinweist."

Auch Andreas Kammerer von der Fachgruppe Kometen der Vereinigung der Sternfreunde ist eher pessimistisch. Er schätzt, dass der Komet sich weitgehend auflösen wird. Allerhöchstens am Morgen des 16. Dezember sieht Kammerer eine schwache Chance zu einer Sichtung des übrig gebliebenen Kometenschweifs, tief am Osthorizont kurz vor Sonnenaufgang. Ein Gasschweif wäre stets von der Sonne weg und damit Richtung Horizont gerichtet – sehr ungünstig für eine Sichtung. "Allerdings ist ein Staubschweif wahrscheinlicher, und dieser wird mit Sicherheit deutlich gekrümmt sein, und zwar vom Horizont weg," meint Kammerer. "Somit gibt es eine theoretische Chance, den hellen Staubschweif an diesem Morgen zu sichten." Vor allzu großen Hoffnungen aber warnt der Experte: "Es dürfte aber ziemlich sicher viel Glück nötig sein, überhaupt etwas von diesem Kometen von Mitteleuropa aus zu erhaschen. Die Beobachter auf der südlichen Hemisphäre haben mehr Glück."

Vorsicht bei der Tagbeobachtung!

Ein Hoffnungsschimmer: Zu allen Prognosen über die Helligkeitsentwicklung eines Kreutz-Kometen gehört ein gutes Maß an Spekulation. Niemand kann wissen, ob C/2011 W3 nicht noch einen unvorhergesehenen Helligkeitsausbruch haben wird. Die ungünstige Jahreszeit und die Tatsache, dass die Sonne zum Zeitpunkt des Perihels bei uns unter dem Horizont steht, verkompliziert die Sichtbedingungen für Europäer allerdings. Den Kometen in so großer Nähe zur Sonne aufzuspüren, ist aber ohnehin ein äußerst schwieriges und sehr gefährliches Unterfangen – keinesfalls sollte man mit Sucher und Okular so nah an der Sonne einen Kometen aufsuchen! Ein kurzer ungeschützter Blick durch ein Fernglas oder Teleskop kann zur Erblindung führen! Sicherer – und auch Erfolg versprechender – ist da der Blick auf das aktuelle LASCO C3-Bild von SOHO.