Politiker erhoffen sich von Wissenschaftlern gerne verlässliche, theoretisch fundierte Lösungsansätze für praktische Probleme – was, wenig überraschend, die Forschung im realen Leben ab und an überfordert. So existieren zum Beispiel zwei begründete, aber grundsätzlich unvereinbare Hypothesen darüber, wie sich eine Verleihung der Staatsbürgerschaft an ausländische Zuwanderer auswirken wird. Ein Lager glaubt, es fördere die effiziente und harmonische Integration der Neubürger, wenn sie als Staatsbürger rasch anerkannt werden. Die Gegner machen geltend, dass eine zu schnelle Anerkennung als Staatsbürger die Integration sogar verlangsamen könne, weil nach dem Erwerb der Staatsbürgerrechte die Motivation zum Bemühen um weitere Integration entfalle, da die erwünschten staatsbürgerlichen Rechte schon verliehen sind.

Beide Meinungen sind allerdings spekulativ. Der Hauptgrund: Verlässliche Untersuchungen zum Thema fallen Demografen und Gesellschaftswissenschaftlern schon aus methodischen Gründen sehr schwer. Wenig sinnvoll wäre ja zum Beispiel, schlicht alle anerkannten und abgelehnten Kandidaten eines Landes zu vergleichen. Denn käme dabei heraus, dass Staatsbürger besser integriert sind, wüsste man immer noch nicht, ob das einfach nur daran lag, dass diese glücklich Staatsbürger werden durften – oder vielleicht doch daran, dass beim Auswahlverfahren tatsächlich die besonders integrationswilligen Menschen bevorzugt wurden. Denkbar wäre aber auch, dass abgelehnte Kandidaten nach einem negativen Bescheid ihre zuvor durchaus vorhandenen Bemühungen um Eingliederung eingestellt haben, was durch die Zusage zur Einbürgerung hätte verhindert werden können. Kurz: Ursache und Wirkung der Entscheidung können so nicht auseinandergehalten werden.

Nötig wäre stattdessen – neben verlässlich und sauber definierten Daten über die tatsächliche Integrationsleistung" – ein Vergleich innerhalb einer soziokulturell möglichst homogenen Gruppe von Einwanderern, von der als einziger Unterschied die Hälfte die Staatsbürgerschaft erhalten hat und die andere nicht. Beide müssten zudem ähnlich lange und unter ähnlichen Umständen im Zuwanderungsland leben. Von dieser theoretisch wünschenswerten Datenlage konnten interessierte Forscher allerdings nur träumen. Eine Gruppe von Politologen und Ökonomen von Universitäten in Stanford, Zürich und Mannheim hat daher nun einen Umweg gewählt, um sich dem Problem zu nähern. Sie greifen auf eine über Jahrzehnte hinweg unter den speziellen Bedingungen der Schweiz erhobenen Datensammlung zurück, um daraus doch noch verwertbare Erkenntnisse herauszukitzeln. Ihre Schlussfolgerung: Zumindest in der Schweiz wurden anerkannte Staatsbürger im neuen Land wirklich schneller heimisch.

Ausgewertet hatten die Forscher insgesamt 2225 in der Eidgenossenschaft entschiedene Einbürgerungsfälle aus den Jahren 1970 bis 2003. Bis dahin war es Praxis in einigen Kantonen und Gemeinden – die nach eidgenössischem Recht für die Einbürgerung zuständig sind –, die Bevölkerung über die Einbürgerung einer Person per Urnenabstimmung entscheiden zu lassen. Zu diesem Zweck erhielten die Stimmberechtigten ein persönliches Dossier über die jeweiligen Kandidaten und entschieden dann, ob er oder sie die Staatsbürgerschaft erhalten sollte. Dieses nach verschiedenen Klagen später abgeschaffte Verfahren hatte sich als willkürlich und zufallsbestimmt herausgestellt – was sich nun aber als Glücksfall für die Zwecke der aktuellen Studie entpuppte: Denn wegen dieser Zufälligkeit unterschieden sich insbesondere die im Abstimmungsergebnis sehr knapp abgelehnten und die sehr knapp anerkannten Antragsteller eben nicht wesentlich. Stattdessen bilden sie eben jene von den Statistikern gesuchte homogene Gruppe von ähnlichen Zuwanderern, die sich nur darin unterscheiden, dass eine Hälfte Staatsbürger wurde und die andere nicht.

Das Forscherteam definierte nun verschiedene Parameter, an denen sich eine gelungene Integration ablesen lässt, und analysierte anhand dessen, ob die anerkannten und abgelehnten Staatsbürger unterschiedlich schnell in der Schweiz heimisch wurden. Gewertet wurde dabei, inwieweit sich die einzelnen ehemaligen Kandidaten heute vom typischen Urschweizer unterscheiden – etwa in der politischen Aktivität, dem Vertrauen in das politische System oder dem Engagement für die Gemeinde. Das Ergebnis war am Ende eindeutig: Die anerkannten Staatsbürger waren meist recht typische Durchschnittsschweizer geworden – die nicht anerkannten nicht im gleichen Maß, obwohl sie genauso lange im Land lebten. Die Schlussfolgerung: Will man Integration fördern, so dürfte ein Vertrauensvorschuss in Form der staatsbürgerlichen Anerkennung mehr nützen als schaden.