Hat sich vor rund 130 000 Jahren ein Neandertaler mit einer Kette aus Adlerkrallen geschmückt? Darauf deuten Schnittspuren an insgesamt acht Krallen hin, die bereits Anfang des 20. Jahrhunderts in Kroatien gefunden worden waren und nun einer erneuten Begutachtung unterzogen wurden.

Kette aus Adlerkrallen
© Luka Mjeda, Zagreb
(Ausschnitt)
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Angesichts der Bearbeitungsspuren gehen die Wissenschaftler um David Frayer von der University of Kansas und dem Naturhistorischen Museum Kroations davon aus, dass die Krallen einst mit Hilfe einer Schnur zu einer Kette zusammengebunden worden waren. Ursprünglich gehörten sie einem Seeadler, mit einer Spannweite von über zwei Metern der größte Raubvogel Europas. Möglicherweise jagten die Neandertaler diese eindrucksvollen Tiere, erläutert Frayer gegenüber "Nature": "Es gehört schon eine ganze Portion Mut dazu – und vielleicht sogar Dummheit –, so ein Ding zu fangen."

Die Krallen stammen aus einem eindeutigen Neandertalerkontext, dem Fundort Krapina im nördlichen Kroatien. Hier wurden sie in den Jahren 1899 bis 1905 zusammen mit Skelettresten von Neandertalern ausgegraben. Die ursprünglichen Ausgräber übersahen offenbar die Anzeichen für eine menschengemachte Veränderung der tierischen Fundstücke: Schnittspuren, die vermutlich beim Heraustrennen der Krallen entstanden, und geglättete und polierte Stellen, wie sie bei längerem Tragen auftreten.

Bislang gibt es nur wenige und zumeist umstrittene Belege dafür, dass Neandertaler sich schmückten. Dazu zählen beispielsweise durchbohrte und mit Ocker versehene Muschelschalen. Auch Raubvogelkrallen kamen schon an Neandertaler-Fundorten zum Vorschein. Welche Funktion diese Objekte jedoch einst hatten, lässt sich nur indirekt erschließen. Immer weniger Wissenschaftler zweifeln jedoch daran, dass auch die Neandertaler über die Fähigkeit zu symbolischem Denken verfügten. Die Verwendung von Kunst und Schmuck gilt als Kennzeichen dieser typisch menschlichen Denkweise.