Millionen Zuwanderer aus Nordafrika stehen vor unserer Tür – und sie kommen via Südeuropa zu uns: 2015 könnte es hier zu Lande wieder zu einem Masseneinflug von Distelfaltern (Vanessa cardui) kommen, denn die Witterung ist bislang optimal für die Schmetterlinge. "Wir haben dieses Jahr schon früh die Falter beobachtet und ungewöhnlich viele Meldungen zu ihnen in unserem Monitoring bekommen", bestätigt der Biologe Martin Wiemers vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle. Denn im Gegensatz zu den bei uns überwinternden, gängigen mitteleuropäischen Tagfaltern wie dem Tagpfauenauge oder dem Kleinen Fuchs ziehen die Distelfalter jeden Sommer aus dem Süden zu uns – als Teil einer der längsten Wanderungsbewegungen von Schmetterlingen auf der Erde. Doch einmal pro Jahrzehnt drängt es sie nicht nur vereinzelt, sondern in riesigen Mengen zu uns.

"Der Zug der Distelfalter ist wirklich eines der großen Naturwunder", freut sich auch Richard Fox, Wissenschaftler von der britischen Organisation Butterfly Conservation, angesichts der erwarteten Millionen Schmetterlinge, die in den nächsten Wochen Großbritannien erreichen sollen. Die Reise beginnt in Nordafrika, wo die Falter dauerhaft unterwegs sind und früh die erste Generation des Jahres hervorbringen. Offensichtlich waren dort die Bedingungen während der letzten Monate hervorragend, so dass sich die Art rasch und stark vermehren konnte. Ein Teil des Bestands überquerte dann wie üblich im Frühling das Mittelmeer nach Südeuropa, wo sich die zweite Fortpflanzungswelle anschloss – mittlerweile fliegen dort so viele Distelfalter, dass einige Beobachter bereits vom besten Jahr für die Art seit 2009 sprechen: Damals zogen ebenfalls mehrere Millionen Schmetterlinge nordwärts. An manchen Stellen konnte man in wenigen Stunden tausende Falter an sich vorüberrauschen sehen.

Schätzungsweise elf Millionen Exemplare flogen damals nach Angaben der Butterfly Conservation gen Großbritannien, wo sie weitere Generationen hervorbrachten – um im Herbst schließlich in einer Zahl von mehr als 25 Millionen Tieren wieder den Weg nach Süden anzutreten. Selbst den Norden Schottlands hatten einige der Insekten erreicht. "Sie fliegen in bis zu einem Kilometer Höhe und mit einer Geschwindigkeit von bis zu 50 Kilometern pro Stunde über Hunderte von Kilometern, bis sie unsere Küste erreichen. Und das gelingt ihnen, obwohl kein einziger von ihnen vorher diese Reise gemacht hat", staunt Fox. Vieles der Zugbewegung sei tatsächlich noch unbekannt, bestätigt Martin Wiemers: "Wir kennen etwa ihre genauen Routen noch nicht. Ziehen sie beispielsweise in engen Korridoren, etwa über Gibraltar oder Italien, oder in breiter Front nach Norden?" Dabei folgen sie wahrscheinlich einer Art Sonnenkompass, denn Labortests hatten gezeigt, dass sich die Schmetterlinge ohne Sicht auf die Sonne nicht orientieren können.

Forscher bitten um Mithilfe

Über die Generationen hinweg können die Distelfalter bis zu 15 000 Kilometer in ihrem Rundflug aus Afrika bis zum Polarkreis und wieder nach Süden zurücklegen – eine doppelt so lange Strecke, wie sie die nordamerikanischen Monarchfalter von Kanada bis Mexiko absolvieren. Wie Daten aus einem Citizen-Science-Projekt 2009 zeigten, legt allerdings kein Individuum allein eine derartige Distanz zurück, sondern es sind immer mehrere aufeinander folgende Generationen schrittweise daran beteiligt. Und erst seit wenigen Jahren wissen die Forscher, dass Distelfalter im Norden – noch – nicht überwintern: Sie ziehen sich komplett in die wärmsten Regionen Europas und nach Nordafrika zurück. Der Admiral (Vanessa atalanta), ein weiterer wandernder Schmetterling, praktiziert dies dagegen bereits und spart sich damit die lange Reise.

In den nächsten Tagen wird sich zeigen, ob nach mehreren Jahren mit nur wenigen Distelfaltern wieder ein Massenflug stattfinden wird. "Die weitere Entwicklung ist natürlich noch unsicher und hängt hier zu Lande vom Wetter in den kommenden Wochen ab. Auch ein starker Parasitenbefall könnte das Ereignis verhindern. Aber wir sind zuversichtlich, dass wir dieses Jahr deutlich mehr Distelfalter sehen als in den vergangenen Sommern", so Wiemers. Momentan wächst jedenfalls die nächste Generation heran, und die Raupen entwickeln sich bald zu den Schmetterlingen weiter. Dann sollten Naturfreunde auf die reisenden Falter achten: Sie fliegen nie in großen Schwärmen, sondern meist in einer losen Kette, die bisweilen nicht enden will. "Wir hoffen, dass dieses Ereignis von den Menschen beobachtet wird", so der Forscher. Und da es noch viel über die Wanderung der Tiere herauszufinden gibt, würde sich Martin Wiemers über zahlreiche Meldungen beim Wanderfalter-Monitoring freuen.