Erst im Nachhinein kann sich Ingo Dittmer, emeritierter Professor für Mathematik und Informatik der FH Osnabrück, so manch eine prekäre Lebenssituation erklären. Nur sehr langsam reifte bei ihm die Erkenntnis, dass andere Menschen etwas können, was er nicht kann. Ingo Dittmer erkennt keine Gesichter, obwohl er sehr gut sehen kann. Er findet Bekannte nicht wieder und weiß nicht, wer ihm gegenübersteht, wenn er angesprochen wird. Prosopagnosie – zu Deutsch: "Gesichtsblindheit" – heißt diese Krankheit, aber das erführ Dittmer erst als erwachsener Mann.

Ingo Dittmer
© Ingo Dittmer
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Als Vierjähriger lief er auf die falsche Person zu, wenn er aufgefordert wurde, jemandem die Hand zu geben. Die Erwachsenen unterstellten ihm Böswilligkeit – keiner ahnte, dass Dittmer die Person nicht erkannte. Zu Gymnasialzeiten dämmerte es ihm, dass seine Mitmenschen in Gesichtern etwas sehen. Für ihn, der noch nie ein Gesicht gesehen hatte, was das schwer fassbar. Jahrzehntelang blieb er allein mit seinen Sorgen, aus Angst für verrückt gehalten zu werden. "Einmal habe ich unvorsichtigerweise einem Arzt davon erzählt, und der wollte mich stande pede in die Psychiatrie einweisen", erzählt Dittmer. Bei der Lektüre der Briefe des Arztes und Pädagogen Janusz Korczak schließlich erfuhr er, dass auch dieser ganz ähnliche Schwierigkeiten hatte. "Endlich wusste ich: Ich bin nicht allein", sagt Dittmer. Und später entdeckte seine Frau zufällig einen medizinischen Artikel über Prosopagnosie. "Da haben wir zum ersten Mal erfahren, dass das Kind einen Namen hat".

Mund, Nase, Augen

Prosopagnosie ist kein Problem beim Sehen, sondern bei der Verarbeitung visueller Eindrücke im Gehirn, beim "Erkennen". Aber warum haben Prosopagnostiker mit Gesichtern so große Probleme, mit anderen Objekten aber sehr wenig oder gar nicht?

"Es gibt verschiedene Theorien", erklärt Isabelle Bülthoff, die sich am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik mit der Gesichtserkennung befasst. Nach einer der Theorien erkennt das Gehirn sofort, ob es sich bei dem Betrachteten um ein Gesicht handelt oder nicht. Alles was bestimmte Kriterien erfüllt – also Mund, Nase, Augen in einer bestimmten Anordnung hat – wird als Gesicht klassifiziert und in einer bestimmten Region des Gehirns, dem Gyrus fusiformis, verarbeitet. Funktioniert diese Region nicht richtig, können die Betroffenen fortan Gesichter – und eben nur Gesichter – nicht mehr erkennen. "Das Gesicht ist nur eine gleichförmige Masse für mich", versucht Dittmer seine Wahrnehmung zu beschreiben. Bei ihm ist dieser Defekt angeboren. Aber oft entsteht Gesichtsblindheit auch durch einen Unfall oder einen Schlaganfall. Und immer ist dabei der Gyrus fusiformis betroffen.

"Nach einer zweiten Theorie ist der Gyrus fusiformis nicht für die Gesichtserkennung per se, sondern für die Differenzierung sehr ähnlicher Objekte zuständig", so Bülthoff. Dafür spricht, dass viele Prosopagnostiker auch bei der Erkennung anderer Objekte Schwierigkeiten haben. Nur "leiden" sie, im wahrsten Sinne des Wortes, unter der Gesichtsblindheit viel stärker. Auch Dittmer ist unfähig, seinen Kater zu erkennen – aber das beeinträchtigt ihn im Alltag wenig. Die Gesichtserkennung nimmt eine Sonderstellung ein. Zum einen, weil sie sozial so wichtig ist, zum anderen, weil sie für das Gehirn eine ganz besondere Herausforderung darstellt. "Gesichter sind sich sehr, sehr ähnlich. Sie sind die einzige Klasse von Objekten, bei der wir auf einem solchen Expertisen-Level arbeiten müssen, um sie auseinander zuhalten", erklärt Bülthoff. Bei der Erkennung anderer Objekte fällt diese Feinunterscheidung weg. "Wir erkennen eine Orange nicht individuell", erklärt Bülthoff. "Wir erkennen nur: Dies ist eine Orange und kein Apfel".

Der peterisierte Karl

Zwischen Tausenden von Gesichtern können wir einen Bekannten ausfindig machen. Treffen wir jemanden zufällig, ist meist innerhalb von Sekunden ein Name und Lebenslauf dem Gesicht zugeordnet. Wie schafft das Gehirn diese erstaunliche Leistung? Wie unterscheiden wir Peter von Karl? Um diese Frage zu klären, mischt Bülthoff am Computer dem Bild von "Karl" zwanzig Prozent "Peter" bei. Wird er noch als Karl erkannt? Und was passiert, wenn wir Karl etwas weiblicher machen? Oder ihn etwas karikieren, seine Besonderheiten leicht hervorheben? Das Ergebnis: Kleine Veränderungen in Richtung Männlichkeit oder Weiblichkeit sind für die Identifikation eines Gesichts unerheblich. Aber schon ein kleines bisschen Peter macht Karl zu einer anderen Person.

Gesichter – und möglicherweise andere Klassen sehr ähnlicher Objekte – betrachten wir anders als Stuhl, Haus und Orange. Wir nutzen andere Kriterien, um sie auseinander zuhalten. Wir erkennen Gesichter nicht durch die Summe ihrer Einzelteile, sondern als Gesamtkonzept. Eine isolierte Nase können wir kaum einer bestimmten Person zuordnen. Aber verpasst man einem bekannten Gesicht eine neue Nase, sehen wir das sofort. Holistische Wahrnehmung nennt man das – und sie funktioniert nur in einer Orientierung. Sehen wir ein Gesicht auf dem Kopf, nehmen wir selbst gravierende Manipulationen, wie das Invertieren von Mund und Augen, kaum noch wahr – wie die so genannte "Thatcher-Illusion" mit dem verfremdeten Konterfei der britischen Premierministerin anschaulich demonstriert. Holistische Wahrnehmung ermöglicht es, kleine Unterschiede sehr viel präziser zu erkennen.

Unsinnige Krimis

Da Prosopagnostikern Gesichter nichts bedeuten, entwickeln sie oft andere Strategien, um Menschen zu identifizieren. Sie achten auf Haare, charakteristische Kleidung, Gestik, oder typischen Gang. Bill Choisser, der ein Internet-Buch über seine Prosopagnosie geschrieben hat, fand seine soziale Integration unter Männern mit langen Haaren in Jeans – die einzige Gruppe von Menschen, in der er Einzelpersonen auseinander halten konnte. Erst als erwachsener Mann kam Choisser der Ursache seines eingeschränkten Freundeskreises auf die Schliche. Das Aha-Erlebnis hatte beim Fernsehen, für das er eigentlich wenig Interesse hegte, denn die Handlungen von Filmen erschienen ihm oft unsinnig. Da spaziert zum Beispiel – aus Choissers Perspektive – das just erschossene Opfer einer Kriminalgeschichte auf einmal wieder über den Bildschirm. Es ärgerte ihn, dass von den Darstellern immer nur die Gesichter gezeigt werden und es ihm so unmöglich erschien, sie auseinander zuhalten. Bis ihm dämmerte, dass das wohl das Kriterium sein muss, an dem andere Menschen ihr Gegenüber erkennen.

Verlieren Menschen durch einen Unfall oder einen Schlaganfall die Fähigkeit, Gesichter zu erkennen, so ist ihnen zumindest bewusst, welche Fähigkeit sie eingebüßt haben. In Fällen angeborener Prosopagnosie – wie auch bei Dittmer und Choisser – rätseln die Betroffenen oft lange Jahre über die Ursache ihrer beeinträchtigten Wahrnehmung. Noch wird angeborene Prosopagnosie auch von Ärzten oft nicht erkannt oder fehldiagnostiziert. Da Prosopagnostiker ihrem Gegenüber nicht ins Gesicht schauen – sie sehen dort nichts – werden sie manchmal für Autisten gehalten.

Man sieht nur mit dem Herzen

Das wird sich hoffentlich bald ändern. Am Institut für Humangenetik der Uni Münster forschen Martina Grüter und Ingo Kennerknecht an vererbter Prosopagnosie. Sie haben einen Test entwickelt, mit dem sich Prosopagnosie eindeutig identifizieren lässt. Bis zu zwei Prozent der Bevölkerung ist laut Untersuchungen von Grüter betroffen – wobei sich aber das Ausmaß der Gesichtsblindheit stark unterscheidet.

Einmal erkannt, ist der Umgang mit Prosopagnosie einfacher. Zwar ist sie nicht heilbar, aber es lassen sich doch zumindest im engeren Bekanntenkreis Strategien entwickeln, die das Leben erleichtern. "Meinen Studenten und Freunden habe ich gesagt, sie sollen sich vorstellen", erzählt Dittmer, "und bei meiner Silberhochzeit trugen alle Anwesenden Namensschilder". Vielleicht lässt sich ein kleiner Trost auch in dem finden, was schon "Der kleine Prinz" in Antoine de Saint-Exuperys Klassiker vom Fuchs lernt: "Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar".