Vor einigen Monaten elektrisierte die Öffentlichkeit die Meldung, dass sich im Grab des altägyptischen "Kindpharaos" Tutanchamun noch zusätzliche Kammern verbergen sollen – weitere Grabschätze inklusive. Doch dann drangen kaum noch Nachrichten in der Angelegenheit nach außen. Fast schon drohte der Enthusiasmus zu verfliegen, da scheint wieder Schwung in die Sache zu kommen.

"Wir wissen nicht, ob es die Grabkammer der Nofretete oder einer anderen Frau ist, aber sie ist voller Schätze." Mit diesem Statement für die spanische Zeitung "ABC" schürte der ägyptische Tourismusminister Hischam Zaazou die Spekulationen aufs Neue, auch wenn er anschließend darauf verwies, dass endgültige Resultate erst im April vorliegen würden. Dennoch zeigte er sich sicher: "Es wird der Big Bang sein, die Entdeckung des 21. Jahrhunderts." Und er sprach in diesem Zusammenhang auch davon, dass es in dem ermittelten neuen Raum "nachweislich Steine und Metalle" gäbe. Das ist nun ein bislang noch von keiner offiziellen Stelle geäußertes Detail, und es befeuerte gleich die Fantasien: Hatte die ägyptische Altertümerverwaltung vielleicht doch schon geheime Bohrungen im Grab von Tutanchamun durchgeführt, deren Resultate Hischam Zaazou so selbstsicher auftreten ließen?

Es war aber wohl doch eher der verzweifelte Versuch des ägyptischen Tourismusministers, seinem in den Strudel des Arabischen Frühlings geratenen Land wieder zu positiven Schlagzeilen zu verhelfen. Der Fremdenverkehr leidet massiv unter der politischen Entwicklung im Land, zuletzt hatte ihm der mutmaßliche Abschuss eines russischen Ferienfliegers durch den IS einen weiteren Schlag versetzt.

Deutlich zurückhaltender gibt sich denn auch Mamdou el-Damati, der Chef der ägyptischen Altertümerbehörde. Er ist sich zwar ebenfalls vergleichsweise sicher, hinter der Rückwand von Tutanchamuns Sargraum eine unversehrte Grabkammer zu finden, hat aber bislang zu den Äußerungen seines Ministerkollegen keinerlei Kommentar abgegeben. Was el-Damati der Öffentlichkeit mitteilt, bewegt sich weitgehend im Rahmen der als gesichert betrachteten Erkenntnisse.

Zurückhaltung beim Antikenchef

Den Stein ins Rollen brachte der renommierte britische Ägyptologe Nicholas Reeves. Er veröffentlichte im August 2015 seine Entdeckung auffälliger Strukturen an zwei bemalten Felswänden in Tutanchamuns Sargkammer, die auf eine dahinterliegende Felskammer deuten würden. Und er lieferte auch gleich eine Theorie mit, wer dahinter bestattet sein könnte, nämlich Nofretete, die berühmte Frau des "Ketzerkönigs" Amenophis IV., besser bekannt als Echnaton. Fachkollegen reagierten gespalten: fast enthusiastische Begeisterung bei einigen und überwiegende Skepsis beim großen Rest. Auch der Autor dieser Zeilen hatte sich der Fraktion der Skeptiker angeschlossen, freut sich jetzt aber in Erwartung der kommenden Erkundungsergebnisse aufrichtig, dass er offensichtlich Unrecht hatte.

Inschrift an Tutanchamuns Totenmaske
© Ahmed Amin, Ägyptisches Museum Kairo
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernInschrift auf Tutanchamuns Totenmaske
War die prächtige Totenmaske eigentlich gar nicht für Tutanchamun gedacht? Anhand von Spuren rekonstruieren Forscher die Namensinschrift "Anch-chepru-Re".

Die zuständigen Stellen der ägyptischen Altertümerverwaltung überzeugte der Brite hingegen erstaunlich schnell. Binnen weniger Monate wurden Scans der Wände angefertigt, die exakt an den erwarteten Stellen Hinweise auf verborgene Kammern erbrachten. Bei der anschließenden Pressekonferenz äußerte sich el-Damati trotz spürbarem Enthusiasmus wieder betont vorsichtig: Nach anfänglichen 50 bis 60 Prozent sei es jetzt zu 90 Prozent sicher, dass es im Grab Tutanchamuns bislang unbekannte Hohlräume gäbe und somit eine Weltsensation bevorstünde.

Spuren deuten auf den ursprünglichen Besitzer
© Zeichnung: Marc Gabolde
(Ausschnitt)
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Diese vergleichsweise zurückhaltende Art, der aber dann doch entschlossene Taten folgen, unterscheidet el-Damati auf angenehme Weise von seinem bekanntesten Vorgänger, dem während seiner Amtszeit omnipräsenten Zahi Hawass. Dieser hatte sich mit medienwirksamen Auftritten und einem resoluten Eintreten für die ägyptischen Interessen in der Altertumsforschung neben vielen Bewunderern auch zahlreiche Feinde geschaffen. Am Ende wurde ihm, der sich wie ein Stehaufmännchen immer wieder in seine Position zurückbugsiert hatte, die Nähe zum gestürzten Präsidenten Hosni Mubarak zum Verhängnis: Hawass wurde politisch untragbar und musste seinen Hut nehmen. Trotzdem ist er noch gut vernetzt und steht offensichtlich schon in den Startlöchern für den Fall, dass el-Damati einen entscheidenden Fehler begeht. Doch dieser leistet bislang nach dem überwiegenden Urteil seiner Fachkollegen hervorragende Arbeit.

Zahi Hawass kritisiert Bohrungspläne

Hawass' Markenzeichen waren seine spektakulären – und oft auch umstrittenen – Fernsehauftritte. Manch einer erinnert sich noch an die angeblich live übertragene, tatsächlich aber zusammengeschnittene Untersuchung der mysteriösen "Luftschächte" in der Cheops-Pyramide. Damals hatte Hawass publikumswirksam die Vermutung geäußert, in den Schächten könnte sich der noch unentdeckte Grabschatz von Pharao Cheops verbergen, was sich bald als falsch herausstellte. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass jetzt, wo erneut die Aussicht auf unbekannte Räume in einem Pharaonengrab mit potenziellen "Schätzen" besteht, Hawass – vorsichtig formuliert – alles andere als glücklich ist, dass er dabei untätig abseitsstehen muss.

Entsprechend hat er sich an die Spitze der kleinen Gruppe gestellt, die jegliche weitere Untersuchungen, vor allem Erkundungsbohrungen, im Grab Tutanchamuns strikt ablehnt. Die Wandmalereien seien zu empfindlich dafür. Selbstredend wollen auch Reeves und el-Damati die Wandmalereien nicht in Mitleidenschaft ziehen. Doch es gibt einen Ausweg: Glücklicherweise ist die an die bemalte Sargkammer angrenzende, unbemalte "Schatzkammer" so weit in den Felsen eingetieft, dass am äußersten rechten Rand ihrer Zugangswand Bohrungen möglich wären. Sie müssten genau auf den von Reeves postulierten Gang oder Hohlraum hinter der nördlichen Sargkammerwand treffen.

Gehörte auch die Totenmaske einst Nofretete?

Laut dem ersten offiziellen Statement der ägyptischen Altertümerverwaltung seit den kryptischen Äußerungen des Tourismusministers soll an dieser Stelle mit den Erkundungen begonnen werden. Vorläufige Ergebnisse seien für Anfang April zu erwarten. Von diesen werde dann schließlich das weitere Vorgehen abhängen.

Reeves Überzeugung nach überlebte Nofretete, die als Frau von Echnaton den weiblichen Namen Anchet-chepru-Re führte, ihren Gemahl und regierte als Pharao weiter, und zwar mit dem durch den Wegfall der Femininendung -t grammatikalisch männlichen Thronnamen Anch-chepru-Re. Darauf gibt es sogar zwischenzeitlich neue Hinweise. Wie sich herausgestellt hat, wurde die auf der Mumie Tutanchamuns gefundene weltberühmte Totenmaske ursprünglich nicht für ihn, sondern eben für jenen Pharao Anch-chepru-Re Neferneferuaton, demzufolge Nofretete, gefertigt.

Bei extremem Schräglicht lassen sich die ursprüngliche Namenskartusche und die nachträglich erfolgten Abänderungen erkennen. Auch viele andere Objekte aus dem umfangreichen Grabschatz des "Kindkönigs" zeigen auf seinen Namen abgeänderte Königskartuschen. Hier geht man mittlerweile ebenfalls vom selben Vorbesitzer aus. Doch wenn sich der jung verstorbene Pharao für seine eigene Grabausstattung in großem Umfang aus den Beständen seiner mutmaßlichen Vorgängerin bedient hat, bis hin zur Totenmaske, ist dann zu erwarten, dass für Nofretete, wenn sie denn wirklich die ursprüngliche Besitzerin des Grabes war und hier noch beigesetzt ist, überhaupt noch etwas übrig geblieben ist? Bleibt zu hoffen, dass Reeves und el-Damati nach ihrer Bohrung Anfang April nicht in die Röhre gucken.