Zwischen den beiden verwandten Persönlichkeitsmerkmalen Selbstwertgefühl und Narzissmus existiert ein grundlegender Unterschied: Menschen mit einem hohen Selbstwertgefühl wissen, dass sie genauso gut sind wie andere, Narzissten halten sich meist für besser. Laien wie Experten spekulieren schon lange darüber, wie es zu dieser übersteigerten Selbstliebe kommt. Das ist keine rein akademische Frage, denn übertriebener Narzissmus ist nach Ansicht vieler Experten in westlichen Gesellschaften auf dem Vormarsch – und mit ihm auch eine höhere Neigung zu Aggression und Gewalt.

Welche Einflüsse bestimmen, wie ausgeprägt das narzisstische Persönlichkeitselement ist, ist bisher nur schlecht erforscht. Die meisten Fachleute allerdings vermuten einen entscheidenden Einfluss der elterlichen Erziehung. Ein Forscherteam um Eddie Brummelman hat jetzt in einer Studie an 565 Kindern den Effekt elterlichen Verhaltens auf deren narzisstische Anwandlungen untersucht. Sie kommen zu dem Ergebnis: Narzissmus ist erlernt – wenn Eltern ihre Kinder für außergewöhnlich halten, übernehmen Kinder selbst diese Ansicht auch.

Ausgeprägt narzisstische Personen fühlen sich anderen Menschen überlegen, beanspruchen besondere Privilegien und reagieren aggressiv auf Kritik. Oft sind sie schlecht darin, zwischenmenschliche Beziehungen zu führen, und ihr Risiko, psychisch zu erkranken, liegt höher als der Durchschnitt. Dabei verstehen viele Fachleute Narzissmus erst einmal als natürliches Element der Persönlichkeit. Demnach hat die Selbstliebe auch positive Funktionen – bis sie ein bestimmtes Maß übersteigt.

Und dazu trägt anscheinend eine unrealistisch positive Sicht der Eltern auf ihre Kinder ihren Teil bei. Brummelman und sein Team verglichen in ihrer Studie die zwei konträren Hauptthesen zum Ursprung narzisstischer Anwandlungen. Zum einen die einst von Theodore Millon und Roger Davis vertretene These, Narzissmus sei der lebenslange Versuch, mangelnde elterliche Wärme auszugleichen; zum anderen die Idee, dass Narzissmus quasi antrainiert sei: Kinder übernähmen elterliche Überbewertungen ihrer Person. Zusätzlich analysierten sie den Einfluss elterlicher Zuneigung auf das Selbstwertgefühl.

Narzisst
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Die niederländischen Forscher untersuchten dafür über zwei Jahre hinweg in vier halbjährlichen Untersuchungen, wie bei den Kindern zwischen 7 und 11 Jahren Selbstbild und elterliches Verhalten korrelierten. Dabei stellte sich heraus, dass elterliche Überbewertung – gemessen anhand von Fragebögen mit Aussagen wie "Ich halte mein Kind für etwas ganz Besonderes" – beim Kind einen höheren Narzissmus-Score bei der nächsten Untersuchung hervorrief. Andersherum galt das nicht. Auf diese Weise versuchen die Forscher Ursache und Wirkung zu unterscheiden.

Bemerkenswerterweise erhöhte dieses übertriebene elterliche Bild der kindlichen Fähigkeiten nicht das Selbstwertgefühl, sondern eher die Angst, dem Anspruch nicht zu genügen. Stattdessen erwies sich Zuneigung, die nicht an besondere Fähigkeiten oder Eigenschaften gekoppelt ist, als wichtigster Indikator für kindliches Selbstwertgefühl.

Auf den ersten Blick scheinen die Ergebnisse eindeutig, doch Brummelman und seine Kollegen warnen vor übereilten Schlüssen – es könne zum Beispiel sein, dass die Neigung zu mehr Narzissmus teilweise erblich sei und dass elterlicher Narzissmus die überdurchschnittliche Einschätzung des Nachwuchses bedinge. Allerdings, merken sie an, kann man ihre Ergebnisse auch so interpretieren, dass das Narzissmus-Problem hausgemacht ist: "Beim Versuch, ihr Selbstwertgefühl zu stärken, überhäufen Eltern ihre Kinder oft instinktiv mit Lob und sagen ihnen, wie einzigartig und besonders sie sind", schreiben die Forscher.