In der Nacht von Samstag auf Sonntag ist es mal wieder so weit: Um exakt drei Uhr mitten in der Nacht werden die Uhren um eine Stunde zurückgestellt – als Ausgleich für die Stunde, die uns Ende März geklaut wurde. Viele Menschen stehen der Zeitumstellung mit gemischten Gefühlen gegenüber: Während man sich natürlich vor allem im Herbst darüber freut, guten Gewissens ein wenig länger schlafen zu können, nervt das ewige Vor- und Zurückstellen sämtlicher Uhren im Haushalt natürlich schon ein wenig. Vor allem aber klagen viele Menschen besonders im Frühjahr über eine Art Minijetlag, wenn ihnen eine Stunde vom Tag genommen wird. Gerät unser innerer Taktgeber hier also tatsächlich aus dem Konzept?

Der englische Name der Sommerzeit, "daylight saving time", verrät, warum Politiker einst ihre Einführung beschlossen: um die Zeitspanne mit Tageslicht tagsüber zu verlängern und so letztlich Energie einzusparen. In Deutschland gilt sie durchgängig seit 1980, nachdem sie seit dem Ersten Weltkrieg immer mal wieder an- oder abgeschafft wurde. 1996 vereinheitlichte die Europäische Union die Sommerzeit, so dass inzwischen alle ihre Mitglieder die Uhren am letzten Sonntag im März eine Stunde vorstellen und die verlorene Zeit am letzten Sonntag im Oktober wieder einholen. Insgesamt versuchen inzwischen rund 70 Staaten auf der Welt, ihre Energiebilanz durch Uhrenumstellung zu verbessern, teilweise allerdings mit unterschiedlichen Regelungen im Detail.

Schlimmer im Frühjahr

"Die Umstellung im Herbst hat für die meisten Menschen kaum negative Auswirkungen", erklärt Charlotte Förster vom Biozentrum der Universität Würzburg. Die Forscherin befasst sich auf molekularer und neurobiologischer Ebene mit der inneren Uhr, schwerpunktmäßig bei der Taufliege (Drosophila melanogaster) und aktuell auch bei anderen Insekten. Dass wir von der Umstellung von Sommer- auf Winterzeit weniger bemerken, läge vor allem daran, dass die innere Uhr vieler Menschen ohnehin ein wenig hinterherhinke. Eine Extrastunde hat dann wenig Auswirkung. "Im Frühjahr sieht es dagegen schlechter aus", sagt Förster. Sie verweist dabei auf eine Untersuchung von Forschern um Till Roenneberg vom Institut für Medizinische Psychologie der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Der Chronobiologe untersuchte gemeinsam mit drei Kollegen den Einfluss der Zeitumstellung zunächst in einer großen statistischen Analyse mit den Daten von rund 55 000 Menschen. Anschließend beobachtete er den Schlaf-wach-Rhythmus und das tägliche Verhalten von 50 Versuchspersonen jeweils vier Wochen vor und nach dem Wechsel von Winter- zu Sommerzeit und umgekehrt. Dabei stellte Roenneberg fest, dass es für unsere innere Uhr eigentlich recht unbedeutend ist, ob die Armbanduhr gerade sieben oder acht Uhr in der Früh anzeigt. Unser biologischer Taktgeber orientiert sich nämlich nicht an der Uhrzeit, sondern an der Dämmerung – und korrigiert dementsprechend immer ein wenig mit.

Schlaff o’clock
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Wenn der Biorhythmus am Morgen nur schleppend in Gang kommt, läuft die innere Uhr wohl langsamer als die an der Bürowand.

"Im Frühjahr verschiebt sich die Morgendämmerung ganz langsam nach vorne, so dass man kurz vor der Zeitumstellung morgens schon ein wenig davon zu Gesicht bekommt", so Förster. "Stellt man die Uhr dann eine Stunde nach vorne, steht man schlagartig wieder im Dunkeln auf." Das würde dazu führen, dass viele Menschen der Zeit lange hinterherhinken. Das Problem löst sich oft erst auf, wenn es morgens auch nach Sommerzeit wieder heller wird.

In Roennebergs Studie äußerte sich dieser Effekt dadurch, dass die meisten Probanden während der Sommerzeit an freien Tagen einfach beim alten Rhythmus blieben – an Arbeitstagen hingegen mussten sie ihre Aktivitäten zwangsweise eine Stunde nach vorne oder nach hinten verlegen. Besonders stark waren späte Chronotypen betroffen, die Forscher auch "Eulen" tauften, weil sie morgens lieber lange im Bett bleiben.

Gesundheitliche Folgen unklar

Ob das auf lange Sicht auch die Gesundheit beeinträchtigt, konnten die Forscher nicht beurteilen. "Das ist wirklich schwer zu sagen", meint auch Charlotte Förster. "Ich vermute aber eher nicht." Andere Studien deuten inzwischen darauf hin, dass sich in den ersten Tagen nach der Zeitumstellung das Herzinfarktrisiko erhöhen könnte, vor allem bei Menschen, die ohnehin schon vorbelastet sind oder Herzmedikamente nehmen. Die Forscher führen diesen Effekt auch auf den leichten Schlafmangel zurück, den die verkürzte Nacht zu Beginn der Sommerzeit mit sich bringt.

Auch auf unsere Denkleistung und unsere Konzentrationsfähigkeit wirkt sich die Zeitumstellung möglicherweise negativ aus. So entdeckten etwa Forscher um David Wagner von der Singapore Management University, dass Arbeitnehmer kurz nach der Uhrenumstellung im Frühjahr vermehrt zu "Cyberloafing" neigen, also im Büro öfter Internetspaziergänge machen, die nichts mit der eigentlichen Arbeit zu tun haben. Und John Gaski von der University of Notre Dame und seine Kollegen beobachteten sogar: US-amerikanische Schüler aus Regionen, die ebenfalls regelmäßig zur Sommerzeit wechseln, schneiden schlechter in den SATs ab! Die SATs sind ein standardisierter amerikanischer Test, der am Ende der Highschool unter anderem bei der Studienplatzvergabe eine Rolle spielt; die Zeitumstellung ist innerhalb der USA unterschiedlich geregelt. Die Autoren lassen sich daher in ihrer Studie sogar zu dem Satz hinreißen: "Überspitzt ausgedrückt scheint die Sommerzeit Hirnschäden zu verursachen."

Widersprüchliche Ergebnisse

Oft bleiben derartige Erkenntnisse jedoch ungesichert. Während manche Untersuchungen schädliche Auswirkungen zeigen, belegen andere zum Teil sogar den entgegengesetzten Effekt. So widmen sich etwa zahlreiche Studien der Frage, ob der Wechsel von Winter- auf Sommerzeit zu mehr Verkehrsunfällen führt – oder zumindest zu Unfällen mit schwereren Verletzungen. Einige Forscher deckten tatsächlich verheerende Zustände auf, andere konnten diesen Trend nicht bestätigen. Arthur Huang und David Levinson von der University of Minnesota kamen sogar zu dem Schluss, dass die "daylight saving time" die Zahl der Verkehrsunfälle zumindest in Minnesota noch reduziert, weil Autofahrer dank mehr Tageslicht eben auch bessere Sicht haben.

"Die Zeitumstellung bringt eigentlich nur Nachteile mit sich" (Charlotte Förster)

Sogar das Hauptargument für die Einführung der Sommerzeit ist nach wie vor umstritten. Während nämlich manche Untersuchungen zeigen, dass sich durch die Zeitumstellung tatsächlich Energie sparen lässt, weil in den Abendstunden weniger Elektrizität für Licht gebraucht wird, weisen andere darauf hin, dass dieser Effekt an anderen Stellen wieder aufgefressen wird, etwa durch länger laufende Klimaanlagen oder vermehrtes Heizen in den Morgenstunden. Für Deutschland stellte das Umweltbundesamt 2009 in einer Mitteilung fest: "Durch das Vor- und Zurückstellen der Uhren sparen wir keine Energie: Zwar knipsen die Bürgerinnen und Bürger im Sommer abends weniger häufig das Licht an, allerdings heizen sie im Frühjahr und im Herbst in den Morgenstunden auch mehr – das hebt sich gegenseitig auf."

Charlotte Förster plädiert daher für die Abschaffung der Sommerzeit: "Die Zeitumstellung bringt eigentlich nur Nachteile mit sich." Aber für welches Modell sollte man sich im Zweifelsfall entscheiden? Im besten Fall für eine viel feinere Abstufung, meint die Forscherin. Im Osten Deutschlands könnte man sich eher an der Sommerzeit orientieren, im Westen an der Winterzeit. "Das wäre gut für den Organismus – sonst aber eher unpraktisch!" So sieht das wohl auch die Bundesregierung, welche das Festhalten an der Zeitumstellung bereits 2005 mit der EU-weiten Einheitlichkeit und der Bedeutung für den Binnenmarkt begründete. Deutschland dürfe nicht zu einer Zeitinsel werden. Dementsprechend wird die Sommerzeit wohl noch eine Zeit lang bleiben – bis sich alle Staaten vielleicht einmal gemeinsam auf die Abschaffung einigen.