"Als ich ein Kind war, habe ich mit einem Nachbarsjungen gespielt. Er fiel dann plötzlich hin, seine Arme und Beine zuckten, die Augen waren weit aufgerissen. Und dann wurde er ohnmächtig. Ich war so erschrocken, dass ich nach Hause gerannt bin." William Matuja erinnert sich noch genau daran, als er das erste Mal solch einen Krampfanfall sah. Auch wenn das nun schon mehr ein halbes Jahrhundert her ist. Seine Mutter habe daraufhin zu ihm gesagt: Sie glaube, der Junge sei wohl verhext. "Aber als ich dann später angefangen habe, Medizin zu studieren, da habe ich gemerkt: Der Junge war nicht verhext, sondern sein Gehirn war krank. Er hatte Epilepsie!"

Zu jener Zeit war der Nachbarsjunge aber schon längst gestorben – an einem Krampfanfall. Und William Matuja wurde schließlich Neurologe. Nach dem Medizinstudium in Tansania ging er für die Facharztausbildung nach Großbritannien; 1983 kam er zurück in sein ostafrikanisches Heimatland: "In Tansania war ich dann rund 20 Jahre lang der einzige Neurologe, abgesehen von einem Kollegen aus dem Ausland, der auch hier gearbeitet hat." Dabei hat das Land knapp zwei Drittel so viele Einwohner wie Deutschland. Und dabei ist Epilepsie in Tansania weiter verbreitet als in Deutschland.

Vier von fünf Epileptikern leben in Entwicklungsländern

Die Weltgesundheitsorganisation schätzt: Weltweit leben etwa 50 Millionen Menschen mit Epilepsie; 40 Millionen von ihnen in Entwicklungsländern wie eben Tansania. Und ausgerechnet in solchen Ländern wird fast niemand behandelt. William Matuja wundert das nicht.

Viele Menschen glauben, wer solche Anfälle hat, der sei verflucht, vom Teufel besessen [1] oder habe sich mit etwas angesteckt. Dass Epilepsie eine neurologische Erkrankung ist und mit Medikamenten behandelt werden kann, würde nicht jeder glauben. Außerdem ist die Neurologie in Afrika kaum als medizinisches Fachgebiet etabliert; Epilepsie und Co. werden mit psychologischen und psychiatrischen Störungen zu den so genannten Mentalen Erkrankungen zusammengefasst. Und dann fehlt auch das Fachpersonal, sagt Matuja. Selbst heute noch könne er die Neurologen in Tansania an einer Hand abzählen. Zumal er selbst, der jahrelang am Muhimbili-Universitätskrankenhaus in Daressalam Epilepsiepatienten behandelt hat, sich so langsam in die Rente verabschiedet.

"Er fiel ständig hin, wurde steif und machte komische Geräusche"

Zwei Stunden Autofahrt von William Matujas Krankenhausbüro entfernt sitzt Richard in seiner Lehmhütte. In dem kleinen Raum stehen zwei Sessel; an der Wand hängt ein Bild von Jesus. In den zweiten Raum der Hütte passt gerade mal ein Bett. Richard ist Anfang 50. Mit etwa zehn Jahren bekam er Epilepsie. Richard kann nicht mehr so gut sprechen. Also hilft ihm sein Onkel Evarist, bei dem er seit Jahren lebt. "Er fiel ständig hin, wurde steif und machte komische Geräusche. Er brach zusammen, verlor das Bewusstsein und fiel in einen tiefen Schlaf." Solche Anfälle hatte Richard als Kind dreimal am Tag, manchmal noch öfter.

Schweinefinnenbandwürmer bringen den "kleinen Tod"

Die Familie ging zu einem traditionellen Heiler, aber der konnte nicht helfen und schickte sie in ein Krankenhaus. Dort fiel dann das Wort "kifafa": Das ist Suaheli und bedeutet so viel wie "kleiner Tod" – es ist eine Umschreibung für die Diagnose Epilepsie. Richard bekam Medikamente. Auch heute noch nimmt er täglich eine Tablette. "Im Moment hat Richard nur alle zwei, drei Monate einen Anfall, und der ist nicht unbedingt heftig", erzählt der Onkel. Richard falle auch nicht mehr auf den Boden wie früher. "Es reicht, ihn auf einen Stuhl zu setzen und seine Hand zu halten." Trotzdem hat Richard nie die Schule beendet. Er hat nie gearbeitet. Nie eine eigene Familie gegründet. Er ist auf seinen Onkel angewiesen.

Warum Richard Epileptiker geworden ist, das weiß niemand. So genau wurde er nie untersucht. Ursache für eine Epilepsie können Hirnschäden sein, die bei der Geburt entstehen oder bei einem Unfall. Auch eine Infektion mit Masern oder Meningokokken kann zu Epilepsie führen. In Entwicklungsländern entsteht eine Epilepsie aber oft aus einem anderen Grund: weil Menschen vom Schweinebandwurm befallen werden.

Epilepsie in Tansania
© Franziska Badenschier
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Das passiert, wenn man rohes oder nicht richtig durchgebratenes Schweine- oder auch Rindfleisch isst, das mit den Larven des Schweinefinnenbandwurms (Taenia solium) infiziert ist. Aus diesen Finnen entwickelt sich dann im Darm des Menschen der Bandwurm. Fortlaufend werden neue Eier ausgeschieden, und wenn ein Schwein die Exkremente frisst, nimmt es auch die Wurmeier auf. Die daraus schlüpfenden Larven sammeln sich dann in der Muskulatur des Tiers – so schließt sich der Kreislauf. Es kommt auch vor, dass die Larven sich nicht im Schwein verkapseln, sondern im Menschen – und das ausgerechnet vor allem im Gehirn. So könne sich dann eine klassische, lokal ausgelöste Epilepsie herausbilden, sagt Andrea Winkler, Leiterin einer Forschungsgruppe zu globaler Neurologie an der Technischen Universität München.

Vor einer ganzen Weile hat die Neurologin zwei Jahre lang im Norden von Tansania gearbeitet. In dem Krankenhaus vor Ort hat sie eigens eine Epilepsie-Klinik eingerichtet. Dort gab es auch einen Computertomografen, der sogar funktioniert hat, erzählt Winkler. Also legte die deutsche Neurologin ihre Epilepsiepatienten in den Hirnscanner und prüfte dann, ob die Patienten im Gehirn Larven des Schweinebandwurms hatten und ob diese Parasiten dort Blasen gebildet hatten, so genannte Zysten. Das Ergebnis [2]: "20 Prozent meiner damals betreuten Epilepsiepatienten hatten entweder die Zysten selbst im Gehirn oder ältere Zysten, die sich schon verkapselt hatten." 35 von 212 untersuchten Epilepsiepatienten hatten solch eine Neurozystizerkose. Dabei sei der Schweinebandwurm bei den Schweinen und Menschen in der dortigen Region nicht einmal sonderlich weit verbreitet gewesen, sagt Winkler. "Ganz anders in Sambia."

In dem Land weiter südlich in Afrika war Winkler in einer Gegend, wo ganze Schweinepopulationen mit dem Bandwurm verseucht waren. 60 Epilepsiepatienten hat sie mit Hirnscans untersucht: "Jeder zweite hatten Larven des Schweinebandwurms im Gehirn. 50 Prozent – das ist unglaublich viel."

Immerhin ließen sich derart entstandene Epilepsien behandeln, sagt Andrea Winkler. Wer Epilepsie hat, weil zum Beispiel bei der Geburt etwas schiefgegangen ist, der muss mitunter sein Leben lang Antiepileptika nehmen – der Hirnschaden sei nicht zu heilen, also auch nicht der Herd für die epileptischen Anfälle. Wer aber wegen Neurozystizerkose epileptische Anfälle bekomme, der müsse zunächst den Schweinebandwurm und die Zysten loswerden – mit Wurmmitteln, abschwellenden Medikamenten, gegebenenfalls auch mit Bestrahlung. "Oft heilt die Neurozystizerkose dann ohne Folgeschäden ab – und der Patient wäre anfallsfrei", sagt Andrea Winkler.

Der Schweinefinnenbandwurm
© Stefano delle Chiaje, 1823 / public domain
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Damit all das gar nicht erst nötig wird, sollten sich seine Landsleute besser vor dem Schweinebandwurm und damit vor Epilepsie schützen, sagt William Matuja, jener Mann, der lange Jahre der einzige Neurologe in Tansania war. Ein paar Vorsichtsmaßnahmen würden schon reichen: "Haltet Schweine in abgegrenzten Gebieten! Lasst sie nicht herumstreunen! Benutzt richtige Latrinen! Wascht euch die Hände vor dem Essen!" Das Prinzip hinter diesen Ratschlägen ist: Der Kreislauf des Parasiten soll unterbrochen werden. Die Menschen sollen kein verseuchtes Schweinefleisch mehr essen, und die Schweine sollen nicht mehr durch die Exkremente der Menschen laufen und davon fressen. Doch dann schüttelt der Mann hinter dem Schreibtisch voller Bücher, Patientenakten und Fachartikel den Kopf: "Das klingt logisch, aber manchmal muss man die Leute echt überzeugen." Dass sich die Überzeugungsarbeit aber lohne, hat William Matuja bereits beobachtet.

Vorbeugen hilft – doch das nächste Problem lauert schon

In einem Distrikt von Tansania hatte er mit Kollegen den Einheimischen immer wieder erklärt, wie sie sich vor dem Parasiten schützen können. Zehn Jahre später zeigte sich, dass die Menschen tatsächlicher weniger Zysten vom Schweinebandwurm im Gehirn hatten: "Anfangs hatten 14 Prozent der Menschen mit Epilepsie diese Neurozystizerkose, dann waren es acht Prozent. Die Zahl ist zwar nicht auf null Prozent runtergegangen, aber immerhin auf acht Prozent. Das ist doch was." Solche Präventionskampagnen gab und gibt es aber nicht in ganz Tansania, geschweige denn in ganz Afrika oder allen Entwicklungsländern.

Dies ist der zweite Teil unserer Serie über vernachlässigte Gesundheitsprobleme in Entwicklungsländern, die wir in den nächsten Wochen auf "Spektrum.de" fortsetzen.

Zumal noch ein neues Problem auftaucht, wie die deutsche Neurologin Andrea Winkler warnt: "In Entwicklungsländern essen die Menschen immer mehr Fleisch." Gerade in den urbanen Zentren, wo es den Menschen besser gehe, könnten sich immer mehr Menschen Fleisch leisten. Oft ist das dann auch Schweinefleisch – und zwar von Tieren, die in ländlichen Gebieten gehalten und vom Bandwurm befallen wurden. So könnten sich wohl noch mehr Menschen mit dem Schweinebandwurm infizieren als bislang und somit noch mehr Menschen Epilepsie bekommen. Aber wer denkt schon daran, wenn er oder sie am Straßenrand oder im Supermarkt von Daressalam Fleisch kauft? In einem Land, in dem es keine fünf Neurologen gibt und keine fünf Computertomografen, um epileptischen Fällen auf den Grund zu gehen.